Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Das besondere Buch - Benoit Standaert

Zu: Hans Hermann Henrix, „Christus im Spiegel anderer Religionen“[1]  

 

    Benoit Standaert OSB gehört der benediktinischen Gemeinschaft der Abtei St. Andreas in Brügge an und lebt zur Zeit in der Eremitage zum Heiligen Antonius in Malmedy. Er lehrte viele Jahre Exegese am Pastoralinstitut seiner Abtei und an der Hochschule der Benediktiner San Anselmo in Rom. Er gilt als einer der führenden Neutestamentler Belgiens und ist Autor zahlreicher exegetischer Werke. Er verknüpft seine exegetische Kompetenz mit dem spirituellen Austausch im interreligiösen Kontext. So hat er u.a. den Buddhismus durch mehrfache Teilnahme am klösterlichen Leben in Japan intensiver kennengelernt.

 

In einer Reihe, in der der Austausch zwischen Christen und Juden von zentraler Bedeutung ist, erscheint ein Band, der die Perspektive über die Juden hinaus gegenüber dem Islam, dem Hinduismus und dem Buddhismus öffnet. Der Autor ist Experte für die Geschichte und Praxis des Dialogs mit den Juden. Er widmete Buch auf Buch diesem Thema, um insbesondere in Deutschland die Perspektiven zu aktualisieren, welche durch die Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils Nostra Aetate, Kapitel 4, eröffnet wurden, das sich besonders der Beziehung zum jüdischen Volk widmet. Er selbst war nicht nur viele Jahre Direktor der Akademie der Diözese Aachen – dazu berufen durch seinen nicht nur in Deutschland bekannten und sehr geachteten Bischof Klaus Hemmerle –, sondern auch Konsultor der Vatikanischen Kommission für die religiösen Beziehungen zu den Juden. Das Bemerkenswerte an dieser Studie ist, dass er in ihr seine Untersuchungen um die drei genannten Religionen erweiterte.

 

Zu Beginn stellt sich der Autor als ökumenischer Theologe vor, der im Dialog mit dem Judentum engagiert ist, das nicht als eine Religion außerhalb des Christentums gilt, sondern als der Wurzelstock, auf den die christliche Tradition aufgepfropft wurde. Deshalb sprechen christliche Theologen über das Verhältnis zu den Juden im Rahmen der ökumenischen Beziehungen und nicht in dem der interreligiösen Beziehungen. Es ist der Rat zur Förderung der Einheit der Christen, der im Vatikan für die Beziehungen mit dem Judentum verantwortlich ist, und nicht der Rat für den Interreligiösen Dialog.

 

Gleichwohl engagiert sich der Autor mit seiner Erfahrung im „ersten“ Dialog auch in der Begegnung mit den anderen Religionen. Er spricht als Theologe. Er verortet sich gegenüber der Theologie der Religionen, einer Disziplin, deren Ursprünge er beschreibt, deren Geschichte er nachzeichnet, deren Formen und Benchmarks er analysiert. Und er entscheidet sich letztlich für das, was in Deutschland „komparative Theologie“ heißt. Diese ist eine Theologie, in der man die Religionen sowohl innerhalb des eigenen religiösen Ausgangspunkts als auch mit der Vielfalt unter anderen Gesichtspunkten vergleicht. Es ist ein Weg, um die berühmten Entgegensetzungen der exklusivistischen, inklusivistischen und pluralistischen Ansichten hinter sich zu lassen. Das Wichtige an dieser Grundhaltung ist, sich nicht zu fürchten, das zu erwähnen, was uns unterscheidet und gar trennt, und gleichzeitig das aufzufinden, was uns verbinden könnte. Nichts ist in diesem Ansatz statisch, sehr wohl aber ist ein Wille gegenwärtig, Theologie als Ganzes zu betreiben, Schritt für Schritt. Die erforderlichen Haltungen dazu sind Demut (insbesondere durch die in den USA wirkende belgische Theologin Catherine Cornille unterstrichen) und Empathie für die religiösen Erfahrungen anderer (vgl. die beiden zitierten Autoren: Ulrich Winkler, Salzburg, und Klaus von Stosch, Paderborn).

