Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Doron Kiesel

Lernprozesse: Einige Überlegungen zu Wolfgang Stegemanns Erkenntnissen – eine jüdische Perspektive

 

    Dr. Doron Kiesel ist Professor an der Fachhochschule Erfurt, Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften. Er ist in Israel geboren und kam im Alter von 10 Jahren mit seiner Familie nach Deutschland. Nach dem Abitur kehrte er nach Israel zurück und leistete dort den Militärdienst in der israelischen Armee. Er studierte Sozial- und Erziehungswissenschaften an den Universitäten Jerusalem und Frankfurt am Main. 

In Frankfurt war er Pädagogischer Mitarbeiter an einem kommunalen Integrationsprojekt und später Studienleiter zu Fragen der „Migration und Integration von ethnischen Minderheiten in Deutschland und Europa“ an der Ev. Akademie in Arnoldshain (Taunus). 1998 wurde er zum Professor für Interkulturelle und Internationale Pädagogik und Soziale Arbeit an der Fachhochschule Erfurt berufen. Prof. Kiesel hat zahlreiche Veröffentlichungen zu migrationspädagogischen und migrationssoziologischen Themen vorgelegt. Seit 1990 liegt ein besonderer Forschungsschwerpunkt auf Untersuchungen zur Integration russischsprachiger Juden in Deutschland.

Seit September 2012 ist er wissenschaftlicher Direktor der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland und mit dem Aufbau einer Jüdischen Akademie befasst.

 


Wolfgang Stegemann ist einer der Theologen, die sich in den letzten Jahrzehnten die theologische und religionspolitische Aufgabe vorgenommen haben, eine veränderte Sichtweise auf das Verhältnis zwischen dem Protestantismus und dem Judentum in seinen unterschiedlichen Facetten zu entwickeln. Sein umfassendes theologisches Wissen und seine analytischen Kompetenzen befähigen ihn, judenfeindliche Muster im Christentum in Geschichte und Gegenwart zu benennen und zu belegen. Durch seine Beharrlichkeit, auf strukturelle Asymmetrien im Verhältnis zwischen den beiden religiösen Traditionen zu verweisen, hat er es sich in der Zunft der Theologen sicher nicht leicht gemacht.  

 

Auch wenn nach Ende des Zweiten Weltkriegs die Kirchen begannen, sich mit ihrem Anteil an der nationalsozialistischen Ermordung und Vertreibung des europäischen Judentums auseinanderzusetzen, Schuldbekenntnisse auszusprechen oder das Judentum als „Bruderreligion“ in einer veränderten Weise zu rezipieren. Einen kurzen Überblick zu dem Gewinn an Erkenntnissen im christlich-jüdischen Dialog nach 1945 gibt Wolfgang Stegemann etwa in seinem Aufsatz: Von der „Verwerfung“ Israels zur „bleibenden Erwählung“.1    So dauerte es doch viele Jahrzehnte, bis sich die jeweiligen Landeskirchen in der Lage sahen, ihre Grundartikel zu ändern, in denen das veränderte und respektvolle Verhältnis zum Judentum festgeschrieben wurde und die irreversible Verflechtung zwischen Judentum und Christentum erinnert wurde und Wolfgang Stegemann selbst war Mitglied einer Kommission der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Bayern, die für die Landessynode einen Formulierungsvorschlag erarbeitet hat, durch die das neue Verhältnis zum Judentum sozusagen Verfassungsrang bekommen hat.2   Die Konsequenzen eines revidierten Theologieverständnisses gegenüber dem Judentum, für die sich Wolfgang Stegemann ebenso unermüdlich einsetzt, haben ihren Ausdruck letztlich auch in der Gründung der AG Juden und Christen auf dem Evangelischen Kirchentag gefunden.


