Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

PDF Drucken E-Mail

Edna Brocke

Erinnerungen an Fronleichnam 1.6.1972

Gewidmet den Zwillingsbrüdern Ekkehard W. und Wolfgang Stegemann zum 70. Geburtstag


Der nachfolgende Bericht einer persönlich erlebten Begebenheit – auf dem jüdischen Friedhof in Regensburg, die sich am katholischen Feiertag Fronleichnam abspielte –, spiegelt im Kleinen die Jahrhunderte alte Kluft zwischen Christentum und Judentum.

Dieser Kluft haben sich die Brüder Ekkehard und Wolfgang Stegemann seit Jahren bewusst gestellt, im unermüdlichen Versuch, die konstitutive Unüberwindbarkeit zu akzeptieren und einen Weg zu finden, mit ihr zu leben ohne die inhärente Feindschaft zum Judentum fortzudenken. Sie taten und tun dies sowohl in ihrem wissenschaftlich-theologischen Schaffen ebenso wie im politischen Kontext, im Kampf gegen die systematische Ausgrenzung des Staates Israel durch christliche und linke Aktivisten verschiedener Berufe.

 

Für dieses ihr Nachdenken und Tun gilt ihnen beiden unser aller Dank.


Eine lange Reise hatte er noch vor sich, die er – zur Abwechslung wie er sagte – dieses Mal im Zug unternahm, um die Zeit zu nutzen, wie er unterstrich. Abwechslung war für ihn wichtig, ja bald zur Gewohnheit geworden. Eigentlich konnte er keiner ruhigen, geregelten Arbeit nachgehen, immer unterwegs sein, war, ja wurde zu seinem Lebenselixier. Aber was war an seinem Leben zuvor schon geregelt? Nichts. Nicht einmal die Schule konnte er den Regeln nach beenden; Zwölf Jahre war er alt, als seine Mutter – die Zeichen der Zeit erkennend – mit ihm einen anderen Kontinent als Zuflucht erreichte. Aus Hans wurde Juan und jede Tätigkeit war ihm damals gut genug um sich selbst und Mutter über die Runden zu bringen. Flexibilität und Bereitschaft zum Wechsel waren schlicht Überlebensnotwendigkeiten. Seither wurden sie zur zweiten Natur auch wenn diese so wenig nach Bayern mit dessen Gelassenheit und Ruhe passten.


Nun sitzt er etliche Jahre später im Zug, nicht auf dem Deck eines Auswanderer- oder Flüchtlingsschiffes und schaut aus den großen Fenstern des klimatisierten Wagens in eine vertraut-fremde Ferne, hört dem Rattern der Räder im Gleichlaut zu, wie sie ihm leiser, seinen wandernden Gedanken folgend, immer leiser werden, wie sie ihn bald an die Schritte auf dem Kiesweg erinnern, letzten Donnerstag, ein Donnerstag im Juni, dem 19. des Monats Siwan 5732, auf dem kleinen Friedhof seiner Süddeutschen Geburtsstadt. Der erste Jahrestag. Seiner Mutter, die ein Jahr zuvor so resolut starb wie sie lebte, wurde am letzten Donnerstag auf dem Friedhof gedacht. Eine knappe, kurze Gedenkzeremonie, wie immer am „Jahrzeittag“.


Das Grab in der ersten Reihe an der hohen Mauer, die den Friedhof vom großzügig angelegten, einst fürstlichen, heute bürgerlichen, Stadtpark trennt. Ein Grab an der Hohen Mauer unter einer mächtigen Kastanie, die vom Stadtpark aus ihre weit ausgefächerten Äste auch über den Friedhof ausschickt, die in ihren Höhen die Mauer nicht beachtet, und so glauben lässt, alles sei eins, alles gehöre zusammen: Friedhof, Stadtpark ...


Ein Grab an der hohen Mauer. Ringsumher ein Minjan – zehn jüdische Männer – und dazu noch einige Männer mehr; aber auch viele Frauen kamen zum Jahrzeit-Gedenken auf den Friedhof. Ein langer Geleitzug. Als die letzten über den Kiesweg kommend das Grab erreicht hatten, stimmte der Kantor an: El male rachamim. schochen bameromin - hamtzä. menucha nechona tachat kanfej haschechineh ... Gott voller Erbarmen, der in den Himmelshöhen thront, gewähre vollkommene Ruhe unter deinen Fittichen.


