Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Bücherschau: Barbara Schmitz


Oldenhage, Tania, Neutestament­liche Passionsgeschichten nach der Shoah. Exegese als Teil der Erinnerungskultur (Judentum und Christentum 21), Stuttgart (Kohlhammer Verlag) 2014 (315 S., 34,99 €).

Jesus mit dem Kreuz auf der Schulter vor der Eingangsmauer von Auschwitz-Birkenau, der seine Hand einer Gruppe verhüllter Frauen über den Stacheldraht hinstreckt – Jesus auf dem Boden sitzend, der einer Gruppe von Menschen hinterherschaut, im Vordergrund steht eine Frau mit gelbem Stern, ein Mann mit Maschinengewehr neben ihr. 2001 waren diese und ähnliche Bilder Teil des Ökumenischen Kreuzwegs der Jugend. Sie haben den Kreuzweg in Verbindung mit den nationalsozialistischen Verbrechen gebracht.

Kann eine vom Antijudaismus selbst belastete Erzähltradition als Deutungs­muster dienen, um sich der Shoah zu erinnern? Und wenn ja, was bedeutet das?

Tania Oldenhage ist dieser Frage in ihrer 2013 an der Theologischen Fakultät der Universität Basel eingereichten Habilitationsschrift nachgegangen. Nach der Shoah – so Tania Oldenhage – muss sich neutestamentliche Exegese mit der Gleichzeitigkeit beschäftigen, dass die Passionserzählungen ein Nährboden für christlichen Antijudaismus und zugleich aber auch ein wichtiges Vehikel der Shoah-Erinnerung geworden sind: „Daraus ergibt sich die paradoxe Tatsache, dass eine mit Antijudaismus belastete christliche Tradition Menschen dazu anregt, den Opfern der Shoah zu gedenken“ (S. 15). Hier stellen sich eine Vielzahl von Fragen, nicht nur nach der christlichen Vereinnahmung jüdischer Leiderfahrungen oder einer mög­lichen Trivialisierung des millionenfachen Mordes an Jüdinnen und Juden. Es geht auch um die Entwicklung einer Methodik und Hermeneutik, mit der passionsgeschichtlich geprägte For­men der Shoah-Erinnerung kritisch gelesen und verstanden werden können.

Drei Texte stellt Tania Oldenhage dafür ins Zentrum ihrer Analysen, die sich für expliziten wie impliziten Antijudaismus als besonders offen erweisen und zugleich aber auch Teil der Holocaust-Erinnerung sind: der sogenannte „Blutruf“ (Mt 27,25), die „Seligpreisungen der Unfruchtbaren“ (Lk 23,29) und der „Schrei der Gottverlassenheit“ (Mk 15,34 / Mt 27,46). Dabei geht es ihr nicht um eine vom Antijudaismus befreite Lektüre dieser (pro­blematischen) Texte, sondern vielmehr die Interpretation dieser Texte innerhalb der kulturellen Matrix der Shoah-Erinnerung in ihrer Vielfalt und Ambivalenzen zu analysieren: Wie sich die angebliche Kollektivschuld des jüdischen Volkes am Tod Jesu mit der deutschen Kollektivschulddebatte verschränkt hat oder wie unterschiedlich der Schrei Jesu vor, während und nach der Shoah aus christlicher wie jüdischer Sicht vereinnahmt, neu geschrie­ben und gedeutet wurde. Tania Ol­denhage fordert, dass sich die Exegese selbst als Teil der Wirkungsgeschichte biblischer Texte nach der Shoah wahrnimmt. Dabei zeigt Oldenhage auf, wie die Exegese daraus Konsequenzen für die Textauslegung ziehen kann, nämlich durch eine „konsequente Historisierung exegetischer Praktiken innerhalb einer Kultur, die selbst von der Erinnerung an die Shoah geprägt ist“ (S. 26). „Das Erinnern an Auschwitz ist – so meine ich – für die neutestamentliche Wissenschaft keine Aufgabe, die irgendwann erledigt werden kann. Sie bleibt eine Herausforderung auch für zukünftige Exegetinnen und Exegeten“ (S. 22).


Ionescu, Dana/Salzborn, Samuel (Hg.), Antisemitismus in deutschen Parteien (Interdisziplinäre Antisemitismusforschung 2), Baden-Ba­den (Nomos Verlagsgesellschaft) 2014 (323 S., 59,00 €).

