Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Görge K. Hasselhoff

Abgrenzungsstrategien: Moses Maimonides und das Christentum

 

Görge K. Hasselhoff studierte Evangelische Theologie, Philosophie und Jüdische Studien an der Kirchlichen Hochschule Bethel, der Philipps-Universtität Marburg, der Ruprecht-Karls-Universität sowie der Hochschule für jüdische Studien Heidelberg und an der Humboldt-Universität Berlin. Seit 2011 ist er Research Scholar im Käte Hamburger Kolleg "Dybamiken der Religionsgeschichte zwischen Asien und Europa" an der Ruhr-Universität Bochum mit einem Projekt zu "Die Bedeutung des Bibels- und Talmudkommentars Rabbi Shlomo Yitzhaqi (Raschi) für das lateinische Christentum".


Im Werk des Moses Maimonides lassen sich Begegnungen mit drei religiösen, nicht-jüdischen Gruppen sowie mit der karäischen Abspaltung aus dem Juden­tum finden, der inhomogenen Gruppe der „Götzenanbeter“ und Heiden, den Christen und den Muslimen. Während die „Götzenanbeter“ in der Polemik grundsätzlich negativ bewertet werden – oftmals handelt es sich in den halakhi­schen Texten um tropische Rede –, auch wenn sich Maimonides möglicherweise differenzierte Kenntnisse z.B. der Astrologie angeeignet hat, lassen sich für die Schwesterreligion Christentum sowie die Tochterreligion Islam keine so eindeu­tigen Urteile fällen.

Das vorausgeschickt, gehe ich in drei Schritten vor. Zunächst werde ich einige knappe biografische Anmerkungen zu Maimonides machen, um die nachfolgen­den Aussagen zu kontextualisieren: Der Fokus liegt hierbei auf Kontaktmöglich­keiten mit Christen (und Muslimen – auch wenn diese im Titel nicht vorkom­men). Ich werde dann in einem zweiten Schritt auf die Frage zu sprechen kom­men, ob die Rede von „Christen als Götzendienern“ (in Anlehnung an eine Aus­sage von Maimonides) sachgemäß ist.[1] In einem dritten Schritt weite ich den Blick auf die Wahrnehmung von Christentum und Islam in weiteren Texten von Maimonides.


1. Maimonides’ Biografie im Blick auf interreligiöse Kontaktdimensionen

Maimonides hat überwiegend in muslimischen Gesellschaften gelebt und als Arzt für Teile der muslimischen Elite in Ägypten gewirkt. Geboren wurde er zwischen 1132/5 und 1138 in Cordoba in Andalusien,[2] d.h. zur Zeit der ver­gleichsweise toleranten Almoraviden-Herrschaft. Er war unmittelbarer Zeitge­nosse des ebenfalls aus Cordoba stammenden Ibn Rushd (Averroes, 1126–1198). Nach der Eroberung Andalusiens durch die Almohaden (1148) verließ die Fami­lie Cordo­ba in unbekannter Richtung, wahrscheinlich blieb sie jedoch auf der Iberischen Halbinsel, möglicherweise in der überwiegend christlichen Stadt Al­meria.[3] Belegt sind in den 1150er Jahren ein Aufenthalt in Fez, sowie möglicher­weise in Akko im vergleichsweise toleranten christlichen Kreuzfahrerstaat[4] (um 1165) und in Alexandria. Ab etwa 1168 lebt Maimonides bis zu seinem Tod im Dezember 1204 in Fustat (bei Kairo).

Schon die genannten Orte verdeutlichen, dass Maimonides überwiegend in einem muslimischen Kontext gelebt hat. Sieht man ab von der biografischen „Dunkelzeit“ (zw. 1148 und 1159/60), in der er sich möglicherweise in Almeria sowie in Akko aufhielt, scheint Maimonides nur wenige Möglichkeiten persönli­cher Erfahrungen mit Christen als Vertreter einer Mehrheitsreligion gehabt zu haben.[5] Anders sieht es im Blick auf Muslime aus, nicht zuletzt begründet in der Tatsache, dass Maimonides ab den 1170er Jahren zum Leibärzte-Kollegium der Wesire von Kairo gehört hat.[6]

Zwischen ca. 1168 und ca. 1190 erschienen neben zahlreichen Briefen und Responsen die drei Werke, die zum nachhaltigen Ruhm und der bis heute andau­ernden Bedeutung von Maimonides im Judentum beitrugen. Zum einen ein in arabischer Sprache, aber hebräischer Schrift abgefasster Kommentar zur Misch­na, zum anderen ein sehr viel ausführlicherer hebräischsprachiger Kommentar zur Mischna (Mishne Tora oder Yad ha-hasaka) – beides der Art nach halakhische, also religionsgesetzliche Schriften, sowie ein philosophisch-enzyklopädisches Werk in arabischer Sprache (Dalālat al-ḥā’irīn; Führer der Unschlüssigen).

Das möge zur Biografie genügen.

 

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* Der nachfolgende Beitrag geht auf Überlegungen zurück, die ich auf dem 39. Deutschen His­torikertag in Mainz (26.–28. September 2012) vorgestellt habe. Es handelte sich dabei um ein kurzfristig übernommenes Ersatzreferat, weil der vorgesehene Referent verhindert war. Der Vortragscharakter ist beibehalten, lediglich einige Fußnoten sind ergänzt.

[1] Der in der vorangehenden Anmerkung genannte, ausgefallene Vortrag trug als Titel „Christen­tum als Götzendienst“.

[2] Zur Biografie vgl. Herbert A. Davidson, Moses Maimonides. The Man and His Works, Oxford 2005; Joel L. Kraemer, Maimonides: The Life and Work of One of Civilizations’s Greatest Minds, New York u.a. 2008; Sarah Stroumsa, Maimonides in His World: Portrait of a Mediter­ranean Thinker, Princeton, NJ / Oxford 2009; Tamar M. Rudavsky, Maimonides, Chichester u.a. 2010.

[3] Vgl. dazu Klaus Herbers, „Die Iberische Halbinsel im 12. Jahrhundert“, in: Georges Tamer (Hg.), The Trias of Maimonides: Jewish, Arabic, and Ancient Culture of Knowledge, Berlin / New York 2005, 23–39, hier 26.

[4] Vgl. dazu die erhellenden Bemerkungen von Marie-Luise Favreau-Lilie, „‚Multikulturelle Ge­sellschaft‘ oder ‚Persecuting Society‘? ‚Franken‘ und ‚Einheimische‘ im Königreich Jerusalem“, in: Dieter Bauer u.a. (Hg.), Jerusalem im Hoch- und Spätmit­tel­alter: Konflikte und Konfliktbewältigung – Vorstellungen und Vergegenwärti­gun­gen, Frankfurt / New York 2001, 55–93.

[5] Vgl. dazu Nikolas Jaspert, „Jerusalem und die Kreuzfahrerherrschaften im Leben und Denken des Maimonides“, in: Tamer (Hg.), The Trias of Maimonides, 41–63, hier 46–48.

[6] Zu Maimonides als Arzt vgl. die knappe Übersicht in G.K. Hasselhoff, Moses Maimonides inter­kulturell gelesen, Nordhausen 2009, 28–36.

 

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