Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Bücherschau: Barbara Schmitz


 

Nirenberg, David, Anti-Judaismus. Eine andere Geschichte des westlichen Denkens. Aus dem Englischen von Martin Richter, München (C.H. Beck Verlag) 2015 (587 S., 39,95 €).

Antijudaismus als die Denkfigur von der Antike bis in die Gegenwart, die das westliche Denken entscheidend prägt: Diesen Gedanken geht der US-amerikanische Historiker Nirenberg in dreizehn Querschnitten nach, in denen er die Funktion untersucht, die dem Antijudaismus in seiner Epoche jeweils zugesprochen wird. Dabei spannt er den Bogen von Elephantine über die neutestamentlichen Schriften, dem Denken der Kirchenväter, dem Entstehen des Islams, dem Mittelalter, der Zeit Luthers und Shakespeares bis in die Französische Revolution, die Zeit des 18. und 19. Jh., bis in die Gegenwart. Alle seine Beispiele stammen aus Europa und zeigen, „wie an jedem Ort zu jeder Zeit, vom alten Ägypten bis zum 20. Jahrhundert, verschiedene Menschen alte Ideen über das Judentum neue Funktionen beim Nachdenken über ihre Welt zuweisen; wie diese Funktionen sich mit der Vergangenheit auseinandersetzten und sie dadurch transformierten; und wie sie schließlich die Möglichkeiten des Denkens über die Zukunft formten“ (S. 17).

Nirenberg zeigt überzeugend auf, wie Juden und das Judentum zu einer Schablone wurden, die jede Zeit gemäß ihren Notwendigkeiten angepasst hat, um ein negatives Kontrastbild zu erzeugen, vor dem die eigenen Überzeugungen und Ideologien entwickelt und zugleich stabilisiert werden konnten. „In allen Kapiteln werden wir betonen, dass der Antijudaismus nicht als archaische oder irrationale Kammer im weiten Gebäude des westlichen Denkens zu verstehen ist, sondern als eines der grundlegenden Werkzeuge beim Bau dieses Gebäudes“ (S. 18). Dabei wurden oftmals Gegenpositionen, ob sie nun etwas mit Judentum zu tun hatten oder nicht, „judaisiert“, weil „christliche Darstellungen des Judentums in aller Regel nicht von der Auseinandersetzung mit Judentum, sondern von christlichen Auseinandersetzungen mit Nichtjuden befördert“ werden (S. 104). So zeigt Nirenberg auf, „wie Menschen über mehrere Jahrtausende, in vielen Ländern und vielen unterschiedlichen Bereichen menschlicher Aktivität Ideen über Juden und Judentum verwendet haben, um jene Werkzeuge herzustellen, mit denen sie die Realität ihrer Welt konstruieren“ (S. 466-467).

Ein lesenswertes, ein nachdenklich stimmendes Buch.

Nirenbergs zentrale These des Buches hat er auch in KuI 28 (2013), 17-24 publiziert.

 


Klein, Anja, Geschichte und Gebet. Die Rezeption der biblischen Geschichte in den Psalmen des Alten Testaments (FAT 94), Tübingen (Mohr Siebeck Verlag) 2014 (435 S., 114,00 €).

Geschichte und Gebet – oder genauer: die Rezeption der biblischen Geschichte in den Psalmen des Alten Testaments, das ist das Anliegen der von Anja Klein 2014 an der Theologischen Fakultät der Universität Göttingen eingereichten Habilitationsschrift.

Anja Klein geht in ihrer Untersuchung von der Analyse von Ex 15 und Ps 114 aus. Sodann analysiert sie Geschichte im Gebet in Ps 78 im Kontext der Asaph-Sammlung, die Zwillingspsalmen 105 und 106 sowie das geschichtliche Hallel Ps 135 und 136. Dabei stellt Anja Klein immer wieder die Unterschiedlichkeit der Rezeptionen von Geschichte in den einzelnen Texten heraus und betont zugleich die Bedeutung von Ex 15 für die jeweils von ihr untersuchten biblischen Texte.

