Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Tobias Nicklas

Getrennte Wege oder verflochtene Linien?  

„Juden“ und „Christen“ vor der konstantinischen Wende

Tobias Nicklas, Jahrgang 1967, ist Professor für Exegese und Hermeneutik des Neuen Testaments an der Katholisch-Theologischen Fakultät Regensburg und hat bei seinen zahlreichen Gastprofessuren auch an der Ben-Gurion-Universität des Negev in Beer Scheva gelesen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen alte christliche Apokryphen, die Geschichte der kanonischen Johannes-Literatur, die frühjüdische und frühchristliche Literatur sowie die frühe Rezeptionsgeschichte des Neuen Testaments. Er gehört dem Gesprächskreis "Juden und Christen" beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken an.

 

1. Einleitendes

Wenn Geschichte nicht einfach Vergangenheit ist, sondern ein mehr oder minder komplexes Bild, das wir aus unseren heutigen Perspektiven aufgrund von Quellen über die Vergangenheit konstruieren, dann hängt dieses Bild ganz ent­scheidend von Konzepten und Vorannahmen ab, mit Hilfe derer wir als Histori­ker Sinn zu stiften suchen. Wollen wir das Verhältnis von „Juden“ und „Chris­ten“ in der Antike bestimmen, ist dieser Gedanke auf zwei Ebenen bedeutsam:

 

1. Zunächst einmal ist es entscheidend, ob wir uns „Judentum“ und „Chris­tentum“ als mehr oder minder einheitliche Gruppen – so etwa „rabbinisches Ju­dentum“ und „(proto‑)orthodoxes Christentum“ – mit weitestgehend stabilen Identitäten[1] vorstellen und damit von vorne herein Quellen über Gruppen, die diesem Bild nicht (oder nur teilweise) entsprechen, als marginal und für das Ge­samtbild zweitrangig abtun. Wenn wir bedenken, dass Quellen, die von Gruppen berichten, die sich auf Dauer nicht durchsetzen konnten, eine deutlich geringere Chance hatten, bis in unsere Zeit hinein überliefert zu werden, als solche, welche Vergangenheit aus der Sicht der „Sieger“ erzählen, dann sind wir mit einer sol­chen Vorentscheidung in der Gefahr, Aspekte des Gesamtbilds bzw. – mit ande­ren Worten – wichtige Perspektiven auf die Vergangenheit auszuschließen. Ich bevorzuge deswegen Vorstellungen eines möglichst vielfältigen und dynamischen antiken Judentums wie auch Christentums,[2] die in der Lage sind, nicht nur die vorhandenen Quellen ernst zu nehmen, sondern sich auch dessen bewusst sind, dass die überlieferten Zeugnisse nur winzige, zum Teil durch Zufälle erhaltene Fragmente eines ungleich komplexeren Ganzen darstellen und uns selbst im besten Falle, bildlich gesprochen, durch ein „Schlüsselloch“ aufgenommene Teil- bzw. Momentaufnahmen eines größeren, jedoch verlorenen Ganzen bieten.

2. Damit zusammen hängt eine zweite Ebene: Viel zu lange – im Grunde be­reits in einigen Schriften des 2. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung – wurde das Verhältnis von „Judentum“ und „Christentum“ wenigstens aus christlicher Per­spektive mit dem Paradigma der „Überwindung“ des Judentums durch das Christentum beschrieben, einer Vorstellung, in der die Kirche als das „Neue Is­rael“ gesehen und das Judentum als eine in dumpfem Gesetzesgehorsam verhar­rende Religion beschrieben wurde.[3] Aus meinem eigenen Religionsunterricht er­innere ich mich noch an das Bild eines Baumes, dessen einer Ast – das Judentum – verdorrt war, während der andere – das Christentum repräsentierend – in vol­ler Blüte stand. Welche furchtbaren Folgen dieses Bild in der nicht nur jüngeren Geschichte zeitigte, braucht hier nicht weiter verfolgt zu werden … Demgegen­über ist das seit etwas mehr als zwanzig Jahren wissenschaftlich vertretene und besonders namhaft durch James D.G. Dunn verteidigte Bild eines „Parting of the Ways“ zwischen Judentum und Christentum ein großer und ungeheuer ver­dienstvoller Schritt vorwärts,[4] werden Judentum und Christentum in diesem Bild doch als zwei auch nach der Trennung ihrer Wege weiterhin lebendige Größen betrachtet.[5] Trotzdem ist die Vorstellung eines „Parting of the Ways“, so wenig hinter sie zurückgegangen werden darf, in den vergangenen Jahren vermehrt und m.E. mit guten Gründen der Kritik unterzogen worden. Einerseits scheint mir der Gedanke von D. Boyarin wichtig, dass Grenzen zwischen Gruppierungen nicht einfach per se existieren, sondern aktiv gezogen werden, um zu trennen, wo eventuell für die Beteiligten gar keine Trennlinien existieren.[6] Andererseits macht bereits das Bild eines vielfältigen Judentums bzw. Christentums, wie eben angedeutet, es nahezu unmöglich, von einem „Parting of the Ways“, d.h. einem konkreten Punkt der Geschichte, in dem sich „Judentum“ und „Christentum“ voneinander trennten, zu sprechen.[7] Zugleich hat eine Vielzahl neuerer Untersu­chungen gezeigt, dass auch zu Zeiten, in denen üblicherweise über ein abge­schlossenes „Parting of the Ways“ gesprochen wird, die Wege keineswegs überall getrennt verlaufen sein können, sondern sich auch weiterhin – nicht nur in Ab­grenzung und Konflikt – begegneten und kreuzten.[8]