Gibt es in den deutschen Parteien Antisemitismus? Ja, und zwar nicht nur in der NPD – so lautet das Fazit eines Sammelbandes, der in der Reihe „Interdisziplinäre Antisemitismusforschung“ erschienen ist. Doch noch auf­fallender als dieses Fazit ist, dass es bisher kaum Forschung zu der Frage nach Antisemitismus in den deutschen Parteien gibt. Diese (sprechende) Leerstelle füllt der folgende Band: In sieben Beiträgen wird Antisemitismus in den einzelnen Parteien untersucht (CDU, CSU, SPD, Bündnis 90 / Die Grünen, Linkspartei, FDP, Piratenpartei und NPD).

Wenig überraschend ist, dass bei der NPD Antisemitismus integraler Be­standteil des Parteiprogramms ist; viel interessanter ist der Blick in die übrigen Parteien, bei denen Antisemitismus kein Teil ihres offiziellen Selbst­bildes ist, die in ihren politischen
Äußerungen aber Antisemitismus in verschiedenen Schattierungen und Ab­stufungen aufweisen.

Bei der Lektüre hat man den Eindruck, dass es zwei Gradmesser für die Frage nach Antisemitismus in den deutschen Parteien gibt: hierfür ist zum einen aufschlussreich, wie die Parteien programmatisch und/oder pro­klamatorisch Antisemitismus ablehnen; dies gibt oftmals einen klaren Einblick in die Positionierung der Par­tei. Zum anderen ist die Positionierung zu Israel sprechend: Israel-Dämonisierungen, doppelte Bewertungsmaßstäbe, Delegitimierungen Israels und Israel-Faschismus- bzw.
Israel-Nationalsozialismus-Vergleiche sind dabei ebenso aufschlussreich wie einseitige Solidarisierungen im Nahostkonflikt. Während das Bild in manchen Parteien disparat, mitunter diffus und zwiespältig ist und sich in einer Partei sehr unterschiedliche Positionen finden (CDU, CSU, SPD), zeigen sich bei Bündnis 90 / Die Grünen offen antisemitische Aussagen vor allem im Kontext ihrer ‚Friedens‘politik. Die Linkspartei ist von einem durchgehenden antizionistischen Antisemitismus geprägt, der zu Täter-Opfer-Umkehrung und zu Boykottaufrufen gegen Israel geführt hat. In der FDP als dem Sammelbecken der Altnazis ist Antisemitismus auf allen Ebenen der Partei anzutreffen. In der Piratenpartei finden sich gemäß ihrem dauer-twitternden Selbstbild alle möglichen antisemitischen Klischees, die v.a. von Verschwörungstheorien ge­prägt sind.

Leider fehlt in dem Band eine Analyse zur (sogenannten) „Alternative für Deutschland“.

Dass die Proklamation von anti-antisemitischen Äußerungen im Selbstbild einer Partei nicht reicht, macht dieser Band sehr deutlich. Was braucht es? „Für die Analyse einer Parteienhaltung zu Antisemitismus sollte der Umgang mit innerparteilichem Antisemitismus als Bewertungsmaßstab dienen Die­ser Bewertungsmaßstab verdeutlicht, dass Anspruch und Wirklichkeit im Umgang mit Antisemitismus in der deutschen Parteienlandschaft ebenso auseinanderfallen wie die Fähigkeit zu Kritik in ihrer Relation zur oft deutlich nötigeren Selbstkritik“ (S. 315).

 

Heimann-Jelinek, Felicitas/Kugelmann, Cilly (Hg.), Haut ab! Haltungen zur rituellen Beschneidung, Göttingen (Wallstein Verlag) 2014 (175 S., 24,90 €).

Das Jüdische Museum Berlin hat vom 24. Oktober 2014 bis zum 1. März 2015 eine Sonderausstellung zum The­ma Beschneidung gezeigt. Der Titel der Ausstellung „Haut ab!“, dessen Doppeldeutigkeit auf Seite 19 eigens erläutert wird, ist von der 2012 erschienenen Publikation von Alfred Bo­denheimer übernommen worden (siehe Bücherschau in Kirche und Israel, Heft 1/2013).