Armstrong, Karen, Im Namen Gottes. Religion und Gewalt. Aus dem Englischen von Ulrike Strerath-Bolz, München (Pattloch Verlag) 2014 (688 S., 24,99 €).

Dass Religion für Gewalt und Gewaltexzesse verantwortlich gemacht wird, gehört derzeit zu den Standardannahmen, die man auf der Straße, in den Feuilletons und in wissenschaftlichen Publikationen allenthalben hört. Differenziertere Analysen weisen jedoch immer wieder darauf hin, dass es eine Vielzahl einander bedingender gesellschaftlicher, materieller und ideologischer Faktoren ist, die zu Gewalt und gewaltsamen Auseinandersetzungen führen.

Die Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong nimmt sich der Aufgabe an, diese differenziertere Sicht in einem langen Gang durch die Geschichte aufzuzeigen: angefangen bei den Bauern und Hirten, über Indien, China, das alte Israel, die Jesusbewegung, Byzanz, die Anfänge der muslimischen Bewegung, Kreuzzug und Dschihad, die Geschichte der Neuzeit bis zum aktuellen globalen Dschihad. Dabei mahnt Karen Armstrong, die Dinge nicht unzulässig zu vereinfachen: Es ist nicht einfach die Religion, die für Gewalt verantwortlich ist, vielmehr ist differenziert zu fragen: nach den Lebensbedingungen und politischen Kontexten, nach den Spezifika eines vormodernen Religionsbegriffes und nach unseren ganz anders gearteten, in den privaten Bereich verlagerten Religionsbegriff, nach Koalitionen der Religion mit Macht und Herrschaft und ebenso nach dem oftmals starken Widerspruch von Religionen gegen Herrschaftssysteme und Gewaltexzesse.

In ihrer gut lesbaren Studie zeigt Karen Armstrong auf, wie Religion zu einem Partner und auch Initiator von Gewalt werden kann, dass es aber gerade auch das Anliegen und die Stärke von Religion ist, Deutungen von komplexen und irrationalen Erfahrungen anzubieten: Es geht um Bewältigung des Alltags, von Krisensituationen und von lebensdienlicher Orientierung, in denen Religion den Gewaltexzessen entgegentritt und Gewalt in Frage stellt.

 


Assmann, Jan, Exodus. Die Revolution der Alten Welt, München (C.H. Beck Verlag) 2015 (493 S., 29,95 €).

 

Jan Assman liest das Buch Exodus. Er liest es als „teilnehmender Beobachter“, methodologisch unter der von ihm bereits früher vorgeschlagenen Perspektive der „Sinngeschichte“.

Nach einer Einleitung, die in zen-trale Fragen des Buches einführt, kommentiert er die Erzählung fortlaufend. Dabei rezipiert er die Ergebnisse der exegetischen Forschung der letzten Jahre. Interessant sind dabei vor allem die Passagen, in denen er als

Ägyptologe seine Fachperspektive in die Kommentierung der Exoduserzählung einbringt.

Aber das Interessanteste an dieser Assmannschen Lektüre ist etwas Anderes: Mit diesem Buch widerspricht Jan Assmann seiner Position, wie er sie vor allem in „Mose der Ägypter“ 1998 vorgetragen hat. Damals hatte er in dieser und vielen anderen Publikationen die breit und wirkmächtig rezipierte These vertreten, dass sich von Echnaton bis Sigmund Freud eine Linie ziehen lasse, in der eine Unterscheidung zwischen ‚wahr‘ und ‚falsch‘ gezogen werde. Diese Unterscheidung sei mit dem biblischen Monotheismus erstmals im Bereich des Religiösen erfolgt. Der Monotheismus stünde mit seiner ‚mosaischen Unterscheidung‘ für die Verurteilung der falschen Götter und der Betonung des einen wahren Gottes, die dann – so Assmann damals – zu Gewalt und Legitimation von Gewalt führe. Nun aber schreibt Assmann: „Inzwischen ist mir klar geworden, dass eine derartige Konzentration oder Reduktion der Religion auf die Wahrheitsfrage in Bezug auf das vorexilische Israel ein Anachronismus ist. Hier geht es um etwas ganz Anderes, das als höchster Wert ins Zentrum der Religion gestellt wird: Treue. Nicht zwischen wahr und falsch gilt es zu unterscheiden, sondern zwischen Treue und Verrat, und zwar in Bezug auf den Bund, den JHWH mit den Kindern Israels schließt, die er aus ägyptischer Knechtschaft befreit und als sein Volk erwählt hat“ (S. 11).

