Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Hans Hermann Henrix

Im Gehen entsteht der Weg – Impulse christlich-jüdischer Begegnung


Der Deutsche Koordinierungsrat der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit wählte für das Jahr 2015 als Jahresthema: „Im Gehen entsteht der Weg – Impulse christlich-jüdischer Begegnungen“ und ehrte mit der Buber-Rosenzweig-Medaille 2015 den Gesprächskreis „Juden und Christen“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Das Thema ruft Erfahrungen der gegangenen Wege auf, erinnert an Weggefährten und Akteure auf diesen Wegen und reklamiert ein Weitergehen, das mit bleibenden Herausforderungen verbunden ist. Der folgende Beitrag ist die gekürzte Version eines Referates, das der Autor in Duisburg gehalten hat. Mit der Vergegenwärtigung des Weges des ZdK-Gesprächskreises aktualisiert er einen Beitrag aus den ersten Jahren unserer Zeitschrift: „Gesprächskreis ‚Juden und Christen‘ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken: Kirche und Israel 2 (1987) 185-187.

 

 

Einleitung: Ein Jahresthema, das erschlossen sein will

Das Jahresthema, welches der Deutsche Koordinierungsrat der christlich-jüdischen Begegnungsarbeit des Jahrs 2015 vorangestellt hat, will erschlossen sein. Es war vom Koordinierungsrat unter der Voraussetzung gewählt worden, dass es ein Zitat von Franz Kafka sei.[1] Tatsächlich aber stammt es nicht von diesem Autor deutscher Sprache und jüdischer Identität, sondern vom spanischen Lyriker Antonio Machado (1875-1939).[2] Die Halbzeile aus dem Gedicht „Im Gehen entsteht der Weg“ scheint zu bestreiten, dass der Mensch vorbereitete Wege geht. Vielmehr erwächst aus seinem Gehen ein Weg. Die Alltagsregel scheint außer Kraft gesetzt. Geht doch diese Alltagsregel darauf, dass der Mensch, der sich auf den Weg macht, diesen Weg kennt, um sein Ziel weiß, Weg und Ziel ihm also vorgegeben sind. Aber es gibt auch das Andere, das Unwägbare. Wege sind nicht vorhanden. Oder sie sind verstellt oder verschüttet. Weder das Ziel verschütteter Wege noch ihre genaue Richtung oder Gestaltung, ihre Gräben oder Höhen sind bekannt.


So haben die geschichtlichen Erfahrungen besonders des zweiten Jahrtausends christlicher Zeitrechnung zwischen dem Judentum und Christentum die Wege zueinander verstellt und verschüttet. Stand doch an dessen Beginn die Vernichtung der jüdischen Gemeinden von Speyer, Worms und Mainz durch die Kreuzzugshaufen des Emicho von Leimingen im Sommer 1096 und an dessen Ende die Schoa, welche die christlich-jüdische Beziehung so abgrundtief verdunkelt. Aus diesem Abgrund und Dunkel schien kein Weg herauszuführen. Es war kein vorgezeichneter Weg vorhanden. Und doch gingen jüdische und christliche Frauen und Männer aufeinander zu und machten sich auf, um das geschichtlich Unwahrscheinliche, ja Unmögliche zu versuchen, einander zu nähern und miteinander zu fragen, ob es nicht doch Auswege aus den Abgründen und Finsternissen gebe. Für diese Versuche steht eine im Rückblick erstaunlich frühe internationale Konferenz vom Sommer 1947. Christliche sowie jüdische Frauen und Männer versammelten sich im schweizerischen Seelisberg, um die Lehre der Kirchen einer Überprüfung ihrer Aussagen zum Judentum zu unterziehen und Ansätze zur Überwindung judenfeindlicher Vorurteile zu formulieren.[3] In den Seelisberger Thesen deuteten sich allererste Konturen eines Weges aufeinander zu an.


Den damals Beteiligten hätte man aus Antonio Machados Gedicht die Zeilen zurufen können: „Wanderer, es gibt keinen Weg, / Weg entsteht im Gehen. / Im Gehen entsteht der Weg“. Auf das Gehen ließen sich dann weitere jüdische und christliche Frauen und Männer ein und zwar zunächst ohne ein Mandat ihrer Gemeinschaften. Erst später beteiligten sich ihre Gemeinschaften daran und gaben Impulse für die Begegnung. Im Gehen aller wurden die Konturen von Wegen kräftiger. Es bahnten sich Wege zueinander, und ein Neuland ihrer Beziehungen schien sich anzudeuten. Dabei wurden immer wieder konkrete und überraschende Erfahrungen gemacht. Deshalb seien konkrete Erfahrungen vergegenwärtigt. Es werden Phasen des Dialogs nach der Schoa benannt. Begegnungen der 1980-er Jahre im deutschen Kontext bildeten eine Schwellenphase. Der Gesprächskreis „Juden und Christen“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken ist einer der Akteure der damaligen wie heutigen Begegnungen. Allen Fortschritten zum Trotz bleiben der christlich-jüdischen Begegnung gewichtige Herausforderungen.