Eine „Theologie nach Auschwitz“, die sich mit der Rolle der Kirchen in der Zeit des Nationalsozialismus auseinandersetzen wollte, fand ihren Eingang in ausgewählte theologische Fakultäten und bewirkte, dass die Geschichte des christlichen Antijudaismus in den Kanon der Lehre aufgenommen wurde. Wolfgang Stegemann und sein Zwillingsbruder Prof. Dr. Ekkehard W. Stegemann lernten an der Theologischen Fakultät der Universität Heidelberg Prof. Dr. Rolf Rendtorff als den führenden Repräsentanten des christlich-jüdischen Dialogs kennen. Ekkehard Stegemann trat schnell selbst aktiv in den Dialog ein (u.a. als Mitglied in der zuständigen EKD-Kommission) und gründete 1985 zusammen mit Rolf Rendtorff und Dr. Edna Brocke die Zeitschrift „Kirche und Israel“, zu deren Herausgeberkreis 1994 auch Wolfgang Stegemann stieß.3     All dies trug dazu bei, dass die in der Bundesrepublik lebenden Juden, die vor dem Hintergrund ihrer biographischen Erfahrungen sehr sensibel auf Signale aus der Mehrheitsgesellschaft reagieren, den theologischen Perspektivwechsel wohlwollend zur Kenntnis nahmen. Dank Wolfgang Stegemann und einiger seiner Kollegen wurde die Öffentlichkeit darauf aufmerksam gemacht, dass die Lehrangebote zur Hebräischen Bibel im Studium der Theologie rapide abgenommen haben und somit auch das Wissen um die Grundlagen jüdischer Religion, Geschichte, Philosophie weithin unbekannt blieben. Ein Bekenntnis zu gemeinsamen Wurzeln von Christentum und Judentum bleibt unter diesen Bedingungen hohl und folgenlos. Wenn selbst jungen Theologen das Judentum verschlossen bleibt, kann davon ausgegangen werden, dass das Judentum als lebendige und historische Lebensform in die Museen abgedrängt wird und das Unwissen sich als Projektionsfläche für tradierte Ressentiments und Zuschreibung eignet. Dagegen kämpfte Wolfgang Stegemann seine ganze Akademische Laufbahn lang und noch bis heute unermüdlich.

 

Stegemann führt in seinen zahlreichen Veröffentlichungen vor, wie die kontinuierliche wissenschaftliche und grundlagenbasierte Auseinandersetzung mit dem frühen Christentum nur möglich ist, wenn dies mit einem Verständnis religiösen Denkens im  Judentum einhergeht.4   So gelingt es ihm in seiner theologischen Sichtweise immer wieder, einen unbedingten Zusammenhang zwischen den theologischen Lesarten von Judentum und Christentum herzustellen, wodurch tradierte christologische Verhältnisbestimmungen zum Judentum ins Wanken geraten. Das Christentum aus den Judentum heraus zu verstehen, im Gegensatz zu einer Theologie der Ablösung, oder der Abgrenzung vom Judentum, ist sein Credo. Wolfgang Stegemann stellt somit vermeintlich unverrückbare Überlieferungen und Überzeugungen infrage und streut so immer wieder auch Sand ins Getriebe des theologischen und auch des kirchlichen Apparats. Man denke etwa an seine kritische Intervention gegen die Absicht seiner bayerischen Landeskirche, den höchst umstrittenen ehemaligen Bischof Meiser aus Anlass seines 50. Todestages zu ehren. Stegemann hat damals den Vorsitzenden der IKG Nürnberg, Arno Hamburger, in seiner Ablehnung einer öffentlichen Ehrung des Bischofs unterstützt.5

 

In einem weiteren zentralen Feld hat die kritische Intervention von Wolfgang Stegemann eine nachhaltige Sensibilisierung des jüdisch-christlichen Verhältnisses nach sich gezogen. Die enge Verbindung der jüdischen Gemeinschaft zum Staate Israel ist seit seiner Gründung ein  tragender Aspekt jüdischer Identität der Nachkriegszeit geworden. Da aus den erwähnten Gründen der dumpfe Antisemitismus nicht länger hoffähig ist, suchen sich judenfeindliche Einstellungen neue Wege. Stegemann hat dies immer wieder am Beispiel der Haltung des Weltrats der Kirchen demonstriert.6   So konnte er anhand der Interpretation zahlreicher Veröffentlichungen dieser Organisation nachweisen, dass sie mit der Dämonisierung des Staates Israel und der ausschließlichen Hinwendung zu dem Leiden der palästinensischen Bevölkerung eine vertraute Variante kirchlicher Judenfeindlichkeit in einem veränderten Gewand aufscheint. „Der traditionelle christliche Antijudaismus, von dem wir uns nach der Schoah in vielen Kirchen zu befreien unternommen haben, wird über den Umweg palästinensischer ‚Theologie der Befreiung‘ und mit dem alten hohen Ton moralischer Selbstgerechtigkeit gegenüber den Juden in der Version des theologischen Antiisraelismus wieder erweckt – oder besser: fortgesetzt.“ Stegemann erkennt in dieser Haltung ein manichäisches Weltbild, indem das „Böse“ – der Staat Israel – feststeht und bekämpft werden muss. Der Antisemitismus bedient sich seit jeher solcher Deutungsmuster und erkennt im israelisch-palästinensischen Konflikt eine weitere Möglichkeit, seine Überzeugungen zu verbreiten. Der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) sieht es als seine Pflicht an, Boykottaufrufe gegen Israel zu unterstützen und den bewährten Kampf der Kirchen gegen das südafrikanische Apartheidsregime auf Israel zu übertragen (Kairos Palästina-Dokument).

