Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Gerhard Gronauer

50 Jahre deutsch-israelische Beziehungen – und wir? 

Wie wir eine verantwortliche Haltung zum Staat Israel und zum Nahostkonflikt finden[1]

 

♦   Dr. Gerhard Gronauer ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im „Synagogenprojekt Bayern“ an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau und Lehrbeauftragter für Kirchengeschichte des 19. und 20. Jahrhundertsman der CVJM-Hochschule in Kassel. Der evangelische Pfarrer lebt in Dinkelsbühl (Kreis Ansbach).

 

Am 12. Mai 2015 blickten die Bundesrepublik Deutschland und der Staat Israel gemeinsam darauf zurück, dass sie vor genau 50 Jahren offizielle diplomatische Beziehungen eingegangen waren. Mit dem Botschafteraustausch 1965 hätte eine „der erstaunlichsten Erfolgsgeschichten der jüngeren Geschichte“ begonnen – urteilte eine große Tageszeitung –, nämlich die intensiven deutsch-israelischen Beziehungen, die nicht nur auf politischer, sondern auch auf wirtschaftlicher, technischer und militärischer Ebene gepflegt werden würden.[2]

 

Das jetzige Gedenkjahr an die deutsch-israelischen Beziehungen möge uns erneut fragen lassen, wie wir zu einer verantwortungsvollen Haltung zum Staat Israel finden. Zwischen dem Staat Israel auf der einen und dem palästinensischen Volk und benachbarten islamischen Nationen auf der anderen Seite herrscht seit Jahrzehnten eine Gegnerschaft, die wir verkürzt als ‚israelisch-palästinensischen Konflikt‘ oder als ‚Nahostkonflikt‘ bezeichnen. Die Suche nach einer verantwortungsvollen Haltung zum Staat Israel und das Bemühen um eine angemessene Einschätzung des Nahostkonflikts bedingen sich gegenseitig.

 

Ich sage bewusst ‚verantwortungsvoll‘. Ich spreche nicht von einer ‚wahren‘, ‚richtigen‘ oder ‚objektiven‘ Haltung. Wo solche gewichtigen Wörter benutzt werden, ist meist Zweifel angebracht. Wenn Bücher über den Nahostkonflikt Untertitel haben wie „Mythos oder Realität“[3], werde ich skeptisch. Denn deren Autoren pflegen einen dezidierten Wahrheitsanspruch und qualifizieren konkurrierende Ansichten als Mythos ab. Mir geht es einfach um eine ‚verantwortungsvolle‘ Haltung, um eine Position, die ich politisch, ethisch und auch – und hier spricht der Pfarrer in mir – theologisch gut verantworten kann.

 

1. Der Weg zum deutsch-israelischen Botschafteraustausch 1965

Gehen wir nun einen Schritt zurück: Wie kam es eigentlich zum deutsch-israelischen Botschafteraustausch von 1965, dem Ereignis, an das wir uns in diesem Jahr erinnern? Am Anfang stand auf deutscher Seite Bundeskanzler Konrad Adenauer und sein Wunsch, die Bundesrepublik Deutschland wieder zu neuem Ansehen in der Weltgemeinschaft zu verhelfen. Dabei war ihm die Westintegration faktisch wichtiger als die Wiedervereinigung. Um in der westlichen Staatengemeinschaft akzeptiert zu sein, musste die Bundesregierung zeigen, dass sie sich von den Verbrechen des Nationalsozialismus distanziert und von dessen Ideologie gelöst hatte. Der Realpolitiker Adenauer trieb deshalb die Versöhnung mit den Juden voran. Das Ergebnis war der Luxemburger Vertrag von 1952.

 

1.1. Der Luxemburger Vertrag 1952[4]

Am 11. November 1949 sprach Adenauer in einem Interview von einer ‚Wiedergutmachung‘ gegenüber Juden (nicht gegenüber Israelis). Der Terminus ‚Wiedergutmachung‘, der von einem jüdischen Emigranten in Amerika geprägt worden sein soll, stellte eine unglückliche Begriffswahl dar, implizierte er doch, man könne den Mord an den Juden wieder ungeschehen machen. Gleichwohl hat sich dieser Terminus in Bezug auf den Luxemburger Vertrag durchgesetzt, zumal dadurch der unbeliebtere Ausdruck ‚Reparationen‘ vermieden werden konnte. Die israelische Seite führte zusätzlich den Neologismus ‚Schilumim‘ im Sinne von ‚Zahlungen‘ ein.