1. Begegnungserfahrungen im deutschen Kontext der 1980-er Jahre

Das Christentum ist ohne Judentum undenkbar. Diese Einsicht erscheint heute selbstverständlich, ist jedoch eine Frucht des jüdisch-christlichen Dialogs nach der Schoa. Dieser Dialog bildet eine schmale Tradition, für die Johann Baptist Metz[4] in den 1980-er Jahren vier Phasen unterschieden hat: Aus dem Entsetzen über die Schoa erwuchs zunächst das „Stadium eines diffusen Wohlwollens, das seinerseits wenig stabil und krisenfest ist“. Die zweite Phase nannte Metz eine „der theologischen Diskussion des Übergangs ‚von der Mission zum Dialog’ zwischen Christen und Juden“. Mit dem Übergang „von der Mission zum Dialog“ bildeten sich in einer dritten Phase „Ansätze zu einem bewussten theologischen Umdenken“ aus. Sie sind in einer Vielzahl von kirchlichen Dokumenten und wissenschaftlichen Studien zu greifen, die auf die Überwindung der „Lehre der Verachtung“ abzielen, als welche Jules Isaac[5] die jahrhundertelange christliche Lehre kennzeichnete. Dokumente und Studien streben eine Lehre des Respekts gegen­über dem jüdischen Volk und Judentum an. Der Dialog fördert in dieser Phase die christliche Bereitschaft, das Christentum nicht gegen oder ohne Judentum zu definieren, sondern die eigene Glaubenstradition in der Verbundenheit mit ihm zu begreifen.


Aus jüdischer Sicht gibt es anders akzentuierte Phasenskizzen des Dialogs. In einer Nähe zur Metz’schen Skizze steht die Beschreibung von Jakob J. Petuchows­ki (1925-1991), der von drei Stadien im christlich-jüdischen Gespräch sprach: dem Anfang eines „vorurteilslosen gegenseitigen Sich-Kennen­lernens“ folgte der Versuch zur Verständigung über religiöse Fragen jenseits mis­sio­narischer Absichten, welcher auf ein „drittes Stadium“ zulief; dort habe es darum zu gehen, „wie sich die beiden Religionen, bei aller Betonung sowohl des Gemein­samen wie auch des Trennenden, gegenseitig theologisch einschätzen – und zwar sub specie Dei.“[6] Petuchowski hätte wahrscheinlich die Initiative seines Schülers Michael Signer zur Erklärung „Dabru Emet (Redet Wahrheit): Eine jüdische Stellungnahme zu Christen und Christentum“ vom 10. September 2000 kräftig unterstützt.[7] Mit „Dabru Emet“ hat das jüdisch-christliche Gespräch auf jüdischer Seite eine korporative Verdichtung erfahren. Das Dokument ist eine nicht ganz unstrittige Vertrauenskundgabe zur jüdisch-christlichen Beziehung. Johann Baptist Metz wie auch Jakob J. Petuchowski legten ihre Phasenkennzeichnung des Dialogs 1984 bzw. 1985 vor. Dies hat mit dem Rheinischen Synodalbeschluss von 1980 seinen Signalwert, insofern die 1980-er Jahre für die christlich-jüdische Beziehung in Deutschland eine eigene Tragweite haben. Eine konkrete Erfahrung im politischen Bereich mag dies veranschaulichen.


