Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Edna Brocke

Auch Aneignung ist Ablehnung

Eine jüdische Stimme zum christlichen Diskurs über das „Alte Testament“

Der gegenwärtig geführte Diskurs über die These des Berliner Dogmatikers Notger Slenczka, dass das sogenannte Alte Testament keine kanonische Geltung in einer christlichen Bibel haben und in die „Apokryphen“ versetzt werden sollte, wird vor allem innerchristlich, wenn nicht gar vor allem innerprotestantisch geführt.[1] Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass die Reformation zurückkehrte zur hebraica veritas, also zum TaNaCh, wie der jüdische Bibelkanon in der Abkürzung aus dem jeweiligen Anfangsbuchstaben der hebräischen Begriffe seiner drei Teile (Torah/ Newiim / Ketuwim) heißt. Freilich war es nur der Umfang, also der aus 39 Schriften bestehende Inhalt des TaNaCh, nicht die kompositorische Anordnung der Bücher, dem die Reformation folgte. Der sogenannte Septuagintakanon des christlichen Altertums wurde zum Aufbauprinzip genommen, so dass zum Beispiel an die Stelle der Ketuwim/Schriften, mit denen der jüdische Kanon schließt, die großen Schriftpropheten aus dem zweiten Teil des TaNaCh gesetzt wurden. Die Ketuwim wurden mehr oder weniger aufgelöst, zumal das Buch Daniel aus diesem Teil des jüdischen Kanons herausgelöst und zu den Propheten hinzugefügt wurde. Diese offensichtliche kanontheologische Absicht könnte man als Überschreibung des TaNaCh durch eine christianisierte Heilsgeschichte kennzeichnen.[2] 

 

Diese Hinwendung zur hebraica veritas stellte aber die reformatorische exegetische Gelehrsamkeit insgesamt vor die Notwendigkeit, sich mit jüdischen Auslegungen des TaNaCh auseinander zu setzen.

 

Diese widersprachen – mit guten Gründen und nicht zuletzt in philologischer Art – der traditionellen christlichen Aneignung mancher Bibelstellen, zumal deren christologischer Deutung, was zuweilen nicht selten mit offenen antijüdischen Ausfällen geschah – nicht nur, aber nicht zuletzt bei Luther. [3] 


Slenczka knüpft mit seiner These ausdrücklich an die bekannte Position von Adolf von Harnack, aber auch an die von Friedrich Schleiermacher an. Die Ahnenreihe ließe sich noch weiter nach hinten in die protestantische Theologiegeschichte verlängern. Insbesondere mit dem Einzug der historischen Aufklärung in die protestantische akademische Theologie wurde öfter Unbehagen an der kanonischen Geltung des christlich sogenannten Alten Testaments geäußert. Nicht selten spielte dabei auch ein Urteil über das Alte Testament eine Rolle, das es als Dokument einer partikularen Sicht, eben des Judentums, deutet, welche mit dem universalen christlich-religiösen Anspruch nicht kompatibel sei. Auch Slenczka argumentiert ähnlich, was ihm zuweilen den Vorwurf antijudaistischer Positionierung eingebracht hat.


Aber selbstverständlich wird auch in dem gegenwärtigen Diskurs am häufigsten Markion als der Erzvater der Verbannung der sogenannten jüdischen ‚heiligen Schriften‘ aus dem Kanon der christlichen Bibel genannt. Dies belegt man oft mit dem Stichwort „Verwerfung“. Darüber sollte man aber nicht vergessen, dass – wie es Erich Zenger ausgedrückt hat – Christen und Kirchen immer „ein ambivalentes Verhältnis zu ihrem Alten Testament“ hatten und haben, nämlich eines, „das zwischen Verwerfung und Vereinnahmung hin- und her schlägt“.[4]

 

 

Diese andere Seite der Ambivalenz, also die der „Vereinnahmung“, bringt auch Slenczka in seinen Antworten gegen Vorwürfe des Antijudaismus zur Geltung. Und in der Tat ist aus meiner Sicht als jüdische Beobachterin des Diskurses die christliche „Aneignung“ des TaNaCh, ja geradezu die Enteignung der Juden eine der schwierigsten und problematischsten Seiten christlicher Übernahme der jüdischen Bibel.