 

Wolfgang Stegemann ist überzeugt, dass die über Jahrhunderte eingeübte religiöse Feindschaft seitens der Kirchen gegenüber den Juden sich hier als Delegitimierung des Staates Israel und seiner Bewohner einen Weg bahnt und hebt immer wieder hervor, dass er keineswegs Kritik an der Politik der jeweiligen Regierung Israels als problematisch empfindet. Vielmehr wird in der einseitigen unreflektierten und unversöhnlichen Haltung einflussreicher kirchlicher Einrichtungen, die den Staat Israel als „Gefahr für den Weltfrieden“ betrachten, die Tradition der kirchlichen-christlichen-theologischen Judenfeindschaft wiederbelebt. Auch wenn in zahlreichen christlichen und kirchlichen Institutionen die christliche Verantwortung an der Schoah eingeräumt wird, so weist Stegemann beständig daraufhin, dass die Judenfeindschaft in den Kirchen keineswegs überwunden ist. Weiterhin wirft er der kirchlichen Israelkritik die Anwendung doppelter Standards vor, in der eine einseitige Parteinahme für die palästinensische Seite des Konflikts vorherrscht.

 

Auch wenn die Antisemitismusforschung heute mehrheitlich zu der Auffassung gelangt, dass nicht von einer unmittelbaren Kontinuität der traditionellen christlichen Judenfeindschaft zum modernen Antisemitismus und zur Schoah auszugehen ist, muss sich eine theologische Perspektive nach der Schoah der Aufgabe stellen, in einen schmerzhaften selbstkritischen Dialog mit der eigenen Tradition und so auch mit den auf fatale Weise wirkmächtigen theologischen Denkmustern einzutreten, die mit zum Erbe des Christentums namentlich in Deutschland – der protestantischen wie der katholischen Tradition – gehören, und die unmittelbare Mitschuld von Teilen der Kirchen an den Verbrechen der Nationalsozialisten namhaft zu machen. Die Geschichte des Verhältnisses des Christentums zum Judentum liest sich weithin als eine Geschichte des Verschweigens und der Verzerrung des jüdischen Glaubensweges und Selbstverständnisses. Sie liest sich als die Tradition eines theologischen Redens vom Judentum, das mit der Geschichte des modernen Antisemitismus eng verflochten ist und in letzter Konsequenz zur schweigenden Preisgabe des gesamten europäischen Judentums an die nationalsozialistische Vernichtungspolitik geführt hat. Dagegen Stellung zu beziehen, war und ist die Herzensaufgabe von Wolfgang Stegemann. Eine Theologie nach der Schoah, die angesichts dieses einzigartigen Verbrechens zu einem „Denken aus der Umkehr heraus“ zu finden und die radikale Infragestellung der christlichen Geschichte und Tradition auszuhalten versucht, steckt aber immer noch erst in den Anfängen.

 

Erforderlich sind mehr als nur sporadische Bekenntnisse von Vertretern der Kirche, es geht um eine fundamentale Überprüfung christlicher Lehre und Praxis, darum, dass sich bis an die Basis von Kirchengemeinden die Einsicht durchsetzt, dass jegliche Verachtung oder Bedrohung jüdischer Existenz die eigene religiöse Glaubwürdigkeit und Legitimation antastet und in Frage stellt. Um dies zu vermitteln, hat Wolfgang Stegemann unzählige Vorträge in Kirchengemeinden, Dekanatssynoden und zu anderen öffentlichen Anlässen gehalten.

 

Nur auf der Grundlage der Vergegenwärtigung und Ausscheidung judenfeindlicher Traditionen kann der Entwurf einer selbstkritischen Theologie gelingen, welche die Existenzbedingungen des Judentums in einer pluralistischen Gesellschaft und Kultur bewusst und selbstverständlich anerkennt und theologisch würdigt. Die Hoffnung, die sich damit verbindet, ist die, dass Christinnen und Christen den Reichtum ihrer eigenen Wurzeln und den Reichtum jüdischen Glaubens entdecken und in ein wirkliches Gespräch eintreten mögen, in dem Gemeinsames und Trennendes offen zur Sprache kommen darf und Differenz als Reichtum begriffen wird.

