Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Adele Reinhartz

Ekkehard W. Stegemann: Sein Beitrag zu den jüdisch-christlichen Beziehungen


     Adele Reinhartz ist Professorin am Department of Classics and Religious Studies an der Universität von Ottawa (Kanada) und General Editor des Journal of Biblical Li-terature. Die Hauptbereiche ihrer Forschung sind Neues Testament, frühe jüdisch-christliche Beziehungen, Bibel und Film sowie feministische Bibelkritik. Sie ist Autorin zahlreicher Artikel und Bücher; dazu gehören Befriending the Beloved Disciple: A Jewish Reading of the Gospel of John (Continuum, 2001), Scripture on the Silver Screen (Westminster John Knox, 2003), Jesus of Hollywood (Oxford, 2007), Caia-phas the High Priest (University of South Carolina Press, 2011; Fortress 2012) und Bible and Cinema: An Introduction (Routledge, 2013). Adele Reinhartz wurde zum Mitglied der Royal Society of Canada (2005) und der American Academy of Jewish Research (2014) gewählt. Auf Deutsch erschien 2005: Freundschaft mit dem geliebten Jünger. Eine jüdische Lektüre des Johannesevangeliums (TVZ Zürich).

 

 

Wie viele englischsprachige Neutestamentler wurde auch ich auf Professor Dr. Ekkehard W. Stegemann durch seine Publikationen aufmerksam, insbesondere durch das wichtige Werk, das er zusammen mit seinem Bruder Wolfgang schrieb: Urchristliche Sozialgeschichte: Die Anfänge im Judentum und die Christusgemeinden in der mediterranen Welt (1995). Aber auf meine erste Begegnung mit der Person selbst war ich nicht vorbereitet. Es war im Israel Institute for Advanced Studies (iias) in Jerusalem, spät im Winter des Jahres 2001. Damals war ich Mitglied einer Forschungsgruppe an der IIAS. Zwar hatte Dr. Stegemann eine Lady Davis Professur an der Hebräischen Universität, doch lag sein Büro im IIAS, und so kam er zu den Seminaren unserer Gruppe.


In diesem Zusammenhang fiel er in der Gruppe auf – unverkennbar ein deutscher Gelehrter, ein robuster, jedoch feiner Europäer, dessen Erscheinung und Verhalten nicht stärker im Kontrast zum nahöstlichen Kontext hätte stehen können, der auch auf dem Givat Ram Campus der Hebräischen Universität herrschte. Was ich entdeckte, als er mich in sein Büro zu einem Gespräch einlud, war ein Mann mit einer tiefen Verbundenheit gegenüber der jüdisch-christlichen Beziehung, dem Staat Israel, dem jüdischen Volk und den Israelis. Später erfuhr ich von seinen israelischen Kindern und Enkeln, seinen häufigen Besuchen in Jerusalem, Haifa, und Hadera und von seinen unermüdlichen, oft Ein-Mann-Kämpfen gegen Antisemitismus in all seinen Formen. Doch bereits bei unserem ersten Treffen war ich durch ein Empfinden überrascht, dass trotz unverkennbarer Identitätsmarker – Deutscher, Christ – vor mir eine Person stand, die im tiefsten Sinn ein Mitjude ist. Ekkehard Stegemann sprach nicht nur die Sprache jüdisch-christlicher Beziehungen, sondern er ging auch ihren Weg; Als eine jüdische Neutestamentlerin stehe ich in häufigem und regelmäßigem Kontakt mit meinen christlichen Kollegen. Ich entwickelte einige Unterscheidungsmerkmale, um zu erkennen, wer unter ihnen nicht nur alte, sondern auch zeitgenössische Juden und ihr Judentum versteht. Dies nicht nur oberflächlich oder aus der sicheren Entfernung von Bibliotheken und wissenschaftlichen Konferenzen, sondern tief, durch Eintauchen und Interaktion; der das Judentum weder idealisiert noch vereinfacht, sondern die komplexen Nuancen und Widersprüche des modernen und zweifellos auch alten, jüdischen Lebens in Israel und der Diaspora anerkennt. Zu jedem Besuch bei Ekkehard Stegemann in Basel gehörte eine Wallfahrt zum Stadtcasino, wo der erste Zionistenkongress im August 1897 einberufen wurde und unter dem Vorsitz von Theodor Herzl stattfand. Und jedes Treffen mit ihm in Israel offenbarte seine Fähigkeit und Entschlossenheit, sich auf seine Umwelt ebenso wie auf die hebräische Sprache einzulassen.