Der Umgang mit den sogenannten ‚jüdischen heiligen Schriften‘ war selbstverständlich nur solange ein innerjüdischer Diskurs, solange es eine jüdisch-messi-anische Jesusbewegung gab, die ihre Überzeugungen und Erfahrungen mit einer speziellen Deutung von Schriften des TaNaCh verbunden, mit dem praktischen jüdischen Lebensweg  und -vollzug sowie auch mit der Autorität der Schriften gerechtfertigt hat. Es spiegelt sich  wohl diese Referenznahme in Schriften des später sogenannten Neuen Testaments, das aber eben als solches und als Teil eines christlichen Doppelkanons noch nicht existierte.


Erst mit der Entstehung einer eigenständigen, von Juden und Heidenvölker sich unterscheidenden christlichen Identität und einer mehrheitlichen Zusammensetzung der Kirchen aus Christen nichtjüdischer Herkunft wird eine Außenperspektive auf das Judentum eingenommen.


Sie stößt, wie im Fall Markions, die jüdische Bibel ab oder entwickelt einen Doppelkanon, indem sie mit der Aneignung und Christianisierung der jüdischen Bibel zugleich das jüdische Volk abstößt und durch die Kirche als das „wahre Israel“ ersetzt.


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Die bei Christen „Altes“ Testament genannte Sammlung von Texten hat im jüdischen Kontext verschiedene, zumal sehr unterschiedliche Namen und Bezeichnungen. Die bekannteste und häufigste unter ihnen ist die oben genannte TaNaCh – ein Art Akronym, das die drei Teile dieser Sammlung umfasst: Torah (T), Newi‘im (N) und Khetuwim (Kh oder Ch, weil wie bei Bach ausgesprochen) jeweils mit Vokalen versehen: TaNaCh.

 

 

Ein anderer geläufiger Name lautet Miqra = das Gelesene, weil der größte Teil dieser Textsammlung im wöchentlichen Rhythmus in Synagogen, Bethäusern und Lernorten gelesen wurde und heute noch gelesen wird, zumal diese Textsammlung die Grundlage für die Bestimmung der rechtlichen Rahmenbedingungen für jüdische Lebenswelten in allen Zeiten bildet.


Sefer ha-Sefarim = das Buch der Bücher ist ebenfalls eine vielfach verwendete und sehr beliebte Bezeichnung. Weil dieses das wichtigste Buch für das jüdische Volk ist, bekam es diesen zusätzlichen Namen.


In strenger religiösen Kreisen ist die Bezeichnung die der „24 Bücher“ eine weitere beliebte Bezeichnung. Diese Bezeichnung verweist darauf, dass der TaNaCh, den wir seit vielen Jahrhunderten in diesem Umfang kennen, zum einen das Ergebnis einer langjährigen Sammlung darstellt, nämlich eines Prozesses, der rund ein Jahrtausend umfasste, zum anderen aber nach dem vielschichtigen Kanonisierungsprozess schlussendlich 24 Bücher umfasst. Da einige Bücher, wie etwa das sogenannte Zwölfprophetenbuch (תרי עשר    ), als ein Buch gezählt werden, ergibt sich die Differenz in den Zahlen zu dem oben erwähnten Umfang von 39 Büchern der Hebräischen Bibel in christlicher Überlieferung.


Allein der Verweis auf den langen Prozess der Entstehung dieses Kanons von 24 Büchern ruft in Erinnerung, dass es zuvor - also zu einem anderen Zeitpunkt in der jüdischen Geschichte, als die Sammlung 39 Bücher umfasst hat – einen Kanonisierungsprozess gab, der Klarheit schuf und einige von ihnen als „Apokryphe“ aussonderte.


