Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Hans Hermann Henrix

Kein Tabu, aber der nüchternen Betrachtung wert: Messianisches Judentum in Israel


Die wissenschaftlich fundierte Literatur zu einem Thema, das im weiten Feld zwischen Christentum und Judentum den Charakter eines Tabus hat, nimmt zu. Nachdem Stefanie Pfister 2008 ihre historische und religionssoziologische Untersuchung zum Thema „Messianische Juden in Deutschland“ publiziert hat,[1] liegt nun für den Bereich deutschsprachiger Theologie eine zweite, ebenfalls an der Fakultät Humanwissenschaften und Theologie der TU Dortmund erarbeitete Dissertation zum Thema der jesusgläubigen jüdischen Frauen und Männern vor. Hanna Rucks[2] hat die Geschichte und Theologie der Bewegung Messianischer Juden in Israel zum Gegenstand ihrer Arbeit gemacht. Sie hat sich damit einem Phänomen zugewandt, das nach wie vor christliche Theologie den christlich-jüdischen Dialog wie auch die jüdische Gemeinschaft irritiert und dort auch manche Verdrängung erfährt. So sieht sich die Autorin zu einer eigenen Begründung für ihr Vorhaben gedrängt. Und diese erscheint etwas „umwegig“. Bezieht sie sich doch auf den Topos der Theologie nach Auschwitz, die den Opfern der Schoa Gehör schenken muss. Und zu ihnen zählten auch „jüdische Jesusgläubige“(1). Wenn Theologie nach Auschwitz heiße, „die Opfer zu hören, ihr Selbstverständnis wahr- und für die eigene Theologie ernst zu nehmen, so müsste sich das auch auf die heutigen jesusgläubigen Juden erstrecken, unter denen eine Gruppe besonders hervorsticht, nämlich die der sogenannten ‚Messianischen Juden‘“(2). Die Autorin versteht ihre Arbeit als ein Stück „Theologie nach Auschwitz“, die zuhört. Sie möchte das theologische Denken innerhalb der messianischen Bewegung in Israel ermitteln und fragen, „was das Wahrgenommene für die deutschsprachige protestantische Theologie austragen kann“(3).

Ihre einführende Auseinandersetzung mit den Problemen einer Definition, wer denn messianische jüdische Frauen und Männer sind, führt zu dem Befund, dass der Begriff „Messianische Juden“ „eine Kategorie mit unklaren Grenzen“ ist (14). Sie mündet in der Aufgabenstellung: „In der vorliegenden Arbeit sollen die unabhängigen Gruppen und Organisationen untersucht werden, die sich selbst als jüdisch verstehen und gleichzeitig an Jesus als den Messias Israels glauben“ (15). So gehören etwa die Hebräisch sprechenden katholischen Gemeinden als Teil des Lateinischen Patriarchats zu Jerusalem nicht zum Gegenstand der Untersuchung. Diese beschäftigt sich mit den unabhängigen Gemeinden in Israel, die ein jüdisches Selbstverständnis pflegen und an Jesus als Messias Israels glauben (15f.) und fragt: „Wie stellt sich das theologische Denken unabhängiger messianisch-jüdischer Gruppen und Organisationen in Israel dar?“ (17) Zwischen diesen Gruppen herrschen große Unterschiede in ihren Theologien, Strukturen und Gottesdiensten. So befragt die Autorin nicht systematische Theologieentwürfe, sondern recherchiert auf einzelne theologische Themen hin: „Messias; Tora/Gesetz/Gebote; Verhältnis der Messianischen Juden zu Kirche und Judentum; Mission/Evangelisation; Eschatologie sowie Liturgie“ (19) und zwar als Binnenperspektive der Gruppen bzw. Gemeinden. Sie geht unter den Stichworten „Kulturtransfer“ und „Verflechtungsgeschichte“ den Einflüssen auf das messianisch-jüdische Denken nach. Dieses Denken ermittelt die Autorin aus schriftlichen Quellen und durch qualitative Interviews, die sie mit Gemeindeleitern, Dozierenden theologischer Ausbildungsstätten und Autoren theologischer Publikationen geführt hat. Das hat sie „mit einer großen Zahl von Sprachen konfrontiert“, werden doch z.B. Gottesdienste der Gruppen in Russisch, Englisch, Hebräisch und Amharisch, d.h. Äthiopisch, abgehalten (44). So ließ sich die Autorin eigens ins Sprechen der russischen Sprache einführen und vertiefte ihr Hebräisch.

 

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[1] Stefanie Pfister, Messianische Juden in Deutschland. Eine historische und religionssoziologische Untersuchung (Dortmunder Beiträge zu Theologie und Religionspädagogik 3), Berlin 2008, 442 S.

[2] Hanna Rucks, Messianische Juden. Geschichte und Theologie der Bewegung in Israel, Neukirchen 2014, 557 S. (der Ort der Zitate daraus wird im laufenden Text jeweils mit Seitenangaben in Klammern angegeben).

 

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