 

Nach dieser starken theologischen und methodologischen Positionierung beginnt der Autor mit dem Verhältnis zu den Juden. Es ist die erste Beziehung, welche im Vergleich zu den anderen Beziehungen die meiste Aufmerksamkeit erhält. Für unseren Autor bietet sich die Gelegenheit, viele frühere Studien zusammenzufassen und uns in einer präzisen und sehr klaren Weise die Herausforderung dieses Dialogs mit seiner bewegten Geschichte, mit den Fortschritten und Rückschlägen hier und dort mitzuteilen. Es sei daran erinnert, dass im Jahr 2000 zwei kontroverse Texte publiziert wurden: der Vatikan hat „Dominus Jesus” herausgebracht, und eine große Gruppe von jüdischen Gelehrten hat wenig später „Dabru emet“ veröffentlicht! Der Titel des letzten Textes bezieht sich auf ein Wort Sacharjas, in dem der Prophet fordert: „Redet Wahrheit!“ (Sach 8,16). Beide Dokumente hatten in ihrem je eigenen Kontext eine schwierige und problematische Rezeption. Auf katholischer bzw. christlicher Seite ist „Dominus Jesus“ als ein Schritt zurück sowohl im ökumenischen als auch im interreligiösen Feld betrachtet worden; auf jüdischer Seite ist “Dabru emet” mit seinen acht pointierten Thesen in einer Weise aufgenommen worden, in der diese Thesen für einige Juden als zu großzügig, zu offen, zu positiv wahrgenommen wurden.

 

Henrix hat den Mut, jedes Mal die beiden Seiten der Medaille zu beleuchten und uns an das zu erinnern, was im Laufe der Jahrhunderte unter Juden über Jesus gedacht wurde. Sodann vergegenwärtigt er, was einige jüdische Gelehrte der Gegenwart zu sagen in der Lage sind - und zwar sowohl im Milieu ihrer Gemeinschaft als auch gegenüber Christen, mit denen sie offene und aufrichtige Freunde zu bleiben versuchen. Nichts Einseitiges, nichts Einfaches oder Bequemes, sondern im Gegenteil die Kraft, um weiterhin sowohl die Differenz als auch die bemerkenswerte und oft überraschende Nähe zu bedenken. Das Ziel dieser Darstellung wie das Ziel der Forschung ist es, Christen sehen zu lassen, was andere Menschen über die zentrale Gestalt ihrer Tradition denken: Jesus. Die Kunst, mit der der Autor sein Denken verfeinert und seine Bemerkungen nuanciert, ist ein Modell für den allgemeinen Prozess des Dia-logs und der Begegnung. Er ist darin geübt, eine Beziehung fortzusetzen, in der „Gemeinschaft“ und „Ungemeinschaft“ zur gleichen Zeit erlebt werden (wie er in einer anderen, weit verbreiteten Publikation bereits zuvor betont hatte: derselbe, Judentum und Christentum. Gemeinschaft wider Willen, Topos plus Taschenbücher, Band 525, 2008, 2. Auflage).

 

