Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Das besondere Buch - Gabrielle Oberhänsli-Widmer

Zu: Amos Oz, Judas. Roman, aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler, Berlin 2015 (hebräische Originalausgabe unter dem Titel Ha-Bessora al-pi Jehuda 2014, 332 Seiten)


Entgegen der Erwartung, die der deutsche Titel Judas und der hebräische Originaltitel Das Evangelium nach Judas wecken, ist Amos Oz‘ jüngstes Werk weder ein historischer Roman noch eine Frohbotschaft, vielmehr ein höchst aktuelles Buch, auch wenn die Handlung nicht im Heute verortet ist, sondern im Jerusalem der Wintermonate 1959/1960.

 

Dennoch schreibt Amos Oz mit seinem Judas eine Reihe jüdischer Jesus-Romane des 20. Jahrhunderts weiter, welche die neutestamentlichen Protagonisten ins Judentum zurückholten und ihr Schicksal im Licht von nationalem Heldentum und zionistischer Ideologie aufscheinen ließen. Oft nur beiläufig, aber explizit fallen denn auch deren Namen: Aharon Avraham Kabaks 1937 hebräisch verfasster Roman Auf schmalem Pfad mit Jesus als archetypischem Visionär, Jig’al Mossensons 1962 ebenfalls hebräisch geschriebener Jehuda Isch Krajot mit Judas als patriotischem Untergrundkämpfer, oder Schalom Aschs monumentaler jiddischer Jesus, der Nazarener aus dem Jahr 1939. Nicht von ungefähr trägt Amos Oz‘ Hauptfigur, ein tollpatschiger und leicht verkappter Student, den seltenen Namen Asch (S. 31): „Schmuel begann also erneut, und diesmal vorsichtiger. Er nannte seinen Vornamen und den Familiennamen, nein, nein, soweit er wisse, bestehe keine Verwandtschaft mit dem berühmten Schalom Asch ... .“ Amos Oz nun greift die Gestalt des Judas als Sinnbild von Verrat auf, denn um Verrat und Verräter drehen sich Plot und Story.

 

Ort des Geschehens ist Jerusalem, zwölf Jahre nach der Staatsgründung. Schmuel Asch müht sich vergeblich mit seiner Magisterarbeit zum Thema Jesus in den Augen der Juden. Die Freundin verlässt ihn und heiratet überstürzt einen früheren Verehrer. Der Vater macht Pleite und dreht ihm den Geldhahn zu. Aus diesen Gründen schmeißt Schmuel sein Studium und beschließt, Jerusalem zu verlassen, stößt dann aber auf eine Annonce, die einem jungen Bewerber Lohn, Kost und Logis dafür versprechen, dass er einem älteren Herrn Gesellschaft leiste – das Motiv ist wohlbekannt aus Theodor Herzls zionistischem Programmroman Altneuland. So kommt Schmuel ins Haus von Gerschom Wald und seiner verwitweten Schwiegertochter Atalja Abrabanel an der Rav-Albas-Gasse, einer kleinen Straße West-Jerusalems.

 

Das Haus an der Rav-Albas-Gasse birgt jedoch eine tragische Vergangenheit. Micha Wald, der einzige Sohn des alten Gerschom Wald, wurde während des Unabhängigkeitskrieges 1948 auf bestialische Art von Arabern umgebracht, kurze Zeit nach der Hochzeit Michas mit Atalja. Ataljas Vater wiederum, Schealtiel Abrabanel, ein früherer Weggefährte Ben Gurions, wurde von der israelischen Gesellschaft als Verräter geächtet, da er jeden Nationalstaat abgelehnt und einst an ein einträchtiges Zusammenleben von Juden und Arabern geglaubt hatte. „In seinen Ansichten hatte er sich schon weit von seinen Genossen entfernt. Er glaubte noch immer daran, dass die Juden sich mit Recht danach sehnten, sich hier ein Haus zu bauen, doch er war zu dem Schluss gekommen, es müsse ein gemeinsames Haus für Juden und Araber sein. Erst in den vierziger Jahren äußerte er manchmal seinen Widerstand bei den Sitzungen der Jewish Agency und den Sitzungen der zionistischen Weltorganisation. Erst im Jahr 1947, als er plötzlich aufstand und sich gegen den Teilungsplan der UNO und gegen die Unabhängigkeit Israels aussprach, fingen manche Leute an, ihn Verräter zu nennen“ (S. 314). Dies erzählt Gerschom Wald seinem jungen Gesellschafter Schmuel in einem ihrer vielen abendlichen Gespräche.

 

Schmuel seinerseits propagiert viel sozialistisches Gedankengut, tapeziert die Wände seiner Dachmansarde mit Plakaten revolutionärer Helden à la Che Guevara, während der desillusionierte Gerschom Wald längst jedes ideologische Glaubensbekenntnis hinter sich gelassen hat:

 

All diese Religionen, auch die, die in den letzten Generationen entstanden sind und bis heute viele Herzen verzaubern, sind entstanden, um uns zu retten, doch schon bald haben sie unser Blut vergossen. Ich für meinen Teil glaube nicht an die Rettung der Welt. Bitte sehr. Ich glaube an keine Form der Weltverbesserung. Nicht weil die Welt in meinen Augen gut ist, ganz und gar nicht, die Welt ist krumm und verbogen und voller Qualen, aber jeder, der sie verbessern will, taucht sie schon bald in Blutströme. (S. 77).