Der vorliegende Ausstellungskatalog „Haut ab! Haltungen zur rituellen Beschneidung“ bietet vielfältiges Bild- und Textmaterial, das die kultur- und religionsübergreifende Bedeutung der Beschneidung von Jungen und Männern zeigt. Jüdische, muslimische und nicht religiös motivierte Beschneidungs­praktiken kommen dabei ebenso zur Sprache wie Texte aus der Bibel, dem Koran und der Literatur, jüdische, christliche und muslimische Positionen zum Thema, psychoanalytische Überlegungen oder satirische wie filmische Bearbeitungen. Die Bandbreite und Viel­falt des Materials ist aufschlussreich und sollte von der weitgehend des­informierten deutschen Öffentlich­keit wahrgenommen werden.

Diesbezüglich ist gleich die erste Dar­stellung des Katalogs bemerkenswert: Es ist eine Weltkarte der WHO, auf der die Verbreitung der männlichen Beschneidung dargestellt wird. Be­merkenswert ist sie in doppelter Hinsicht: Einerseits präjudiziert sie in ihrer suggestiven Farbwahl (rot für beschnitten) bereits eine Wertung, andererseits zeigt sie, dass in Deutschland der Anteil der männlichen beschnitte­nen Bevölkerung weit unter 20 Prozent liegt. So ist es wohl (bestenfalls) Unkenntnis und Ignoranz, die zu einem Urteil wie dem vom Kölner Landgericht von 2012 geführt haben.

Ob das Berliner Jüdische Museum den zuständigen Richtern den Katalog zugeschickt hat? Wünschenswert wäre es jedenfalls.

 

Schwarz, Berthold (Hg.), Wem gehört das ‚Heilige Land‘? Christlich-theologische Überlegungen zur biblischen Landverheißung an Israel (EDIS 6), Frankfurt (Peter Lang Verlag) 2014 (316 S., 39,95 €).

„Israelogie“ – ist die Wort(neu)-bildung, die programmatisch das In­sti­tut in Gießen und ihre Reihe im Peter Lang Verlag beschreibt und sich de­zidiert als Teilbereich der christlichen Dogmatik verortet: „‚Israelogie‘ will also einen Aspekt des christlichen Glaubens beschreiben der die Bedeutung Israels und des Judentums nicht auf marginale Randaspekte für ekklesiologische Aussagen reduziert (z.B. Typologie), um schließlich doch bei der ein oder anderen Substitutions- und Enterbungslehre anzukommen. ‚Israelogie‘ will vielmehr die biblischen Lehraussagen über Israel und das Judentum identifizieren und systematisieren und damit einen Beitrag dazu leisten, eine in sich konsistente, erneuerte christliche Dogmatik zu entwerfen, die eine christliche relevante Israellehre auch vor bzw. außerhalb der Ekklesiologie definiert. Israels Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sowie die Verknüpfungen mit anderen Lehraussagen sollen dabei eigenständig, wenn auch nicht unabhängig von den zentralen Aussagen des christlichen Glaubens ausformuliert und theologisch reflektiert werden.“

Der sechste Band der Reihe stellt nun die Frage „Wem gehört das ‚Heilige Land‘?“, die in 14 Beiträgen aus verschiedenen Perspektiven erörtert wird. Hingewiesen werden soll dabei besonders auf die Beiträge, die die aktuelle politische Situation beleuchten. Ein Artikel von Johannes Gerloff beschäftigt sich auch mit dem Kairos-Dokument.

 

Schnocks, Johannes, Das Alte Testament und die Gewalt. Studien zu göttlicher und menschlicher Gewalt in alttestamentlichen Texten und ihren Rezeptionen (WMANT 136), Neukirchen-Vluyn (Neukirchener Verlagsgesellschaft) 2014 (173 S., 24,99 €).

Das Alte Testament und die „Gewalt“ – das ist und bleibt ein wichtiger Dauerbrenner, der immer noch so verzerrt und schräg in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Zugleich ist es aber auch ein Thema, das sich kaum auf einen einfachen Nenner oder einen eingängigen Verstehenszu­gang reduzieren lässt.

Johannes Schnocks widmet sich dem Thema erneut und unterscheidet im ersten Teil seiner Studie zwischen Texten, die göttliche und solche die menschliche Gewalt thematisieren. Hier analysiert er die Vorstellung von Gott als einem Krieger, den schwer verdaulichen Text der sog. „Opferung Isaaks“ (Gen 22), das Thema Blutrache (mit 2 Sam 21) und die Frage nach der Todesstrafe.