Eine Würdigung des Beitrags von Ekkehard W. Stegemann zu den jüdisch-christlichen Beziehungen kann durch die Auflistung einiger Einrichtungen, die er geschaffen und/oder geleitet hat, fortgesetzt werden. In erster Linie ist das Institut für Jüdische Studien an der Universität Basel zu nennen, dessen Mitbegründer und erster Präsident des Verwaltungsrates er war. Darüber hinaus hat er in zwei Organisationen klare Führung ausgeübt: Die Christlich-Jüdische Arbeitsgemeinschaft beider Basel (Die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Basel), deren Ehrenpräsident er ist, und  die Christlich-Jüdischen Projekte, deren Treuhänder er ist. Diese Einrichtungen wirken auf gegenseitiges Verständnis und auf Partnerschaft zwischen Christen und Juden innerhalb ihrer eigenen Gemeinschaften sowie in der weiteren Region hin.


Ein Beispiel für die vielen wichtigen Veranstaltungen, die er organisierte, war eine wissenschaftliche Konferenz im Jahr 1997, um an den ersten Zionistenkongress in Basel im Jahre 1897 zu erinnern. Die Konferenz fand an der Universität Basel statt - in Zusammenarbeit mit der Zionistischen Weltorganisation, der Universität Tel Aviv und der Hebräischen Universität in Jerusalem.


Auf nationaler Ebene engagiert sich Ekkehard Stegemann in Organisationen, die sich der Stärke und Lebensfähigkeit des Staates Israel widmen. Im Jahr 2002 wurde er zum Präsidenten des Schweizerisch-Jüdischen Medienforums ernannt, der erste Christ, der diese Position wahrnimmt, und derzeit ist er Präsident der Privatstiftung Audiatur. Eng verbunden ist er auch mit Organisationen und Aktivitäten zur Bekämpfung des Antisemitismus, insbesondere in Europa. Dort, wo Antisemitismus sich mit antizionistischem und antiisraelischem Handeln überschneidet, handelt Ekkehard Stegemann prompt. Jüngst hat er sich aktiv eingebracht, indem er die Schweizer Kirchenbehörden, NGOs und evangelischen Hilfswerke aufforderte, zukünftig einen unparteiischen Ansatz im palästinensisch–israelischen Konflikt einzunehmen. Sein Einsatz beschränkt sich nicht auf die Teilnahme an lokalen, schweizerischen und europäischen Organisationen, sondern er entfaltet sich auch in breiteren Bemühungen, wie in der Teilnahme am 5. Weltforum zur Bekämpfung des Antisemitismus, das im Mai 2015 in Jerusalem stattfand. Diese und viele andere Bemühungen zeigen den leidenschaftlichen Einsatz Ekkehard Stegemanns für den Fortbestand und das Gedeihen des jüdischen Volkes und des Staates Israel.


Als Neutestamentlerin bin ich jedoch ganz unmittelbar vertraut mit den Weisen akademischen Forschens und Publizierens von Prof. Dr. Stegemann. Beides schließt sein eigenes tiefes Verständnis und seinen leidenschaftlichen Blick von dem bzw. auf  das Judentum mit ein, was die jüdisch-christlichen Beziehungen im einundzwanzigsten Jahrhunderts fördert.


Das Thema, das Dr. Stegemanns wissenschaftliche Arbeit wie ein roter Faden durchzieht, ist die doppelte Verantwortung der neutestamentlichen Exegese: zum einen die Notwendigkeit, die historische Situation der frühen Jesusbewegung anzusprechen, ohne sie von ihrer antiken jüdischen Matrix zu trennen; zum anderen sensibel zu bleiben für die Rolle der neutestamentlichen Exegese in der Geschichte des christlichen Antisemitismus. Diese beiden Aspekte haben angesichts der Schoah eine besondere Bedeutung.