 

Blickt man auf die Gegenwart, so besteht eine der großen Herausforderungen christlicher Theologie und unserer Gesellschaft überhaupt auf lange Sicht darin, ob es ihr gelingt zu einer Kultur der Erinnerung an die Schoah beizutragen, die dem Verdrängen und Verleugnen der Vergangenheit und dem Wachstum des Geistes des Ressentiments, der Intoleranz und des Hasses gegen Fremde, der aktiven Gewalt oder gleichgültigen Hinnahme von Gewalt fördert, etwas entgegenzusetzen hat. Das ist zugleich der Testfall des Ernstes und der Tragfähigkeit des christlich-jüdischen Dialogs. Der Versuch, sich um der Wahrheit willen in aller Radikalität der historischen Schuld der christlichen Kirchen zu stellen, die grundlegende Infragestellung christlicher Theologie auszuhalten und auf der Suche nach einer neuen Tradition der Achtung und des Gesprächs über die bisherigen Anstrengungen herauszugehen, ist grundlegende Voraussetzung für ein Gelingen. Dieses war auch, so könnte man sagen, das lebenslange Anliegen von Wolfgang Stegemann. Die Radikalität der Vernichtungserfahrungen schließt den wohlmeinenden Appell ebenso wie besänftigende Formulierungen aus und konfrontiert – Juden wie Christen auf je unterschiedliche Weise – in ihrer Erinnerung und Identität mit entsprechend radikalen Fragen.

 

Der theologische Antijudaismus war zu keiner Zeit ein „rein theologisches“ Phänomen, sondern er spiegelte mit seinen Bildern und Mythen stets den konkreten politischen Umgang mit der jüdischen Minderheit und beeinflusste die Verfolgung, Entrechtung und Gewalt, mindestens aber die Minderprivilegierung von Juden – so, als seien sie als selbstverständlich oder berechtigt hinzunehmen. Ob nun die theologischen Motive der Kreuzzüge, Martin Luthers Eintreten für eine „scharfe Barmherzigkeit“ gegenüber angeblich „verstockten“ Juden, zu der auch die Zerstörung von Synagogen und Vertreibung der jüdischen Bevölkerung gehörte, die religiös inspirierten Bilder von einem verbrecherischen, fremden Judentum oder die Distanzierung christlicher Theologen vom Judentum vor und während des Nationalsozialismus – stets waren religiöse, kulturelle und politisch-gesellschaftliche beziehungsweise wirtschaftliche Gründe auf das engste miteinander verwoben, nie blieb theologisches Denken über Juden und Judentum ohne konkrete existenzielle Wirkung auf jene, über die man nachdachte.

 

In der Zeit des Nationalsozialismus galt die Solidarität der Kirchen mit wenigen Ausnahmen dem nationalsozialistischen Staat. Ausdruck fand dies in einer methodischen, nicht nur politischen, sondern auch theologischen Strategie der Entsolidarisierung, mit deren Hilfe man sich – wenn auch in unterschiedlicher Intensität – von der jüdischen Tradition distanzierte.

 

Dahinter verbarg sich sicher auch die Befürchtung, dass der Nationalsozialismus dem Christentum mit dem Vorwurf der „Verjudung“ begegnen könnte, doch die Kirchen bezogen daraus eben gerade nicht ein Bewusstsein der Solidarität, schon gar nicht die Erkenntnis, dass sie mit ihren Antisemitismus ihre eigenen jüdischen Wurzeln fundamental verfehlten. Stattdessen widmeten sich etwa namhafte Theologen wie Walter Grundmann und andere am Eisenacher „Institut zur Erforschung und Beseitigung des Einflusses des Judentums auf das deutsche kirchliche Leben“ dem Projekt, den christlichen Glauben im Sinne eines unüberbrückbaren Gegensatzes zum Judentum zu deuten und von seinen jüdischen Wurzeln zu „befreien“ – bis hin zur Ablehnung der Hebräischen Bibel und zu massiven Eingriffen in den neutestamentlichen Text. Stegemann hat jüngst in einem Beitrag für das Pfarrerblatt der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern den Vorschlag des Berliner Systematikers Prof. Dr. Notger Sclenczka, das Alte Testament aus dem christlichen Kanon zu entfernen, scharf kritisiert.7

 