In einem zweiten Komplex untersucht Schnocks Gewalt in ihren unterschiedlichen Schattierungen im Ers­ten und Zweiten Makkabäerbuch.

Schnocks vereinfacht nicht, sondern stellt die Texte in ihrer Vielschichtigkeit und Differenziertheit dar, auch wenn er leider die Gewalt und Krieg ablehnende Rezeptionsgeschich­te von Ex 15,3 in der LXX und in der frühjüdischen Literatur nicht mit einbezieht.

Dafür leuchtet er in aufschlussreicher Weise im dritten Teil die Rezeptionsgeschichte von Ps 78LXX / 79MT aus, der gegen seinen hebräischen Urtext und auch seine lateinischen Fassungen bei den Kreuzzugsaufrufen rezipiert und gewaltlegitimierend eingesetzt wurde.

So beginnt das Fazit der Studie ehrlicherweise: „Auch am Ende dieses Buches können keine allgemeinen Antworten auf die Fragen nach göttlicher und menschlicher Gewalt im Alten Testament gegeben werden“ (S. 161).

 

Bons, Eberhard (Hg.), Identität und Gesetz. Prozesse jüdischer und christlicher Identitätsbildung im Rah­men der Antike. (Biblisch-theolo­gi­sche Studien 151), Neukirchen-Vluyn (Neukirchener Verlagsgesellschaft) 2014 (143 S., 24,99 €).

„In welcher Hinsicht haben Gesetze eine identitätsstiftende und identitätsfördernde Funktion? … Wie definieren sich Gemeinschaften durch die Schaffung von unverwechselbaren ‚identity markers‘, die ad intra wie ad extra erkennbar sind?“ (S. 3). Diesen Fragen widmet sich der Band der Biblisch-theologischen Studien mit fünf Aufsätze: Hans Neumann fragt nach Identität und Gesetz im Alten Orient, Werner Eck nach der Bedeutung von Gesetz(en) und Recht für die Identität Roms und seiner Bürger, Alexandra Grund nach dem Sabbat als Identitätsmarker, Matthias Konradt nach Gesetz und Identität im Jakobusbrief und Luke Neubert nach Tora und Identität im Rabbinischen Judentum.


Nicklas, Tobias, Jews and Christians? Second Century ‚Christian‘ Perspectives on the ‚Parting of the Ways‘, Tübingen (Mohr Siebeck Verlag) 2014 (233 S., 29,00 €).

Im April 2013 hat Tobias Nicklas die Deichmann Lectures im Rahmen des „Deichmann Programme for Jewish and Christian Literature of the Hellenistic Era“ an der Ben Gurion University in Beersheva, Israel, gehalten. Die überarbeitete Fassung dieser Lectures ist nun in diesem Band publiziert.

Diese Studie zielt keine umfassende Behandlung der Beziehungen von ‚Judentum‘ und ‚Christentum‘ in der Antike an, sondern analysiert in vier Essays ‚christliche‘ Quellen aus dem 2. Jh. n.Chr. Themen dieser Texte sind das Bild vom ‚Juden‘ in den frühen christlichen Quellen, Schrifthermeneutik und Interpretation der Tora, Gottesbild etc. Dabei zeigt Tobias Nicklas, wie begrenzt und ungenügend unsere Zuordnungen unter ‚christlich‘ oder ‚jüdisch‘ sind. Nicklas macht darauf aufmerksam, dass wir nur eine sehr begrenzte Quellenlage haben, und wir damit rechnen müssen, dass diese u.U. nicht repräsentativ sein dürfte. Zudem macht er darauf aufmerksam, dass nicht die Grenzziehungen zwischen ‚Judentum‘ und ‚Christentum‘ un­sere Aufmerksamkeit erhalten sollten, sondern vielmehr die Frage, wann, wo und wie es zu diesen Grenzsetzungen gekommen ist. Zu wenig ist bisher auch die Gleichzeitigkeit sehr unterschiedlicher Positionen und deren Verhältnis zueinander betrachtet wor­den. Daher – so Nicklas – sei der Begriff „Parting of the ways“ schwierig, weil er zwei in sich konsistente Gruppen suggeriere (siehe auch den Beitrag „Getrennte Wege oder verflochtene Linien?“ von Tobias Nicklas in diesem Heft).