Seine wissenschaftliche Arbeit ist sehr wichtig als Teil des gewissenhaften Überdenkens der Ursprünge des Christentums und des Neuen Testaments, das auch eine Kritik der Geschichte der Auslegungen einschließt, haben diese doch oft Antijudaismus und Antisemitismus beinhaltet. Anstatt Jesus und die Bewegung, die in seinem Namen entstand, von anderen Strömungen innerhalb des ersten Jahrhunderts des palästinensischen und Diaspora-Judentums abzusetzen, sieht er sie als Bestandteil dieses Spektrums. Dies geschieht nicht, um Antijudaismus schönzureden, wie es oft mit dem Argument getan wird, dass die im Neuen Testament bezeugten Konflikte nur Familienstreitigkeiten gewesen seien, sondern um besser zu verstehen, wie die Jesusbewegung und auch Paulus als jüdisch und in Beziehung zu anderen Gruppen verstanden werden können.


Gewiss, Dr. Stegemann ist nicht der einzige christliche Neutestamentler, der sowohl mit der jüdischen Matrix des frühen Christentums als auch mit  der Rolle des christlichen Antijudaismus und seiner Wegebnung für den Holocaust befasst ist. Beides sind Themen in der aktuellen neutestamentlichen Wissenschaft und werden in zahlreichen Publikationen untersucht. Das Ungewöhnliche an Dr. Stegemanns Arbeit ist zuerst die Tatsache, dass er mindestens seit der Zeit seiner Dissertation ( im Jahr 1974 abgeschlossen) auf die Bedeutung dieser Elemente hinwies, in einer Zeit, als die neutestamentliche Wissenschaft als Ganzes ihre Aufmerksamkeit nicht umfassend auf diese schwierige Frage des Antijudaismus und Antisemitismus lenkte. Die Dissertation mit dem Titel Das Markusevangelium als Ruf in die Nachfolge (Diss. Univ. Heidelberg) lenkte die Aufmerksamkeit auf die Rolle der anti-pharisäischen Polemik im Markusevangelium als Grundlage für den späteren Antisemitismus: „Nur wird ein heutiger Ausleger nicht nur dieser historischen Wahrheit sich stellen müssen, sondern auch die unselige Geschichte christlichen Antijudaismus zu bedenken haben, die der antipharisäischen Polemik des Markusevangeliums einen erschreckenden Kontext aufzwingt“ (S. 2) Das Thema wurde in seiner Habilitation von 1981 fortgesetzt, die den  Titel trug Der eine Gott und die eine Menschheit. Israels Erwählung und die Erlösung von Juden und Heiden nach dem Römerbrief (Habil. Univ. Heidelberg). In dieser Arbeit argumentiert Dr. Stegemann, dass Paulus in seinem Brief an die Römer die Anfänge des theologischen Antijudaismus, der in der heidenchristlichen Gemeinde Fuß fasste, abwenden wollte: „Es ist der beginnende theologische Antijudaismus in der (Heiden-)Kirche, den Paulus, wie ich meine, mit dem Römerbrief überwinden will“ (S. 18).


In diesen beiden frühen Werken war Stegemann darauf bedacht, sowohl das Markusevangelium und die Paulusbriefe in ihren historischen Kontext gegenüber dem Kontext einzuordnen, in dem und für den sie geschrieben wurden, als auch  auf ihre Rolle bei der fortlaufenden Geschichte der jüdisch-christlichen Beziehungen aufmerksam zu machen, insbesondere im Hinblick auf den Antijudaismus und den Antisemitismus.


Beide Themen hat Dr. Stegemann während seiner langen und erfolgreichen akademischen Laufbahn fortgesetzt. Ich gebe nur zwei Beispiele. Eins davon ist der bevorstehende (2016) Beitrag zur Biblischen Enzyklopädie, den er mit seinem Bruder Wolfgang Stegemann mit dem Titel „Paulus und seine Zeit“ schrieb. Dieses Buch wird auf die „neue Perspektive“ auf Paulus eingehen und eine Herausforderung für die lange Reihe der Interpretationen sein, die Paulus als Polemiker gegen das Judentum sahen (und weiterhin sehen). In diesem Buch wird schwerpunktmäßig Paulus‘ jüdische Identität unterstrichen und er in Kontinuität und nicht im Gegensatz zu den Juden und zum Judentum seiner Zeit und Ort gesehen. Nur durch das Verständnis Paulus‘ als Juden können wir Paulus überhaupt verstehen.