Nach dem Judentum wird der Islam thematisiert. Wie kann man ihn im Zusammenhang mit Judentum und Christentum positionieren? Henrix beginnt mit einem Artikel von Rémi Brague, der in Frage stellt, dass man von den drei monotheistischen Religionen bzw. von drei abrahamitischen Religionen sprechen kann. Reden wir über den gleichen Abraham? Und über denselben offenbarten Gott? Diese Fragen sind relevant. Der Autor nimmt sie ohne Hast auf. Er verweist darauf, dass der von Juden, Christen und dem Islam gesehene Gott jenseits aller Unterschiede ein transzendenter Gott bleibt (so mit dem von ihm auf Seite 89 in einer Fußnote zitierten Hans Waldenfels). Dann folgt ein Durchgang durch die wesentlichen Orientierungspunkte des Islam wie dessen heiliges Buch der Koran, das Leben von Muhammed, die fünf Säulen des Islam, um dann auf die zentrale Frage zu kommen: wie stellt sich „Jesus Christus“ im Spiegel des Islam dar? Er geht auf alle relevanten Probleme ein – wie etwa die jungfräuliche Geburt Jesu, seinen Tod, seine Rolle in der Eschatologie vor dem Weltenrichter usw. Und schließlich argumentiert der Autor mit Anne-Marie Schimmel und mehr noch mit Martin Bauschke, dass man von einer „Christologie“ im Islam sprechen kann. Diese übertrifft die Aussagen einer Jesulogie. Muslime haben eine Glaubenstradition in Bezug auf Jesus, wie sie selbst sagen. Der Koran nennt ihn „Prophet“ und „Wort Gottes“; er kennzeichnet ihn als einen, der mit der „Kraft des Geistes der Heiligkeit ausgestattet ist“. Heute – so der Autor – ist von der christlichen Theologie gefordert, auf „die Aspekte der Nähe zwischen beiden aufmerksam zu machen, ohne die Unterschiede und Differenzen zu leugnen“ (113). Mehrere Forscher betonen die Tatsache, dass Jesus im christlichen Leben die Rolle spielt, die bei den Muslimen der Koran spielt. Mit Bauschke erklärt der Autor, dass das christologische Thema, das Christen und Muslimen verbindet und trennt, immer mehr zu einer Brücke zwischen ihren Religionen wird, wenn man es in einer „theozentrischen“, „prophetischen“, „charismatischen“, „ethischen“ und „endzeitlichen“ Weise verortet (114-116). Die abschließenden Bemerkungen sind voller Hoffnung, ohne die Unterschiede zu verneinen, und fordern dazu auf, die theologische Reflexion gemeinsam als Herausforderung fortzusetzen.

 

Dann folgt die Darstellung des Hinduismus. Der Autor vermeidet die Falle, von außen festzulegen, was hinduistisch ist, sucht aber eine eindeutige Kennzeichnung. Er zitiert die bekannte Bemerkung: „Während es nicht möglich ist, einen Hindu zu definieren, ist es nicht schwierig, eine Person als Hindu zu identifizieren“ (117). Der Autor beschreibt dann eine „Geschichte des Hinduismus“, die bis zur Unabhängigkeit Indiens im Jahr 1948 führt. Einige große spirituelle Persönlichkeiten, die in der einen oder anderen Weise das Bild und die Spiritualität Christi integriert haben, werden kurz charakterisiert (Ram Mohan Roy, Mahatma Jotiba Phule, Ramakrishna, Keshab Sandra Sen und Patrap Chander Mazoomdar). In seiner zusammenfassenden Beantwortung der Frage nach Jesus Christus im hinduistischen Spiegel folgt Henrix einem christlichen Theologen, dem indischen Jesuiten Samuel Rayan. Es zeigt sich das Bild einer vielschichtigen Realität. Die jüngste politische Geschichte mit dem schwierigen Ausgang des kolonialen Erbe enthält eine Tiefendimension, in der hinduistische Gelehrte ein inniges Verhältnis zur Botschaft und Person Jesu als Christus gewinnen können, ohne sich von ihrer hinduistischen Tradition loszusagen. Der Autor bringt am Ende seiner Darstellung die Stimme des von ihm oft zitierten Autors Friedrich-Wilhelm Marquardt zu Gehör. Dieser hat geglaubt, dass ein Dialog mit dem Hinduismus nicht erforderlich sei. Er erkennt sehr wohl, in welchem Sinn Jesus hier und da ein Teil der aktuellen Welt der Hindus ist. Aber er sagt, Jesus sei nur mit seinem Körper, der Kirche, vorhanden. Aber der hinduistische Jesus ist ohne seine Kirche integriert. Dialog ist ihm zufolge sicherlich möglich, aber nicht notwendig. Die Arbeit von Pionieren wie Abhishiktananda und Monchanin, wie Panikkar oder auch der Jesuiten Sebastian Painadath und Ama Samy scheint in der deutschen akademischen Welt noch nicht bekannt zu sein. Der Dialog zwischen christlichen und östlichen Mönchen bietet neue Brücken, was in dieser Studie zum Teil im Schatten belassen wird.