Bet Debora e.V. (Hg.), Bet Debora Journal. Tikkun Olam – Der Beitrag jüdischer Frauen zu einer besseren Welt, Berlin (Hentrich & Hentrich Verlag) 2014 (146 S., 15,00 €).

Tikkun Olam – die „Reparatur der Welt“: Unter diesem Thema fand 2013 die 6. Internationale Bet Debora Konferenz in Wien statt. Frauen aus über 14 Ländern diskutierten über Wege zur Stärkung des jüdischen Lebens. Dabei kommen in ca. 18 kurzen Beiträgen persönliche und biographische Themen ebenso zur Sprache wie ökologische Fragen, Fragen von Ehe und Scheidungsrecht und die Entwicklung von Frauenorganisationen.

 

Signer, Michael A., Brücken bauen. Aufsätze und Vorträge zum jüdisch-christlichen Verhältnis, hg. v. Kampling, Rainer / Henrix, Hans H. / von der Osten-Sacken, Peter (SKI 29), Berlin (Institut Kirche und Judentum) 2013 (445 S., 29,80 €).

2009 ist Michael Signer verstorben. Als Rabbiner und Professor war er
einer der Protagonisten des Gesprächs zwischen Judentum und Christentum weltweit. Er gehörte zu den Initiatoren von „Dabru Emet. Eine jüdische Stellungnahme zu Christen und Christentum“. Zudem leitete er das Notre Dame Holocaust Project. Trotz seiner zahlreichen Gastvorträge in Europa sind seine wissenschaftlichen Arbeiten bisher kaum in Deutschland von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen worden.

Daher sind in diesem Band 27 Auf­sätze von Michael Signer zusammengestellt und ins Deutsche übersetzt worden. Es sind sowohl theologische Beiträge und solche zu „Dabru Emet“ als auch mediävistische Aufsätze zur Hermeneutik und Auslegungsgeschich­te. Lesenswert!


Fauth, Wolfgang, Jao-Jahwe und seine Engel. Jahwe-Appellationen und zugehörige Engelnamen in griechischen und koptischen Zaubertexten (STAC 74), Tübingen (Mohr Siebeck Verlag) 2014 (133 S., 74,00 €).

Griechische und koptische Zaubertexte mögen auf den ersten Blick als ein ziemlich entlegenes Textcorpus erscheinen – und wahrscheinlich sind sie es bei einem zweiten Blick immer noch. Aber gerade darin liegt ihr eigener Reiz: Wolfgang Fauth analysiert die überraschend vielen Nennungen des Gottesnamens JHWH in seinen un­terschiedlichen Varianten in den Zauberpapyri, die v.a. unter der Form Jao oder Iao auftreten. Dabei werden diese nicht nur mit Jesus Christus, sondern auch mit griechischen und äygptischen Gottheiten verbunden. So können sich ohne weiteres Horusanrufungen mit Jao-Epiklesen oder mit Osiris, Zeus, Helios oder Sarapis verbinden. Oder es kann Jao-JHWH als der Allherrscher mit Jesus Christus ver­bunden werden: „Jao Jao Christus Pantokrator, der im Innern des Vaters geboren wurde.“

 

Rosenthal, Gilbert S./Homolka, Walter, Das Judentum hat viele Gesichter. Eine Einführung in die religiösen Strömungen der Gegenwart, Berlin (Hentrich & Hentrich Verlag) 2014 (202 S., 14,90 €).

Das 1999 erstmals erschienene Buch liegt nun in aktualisierter Neuausgabe vor. In vier Kapiteln stellt es die vielen Gesichter des Judentums heute vor. Ein erstes, eher historisch orientiertes Kapitel schildert den Weg vom traditionellen zum modernen Judentum, ein zweites Kapitel thematisiert das amerikanische Judentum. Die verschiedenen jüdischen Strömungen der Gegenwart werden sodann einzeln vor­gestellt: die Reform-Bewegung, das konservative Judentum, der Rekonstruktionismus als jüdische Erneuerungsbewegung, das orthodoxe Juden­tum, schlussendlich jüdische Mystik und Chassidismus. Neben den jeweiligen Besonderheiten der einzelnen Strömungen wird für jede die Frage nach dem Verständnis und Umgang mit der Tora, dem Land Israel, der jüdischen Gemeinschaft, der religiösen Praxis, den interreligiösen Aktivitäten etc. gestellt, so dass ein Vergleich ermöglicht wird, der die Spezifika der einzelnen Gruppierungen hervortreten lässt. Ein abschließendes Überblickskapitel fasst die Spezifika der einzelnen Strömungen noch einmal in Text und Schaubild kurz zusammen.