 

Adenauer erklärte am 27. September 1951 vor dem Bundestag, dass im Namen des deutschen Volkes „unsagbare Verbrechen begangen worden [sind], die zur moralischen und materiellen Wiedergutmachung verpflichten.“ In Wassenaar bei Den Haag begannen am 21. März 1952 die Verhandlungen zwischen der Bundesrepublik auf der einen sowie dem Staat Israel und der Jewish Claims Conference auf der anderen Seite; letztere vertrat die nicht-israelischen Juden. Die westdeutsche Delegation wurde von Franz Böhm (CDU) als Hauptverantwortlichem und Otto Küster (SPD) als Stellvertreter geleitet. Böhm war seit 1947 berufenes Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

 

Die Verhandlungen in Wassenaar hätten schneller zu einem Ergebnis geführt, wenn Mitglieder der Bundesregierung die Forderungen Israels und der Claims Conference nicht als zu hoch zurückgewiesen hätten. Auf Wunsch der deutschen Seite wurden die Verhandlungen im April 1952 offiziell unterbrochen. Nicht nur die Israelis, auch Böhm und Küster waren derart empört, dass sie ihren Rücktritt einreichten. Weil sich Adenauer kein Scheitern leisten konnte, stimmte er schließlich den geforderten 4 Milliarden DM als Verhandlungsbasis zu. Franz Böhm ließ sich von Adenauer überreden, wieder an den Verhandlungen teilzunehmen. Am 24. Juni 1952 wurden die Verhandlungen in Wassenaar offiziell wieder aufgenommen.

 

Nun kam man relativ schnell zu einer Einigung, sodass am 10. September das Abkommen im Luxemburger Rathaus durch Bundeskanzler Adenauer und Israels Außenminister Moshe Sharett unterzeichnet werden konnte. Damit „hatten die ersten offiziellen staatsrechtlich zum Ausdruck gebrachten Beziehungen zwischen Israel und der Bundesrepublik Deutschland begonnen.“[5] Die Bundesrepublik hatte bewiesen, dass sie willens war, auch politische Konsequenzen aus der historischen Verantwortung zu ziehen. Der Vertragstext legte fest, dass die Bundesrepu-blik dem Staat Israel 3,45 Milliarden DM zahlen werde, in denen 450 Millionen DM für die Claims Conference enthalten seien. Die Bundesrepublik werde die drei Milliarden DM größtenteils in Form von Warenlieferungen zur Verfügung stellen – und hatte diese 1965 abgeschlossen. Der Staat Israel erklärte, dass nun alle seine Forderungen gegenüber der Bundesrepublik für alle Zeiten erfüllt seien.

 

Mit dem Abkommen hatte die Bundesrepublik den Staat Israel zwar faktisch, aber nicht offiziell anerkannt. Die Diskussionen gingen daher weiter.

 

1.2 Christliche Unterstützung der Wiedergutmachung

Die Wiedergutmachungsverhandlungen waren in der israelischen wie auch in der deutschen Bevölkerung umstritten, aber aus ganz unterschiedlichen Gründen. Debattierten die Israelis darüber, ob man aus den Händen des Tätervolkes überhaupt Geld annehmen sollte, fühlten sich viele Deutsche zu Unrecht zur Kasse gebeten. Sie sagten, der Staat Israel habe während der NS-Zeit noch nicht existiert, deshalb sei die Bundesrepublik nicht zu Reparationen verpflichtet. In dieser Situation votierten viele engagierte Deutsche zugunsten einer Wiedergutmachung. Juristischen Argumenten begegneten sie mit dem Hinweis auf eine unumgängliche moralische Verpflichtung. Zu diesem Personenkreis gehörten zahlreiche kirchliche Vereinigungen (z.B. der ‚Deutsche Evangelische Ausschuss für Dienst an Israel‘), prominente christliche Laien (z.B. Erich Lüth) und evangelische Theologen wie Heinrich Grüber, Hermann Maas und Karl Heinrich Rengstorf.