Vor diesem Hintergrund habe ich in mehreren Publikationen vorgeschlagen, das Bild des „Parting of the Ways“, der „Trennung der Wege“ zu überdenken und mit neuen Bildern, die die Vielfalt der Quellen zu illustrieren helfen, zu er­gänzen bzw. es durch sie zu ersetzen.[9]

Bevor ich nun versuche, ein solches Modell vorzustellen, ist es notwendig, we­nigstens einige Beobachtungen aus „christlichen“ Quellen der Antike voranzu­schicken.

 

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[1] Ich werde im Folgenden immer wieder den eigentlich ja sehr komplexen und umstrittenen Be­griff „Identität“ verwenden. Eine knappe Einführung in den derzeitigen Diskurs bietet J. Straub, Identität, in: F. Jaeger / B. Liebsch (Hg.), Handbuch der Kulturwissenschaften 1: Grundlagen und Schlüsselbegriffe, Stuttgart/Weimar 2011, 277–303. Mir ist im Folgenden be­sonders wichtig, dass Identität von einem Zueinander von Selbst- und Fremdwahrnehmung lebt, dass sie nicht einfach als stabil oder statisch, sondern in verschiedenen Kontexten höchst dynamisch und instabil sein kann und schließlich, dass sie ihr eine soziale bzw. Beziehungs­dimension zukommt.

[2] Eine Reihe guter Beispiele, wie diese Vielfalt in der Forschungslandschaft „bildlich“ gefasst wurde, diskutiert D. Brakke, The Gnostics. Myth, Ritual, and Diversity in Early Christianity, Cambridge, Mass. / London 2010, 5–18.

[3] In einer solchen Sicht wird das lebendige Judentum der jeweiligen Gegenwart natürlich für das Christentum zu einer theologisch vollkommen irrelevanten Größe.

[4] Besonders grundlegend J.D.G. Dunn (Hg.), Jews and Christians. The Parting of the Ways A.D. 70–135, Tübingen 1992.

[5] Die Tatsache, dass unterschiedliche Autoren den Begriff durchaus unterschiedlich bestimmten, würde eine eigene Studie in Anspruch nehmen, kann hier im Detail aber nicht reflektiert wer­den.

[6] Hierzu D. Boyarin, Border Lines. The Partition of Judaeo-Christianity, Philadelphia 2007.

[7] Hierzu grundlegend z.B. A. Reinhartz, A Fork in the Road or a Multi-Lane Highway? New Per­spectives on the ‚Parting of the Ways‘ between Judaism and Christianity, in: I.H. Hender­son / G.S. Oegema (Hg.), The Changing Face of Judaism, Christianity, and Other Greco-Ro­man Cults in Antiquity (JSHRZ. Schriften 2), Gütersloh 2006, 280–295, aber auch die sehr an­schaulichen Modelle bei M. Goodman, Modeling the ‚Parting of the Ways‘, in: A.H. Becker / A. Yoshiko Reed (Hg.), The Ways That Never Parted. Jews and Christians in Late Antiquity and the Early Middle Ages, Minneapolis 2007, 119–130.

[9] Besonders provozierend P. Schäfer, Die Geburt des Judentums aus dem Geist des Christen­tums: Fünf Vorlesungen zur Entstehung des rabbinischen Judentums (TrC 6), Tübingen 2010; beispielhaft aber etwa M. Bar-Asher Siegal, Early Christian Monastic Literature and the Baby­lonian Talmud, Cambridge 2013.

[10] T. Nicklas, Jews and Christians? Second Century ‚Christian‘ Perspectives on the ‚Parting of the Ways‘, Tübingen 2014, sowie T. Nicklas, Parting of the Ways? Probleme eines Konzepts, in: St. Alkier / V. Leppin (Hg.), Juden, Christen, Heiden? Religiöse Inklusion und Exklusion in Kleinasien bis Decius (WUNT), Tübingen 2015 [im Druck]. Für den vorliegenden Beitrag ist es mir wichtig, nicht einfach die dort bereits geäußerten Argumente und Beispiele zu wieder­holen – ich werde den einen oder anderen Punkt, der sich seitdem in der Diskussion um meine Argumente ergeben hat, neu aufgreifen, wie in Teilen neue Beispieltexte heranziehen.

 

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