Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Heft 2015-2: Editorial

Doron Kiesel würdigt in seiner Laudatio auf Wolfgang Stegemann aus Anlass seines 70. Geburtstages dessen Verdienst um die Erneuerung des christlichen Verhältnisses zum Judentum. Er bezieht sich auf verschiedene Publikationen des Jubilars wie auch auf dessen Aktivitäten, mit denen er immer wieder „Sand ins Getriebe des theologischen und auch des kirchlichen Apparats“ gestreut hat. Sein Schlusssatz hebt noch einmal den Respekt des jüdischen Autors vor der Lebensleistung des christlichen Theologen hervor: „Manchmal ist es wohl nicht nur schwer ein Jude zu sein – wie ein jiddisches geflügeltes Wort besagt -, sondern eben auch ein kompetenter, inspirierender und wegweisender Theologe zu sein.“


Dass Adele Reinhartz ihre Würdigung von Ekkehard Stegemann aus Anlass seines 70. Geburtstags mit der Erinnerung an ihre erste Begegnung in Jerusalem beginnt, ist bereits ein beredter Hinweis auf die transatlantische Kollegialität der beiden: Sie als jüdische Neutestamentlerin aus Kanada hat den Geehrten als „einen robusten, jedoch feinen Europäer“ erlebt. Besonders beeindruckt zeigt sie sich durch zwei seiner Charakteristika: seinen leidenschaftlichen Einsatz für das Gedeihen des jüdischen Volkes und des Staates Israel und seine doppelte Verantwortung als Neutestamentler, in der er die jüdischen Ursprünge von Christentum und Neuem ´Testament ebenso analysiert wie er die antijüdische Wirkung in der Auslegungsgeschichte des Neuen Testamentes kritisch bedenkt.


Edna Brocke widmet Ekkehard und Wolfgang Stegemann zu ihrem 70. Geburtstag ein besonderes Narrativ. Sie erzählt aus ihrem Leben eine Begebenheit, deren zentrale Metapher eine hohe Mauer ist. Die Mauer steht zwischen einem Stadtpark und einem jüdischen Friedhof. Sie trennt die Zeremonie einer kleinen jüdischen Trauergemeinde zum Gedenken einer Verstorbenen und die der Fronleichnamsprozession. Hier werden die hebräischen Gebete angestimmt; dort werden Lieder der eucharistischen Verehrung der Fronleichnamstradition gesungen. Die erzählte Begebenheit steht für die alte Kluft zwischen Christentum und Judentum, die zum Horizont der theologischen Arbeit von Ekkehard und Wolfgang Stegemann gehört.


Der Artikel von Gerhard Gronauer erinnert an die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Staat Israel vor 50 Jahren. Gronauer ist ein hervorragender Kenner der Materie, da er seine Dissertation der Wahrnehmung des Staates Israel im westdeutschen Protestantismus gewidmet hat: „Der Staat Israel im westdeutschen Protestantismus“ (2013). Zugleich stellt er in seinem Beitrag auf der Basis der Bertelsmann-Studie „Deutschland und Israel heute“ (2015), die bedrückende Ergebnisse hinsichtlich der Beurteilung der Politik des Staates Israel erbracht hat, einige Standards für eine verantwortliche Haltung zum Staat Israel zur Debatte.


Der Beitrag von Robert Solomon Wistrich z.l. ist eine Übersetzung des posthum erschienenen englischen Aufsatzes eines der renommiertesten Jerusalemer Antisemitismusforschers und zionistischen Intellektuellen. Wistrich,, der  am 17. April 1945 als Sohn polnisch-jüdischer Eltern geboren wurde, starb am 19. Mai 2015 in Rom. Sein Lebenswerk hat Clemens Heni umfassend gewürdigt (http://www.literatur-kritik.de/public/rezension.php?rez_id=20704). Der Beitrag zur antizionistischen Mythologie der Linken fasst eines seiner letzten Forschungsgebiete zusammen, das er analysierte und dessen Einsichten und Ergebnisse er in monographischer Form veröffentlicht hat. Doch weist dieser Aufsatz über das unmittelbare Feld hinaus auf eine nicht nur bei der politischen Linken zu findenden, sondern weit verbreiteten, nicht zuletzt in kirchlichen Kreisen propagierten antizionistischen und antiisraelischen Ideologie. Wistrich stellt fest: „Im Kern der antizionistischen Weltsicht, für die Islamisten, Linke und viele fehlgeleitete westlichen Liberale Partei ergreifen, liegt eine erheblich verzerrte Wahrnehmung von Israel als dem letzten westlichen kolonialistischen Projekt.“ Er zeigt im Beitrag auf, warum diese Wahrnehmung nicht nur grundlegend historisch falsch, sondern nur eine Variante der antisemitischen Inhumanität ist, die sich immer als moralisch gerechtfertigt angesehen hat, darstellt.