 

1.3 Die diplomatische Anerkennung

Eine weitere Station auf dem Weg zu vollen und offiziellen deutsch-israelischen Beziehungen war die Begegnung zwischen Bundeskanzler Adenauer und dem israelischen Ministerpräsidenten David Ben Gurion im New Yorker Waldorf Astoria Hotel  im März 1960. Das rief ein großes Medienecho hervor, weil „ein Vertreter des Volkes der Opfer und ein Vertreter des Volkes der Täter gemeinsam wie alte Freunde an einem kleinen Couchtisch“ saßen.[6] Das Foto suggerierte eine Normalität, die es so noch gar nicht gab. Den Israelis gefiel es beispielsweise überhaupt nicht, dass deutsche Wissenschaftler, darunter ehemalige Nationalsozialisten, in der ägyptischen Rüstungsindustrie tätig waren. Israels Außenministerin Golda Meir forderte die Bundesregierung auf, die deutschen Forscher zur Rückkehr an den Rhein zu veranlassen. Die israelische Regierung hatte kein Verständnis dafür, dass die Bundesrepublik gegen die Waffenexperten am Nil keine wirksamen Maßnahmen ergreifen konnte. Schließlich bestand ja Reise- und Forschungsfreiheit. Für viele Israelis waren die Deutschen am Nil ein Menetekel dafür, dass die Feinde von einst die Feinde von morgen unterstützen würden.

 

Der Bundesrepublik wurde von Seiten Israels übel genommen, dass sie jahrelang keine Anstalten machte, die zwischenstaatlichen Beziehungen zu normalisieren. Außer Spanien, Portugal und der Vatikan hatte im westlichen Europa zuletzt nur Westdeutschland den Staat Israel nicht anerkannt. Die Bundesregierung fühlte sich an die ‚Hallstein-Doktrin‘ gebunden, mit der sie die Anerkennung der DDR verhindern wollte. Die Sorge war nicht ganz unbegründet, hatte der ägyptische Staatspräsident Nasser doch schon 1956 „mit der Anerkennung der DDR für den Fall einer Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Bonn und Tel Aviv gedroht.“[7]

 

Der Druck der westdeutschen und israelischen Öffentlichkeit wurde immer größer. Adenauer schwenkte im Sommer 1963 um und äußerte seinen Wunsch nach baldiger Herstellung offizieller Beziehungen zu Israel, was bis zum Ende seiner Kanzlerschaft im Oktober nicht mehr realisiert werden konnte. Nachdem der DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht von Ägyptens Präsident Nasser im Februar 1965 empfangen wurde und die ‚Hallstein-Doktrin‘ damit hinfällig geworden zu sein schien, beschloss Bundeskanzler Ludwig Erhard am 7. März 1965 ohne Rücksprache mit anderen Regierungsmitgliedern, „dem Staat Israel die Aufnahme diplomatischer Beziehungen anzubieten. Der Zorn im Auswärtigen Amt und selbst im Kanzleramt war erheblich.“[8] Die Knesset stimmte am 16. März für diplomatische Beziehungen, die durch den Notenaustausch beider Regierungschef am 12. Mai offiziell wurden. Im August 1965 traten die Botschafter ihren Dienst an: Asher Ben Natan in Bonn und Rolf Friedemann Pauls in Tel Aviv. Von den 13 arabischen Staaten hielten nach Abschluss der Vereinbarungen nur Marokko, Tunesien und Libyen ihre Beziehungen zur Bundesrepublik aufrecht. Allerdings kam es auch nicht zur befürchteten Anerkennung Ost-Berlins. Nach einigen Jahren stellten auch die anderen arabischen Staaten die abgebrochenen Beziehungen zur Bundesrepublik wieder her.

 

1.4 Christliche Unterstützung der diplomatischen Beziehungen[9]

Anfang der 1960er Jahre plädierten vor allem solche Personen und Gruppierungen in der Bundesrepublik für die diplomatische Anerkennung des Staates Israel, die sich als progressiv, friedensbewegt oder ökumenisch orientiert verstanden. Deren Kampagnen beinhalteten auch Forderungen nach Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und nach Aussöhnung mit dem Judentum. Zu den Aktionsgruppen gehörten viele evangelische Christen. Sie brachten sogar den Rat der EKD dazu, eine Stellungnahme abzugeben.