 

Das vorletzte Kapitel betrifft den Dialog mit dem Buddhismus. Auch hier gibt es eine knappe, nüchterne, aber starke Darstellung der Hauptlinien der buddhistischen Tradition mit den drei bekannten Juwelen: der Person des Gautama Buddha, seinem Leben und seinem Werk; dem Dharma oder der Lehre und der Wirklichkeit der Gemeinschaft, der Sangha. Eine Beschreibung des Lebens, der Anbetung und des Rituals vervollständigt das Tableau, vor dem die Beziehung zwischen Buddhismus und Christentum skizziert wird, um dann „Christus im Spiegel des Buddhismus“ zu verorten. Ein letzter Absatz handelt von den „unterschiedlichen Graden christlich-buddhistischer Nähe und Distanz in Theologie und spiritueller Begegnung“. Die Dossiers sind reich und gut dokumentiert mit Hinweisen, die einladen, noch mehr zu erfahren. Die Schlussfolgerung ist wieder bemerkenswert differenziert: Es gibt in vielerlei Hinsicht eine erstaunliche Nähe, und es bleibt in vielen anderen Bereichen ein Graben der Unterschiede. Die ganze Kunst besteht darin, in einer dynamischen Weise Schritt für Schritt aufeinander zuzugehen und das Verständnis für das voranzutreiben, was Angehörige des Buddhismus und Christentums verbindet und was sie in der Tiefe unterscheidet. 

 

Das Schlusskapitel stellt sich wie eine Erläuterung der Prinzipien dar. Es wird daran erinnert (7.1), dass eine komparative Theologie eine Antwort auf das Dilemma der unterschiedlichen Modelle der Theologie der Religionen (Pluralismus, Inklusivität und Exklusivität) bietet. Das Praktizieren von Theologie in Freundschaft erlaubt, die Grenzen und Barrieren zu überschreiten, welche die Religionen trennen (7.2). Es bleibt sicherzustellen, dass es Grundhaltungen sind, die das Herzstück der Praxis des interreligiösen Dialogs bilden, wie Demut, Gastfreundschaft, Empathie und die Kunst, sich von der Fremdheit des Gastes nicht stören zu lassen, um ihn gut zu empfangen (7.3). Das Verständnis Jesu Christi im Judentum konstituiert ein Aufenthaltsrecht („Wohnrecht“) in der christlichen Theologie (7.4). Der fremde und externe Christus in anderen Religionen verdient die Beachtung des Christen (7.5).

 

Henrix erläutert in seinem Buch eine doppelte These. Zuerst einmal erfordert jede Religion eine spezifische und unterschiedliche Vorgehensweise. Sodann bietet die geduldige und ausdauernde Praxis in einer Beziehung Modelle des Verhaltens, die in anderen Dialogen verwendet werden können. Insbesondere die Begegnung mit Frauen und Männern jüdischer Gelehrsamkeit hat dem Autor ermöglicht, für die anderen Begegnungen eine mehr oder weniger analoge Methode und eine Haltung zu erarbeiten, die schließlich in der Lage ist, sowohl die befremdende Differenz als auch die nicht weniger überraschende Nähe mit den anderen zu erkennen. Bei vielen Fragen und Themen ist der Weg immer noch in den Anfängen, aber der erfahrene „Guide“ bietet uns ein ermutigendes, gut dokumentiertes und lebendiges Lehrbuch an. Die Aufgabe ist beträchtlich. In allen Gesprächskonstellationen lernen wir neue Dinge, die herausfordern. Christen haben nicht ein Monopol auf Jesus Christus (ein Gedanke, der oft vom Theologen Marquardt geäußert wurde). Dieses Buch führt dazu, sich mit Empathie für den Christus zu interessieren, der in den anderen Religionen lebt. Das ist eine neue „Berufung“, die in der Kirche einzuüben ist. Ihre Herausforderung ist da, und zwar jeden Tag, bei jeder Nachrichtensendung bzw. weltweit in den Medien von heute. Henrix öffnet eine Bresche und bietet ein belebendes Paradox: zusammen zu leben, ohne die Unterschiede zu verstecken und dennoch stets noch mehr das wertzuschätzen, was die Menschen einander näher bringt. Wagen sie zu glauben und zu hoffen, dann ist am Ende des Weges Friede.



[1] Forum Christen und Juden, Bd.12, LIT-Verlag, Berlin 2014, 184 S. 

 

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