In seinem Beitrag nimmt Hans Hermann Henrix das Jahresthema 2015 der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit auf. Sein Wort „Im Gehen entsteht der Weg“ scheint zu bestreiten, dass der Mensch vorbereitete Wege geht. Der Mensch, der sich auf den Weg macht, kennt in der Regel diesen Weg. Aber das Andere, das Unwägbare gibt es auch: Wege sind nicht vorhanden. Das war die Situation nach der Schoa. Und doch gingen jüdische und christliche Frauen und Männer aufeinander zu, um gemeinsam zu fragen, ob es nicht doch Auswege aus den Abgründen gebe. Ihre Gemeinschaften beteiligten sich erst später an der Wegsuche, so dass schließlich Neuland der Beziehungen sichtbar wurde. Im Rückblick lassen sich Phasen des Gehens bzw. des Dialogs nach der Schoa benennen. Begegnungen der 1980-er Jahre bildeten im deutschen Kontext eine Schwellenphase, nach der sich die Beziehungen vertieften. Und doch bleiben für sie gewichtige Herausforderungen, die zu bedenken sind.


Manfred Diefenbach kritisiert in seinem kurzen Beitrag die offenbar unausrottbare Anwendung der Kategorie des „Unglaubens“ in Bezug Juden im Neuen Testament – gerade auch in wissenschaftlichen Beiträgen zum Neuen Testament. Er macht deutlich, dass es sich dabei um eine verfehlte Interpretationskategorie handelt, nicht um einen Begriff des Neuen Testaments selbst.


In der Rubrik ‚Klassiker der jüdischen Literatur‘ stellt Gabrielle Oberhänsli-Widmer diesmal ein Schauspiel vor, das im 20. Jahrhundert international Furore gemacht hatte: Der Dibbuk, oder: Zwischen zwei Welten. Als Drama, Oper, Ballett und Musiktheater eroberte das Stück die Bühnen von New York bis Paris, von Mailand bis Moskau. Doch wer kennt heute noch seinen Verfasser Solomon Zainwil Rapaport (1863-1920), der unter seinem Pseudonym An-Ski in der jiddischen und russisch-jüdischen Literatur höchstes Ansehen genießt. Sein Dibbuk ist nach wie vor eine Trouvaille mit einem faszinierenden Motiv (dem unerlösten Totengeist), von denkerischer Feinheit, sprachlicher Schönheit und einer abgründige Theologie.


In der Rubrik ‚Das besondere Buch‘ sind dieses Mal zwei Bücher ausgewählt worden. Zum einen der Beitrag von Benoit Standaert zum Buch von Hans Hermann Henrix „Christus im Spiegel anderer Religionen“. Der belgische Neutestamentler mit langjähriger interreligiöser Erfahrung bejaht, dass in einer Reihe für Publikationen zum christlich-jüdischen Dialog ein Band erscheint, der die Perspektive über das Judentum hinaus gegenüber dem Islam, Hinduismus und Buddhismus öffnet. Der langjährige und intensive Dialog mit Frauen und Männern jüdischer Gelehrsamkeit habe dem Autor ermöglicht, bei den anderen Traditionen eine befremdende Differenz wie auch eine nicht weniger überraschende Nähe zu erkennen und anzuerkennen.


Zum anderen eine Besprechung des Romans des israelischen Autors Amos Oz durch Gabrielle Oberhänsli-Widmer. Der hebräische Originaltitel lautet „Die Botschaft nach Judas“, in der deutschen Übersetzung heißt der Titel lediglich „Judas“. Im Zentrum des Romans steht die Frage nach „Verrat“. Oz beleuchtet die politischen Richtungen in der jüdischen Bevölkerung kurz vor der Staatsgründung und diskutiert den Vorwurf des Verrats aus der Perspektive der beiden Hauptrichtungen. Die Frage nach der Rolle des Judas will Oz als Verstehenshilfe anbieten, auch im Lichte der christlichen Debatten um das Judas-Evangelium, das keinen Eingang in den Neutestamentlichen Kanon fand.


Die spannende Bücherschau verdanken wir wieder Barbara Schmitz.


Die Herausgeberinnen und Herausgeber

 

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