Aus dieser Perspektive liest Assmann nun das Buch Exodus neu – und kann damit die exegetische Forschung der letzten Jahre rezipieren.

Ob diese neue Interpretation, in der nicht mehr die ‚mosaische Unterscheidung‘ zwischen wahr und falsch vorgenommen wird und die nicht mehr direkt zu Gewalt führt, genauso breit und intensiv rezipiert wird wie die frühere?

 

 

Diner, Dan, Rituelle Distanz. Israels deutsche Frage, München (Deutsche Verlags-Anstalt) 2015 (176 S., 19,99 €).

Am 10. September 1952 unterzeichneten Vertreter des jüdischen Volkes in Gestalt des Staates Israel und Vertreter der Bunderepublik Deutschland das Luxemburger Abkommen zur sogenannten Wiedergutmachung.

Dan Diner nimmt diesen Moment zum Ausgangspunkt seiner Studie, in der er nicht nur dieses Treffen en détail analysiert, sondern auch die Vorgeschichte zu diesem Abkommen schildert, in der es zu dramatischen Diskussionen und Auseinandersetzungen gekommen war: Darf man mit dem Land der Mörder in Verhandlungen treten? Kann man sog. Wiedergutmachungszahlungen annehmen? Was kann angesichts der noch unmittelbar vom Schrecken der Shoa gezeichneten geschichtlichen Situation „Wiedergutmachung“ bedeuten?

Dabei leuchtet Diner nicht nur die spezifischen Kontexte und Akteure der Diskussion auf der deutschen und der israelischen Seite aus, sondern verortet die vorgetragenen Argumente von Fluch und Bann, Erinnern und Vergessen in ihren biblischen, rabbinischen und historischen Kontexten. Lesenswert!

 

 

Berg, Nicolas, Luftmenschen. Zur Geschichte einer Metapher (Essays zur jüdischen Geschichte und Kultur 3), Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 2014² (240 S., 19,99€).

„Luftmenschen“ ist – in der Tat – ein fast vergessener deutscher Begriff. Was er aussagt, in welchen Kontexten er verwendet wurde, das ist heute nicht mehr unmittelbar einsichtig. Umso erstaunlicher, dass er in der Form als „luftmentsh“ oder „luftmensh“ über das Jiddische ins Amerikanische gewandert ist und – bei Übersetzungen ins Deutsche – durch einen anderen, heute scheinbar verständlicheren, aber kaum treffenden Ausdruck wie „Traumtänzer“ oder „Tagträumer“ im Deutschen ersetzt wird.

Nicolas Berg widmet diesem Begriff eine kleine, lesenswerte Studie. Luftmensch – das ist ein Wort, das in den Quellen des späten 19. und des frühen 20. Jahrhundert gehäuft vorkommt. Zuerst war es eine jüdische Selbstbeschreibung, die dann zunehmend, pejorativ gebraucht, zu einer Fremdwahrnehmung wurde. Berg beschreibt die erstaunliche Geschichte des Begriffs „Luftmensch“ so: „Ein semantische Feld verdichtet sich seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts parallel zur Ausbildung der modernen kapitalistischen Welt, bleibt jedoch noch über Jahre und Jahrzehnte ohne emblematischen Begriff; dieser findet sich dann in Osteuropa in den 1860er Jahren im Bereich der jüdischen Literatur. In den Folgejahren, vor allem um die Jahrhundertwende, weist der Ausdruck eine auffällige Konjunktur auf und wird verstärkt im kulturpolitischen Diskurs verwendet, einerseits im zionistischen Diskurs, andererseits immer mehr auch jenseits der jüdischen Selbstverständigungen. In der Zeit um den Ersten Weltkrieg war er noch ein Hilferuf der Juden gewesen, nur wenige Jahre später hatte er sich zur Waffe gegen sie entwickelt, und als in den 1930er und 1940er Jahren Antisemiten den Begriff okkupierten, wurde er gänzlich ins Negative gewendet. Der Ausdruck ‚Luftmensch‘ war nun zum wörtlich genommenen Vorwurf geworden, gegen den sich die so Bezeichneten wehren und verteidigen mussten“ (S. 15-16). Dieser grundlegenden Veränderung des Begriffs Luftmensch zwischen 1860 und 1930 zeichnet Berg nach und erstellt dabei ein Porträt des Begriffs, das einen die Luft anhalten lässt.