Als letzter Begriff soll hier der eingeführte Beiname „Buch des Heiligen“ erwähnt werden, da Juden zum einen gehalten sind, dieser Buchsammlung Ehre zu erweisen, jedoch zum anderen kein Wort oder gar Buchstaben im TaNaCh ändern dürfen.


Die Vielzahl der Namen, die dieser Buchsammlung in der jüdischen Geschichte gegeben wurden und die bis heute benutzt werden, deutet auf ihre existentielle Bedeutung für Juden hin – ungeachtet und unabhängig davon, ob es sich um aufgeklärt- profane Juden[5] handelt oder um fromm-religiöse. Wer so viele Namen / Bezeichnungen für die zentrale Textsammlung über Jahrhunderte lebendig bewahrt, zeigt klar, welche Bedeutung sie für ihn hat. Wer sie allerdings unter dem Begriff „Altes“ Testament oder „Old Testament“ oder „Ancien“ Testament, den die Christen dieser jüdischen Sammlung gaben und geben, versteht, zeigt, dass sie allenfalls als eine Vorstufe verstanden wird. Wird hierbei nicht offenkundig, wie eine Aneignung über eine Abwertung (alt-überholt) zur Ablehnung wird?


Der TaNaCh stellt also eine vielschichtige Spiegelung des Selbstverständnisses einer Gruppe von Menschen dar. Wie fast jedes Volk in der Geschichte hat sich auch das jüdische Volk selbst bestimmt, in heutiger Zeit würde man also durchaus sagen können: selbst „erfunden“.[6]


Die beiden Bücher des israelischen Zeithistorikers Shlomo Sand „Die Erfindung des jüdischen Volkes. Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand“ (Hebräisch 2008, Berlin 2010) und „Die Erfindung des Landes Israel. Mythos und Wahrheit“ (Hebräisch 2010, Berlin 2012)[7] sind daher nur als aktuelle, politische Kampfschriften im Staat Israel zu verstehen. Aber die Tatsache, dass er sowohl die Vokabel „Jüdisches Volk“ als auch „Land Israel“ in zwei seiner Bücher gewählt hat, zeigt, dass sogar ein extrem linker Israeli (der aus einem religiösen Elternhaus stammt) die existenzielle Verbindung zwischen dem Jüdischen Volk und seinem Land sieht. Er hätte auch ein drittes Buch hinzufügen müssen, das da lauten könnte: „Die Erfindung des TaNaCh – Legende und Geschichte“. Denn genau diese drei Faktoren gehören im jüdischen Selbstverständnis zusammen.


Um die – im deutschen Sprachgebrauch – belastete Vokabel „Volk“ zu umgehen, scheint mir der Terminus „Am Jisra’el“, wie er zeitenübergreifend innerjüdisch üblich ist, angemessener.


In einer Vielzahl von Texten und Gebeten wurde gern eine Art Synonym oder Umschreibung dessen verwendet, nämlich שרשרת הדורות      = „Die Kette der Generationen“. Sie ist sowohl die Grundlage für die Übertragung der Verheißung als auch die Grundlage für alle Überlegungen hinsichtlich der Gestaltung einer Gesellschaft, in der „du nicht morden wirst“, in der du nicht lügen wirst“ usw. wenn


Vor dem Versuch einer Erklärung des „wenn“ aber noch ein kurzer Hinweis: Weil die Kette der Generationen sowohl einen theologischen wie auch einen praktisch-entscheidenden Faktor im TaNaCh (und im Judentum insgesamt) darstellt, enthält die Textsammlung der jüdischen Bibel große Teile der Geschichte des jüdischen Volkes – sowohl im Land Israel als auch mit kürzeren Berichten über die Exilzeiten sowie die Überwindung der Hungersnot in Ägypten außerhalb des Landes Israel.


Die Geschichtsbücher (z.B. Richter, Josua, Samuel I und II, Könige I und II, Chronik I und II u.a.) sind für jüdisches Selbstverständnis deshalb konstitutiv, weil sie neben einer Geschichtsschreibung eben auch Geographie bedeuten.