 

So Gerschom Walds resignierte Worte.

 

Umsichtig ordnet der Erzähler die politischen Positionen seiner Akteure, lässt sie in zahlreichen Dialogen aufeinanderprallen, scheinbar ohne selbst Stellung zu beziehen. Das überlässt er dem erbarmungslosen Geschichtsverlauf, an dessen Fäden der Autor indes kräftig mitzieht. Beispielsweise dann, wenn ein paar sadistische Araber ausgerechnet den Schwiegersohn von Schealtiel Abrabanel töten, der einzigen Person, die sich im Roman für die Sache der Araber einsetzt.

 

In dem Männerreigen der Akteure schillert zweifellos am geheimnisvollsten der große Frauenpart: Atalja Abrabanel, die Witwe von Micha Wald, die Schwiegertochter von Gerschom Wald, die Tochter von Schealtiel Abrabanel – und für wenige Stunden die Geliebte von Schmuel Asch. Seltsam, wie nicht von dieser Welt scheint sie und vielleicht lohnt es sich, die Figur auf ihre Sinnbildlichkeit zu entlarven, legt doch der Text nicht wenige Köder aus, wie ein solcher Vamp verstanden werden könnte: auffällige Entsprechungen etwa zu den Beschreibungen Jerusalems, die Frau wie die Stadt gleichermaßen verletzt und verletzend, verführerisch und doch unnahbar, höchste Erwartungen weckend, die zwangsläufig zu Ernüchterung und Frustration führen; oder Atalja in der Pose der biblischen Maria Magdalena, wobei ihre ‚Fußwaschung’ mit besonderen Überraschungen aufwartet; oder Atalja als Mutter-Übermutter, welche seit Jahrzehnten unerlöst durch Amos Oz’ Bücher geistert. Wie einst der junge Amos Oz (damals noch als Amos Klausner) trennt sich denn auch sein Protagonist Schmuel Asch nolens volens von der dominierenden Frauengestalt und verlässt Jerusalem fluchtartig. Doch damit nicht genug – in den Zügen Ataljas werden der geneigte Leser und die findige Leserin noch weit mehr Gesichter entdecken können.

 

Eine vergleichbare Symbolik umweht auch das Haus an der Rav-Albas-Gasse. Das Haus als maroder Staat in Miniatur, oder besser: der Teil des Hauses Israel, den es hinter sich zu lassen gilt. Traumatische Verletzungen, morsche Vorstellungen, destruktive Ressentiments. Ein Haus ohne Zukunft, seiner Kinder beraubt, in dessen Mauern sich zu viel Verrat breit gemacht hat. „Dieses Haus bringt Ihnen kein Glück. Eigentlich keinem von uns.“ (S. 256). Das konstatiert Gerschom Wald, nachdem sich Schmuel im Treppenhaus den Knöchel verknackst hat.

 

Und schließlich leitmotivisch der Verrat: im Schnittpunkt der beiden Erzählebenen, dort, wo sich das antike Jerusalem Jesu und das moderne Israel von Ben Gurion verzahnen. In den abendlichen Causerien berichtet Schmuel dem alten Gerschom Wald des Öfteren über die Recherchen zu seiner unbeendeten Magisterarbeit. Die Dynamik zwischen Jesus, Judas und den Juden verfolgt ihn:

 

Jesus und seine Jünger waren Juden und Söhne von Juden, aber in der volkstümlichen Vorstellung der Christen ist Judas Ischariot der Einzige unter ihnen, der als Jude gebrandmarkt war – und der für das ganze jüdische Volk steht. Als die Gesandten der Priesterschaft und die Tempelwächter kamen, um Jesus gefangen zu nehmen, erschraken die Jünger, sie fürchteten um ihr Leben und flohen in alle Richtungen, nur Judas blieb bei ihm. Vielleicht küsste er Jesus, um ihm Mut zu machen. (S. 209).

 

Deutlich zeichnen sich damit die Parallelen ab zwischen Judas und Schealtiel Abrabanel:

Wer bereit ist, sich zu verändern, sagte Schmuel, wer den Mut hat, sich zu verändern, wird immer von jenen als Verräter bezeichnet werden, die zu keiner Veränderung fähig sind und eine Heidenangst vor Veränderung haben, die Veränderungen nicht verstehen und sie ablehnen. Schealtiel Abrabanel hat einen schönen Traum geträumt, und wegen dieses Traums haben sie ihn Verräter genannt. (S. 273).

 

Kein Verrat mithin aus billigen Motiven wie dreißig Silberlingen, sondern Verrat aus Liebe, um eine Entscheidung zu erzwingen, aus Verzweiflung, um das Ruder fataler Entwicklungen herumzureißen, oder aus einer Beherztheit zum Umdenken und  zum Wandel.

 

In seinem Judas erzählt Amos Oz von großen Visionen, an denen die krude Realität selbst Verrat verübt und die Visionäre auf zynische Weise als Verräter dastehen lässt. Doch solch postzionistischem Defätismus zum Trotz herrscht hier nicht einfach Bitterkeit, und das Schlussbild wartet mit einer nahezu perfekten Idylle auf: Frühling im Süden Israels, Schmuel, dem kalten und klaustrophilen Jerusalem glücklich entkommen, trifft auf eine sympathische junge Frau – die Schöne im Fenster, dieses Motiv lässt womöglich hoffen.

 

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