Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Heft 2016-1: Editorial

 

Michael Pietsch, seit kurzem Professor für Altes Testament an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau, hat sich in seiner öffentlichen Antrittsvorlesung dem gegenwärtig wohl umstrittensten Thema der protestantischen Theologie in Deutschland gestellt: Der von dem Berliner systematischen Theologen Notger Slenczka ausgelösten Debatte um die kanonische Geltung des Alten Testaments. Er gehört damit zu den wenigen Alttestamentlern, die sich zu Wort gemeldet haben. Anders als für Slenczka, bleibt für ihn das christlich-fromme Selbstbewusstsein auf den Wahrheitsraum des Alten Testaments auch gerade darum angewiesen, weil sonst das Bekenntnis zu Jesus Christus seines theologischen Referenzsystems beraubt würde.

 

Auf diesen innerchristlichen Diskurs reagiert Edna Brocke mit ihrem Beitrag. Sie hebt hervor, dass der Charakter der jüdischen Bibel (TaNaCh) bestimmt ist durch ihre konstitutive Funktion für die Verfassung und die Geschichte des jüdischen Volkes. Ihre jüdische Sicht steht in einer Distanz zu beiden Seiten der innerchristlichen Debatte.


Christina Tuor-Kurth setzt sich in ihrem Beitrag mit neueren Deutungen der Rolle und Funktion Abrahams in paulinischen Texten auseinander. Sie nimmt dabei eine breitere Forschung zur Neubestimmung kollektiver Identität in der Antike auf, die die moderne Trennung von Religion und Ethnizität als unangemessen für die Interpretation beurteilt. Das Konzept der Ethnizität, in die das, was wir „Religion“ nennen, „eingebettet“ ist, heißt auch, dass in antiken Identitätskonstruktionen Herleitungen von einem „Stammvater“ von ausschlaggebender Bedeutung sind. Bei den Römern war es Aeneas, bei Juden und in den frühen Jesusbewegungen war es Abraham. Nicht zuletzt ist dabei wichtig, dass „Adoption“ die nicht-leibliche Herkunft ersetzen konnte. Der Beitrag zeigt, wie in unterschiedlichen jüdischen Kontexten Abrahamskindschaft unterschiedlich bestimmt werden konnte und wie Paulus sich hier einreiht.

 

Zwei Nachrufe erinnern an herausragende Persönlichkeiten des jüdisch-christlichen Dialogs. Wenige Wochen nach seinem 100. Geburtstag verstarb am 3. März 2016 Franz Mußner. Als einer der bedeutendsten katholischen Bibelwissenschaftler, der 1967 der erste Inhaber des Lehrstuhls für Exegese des Neuen Testaments an der katholisch-theologischen Fakultät der damals neu gegründeten Universität Regensburg wurde, forschte er über antijüdische Tendenzen im Neuen Testament. Sein 1979 erschienener „Traktat über die Juden“ wurde in sechs Sprachen übersetzt und begründete sein internationales Ansehen; der Titel zeigt bereits an, dass er mit der langen Tradition christlicher Traktate gegen die Juden bricht. Im Nachruf für ihn verknüpft Tobias Nicklas, gegenwärtiger Inhaber von Mußners Lehrstuhl für Neues Testament, Biographisches mit Exegetischem und macht deutlich, warum das bleibende Vermächtnis des Verstorbenen darin besteht, dass Theologie und Kirche an dessen Fragen zum Verhältnis von Christen und Juden nicht mehr vorbeigehen können und dürfen.


Der in Berlin geborene und 1939 dank eines Einreisevisums der Familie in die Vereinigten Staaten zeitig entkommene Michael Wyschogrod (28. September 1928 - 17. Dezember 2015) lehrte viele Jahre Philosophie und religiöses Denken an Universitäten in New York und Houston. Er beteiligte sich seit den 1970er Jahren am jüdisch-christlichen Dialog in Deutschland und war oftmals Gastprofessor an deutschen Universität und Hochschulen. Seine Beiträge als orthodoxer Jude zu Grundfragen der jüdisch-christlichen Beziehung fanden ein starkes Echo in der christlichen Theologie. Wir sind dankbar, den einfühlsamen Nachruf von David P. Goldman, einem anerkannten Kolumnisten des amerikanischen Tablet-Magazins, in deutscher Übersetzung und mit Zustimmung des Autors publizieren zu können.


Der symbolischen Dimension und der theologischen Aussage des Papst-Besuchs der Großen Synagoge von Rom am 17. Januar 2016 geht Hans Hermann Henrix in seinem Beitrag nach. Er interpretiert die Ansprache von Papst Franziskus als eine päpstliche Weiterführung der Konzilserklärung „Nostra Aetate“ und meint, der dritte Besuch der Großen Synagoge von Rom durch einen Papst setze ein Maß, das seine Nachfolger im päpstlichen Amt verpflichten sollte.  

 

In der Rubrik „Klassiker der jüdischen Literatur“ stellt Gabrielle Oberhänsli-Widmer  „Die Liebe zu Zion“  (1853) des litauischen Schriftstellers Abraham Mapu vor. Das Werk gilt als der erste hebräische Roman der Moderne und träumt – zwei Generationen vor Theodor Herzl – von einem freien Leben im Lande Israel. Höchste Zeit also, die fast vergessene „Liebe zu Zion“ zu wecken!

          

Zur interreligiösen Lage unserer Tage wird oft der Eindruck geäußert, die Fragen der Beziehungen von Christentum und Islam seien nicht zuletzt aufgrund der Welle von Gewalttaten und Terrorakten ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt und haben das Thema der jüdisch-christlichen Beziehung an den Rand gedrängt. Eine Marginalisierung der christlich-jüdischen Agende ist nicht zu leugnen. Und doch bedeutet dies nicht, dass sich in der Beziehung kaum noch Neuentwicklungen und Perspektiven ergeben. Zwei Vorgänge der christlich-jüdischen Beziehung dokumentieren wir in unserem Heft: Es sind zum einen die Grußadresse von Oberrabbiner Riccardo Di Segni und die Ansprache von Papst Franziskus bei dessen Besuch der Großen Synagoge von Rom am 17. Januar 2016.

 

Zum anderen publizieren wir in deutscher Übersetzung die Erklärung „Den Willen unseres Vaters im Himmel tun: Hin zu einer Partnerschaft zwischen Juden und Christen“ vom 3. Dezember 2015, mit der orthodoxe Rabbiner aus Israel, Nordamerika und Europa die Öffentlichkeit überraschten.


Die gehaltvolle Bücherschau verdanken wir wieder Barbara Schmitz.

 

Die Herausgeberinnen und Herausgeber

 

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