 

Stögner, Karin, Antisemitismus und Sexismus. Historisch-gesell-schaftliche Konstellationen (Interdisziplinäre Antisemitismusforschung 3), Baden-Baden (Nomos Verlagsgesellschaft) 2014 (330 S., 49,00 €).

Die Dissertation aus dem Bereich der Soziologie widmet sich zwei Komplexen, deren Etikette „Antisemitismus“ und „Sexismus“ einzeln und mehr noch zusammen breite Assoziationen und vorgefertigte Urteile hervorrufen. Konstruktionen des ‚Jüdischen‘ und des ‚Weiblichen‘ können sich beide auf unheilvolle Weise miteinander verbinden und in vielfältigen Zusammenhängen verzerrt eingesetzt und missbraucht werden; daher heißt das einleitende Kapitel auch „Über die Schwierigkeit, die Verschränkung von Antisemitismus und Sexismus zudenken.“

Ein großer Teil der Arbeit widmet sich einer gesellschaftstheoretischen Suche nach Strukturen und Funktionsverwandtschaften von Antisemitismus und Sexismus der Kritischen Theorie (Horkheimer und Adorno) und der Bedeutung von Geschlechterbildern und Körperkonstruktionen als Medien von Antisemitismus und Sexismus: Natur als Ideologie (Kap. 2), Antiintellektualismus und Geistfeindschaft (Kap. 3), der Druck zur Eindeutigkeit und Einheit (Kap. 4), Sozioökonomische Fundierungsverhältnisse von Antisemitismus und Sexismus (Kap. 5) und politische und gesellschaftliche Faktoren (Kap. 6). In einem weiteren Kapitel geht es um das Ineinandergreifen von Antisemitismus und Sexismus am Beispiel jüdischer wie weiblicher Emanzipationsprozesse (Kap. 7: Geschlechterbilder und Körperkonstruktionen als Medien von Antisemitismus und Sexismus). Ein letztes Kapitel bietet die Auswertung qualitativer Interviews, die unter dem Stichwort „Weiblichsein und Jüdischsein“ Erfahrungen jüdischer Frauen in Österreich mit Antisemitismus und Sexismus behandeln.

 

 

Dietrich, Walter/Mathys, Hans-Peter/Römer, Thomas/Smend, Rudolf, Die Entstehung des Alten Testaments (Theologische Wissenschaft 1), Stuttgart (Kohlhammer Verlag) 2014 (594 S., 36,99 €).

1978 ist dieser Band das erste Mal erschienen. Nach der 4. Auflage von 1989 liegt nun die „Entstehung des Alten Testaments“ in bearbeiteter Neuauflage vor. Der Grundgedanke der ersten Auflage von Rudolf Smend, die einzelnen Bücher in ihrer Endgestalt und nicht ihre hypothetisch rekonstruierte Genese darzustellen, ist beibehalten worden. Jedes Kapitel ist aber aktualisiert und um neuere Literatur ergänzt worden. Die einzelnen Kanonteile sind grundlegend überarbeitet worden: der Abschnitt zum Pentateuch von Thomas Römer, die vorderen und hinteren Propheten von Walter Dietrich und die Ketubim von Hans-Peter Mathys.

Dass man die unterschiedlichen Handschriften der einzelnen Autoren gut erkennen kann, spricht nicht gegen diese Einleitung, sondern für sie, bildet sie doch damit den vor allem für Einsteiger oftmals recht unübersichtlichen Diskussionsstand klar und profiliert dar.

 

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