Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Christina Tuor-Kurth

Abraham: Vater aller Glaubenden?

Neuere Zugänge zur Frage der Abstammung der Christusgläubigen bei Paulus

    Dr. Christina Tuor-Kurth ist Titularprofessorin für Neues Testament an der Theologischen Fakultät Basel. Daneben leitet sie das Projekt Regulakirche in der Evangelischen Kirchgemeinde Chur und unterrichtet am Gymnasium Kloster Disentis. Sie ist Vorstandsmitglied der christlich-jüdischen Arbeitsgemeinschaft der Schweiz.


1. Abstammung und Herrschaftslegitimation im Imperium Romanum

Publius Vergilius Maro, einer der wichtigsten Dichter der augusteischen epoche, hat in seinem Epos Aeneis "den Untergang Trojas mit dem Aufstieg Roms verknüpft". [1] Er erzählt, wie sich die Prophezeiung aus der Ilias erfüllte, wonach der homerische Held Aineias „bestimmt ist“, dem Untergang Trojas „zu entkommen, auf dass nicht ohne Samen (áspermos) das Geschlecht des Dardanos und spurlos vergehe“ (Il, 20, 302). Vergils Held Aeneas, Sohn eines sterblichen Vaters und der Göttin Venus, wird bei ihm zum Inbegriff der Kardinaltugenden, der pietas erga deos und pietas erga propinquos. Er rettet den Vater, Anchises, samt den heiligen Geräten der Penaten, dem Kult der Ahnen, aus dem brennenden Troja und legt einige Zeit nachher den Grund für das spätere römische Imperium seiner Nachfahren. Aeneas wird zum Stammvater des julischen Hauses, zu dem auch Romulus, der Gründer der Stadt Rom, zählt (1,260-289). Auf diese Weise „machte (Vergil) das Imperium zum Erben Griechenlands und bewies aus Mythos und römischer Eigenart den Anspruch Roms, Herrin der Welt zu sein“, [2] schreibt Werner Dahlheim in seiner Augustus-Biographie.

Den Anspruch Roms auf Weltherrschaft inszenierte nach Vergils Tod Kaiser Octavian Augustus, Adoptivsohn Julius Caesars, als er im Jahre 17 v. Chr. den von Vergil angesagten Anbruch des Goldenen Zeitalters (Aen. 6,790ff.) in der Saecularfeier beging. „Mit der Ara Pacis Augustae, der 9 v. Chr. dem siegreich aus Gallien heimgekehrten Octavian geweihten Altaranlage, hat sich die Gegenwart als Heilszeit auch monumental etabliert“[3]. Trotz neuerlicher Skepsis wird die Darstellung auf der rechten Seite der Eingangstür zum Tempel mehrheitlich so gedeutet, dass sich hier die beiden entscheidenden Gründer Roms gegenüberstehen, beide in frommer Vorbereitung zur Opferhandlung: Rechts der bärtige Aeneas mit Toga, links Augustus, mit Lorbeer bekränzt, eine kleine Kanne in der Hand haltend und hinter ihm Caesar, die beide in den Kreis der Götter aufgenommen werden.[4] Die Abstammungslinie vom göttlichen Aeneas zur Julisch-Claudischen Dynastie legitimierte deren Herrschaft.


Das Interesse an Vergil ist neuerdings in der neutestamentlichen Wissenschaft wiedererwacht. Nun gilt er neben Horaz und anderen Dichtern, Monumenten und auch Münzen augusteischer Zeit als Quelle römischer Imperiumsideologie – speziell einer römischen „realisierten Eschatologie“,[5] vor deren Hintergrund nicht zuletzt der Römerbrief als ein antiimperialer Gegenentwurf gedeutet wird. Wichtige paulinische Stichworte wie „Retter/Erlöser“, „Gerechtigkeit“, „Glaube/Treue“ u.a. wurden schon in einem grundlegenden Aufsatz von Dieter Georgi als gleichsam subversive Instrumentalisierung römischer Imperiumsterminologie interpretiert. Georgi fragte, ob die Genealogie Jesu Christi in Röm 1,3-4:

3 das Evangelium von seinem sohn, der nach dem Fleisch aus dem Samen Davids stammt, 4 nach dem Geist der Heiligkeit aber eingesetzt ist als Sohn Gottes in Macht, seit der Auferstehung von den Toten ...


auf diesem Hintergrund als eine „Alternative zur sozialen Utopie des Caesarismus“[6] zu lesen sei. Seine Überlegungen hat er später auf die Caesarenreligion insgesamt übertragen. Er sieht zwischen der Verehrung des Aeneas und der paulinischen Präsentation von Abraham eine bewusst hergestellte Intertextualität, von der er annimmt, dass sie den Leserinnen und Lesern paulinischer Zeit zugänglich und also decodierbar war.[7] Diesen Interpretationsansatz haben andere weitergeführt.[8]


 

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[1] Werner Dahlheim, Augustus: Aufrührer, Herrscher, Heiland, München 2010, 267. Vgl. zum folgenden auch Ekkehard W. Stegemann, Zur „apokalyptischen“ Konstruktion einer kollektiven Identität bei Paulus, in: Christina Tuor und Peter Wick (Hg.), Ekkehard W. Stegemann. Der Römerbrief: Brennpunkte der Rezeption, Zürich 2012, 89–120. 102ff.

[2] Dahlheim, Augustus, 267.

[3] E. Stegemann, Zur „apokalyptischen“ Konstruktion, 103.

[4] Damit ist eine Abstammungslinie von dem göttlichen Aeneas zur Julisch-Claudischen Dynastie der Römischen Herrscher hergestellt, die deren Machtanspruch legitimierte. „Herrschen heißt, die Macht eines Gottes besitzen“, so die entsprechende Überschrift bei Dahlheim, Augustus, 180.

[5] Ekkehard W. Stegemann, Apokalyptik und Universalgeschichte im antiken Herrschaftsdiskurs, in: Der Römerbrief, 216–236. 234.

[6] Vgl. Dieter Georgi, God Turned Upside Down, in: Richard A. Horsley (Hg.), Paul and Empire. Religion and Power in Roman Society, Harrisburg 1997, 148–157. 151.

[7] Dieter Georgi, Aeneas und Abraham. Paulus unter dem Aspekt der Latinität?, ZNT 10 (2002), 37-43. 37.

[8] S. dazu insb. Ekkehard W. Stegemann, Coexistence and Transformation: Reading the Politics of Identity in Romans in an Imperial Context, in: Der Römerbrief, 243-266. 

 

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