Wichtig ist auch die redaktionelle Tätigkeit Ekkehard Stegemanns. Als Mitherausgeber der Reihe Der Theologische Kommentar zum Neuen Testament (neben Luise Schottroff, Angelika Strotmann und Klaus Wengst) bestand er auf der Einbeziehung der Themen des Judentums, des Antijudaismus und der Auswirkung des Neuen Testaments auf die spätere Geschichte des Antisemitismus. Als Mitherausgeber der Zeitschrift Kirche und Israel (neben Edna Brocke, Hans Hermann Henrix, Wolfgang Stegemann und des verstorbenen Rolf Rendtorff) ermöglicht Ekkehard Stegemann der Öffentlichkeit, von der Forschung und dem Wissen zu profitieren, das in der Regel eher in technisch-exegetischen Werken nur von  Gelehrten gelesen werden.


Kirche und Israel ist eine hoch angesehene internationale Fachzeitschrift zum jüdisch-christlichen Dialog. Ihre Artikel bieten Informationen über das jüdische Leben in Vergangenheit und Gegenwart, sprechen exegetische, historische und theologische  Fragen für die jüdisch-christliche Verständigung an, beleuchten jüdische Literatur und Kultur und, vielleicht am wichtigsten, befassen sich direkt mit den theologischen und politischen Elementen in den Beziehungen zwischen der Kirche und dem modernen Staat Israel.


Das erste Heft von 2015 brachte zum Beispiel einen Artikel von Wolfgang Stegemann zur Frage, ob Paulus eine rabbinische Ausbildung in Jerusalem erhalten hatte. Das Problem entsteht, weil die meisten Forscher einen Widerspruch sehen zwischen der Apostelgeschichte, die besagt, dass Paulus ein Schüler von Rabbi Gamaliel (Apg 22, 3) war, und den Briefen des Paulus, die nicht darauf schließen lassen. Wolfgang Stegemann argumentiert, dass der Abschnitt in der Apostelgeschichte in der Tat keine rabbinische Ausbildung vermuten lässt, sondern dass Paulus wohl eine jüdische, ja  pharisäische Erziehung und Bildung erhalten hatte.


Das gleiche Problem hat ein Artikel von Görge K. Hasselhoff über die, Abgrenzungsstrategien des Moses Maimonides vis á vis dem Christentum. Im Vorjahr 2014 nahm die Zeitschrift einen Beitrag von Dietrich Schulze-Marmeling über Juden und Fußball auf, mit dem Titel Juden im deutschen Fußball: Das Beispiel des FC Bayern München“. Der Artikel weist auf die wichtigen Beiträge von jüdischen Fußballspielern, Trainern und Managern beim Aufstieg des FC Bayern zur Dominanz in der Fußballwelt vor dem Zweiten Weltkrieg hin. Das zweite Heft in 2013 eröffnet mit einen Beitrag von Wolfgang Stegemann und Ekkehard W. Stegemann mit dem Titel Von Ambivalenz zur Feindschaft, in dem sie die Geschichte der Antipathie des Ökumenischen Rates der Kirchen gegenüber Israel seit seiner Gründung im Jahr 1948 untersuchen und den Bogen  von dieser Haltung zum Antisemitismus schlagen.


Auch ich hatte das Privileg, aus meiner Arbeit ins Deutsche übersetzte Beiträge in dieser Zeitschrift veröffentlicht zu sehen. Drei Artikel sind bisher erschienen: Joh 8,31-59 aus jüdischer Sicht (2004); ‚Jude‘ und ‚Juden‘ im Vierten Evangelium (2008) und Rabbi Jesus im Johannesevangelium (2014). Ich bin Ekkehard Stegemann und den anderen Mitgliedern des Herausgeberteams von Kirche und Israel sehr dankbar für die Gelegenheit, meine Arbeit einer deutschsprachigen Leserschaft zugänglich gemacht zu haben.


Diese Beispiele können die positiven Auswirkungen, die Ekkehard Stegemanns Arbeit auf jüdisch-christlichen Beziehungen hatte und hat, lediglich andeuten. Er kann diese Arbeit wohl nur deshalb leisten, weil er dem Judentum, dem jüdischen Volk und dem Staat Israel zutiefst verbunden ist. Als Jüdin und als Wissenschaftlerin sind mein Leben und meine Arbeit durch seine Schriften bereichert worden, aber mehr noch durch unsere Freundschaft, die – wie ich hoffe – auch weiterhin Bestand haben wird!עד מאה ועשרים ! 

 

Aus dem Englischen von Edna Brocke

 

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