Fazit

Die Auseinandersetzung mit der verhängnisvollen Wirkungsgeschichte christlicher Judenfeindschaft, ihrem Zusammenspiel mit dem modernen Antisemitismus und der Rolle von Theologie und Kirche bei der Diskriminierung, Entrechtung, Verfolgung, Preisgabe und Ermordung eines Großteils der europäischen Juden gehört in Deutschland zu den Grundelementen theologischer Selbstreflexion nach 1945, der sich Wolfgang Stegemann immer verschrieben hat. Die schmerzliche Erkenntnis der Dimension der Mitverantwortung von Christen und christlichen Kirchen für die Verbrechen der Schoah, zunächst von einigen Theologinnen und Theologen wie ihm getragen, die sich dem Schock des „Zivilisationsbruchs“ von Ausschwitz und der Erschütterung der eigenen Tradition aussetzten, ist in den vergangenen Jahrzehnten zu einem entscheidenden Aspekt theologische Neuorientierung und zum Fundament geworden, auf dem das jüdisch-christliche Gespräch der Gegenwart überhaupt erst möglich geworden ist. Der noch längst nicht abgeschlossene Prozess der Anerkennung und historisch konkreten Erhellung christlicher Schuldgeschichte hat bis in kirchliche Erklärungen und Ordnungen und ansatzweise in gelebte religiöse Strukturen hinein das Bewusstsein gefördert, dass die christliche Tradition, der zufolge Israel von Gott verworfen ist, sowie das Verschweigen und Verzerren jüdischen Selbstverständnisses durch die Zeiten hindurch unendliches Leid über jüdische Menschen gebracht haben und mit in die Geschichte des mörderischen Antisemitismus der Nationalsozialisten gehören. Mit dieser Einsicht haben Kirchen, obgleich nach wie vor gefährdet, in Theologie und Praxis in die überlieferten Stereotype zurückzufallen, einen Weg eingeschlagen, der zu einer Überwindung der tief verwurzelten Verachtung des Judentums führt.

 

Das Erschrecken über die ungeheure Tatsache, dass der präzedenzlose Völkermord an der jüdischen Minderheit in Europa in einem Herzland der christlich geprägten abendländischen Kultur stattfand, ist – obwohl allein aus christlicher Perspektive Anlass äußerster Scham und Bestürzung – zu einer gemeinsamen christlich-jüdischen Herausforderung und zum Motiv für eine im Gespräch vollzogene Reflexion übe die ‚condition humaine‘ und über Religion und Ethik nach Ausschwitz geworden.

 

Einer der wichtigsten Gesprächspartner in diesem gemeinsamen Lernprozess ist Wolfgang Stegemann, dessen theologisches und historisches Wissen, dessen analytische Fähigkeiten und Empathie ihm gleichermaßen enge Freundschaften  wie Kritiker beschert haben. Manchmal ist es wohl nicht nur „schwer ein Jude zu sein“ – wie ein jiddisches geflügeltes Wort besagt –, sondern eben auch ein kompetenter, inspirierender und wegweisender Theologe zu sein.



[1] Kirche und Israel 26 (2011) 32-46.

[2] Der Vorschlag von Wolfgang Stegemann und Prof. Dr. Helmut Utzschneider zur Ergänzung der Kirchenverfassung ist abgedruckt worden in: Kirche und Israel 25 (2010) 81-89.

[3] Vgl. dazu Manuela Noack, 25 Jahre „Kirche und Israel“, Kirche und Israel 26 (2011) 99-107.

[4] Ich verweise hier auf einige Publikationen: 1992 erschien ein Aufsatz: Christliche Judenfeindschaft und Neues Testament; jetzt zugänglich in der Aufsatzsammlung: Wolfgang Stegemann, Streitbare Exegesen. Sozialgeschichtliche, kulturanthropologische und ideologiekritische Lektüren neutestamentlicher Text, hg. von Klaus Neumann, Kohlhammer Verlag Stuttgart 2015; in diesem Band auch der Aufsatz: Am Anfang war die Unterscheidung (2000), ebenso: Hat Jesus die Speisegesetze der Tora aufgehoben? (2013); ebenso: Jesus als Messias in der Theologie des Lukas (1993).

[5] Siehe dazu Stegemanns Aufsatz: Schwierigkeiten mit der Erinnerungskultur. Gedenkjahr für Landesbischof Meiser gerät zur kritischen Auseinandersetzung, in: Kirche und Israel 21 (2006) 24-48.

[6] Siehe dazu vor allem Wolfgang Stegemann/Ekkehard W. Stegemann, Von Ambivalenz zur Feindschaft. Anmerkungen zum Verhältnis des Ökumenischen Rats der Kirchen zum Staat Israel, in: Kirche und Israel 28 (2013) 99-118. Auch mit israel-feindlichen Positionierung des jüdischen Psychologen Mark Braverman hat er sich kritisch auseinandergesetzt: Theologie im Schatten des neuen Antisemitismus, in: Theologische Zeitschrift 69 (2013) 661-688.

[7] Korrespondenzblatt 130/7 (2015) 109-110.

 

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