 

Necker, Gerold/Morlok, Elke/Morgenstern, Matthias (Hg.), Gershom Scholem in Deutschland. Zwischen Seelenverwandtschaft und Sprachlosigkeit, Tübingen (Mohr Siebeck Verlag) 2014 (302 S., 39,00 €).

Gershom Scholems ambivalentes Verhältnis zu Deutschland war Thema einer Tagung 2012 in Tübingen anlässlich seines dreißigsten Todestages. Dabei wurden sowohl seine biographischen Stationen mit Blick auf sein Verhältnis zu Deutschland und die Persönlichkeiten, mit denen Scholem in Austausch stand bzw. mit denen er sich beschäftigt hat, beleuchtet, als auch die spezifische Ausprägung und Thematisierung der Kabbala in Deutschland mit Blick auf Scholem ausgewertet.

 

Mordhorst-Mayer, Melanie, Medizinethische Entscheidungsfindung im orthodoxen Judentum. Übersetzung und Analyse von Responsen zum Schwangerschaftskonflikt (SKI.NF 6), Leipzig (Evangelische Verlagsanstalt) 2013 (617 S., 64,00 €).

„Wie kommen jüdisch-orthodoxe Entscheidungsträger zu ihren medizin-ethischen Positionen? … Weshalb gibt es so große Unterschiede in den halachischen Antworten (Responsen) zeitgleich lebender Entscheidungsträger, die derselben Strömung des ashkenasischen (ultra-)orthodoxen Juden­tums angehören und somit wesentliche Grundannahmen teilen? Wie kom­men sie nach intensiver Beschäftigung mit denselben normativen Texten zu völlig unterschiedlichen Entscheidungen?“ (S. 17).

Diese Frage stellt Melanie Mordhorst-Mayer an den Beginn ihrer umfangreichen, 2011 an der Philipps Universität Marburg eingereichten Dissertation. Melanie Mordhorst-Mayer konzentriert sich auf Fragen des Schwangerschaftsabbruchs und auf die Res­ponsen zweier einflussreicher und angesehener Rabbiner: Eliezer Waldenberg (1915/16–2006) aus Jerusalem und Moshe Feinstein (1895–1986) aus New York. In den 70er Jahren hat sich zwischen ihnen ein Konflikt um Fragen des Schwangerschaftsabbruchs ergeben, in dessen Verlauf beide unterschiedliche Positionen in pointierten Responsen vertreten haben. Diese Res­ponsen sind das Kernstück der vorliegenden Arbeit. Responsen sind eine Form von hoch spezialisierter Literatur der (ultra‑)orthodoxen Fachwelt, die außerhalb der Yeshiva kaum verstanden werden und auch nicht in Überset­zungen vorliegen. Melanie Mordhorst-Mayer hat diese manchmal geradezu kryptisch anmutenden Texte nicht nur übersetzt, sondern für einen breiteren Diskurs verständlich gemacht.

Nach einer Einleitung in die Thematik und Methodik und einer ausführlichen Einführung in die jüdische Traditionsliteratur stellt Melanie Mord­horst-Mayer die beiden Rabbinen mit ihrer Biographie vor, um dann ihre je­weiligen Positionen zum Schwangerschaftskonflikt darzustellen. Diese wer­den sodann in einem Analysekapitel ausgewertet und in einem Fazit verglichen. Zugleich sucht Melanie Mord­horst-Mayer durch den Vergleich der beiden Positionen die diesen zugrunde liegende Hermeneutik herauszuarbeiten, um deren Unterschiedlichkeit verstehen und einordnen zu können. Um diese Diskussionen nachvollziehen zu können, ist eine Leistung dieser Arbeit, dass sie das analysierte Material auf 250 Seiten den Interessierten in Übersetzung zugänglich macht. Ein gutes Glossar rundet diese aufschlussreiche Arbeit ab.

 

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