Ein Großteil der jüdisch-biblischen Orte sind sowohl durch archäologische Funde deutlich erkennbar, zusätzlich aber auch durch die Namen vieler dieser heutigen Orte, Berge, Flüsse u.a. Gelegentlich fanden diese Namen sogar Eingang (in veränderter Aussprache, aber linguistisch unzweifelhaft erkennbar) in arabische Namen der heutigen Orte, Berge, Flüsse an diesen Stellen.

 

Bindungen an Orte - wie eben beschrieben - lassen sich nicht per Entscheidung oder befhl kappen. Die ersten Juden, die Jesus folgten, aber gleichzeitig versuchten, ihre Bindung an das Land und an ihre "Kette der Generationen" zu wahren, kamen zunehmend in einen inneren Konflikt. Wie wichtig die Kette der Generationen war, zeigen ja auch die Ahnenlisten, die sich in Schriften des Neuen Testamentes finden, dienten diese doch als Versuch, einen Erstaz für die reale Genealogie zu sein.


Das Bewusstsein, in der „Kette der Generationen“ zu stehen, ist Ausdruck der jüdisch-ontischen, zeitenübergreifenden Zugehörigkeit. Somit ist jemand, der sich in der „Kette der Generationen“ weiß, mit den Juden, die vor ihm lebten, ebenso wie mit den Juden, die nach ihm leben werden, verbunden. Die Zeitgenossen sind ohnehin eingeschlossen. Somit geht es also im Judentum nicht um ein „Ich“, sondern um ein „Wir“ – das zuweilen auch ziemlich diffus sein kann, das aber ein Zusammengehörigkeitsgefühl auslöst bzw. auslösen kann.


Dieses Verständnis umfasst die Verheißungslinie seit Abraham – und zwar keineswegs nur gedanklich, theoretisch, theologisch, geglaubt oder gar „als Vater aller Glaubenden“, sondern ganz real und konkret, eben für alle, die in der Kette der Generationen stehen.


Nur als Seitenblick sei hier genannt, dass dieser Aspekt das Judentum mit den arabischen Muslimen (die ja Ismaeliten sind, im Gegensatz zu den „dazu gekommenen“ Muslimen wie Iraner, Türken, Indonesier, Pakistani et al.) ganz anders verbindet als z.B. mit den Christen. An anderer Stelle müsste hierauf ausführlicher eingegangen werden.


Wenn die „Kette der Generationen“ weder praktisch noch theologisch im Zentrum christlicher Theologie steht, erscheint die Frage des Markion mehr als berechtigt. Um wie viel zutreffender ist sie, wenn man bedenkt, dass die heutigen Christen zu 99% „aus den Heidenvölkern“ stammen, die sich in den Schriften und Aussagen des TaNaCh begründetermaßen nicht finden können.[8]

Gerade in Kreisen des „Dialogs von Christen mit Juden“, der nach 1945 entstand, wird häufig betont, dass die Wurzeln des Christentums im Judentum seien; doch hat das Christentum im Laufe seiner langen Geschichte den TaNaCh in seiner bi-nomischen[9] Konstruktion und Funktion m.E. nicht wirklich begriffen oder ernsthaft gelesen, sondern primär eklektisch jene Texte, die in die entstehende christliche Theologie zu passen schienen, wahrgenommen.[10]


An dieser Stelle kommt der zweite entscheidende Aspekt hinzu, nämlich das „wenn“.


Das „wenn“ bezieht sich auf den rechtlichen Rahmen, den sich das Judentum gab und der die ethischen, moralischen und vor allem pragmatisch-machbaren Grundlagen vorgibt, in denen die Bildung einer jüdischen Gesellschaft entstehen kann. Dieses „wenn“ kann das Judentum zu gestalten versuchen, wenn es eine selbstbestimmte Gesellschaft im Land Israel formt, die ihren eigenen Prinzipien folgt, und nicht als Minderheit unter Regimen fremder Mehrheiten zu leben gezwungen ist.