Der Kantor erhebt seine Stimme, während erste Schritte auf einem anderen, nicht sichtbaren Kiesweg zu vernehmen sind, Schritte, die wie ein immer lauter werdendes Rauschen scheinen und das Singen des Kantors rasch übertönen. Die Schritte auf jenen Kiessteinen kommen langsam, bedächtig aber zahlreich und stetig – sie kommen immer näher, werden immer noch zahlreicher – nur zu sehen ist nichts.


Die kleine Trauergemeinde steht vor dem Grab, in der ersten Reihe an der hohen Mauer. Man erinnert sich der alten, zart-zierlichen, feinen Dame, die vor einem Jahr hier zu Grabe getragen wurde. Seine Mutter, die ihn bewahrte und begleitete, die sogar eine Rückkehr wagte und ihn wieder und immer wieder unterstützte „als alles vorbei war“, als er wieder Hans und sie wieder Rosi wurden, als so viele Bekannte von damals sie glauben machen wollten, es habe sich doch nur um einen Spuk gehandelt.


Eine kleine Trauergemeinde steht vor dem Grab, in der ersten Reihe an der hohen Mauer, nimmt die Sonnenstrahlen die durch die starr-schützenden Äste der Kastanie aus dem Stadtpark durchschimmern wahr, hört dem ergriffen-ergreifenden Kantor zu und wartet darauf, dass der Sohn nach vorne tritt und Kaddisch sagt ...


Die Schritte auf dem Kiesweg jenseits der hohen Mauer werden immer deutlicher, kommen immer näher. Ein Donnerstag im Frühsommer. Das Raunen von Stimmen und die Stille von Konzentriertheit bohren sich durch die hohe Mauer hindurch – auch wenn nichts zu sehen, nichts wirklich wahrzunehmen ist.


Langsam muss die Prozession wohl die Höhe des Grabs auf der anderen Seite der hohen Mauer erreicht haben. Ein großer Ast der Kastanie bewegte sich plötzlich, rasch, und nur ganz kurz: Das hochgetragene Kreuz des ersten Ministranten an der Spitze der Fronleichnams-Prozession hat den Ast touchiert und beiseite geschoben. Die Stimmen werden immer deutlicher, kein Raunen ist das mehr, sondern Menschen sprechen gemeinsam in anderer Sprache, aus anderem Anlass, mit anderer Intention, auf der anderen Seite der hohen Mauer, Worte, die sie untereinander und miteinander verbinden.


Der Sohn tritt aus der Gruppe hervor und an das Grab heran. Jitgadal we-jitk-adasch schmej rabba, be-alma di-wra chir-utej wejamlich malchutej, Erhoben und geheiligt werde sein großer Name in der Welt, die er nach seinem Willen erschaffen hat ... Und sprecht: Amen.


Wortgewirr; unentwirrbares Gemurmel und Laute, verbunden mit beabsichtigten Worten verloren im Knirschen vieler Schritte im Kies auf dem gewundenen Weg im Park, jenseits der Mauer. Wortgewirr, steigt empor. Menschen, sehr viele Menschen, folgen einer auf dem Traum der Nonne Juliane von Lüttich begründeten Tradition, von Papst Urban dem IV. zu einem Fest mit Sakramentsprozession erhoben – gegen den „Wahnsinn und die Treulosigkeit der Ketzer“ – wie es hieß.


Auf der einen Seite der hohen Mauer, unsichtbar für die vielen Menschen auf dem gewundenen Pfad im Park, und für sie auch unhörbar, fährt der Sohn leise fort Jit-barach we-jisch-tabach we-jitpa-ar we-jtt-romam we-jit-na-ssä we-jit-hadar we-jitt-alläh we-jitt-halel schmej dekudscha, brich hu ... Gepriesen sei und gerühmt und verherrlicht und erhoben und erhöht … der Name des Heiligen ...


und während der Sohn Kaddisch spricht, zieht das Kreuz am oberen Ende der hohen Mauer hinter der ersten Gräberreihe auf Seiten des Stadtparks, am Friedhof entlang, unsichtbar, an der Trauergemeinde vorbei.


Und erneut Schritte auf dem Kies. Langsam verlassen die Menschen die erste Gräberreihe an der hohen Mauer, bewegen sich zum Eingangstor hin, tauschen noch Erinnerungen an die Verstorbene aus um beim Betreten der Straße das vieltönige, prägende Geläut der Kirchenglocken zu vernehmen.

 

Suche

Buchtipp