Am 27. Februar 1985 empfing der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker den Vorstand des Deutschen Koordinierungsrates in der Villa Hammerschmidt, seinem Amtssitz in Bonn. Mit meinen Kollegen Rabbiner Henry Brandt und Oberkirchenrat Eckhard von Nordheim war ich gespannt auf das Anliegen des Bundespräsidenten. Sehr bald kam er auf sein Hauptinteresse zu sprechen: „Meine Herren, die Politik und Öffentlichkeit erwartet, dass der Bundespräsident am 8. Mai, dem vierzigsten Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs, spricht. Was soll ich Ihrer Meinung nach sagen?“ In unserem Gespräch äußerte ich den Eindruck, dass wir in den Umkreis einer biblischen Erfahrung gekommen seien. In der Bibel haben z.B. vierzig Jahre eine besondere Bedeutung. Biblisch stehe nach vierzig Jahren ein Wechsel der Generation an. „Und wir haben 1978, 40 Jahre nach der Reichspogromnacht, in Deutschland das Gedenken dazu in einer Intensität erlebt, wie es weder zuvor noch nachfolgend ähnlich intensiv war. Und ein Jahr später, 40 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkrieges, wurde 1979 die amerikanische Fernsehserie ‚Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss‘ im deutschen Fernsehen ausgestrahlt und löste in Deutschland eine so engagierte Diskussion über die nationalsozialistische Vergangenheit aus, wie wir sie zuvor nicht kannten. Und gegenwärtig erleben wir 40 Jahre nach Kriegsende eine erhöhte Aufmerksamkeit auf dieses Datum in der deutschen Öffentlichkeit.“ Der Bundespräsident stimmte zu und meinte, er habe 1978 in Berlin am Gedenkakt zu vierzig Jahren der Pogromnacht teilgenommen. Es sei schrecklich kalt gewesen, aber auch so intensiv wie noch nie. Und er fragte, ob ich ihm etwas zum biblischen Verständnis der 40 Jahre schreiben könne. Ich tat es und war überrascht, dass der Bundespräsident in seiner historischen Rede am 8. Mai 1985 dem biblischen Gedanken Ausdruck gab. Der 8. Mai sei für die Deutschen weniger ein Grund der Klage über eine Niederlage. Eher gelte anderes. Wörtlich: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“  Die Rede wurde als eine Sternstunde deutscher Nachkriegsgeschichte empfunden. Sie fand ein überragendes Echo in der internationalen Öffentlichkeit und gab der Erinnerungskultur der Bundesrepublik eine neue Qualität. Gegen Schluss nahm der Bundespräsident die Frage auf, warum vierzig Jahre nach Kriegsende die Auseinandersetzung so intensiv sei, und sagte: Im Alten Testament „spielen vierzig Jahre eine häufig wiederkehrende, eine wesentliche Rolle. Vierzig Jahre sollte Israel in der Wüste bleiben, bevor der neue Abschnitt in der Geschichte mit dem Einzug ins verheißene Land begann. Vierzig Jahre waren notwendig für einen vollständigen Wechsel der damals verantwortlichen Vätergeneration … vierzig Jahre (bedeuten) stets einen großen Einschnitt.[8]  

 

Dass ein Einschnitt vorlag, machte der Deutsche Koordinierungsrat mit seinem Leitthema des folgenden Jahres 1986 deutlich. Es nahm ein Wort von Franz Rosenzweig auf: „Bewährung liegt noch vor uns“. Die zentrale Eröffnung der Woche der Brüderlichkeit 1986 fand in Duisburg statt und zwar in der Rhein-Ruhr-Halle. Die Wahl des Ortes war eine Anerkennung der intensiven christlich-jüdischen Arbeit in Duisburg. Initiator der dortigen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit war Heinz Kremers, der als evangelischer Religionspädagoge an der Universität Duisburg an Brücken der Geschwisterlichkeit zwischen Christen und Juden baute. Er hatte maßgeblich beim Beschluss der Synode der Evangelischen Kirche im Rheinland „Zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden“ vom 11. Januar 1980 mitgewirkt, die evangelischen Schulbücher auf ihre Darstellung von Juden, Judentum und Staat Israel hin untersucht und für Studierende und Religionslehrer/innen Studienfahrten nach Israel verantwortet.[9] Heinz Kremers erhielt nun 1986 die Buber-Rosenzweig-Medaille. Neben dem damaligen Ministerpräsidenten Johannes Rau als Laudator sprach auch Bundespräsident von Weizsäcker. Zum ersten Mal waren unter den mehr als 4 000 Gästen des Eröffnungsakts auch Muslime.[10]

 