Unter dem Vorsitzenden Kurt Scharf forderte der Rat der EKD die Bundesregierung am 26. Oktober 1964 dazu auf, ihre Angst vor den „Rückwirkungen“ etwaiger deutsch-israelischer Beziehungen aufzugeben.[10] Es war ja nicht auszuschließen, dass eine Anerkennung der DDR durch die arabischen Staaten „sich auf die Wiedervereinigung Deutschlands nachteilig auswirken“ könnte. Trotzdem sollten sich politische Entscheidungen nach „moralischen Erfordernissen“ richten: „Nach allem, was wir Deutschen den Juden gegenüber auf uns geladen haben, muß es eine vordringliche Aufgabe der deutschen Politik sein, unser Verhältnis zu Israel zu normalisieren.“ So hatte der westdeutsche Protestantismus den öffentlichen Druck wesentlich mit verstärkt, durch den sich der Bundeskanzler veranlasst sah, die Anerkennung des Staates Israels voranzutreiben.

 

Die theologische Weitsicht des Rates der EKD zahlte sich am Ende aus. „Nur wenn das deutsche Volk seine Entscheidungen von solchem Grunde her trifft“, schrieb das kirchliche Gremium und meinte damit die Priorität moralischer Gründe über strategische Überlegungen, nur dann „darf es hoffen, daß auch seine eigene Zukunft heil werden wird.“ Die befürchtete Anerkennung der DDR durch arabische Staaten blieb ja aus. Und schließlich wurde auch die damals zurückgestellte „Wiedervereinigung Deutschlands“ Wirklichkeit.

 

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[1] Dieser Text geht auf Vorträge zurück, die ich 2014/15 in etlichen bayerischen Städten sowie am 12. Mai 2015 in Gießen auf Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung gehalten habe.

[i] Herzinger, Richard: Das Wunder geht weiter. Die deutsch-israelischen Beziehungen können wir im Jubiläumsjahr 2015 noch vertiefen – im eigenen Interesse. In: Die Welt vom 31.12.2014, S. 8.

[3] Finkelstein, Norman G.: Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern. Mythos und Realität. Kreuzlingen/München 2002. – Siehe auch den fast gleichlautenden Untertitel bei Flapan, Simcha: Die Geburt Israels. Mythos und Wirklichkeit. München 2005.

[4] Siehe dazu Gronauer, Gerhard: Der Staat Israel im westdeutschen Protestantismus. Wahrnehmungen in Kirche und Publizistik von 1948 bis 1972 (AKIZ.B57). Göttingen 2013. S. 115-125. Dort auch Nachweise der hier nicht ausdrücklich belegten Zitate.

[5] Vogel, Rolf (Hg.): Der deutsch-israelische Dialog – Dokumentation eines erregenden Kapitels deutscher Außenpolitik. Teil I: Politik, Bd. 1, München/New York/London/Paris 1987. S. 144.

[6] Jelinek, Yeshayahu A. / Blasius, Rainer A.: Ben Gurion und Adenauer im Waldorf Astoria. Gesprächsaufzeichnungen vom israelisch-deutschen Gipfeltreffen in New York am 14. März 1960, in: VZG 45 (1997), S. 309–344, hier S. 309.

[7] Ebd., S. 310.

[8] Jelinek, Yeshayahu A.: Deutschland und Israel 1945–1965. Ein neurotisches Verhältnis (Studien zur Zeitgeschichte 66). München (2004), S. 458.

[9] Siehe dazu Gronauer, Gerhard: „Moralische Erfordernisse ersten Ranges“. Protestantische Stimmen zugunsten des deutsch-israelischen Botschafteraustausches 1965, in: Mitteilungen zur Kirchlichen Zeitgeschichte (9/2015), 67-88. Vgl. auch meine Studie: Staat Israel, S. 185-190.

[10] Dieses und alle weiteren Zitate aus der Stellungnahme des Rates der EKD sind dem Brief des Ratsvorsitzenden Kurt Scharf an Bundespräsident Heinrich Lübke vom 26. 10. 1964 entnommen (Evangelisches Zentralarchiv Berlin, 2/5254 und 81/2/256). Komplett dokumentiert wird dieses Schreiben des Rates der EKD erstmals im bereits erwähnten Aufsatz unter dem Titel „Moralische Erfordernisse ersten Ranges“.

 

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