Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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 Chritsina Tuor-Kurth

Frömmigkeit und Gerechtigkeit - grundlegende Werte in antiken Identitätskursen

 

   Die Basler Neutestamentlerin Christina Tuor-Kurth stellt „Frömmigkeit und Gerechtigkeitals grundlegende Werte in antiken Identitätsdiskursen vor. Sie macht darauf aufmerksam, dass die zwei Hauptgebote oder Kardinaltugenden – die angemessene Verehrung der Gottheit und das angemessene Verhalten zu den Mitmenschen – eine antike Diskursformation darstellen, die in jüdischer, frühchristlicher, aber auch römisch-griechischer Kultur zur jeweiligen Selbstbeschreibung einerseits, aber andererseits auch in der Auseinandersetzung mit anderen identitätspolitisch eingesetzt wurden.

 

    PD Dr. Christina Tuor-Kurth  ist Leiterin des Instituts für Theologie und Ethik des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK) in Bern. Sie studierte Theologie an der Universität Basel und Judaistik in Jerusalem. Ihr Vikariat absolvierte sie in der Reformierten Kirchgemeinde Jenaz/GR. Seit 2008 ist sie Privatdozentin für Neues Testament an der Theologischen Fakultät der Universität Basel.

 


Frömmigkeit und Gerechtigkeit - grundlegende Werte in antiken Identitätskursen

 

„Frömmigkeit und Gerechtigkeit“, also das Verpflichtetsein zu einem angemessenen Verhalten gegenüber der göttlichen Welt einerseits und gegenüber den Mitmenschen andererseits, stellten in der Antike so etwas wie Grundnormen oder grundlegende Werte menschlicher Existenz dar. An ihnen wurden nicht nur Individuen, sondern auch kollektive Identitäten gemessen. Das heißt, man schrieb Einzelnen oder einer kollektiven Gruppe zu, dass sie „Frömmigkeit und Gerechtigkeit“ üben bzw. mindestens anstreben. Oder man sprach es Einzelnen oder einer kollektiven Größe ab, fromm und gerecht zu sein oder gar überhaupt nach pflichtgemäßem Verhalten gegenüber der Gottheit und den Mitmenschen zu suchen. Im folgenden will ich an ausgewählten Beispielen aufzeigen, dass dies über die ethnischen und kulturellen Grenzen hinaus geschah, dass es mithin so etwas wie einen, modern gesprochen, interkulturellen Identitätsdiskurs hinsichtlich dieser Grundwerte gab. Vorausschicken will ich einige Überlegungen zur Übertragung des modernen Begriffs des Identitätsdiskurses auf Interaktionen in der Antike.

 

Identität und Gruppenbildung in der Antike

Was ist Identität? Grundsätzlich lassen sich zwei Möglichkeiten unterscheiden, Identität zu verstehen: Kennzeichnend für die Moderne ist ihre Fokussierung auf das Individuum. Moderne Identitätsdiskurse geben Antwort auf die Frage: Wer bin ich? Demgegenüber sind die antiken Identitätsbildungen grundsätzlich auf die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, einem Kollektiv ausgerichtet. Etwa auf die eigene Familie oder Großfamilie (extended family) oder auch auf die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Volk. Kollektive Identitätsbildungen geben – grob gesagt – Antwort auf die Frage: Wer sind wir? Doch gilt für die Moderne wie für die Antike: Identitäten sind konstruiert, hergestellt. Der Soziologe Bernhard Giesen hält fest, dass Gemeinschaftlichkeit und kollektive Identität nicht vorsozial oder biologisch bedingt, sondern „sozial erzeugt und also konstruiert“ sind.


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