Die angesprochenen Begebenheiten stehen für die erlebnisdichte Phase der 1980-er Jahre in Deutschland und haben einen eigenen politischen Kontext. Zu diesem Kontext zählten Kontroversen wie die sog. Bitburg-Affäre von 1985, in der Bundeskanzler Helmut Kohl gemeinsam mit dem US-Präsidenten Ronald Reagan einen Kranz an der Kriegergräberstätte Bitburg niederlegte, wo Angehörige der Waffen-SS beerdigt waren. Oder der Historikerstreit von 1986/87 mit seiner zeitgeschichtlichen Debatte um die Singularität oder Vergleichbarkeit des Holocaust. Ähnliches geschah damals auch im philosophisch bzw. theologisch geprägten Bereich. Es hatte z.B. die Bitburg-Affäre zu internen Kontroversen im Gesprächskreis „Juden und Christen“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken geführt. Die jüdischen und katholischen Mitglieder des Gesprächskreises fühlten sich zu einer Klärung der Grundlage ihrer Begegnung herausgefordert. Diesen Klärungsprozess stellte der Kreis in den Dienst des Gedenkens des 50. Jahrestags der Pogromnacht und veröffentlichte ein Papier: „‘Nach 50 Jahren – wie reden von Schuld, Leid und Versöhnung?‘ Erklärung 50 Jahre nach der Reichspogromnacht“ vom 19. Februar 1988.[11] Die Erwägungen wurden aufmerksam aufgenommen. Damals brachte sich zur Erfahrung: Im Ausloten von christlich-jüdischer Nähe und Fremdheit ist keine Bequemlichkeit zu erwarten. Die Begegnung hat ihre eigenen Anforderungen. Dies hat der diesjährige Preisträger der Buber-Rosenzweig-Medaille, der ZdK-Gesprächskreis, vielfach erfahren und in seinen Beiträgen konstruktiv umgesetzt.

 

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[1] Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit – Deutscher Koordinierungsrat e.V. (Hg.), Im Gehen entsteht der Weg – Impulse christlich-jüdischer Begegnung. Themenheft 2015, Bad Nauheim 2014, 4.

[2] Das Gedicht lautet: „Wanderer, deine Spuren / Sind der Weg, sonst nichts; / Wanderer, es gibt keinen Weg, / Weg entsteht im Gehen. / Im Gehen entsteht der Weg, / und schaust du zurück, / siehst du den Pfad, den du / nie mehr betreten kannst. / Wanderer, es gibt keinen Weg, / nur eine Kielspur im Meer“, zitiert nach: Erik Esterbauer, Eine Zone des Klangs und der Stille. Luigi Nonos Orchesterstück 2*) No Hay Caminos, Hay que caminar… , Würzburg 2011, 30.

[3] Die Seelisberger Thesen vom August 1947, in: Rolf Rendtorff/Hans Hermann Henrix (Hg.), Die Kirchen und das Judentum. Band I: Dokumente von 1945 bis 1985, Paderborn/Gütersloh 20013 (im Folgenden: KuJ I), 646f,

[4] Vgl. Johann Baptist Metz, Im Angesicht der Juden. Christliche Theologie nach Auschwitz: Concilium 20 (1984) 382-389, 385.

[5] Jules Isaac, L’enseignement du mépris. Vérité historique et mythes théologiques, Paris 1962.

[6] Jakob J. Petuchowski, Drei Stadien im christlich-jüdischen Gespräch: Orientierung 49 (1985) 64-67.

[7] Text in: Hans Hermann Henrix/Wolfgang Kraus (Hg.), Die Kirchen und das Judentum. Band II: Dokumente von 1986 bis 2000, Paderborn/Gütersloh 2001 (im Folgenden KuJ II), 974-976.

[8] Richard von Weizsäcker, Zum 40. Jahrestag der Beendigung des Krieges in Europa und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Ansprache am 8. Mai 1985 im Plenarsaal des Deutschen Bundestages, Bonn 1985.

[9] Näheres zum Wirken von Heinz Kremers siehe in den Gedenk-Beiträgen für ihn: Umkehr und Erneuerung – Theologie und Religionsunterricht im Angesichts Israels, in: epd-Dokumentation Nr. 27, Frankfurt am Main 2014.

[10] Stadt Duisburg (Hg.), Wochen der Brüderlichkeit 16. Februar – 16. März 1986 in Duisburg. „Bewährung liegt noch vor uns – Juden, Christen und Muslime im Gespräch“, Duisburg 1986.

[11] Gesprächskreis „Juden und Christen“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken, Nach 50 Jahren - wie reden von Schuld, Leid und Versöhnung? Erklärung 50 Jahre nach der Reichspogromnacht vom 19. Februar 1988, in: KuJ II, 341-353 und: Hanspeter Heinz (Hg.), Um Gottes willen miteinander verbunden. Der Gesprächskreis „Juden und Christen“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken, Münster 2004, 39-55.

 

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