Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Klassiker der jüdischen Literatur - Gabrielle Oberhänsli-Widmer

 

   Dr. Gabrielle Oberhänsli-Widmer ist Professorin für Judaistik am Orientalischen Seminar der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und Mitherausgeberin dieser Zeitschrift.


 

Franz Kafka: Vor dem Gesetz (1914)

Ein Denkspiel: Wäre die jüdische Literatur eine Landkarte mit Thora und Bibel im Zentrum, mit Talmud und Midrasch als innerste konzentrische Kreise, den Kern eng umschließend, wo würden Sie dann Franz Kafkas Werk einzeichnen? In einer gewissen Nähe zum Traditionsschrifttum oder in sicherer Distanz dazu? Fern von religiösen Werten am Kartenrand, in einem säkularen Bereich an der Peripherie?

Franz Kafka (1883–1924) muss man kaum vorstellen – wohl kein Komma sei­nes Werkes, welches die Sekundärliteratur von Kommentaren verschont. Doch gilt Kafka gemeinhin nicht als jüdischer Autor: ‚österreichischer Erzähler‘ oder ‚deutschsprachiger Schriftsteller‘ vermerken einschlägige Lexika und Internet-Einträge, vielleicht noch ‚Dichter seiner Heimatstadt Prag‘. Und tatsächlich scheinen jüdische Topoi bei einer oberflächlichen Kafka-Lektüre nicht unmittelbar naheliegend: weder theologische Rhetorik noch liturgischer Duktus, weder hebräische Terminologie noch halachischer Lebenshorizont. Dringt man jedoch durch die äußere Hülle von Plot und Story, so fördern die verdeckteren Strukturen nicht wenig an biblischem, rabbinischem und mystischem Erbe zutage. Exemplarisch möchte dies der vorliegende Beitrag an einem kleinen Text veranschaulichen, der Gleichniserzählung Vor dem Gesetz, die Kafka 1914 verfasst und 1915 veröffentlicht hat, und welche Max Brod 1925, nach Kafkas Tod, im Rahmen des unvollendeten Romans Der Prozess publizierte.

Mithin ein hundertjähriger, in keiner Weise aber veralteter Text, denn Kafka und das Kafkaeske haben im letzten Jahrhundert zunehmend an Einfluss auf die internationale Literatur gewonnen. Und geradezu inflationär flattert Kafkas Konterfei seit mehreren Monaten durch die deutschsprachigen Feuilletons. Grund für eine solche Aktualität ist das Erscheinen des dritten Bandes von Reiner Stachs monumentaler Kafka-Biographie, einer Trilogie von insgesamt 2015 Seiten (sic!), welcher sich der Philosoph und Literaturwissenschaftler Stach achtzehn Jahre gewidmet hat und in welcher er Kafkas Leben breit entfaltet, von der Kindheit in Prag bis hin zum Tod im Sanatorium Kierling bei Wien: die Jugend in einem assimilierten jüdischen Kaufmannsmilieu, das Studium der Rechtswissenschaft an der Deutschen Universität Prag, den Brotberuf als juristischer Funktionär, das Wachsen zum Schriftsteller, die Reisen nach Italien, Frankreich und Deutschland, die prägenden Freundschaften, die stets gespannten Liebschaften, die langen von Tuberkulose überschatteten Jahre. Doch viel mehr bietet Reiner Stach: ein beeindruckendes Panoptikum der Zeitgeschichte Kafkas, minutiöses Milieustudium, ein mögliches Psychogramm des Autors eingebettet in präzise Textanalysen.[1] Kein Weg – so die einhellige Meinung der Feuilletonisten – führe bei der Beschäftigung mit Kafka nunmehr an Stachs Werk vorbei.

Keine Lektüre Kafkas ohne Stach? Das darf trotz unbestrittener Verdienste des Kafka-Biographen nicht sein! Selbst ein noch so von Auslegungen überfrachteter Text – ob Bibel oder Kafka – muss jeder arglosen Leserin, jedem selbstbestimmten Leser auch ohne wissenschaftlichen Ballast zugänglich sein. „Komm und sieh!“ haben die Rabbinen ihre Schüler aufgefordert, um ihre mündliche und schriftliche Thora zwecks immer neuer Auslegungen aufzurollen. Und vergleichbar tut dies die heutige Semiotik, die neben einer wie auch immer gearteten intentio auctoris beziehungsweise intentio operis jedem einzelnen Leser seine individuelle intentio lectoris zugesteht.[2] In diesem Sinn hier der Wortlaut von Vor dem Gesetz zwecks freiem und beflügeltem Lesen:

Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, daß er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, ob er also später werde eintreten dürfen. „Es ist möglich“, sagt der Türhüter, „jetzt aber nicht.“ Da das Tor zum Gesetz offensteht wie immer und der Türhüter beiseite tritt, bückt sich der Mann, um durch das Tor in das Innere zu sehn. Als der Türhüter das merkt, lacht er und sagt: „Wenn es dich so lockt, versuche es doch, trotz meines Verbotes hineinzugehn. Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter. Von Saal zu Saal stehn aber Türhüter, einer mächtiger als der andere. Schon den Anblick des dritten kann nicht einmal ich mehr ertragen.“ Solche Schwierigkeiten hat der Mann vom Lande nicht erwartet; das Gesetz soll doch jedem und immer zugänglich sein, denkt er, aber als er jetzt den Türhüter in seinem Pelzmantel genauer ansieht, seine große Spitznase, den langen, dünnen, schwarzen tatarischen Bart, entschließt er sich, doch lieber zu warten, bis er die Erlaubnis zum Eintritt bekommt. Der Türhüter gibt ihm einen Schemel und läßt ihn seitwärts von der Tür sich niedersetzen. Dort sitzt er Tage und Jahre. Er macht viele Versuche, eingelassen zu werden, und ermüdet den Türhüter durch seine Bitten. Der Türhüter stellt öfters kleine Verhöre mit ihm an, fragt ihn über seine Heimat aus und nach vielem andern, es sind aber teilnahmslose Fragen, wie sie große Herren stellen, und zum Schlusse sagt er ihm immer wieder, daß er ihn noch nicht einlassen könne. Der Mann, der sich für seine Reise mit vielem ausgerüstet hat, verwendet alles, und sei es noch so wertvoll, um den Türhüter zu bestechen. Dieser nimmt zwar alles an, aber sagt dabei: „Ich nehme es nur an, damit du nicht glaubst, etwas versäumt zu haben.“ Während der vielen Jahre beobachtet der Mann den Türhüter fast ununterbrochen. Er vergißt die andern Türhüter und dieser erste scheint ihm das einzige Hindernis für den Eintritt in das Gesetz. Er verflucht den unglücklichen Zufall, in den ersten Jahren rücksichtslos und laut, später, als er alt wird, brummt er nur noch vor sich hin. Er wird kindisch, und, da er in dem jahrelangen Studium des Türhüters auch die Flöhe in seinem Pelzkragen erkannt hat, bittet er auch die Flöhe, ihm zu helfen und den Türhüter umzustimmen. Schließlich wird sein Augenlicht schwach, und er weiß nicht, ob es um ihn wirklich dunkler wird, oder ob ihn nur seine Augen täuschen. Wohl aber erkennt er jetzt im Dunkeln
einen Glanz, der unverlöschlich aus der Türe des Gesetzes bricht. Nun lebt er nicht mehr lange. Vor seinem Tode sammeln sich in seinem Kopfe alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage, die er bisher an den Türhüter noch nicht gestellt hat. Er winkt ihm zu, da er seinen erstarrenden Körper nicht mehr aufrichten kann. Der Türhüter muß sich tief zu ihm hinunterneigen, denn der Größenunterschied hat sich sehr zu ungunsten des Mannes verändert. „Was willst du denn jetzt noch wissen?“ fragt der Türhüter, „du bist unersättlich.“ „Alle streben doch nach dem Gesetz“, sagt der Mann, „wieso kommt es, daß in den vielen Jahren niemand außer mir Einlaß verlangt hat?“ Der Türhüter erkennt, daß der Mann schon an seinem Ende ist, und, um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: „Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.“[3]

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[1] Reiner Stach, Kafka. Die Jahre der Entscheidungen, Frankfurt a.M. 2002; ders., Kafka. Die Jahre der Erkenntnis, Frankfurt a.M. 2008; ders., Kafka. Die frühen Jahre, Frankfurt a.M. 2014.

[2] Umberto Eco, Zwischen Autor und Text. Interpretation und Überinterpretation, aus dem Englischen von Hans Günter Holl, München 1994 (englische Originalausgabe 1992).

[3] Franz Kafka, Vor dem Gesetz, in: ders., Sämtliche Erzählungen, herausgegeben von Paul Raabe, Frankfurt a.M. 1983 (entstanden im Herbst 1914), 131–132.

 

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