Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

PDF Drucken E-Mail

Heft 2015-1: Editorial

Dieses Heft beginnt mit einer ausführlichen Würdigung des Lebenswerkes von Prof. Dr. Rolf Rendtorff (1925–2014), der diese Zeitschrift begründet hat. Frank Crüsemann, der Rendtorff seit seiner eigenen Zeit als Assistent und Privat­dozent an der Theologischen Fakultät Heidelberg kennt, würdigt einerseits die wissenschaftliche Leistung des international renommierten Alttestamentlers Rendtorff, andererseits auch Rendtorffs Bedeutung für die Begründung und Entwicklung des christlich-jüdischen Dialogs – nicht nur, aber zumal auch in Deutsch­land, schließlich dessen hochschulpolitisches und allgemein-politisches Engagement. Immer wieder macht Crüsemann auf die Auswirkungen der Er­kenntnisfortschritte, die Rendtorff in einem der genannten Bereiche erreicht hatte, auf die anderen aufmerksam. Es entsteht das Bild einer bedeutenden Per­sönlichkeit, die Crüsemann mit anderen herausragenden Deutschen von Rend­torffs Generation vergleicht (etwa Siegfried Lenz und Walter Jens, Jürgen Haber­mas oder Richard von Weizsäcker). Selbst wer das Glück hatte, Rolf Rendtorff über einen längeren Zeitraum seines Lebens persönlich zu kennen, erfährt aus Crüsemanns Laudatio nicht wenig Neues. Rolfs Andenken sei zum Segen (לז).

 

Der Artikel von Görge K. Hasselhoff, der am Käte Hamburger Kolleg der Ruhr-Universität Bochum als Research Scholar forscht, beschäftigt sich mit „Abgren­zungsstrategien“ von Maimonides gegenüber dem Islam und vor allem auch dem Christentum. In seiner Polemik gegenüber dem Christentum scheint Maimonides weithin jüdischer Traditionsliteratur (wie Mischna und Gemara) zu folgen. Das gilt etwa für die Beurteilung der Christen als „Götzendiener“. Gegenüber dem Islam kritisiert er vor allem dessen „falsche“ Offenbarungsquelle. Beiden Reli­gionen rechnet er freilich positiv zu, dass sie je auf ihre Weise einen Zugang zum Gott Israels ermöglicht haben.

 

Tobias Nicklas, Professor für Neues Testament an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Regensburg, greift in seinem Beitrag das seit längerer Zeit in internationalen Diskursen behandelte Thema des „Auseinandergehens der Wege“ (parting of the ways) von Christen und Juden auf. Diese Metapher hatte die bisher überwiegende Vorstellung von einer gleichsam abrupten „Trennung“ der beiden Religionen abgelöst und legt nahe, dass die Entstehung christlicher Gemeinschafen neben den Synagogen und die eines vom jüdischen abweichen­den umfassenden christlichen Glaubenskonzepts nicht von heute auf morgen (wie in der Trennungsmetapher vorausgesetzt wird) geschehen ist, sondern das Ergebnis eines längeren Entwicklungsprozesses war. Bei aller Zustimmung emp­findet Nicklas allerdings auch dieses neue Deutungskonzept als unzureichend. Einer seiner wichtigsten Einwände weist darauf hin, dass auch in diesem Modell „Christentum“ und „Judentum“ gleichsam als festumrissene Entitäten vorausge­setzt werden. Nicklas bevorzugt demgegenüber seinerseits das Bild vom „Grup­pentanz“, das mit „verflochtenen Linien“ rechnet und nicht mit definitiven Grenzen.

 

Adam Gregerman, Assistenzprofessor an der St. Joseph’s University in Philadel­phia, stellt in seinem Beitrag eine Analyse von jeweils zwei offiziellen Erklärun­gen (statements) der Presbyterian Church der USA und der (presbyterianischen) Church of Scotland zu deren Verhältnis zum Staat Israel vor. Er weist darauf hin, dass der Tenor dieser Stellungnahmen durchaus nicht nur auf das presbyte­rianische Segment der protestantischen Kirchen beschränkt ist, sondern eher für viele protestantische Kirchen repräsentativ ist. Wir haben in diesen offiziellen kirchlichen Erklärungen also sozusagen ein Abbild der Einstellung protestanti­scher Kirchen zum Staat Israel vor uns. Gregermans differenzierte Analyse för­dert ein zum Teil erschreckendes Bild der Wiederholung anti-jüdischer Stereo­typen zutage, die diesmal auf den jüdischen Staat, Israel, projiziert werden. Der Autor übernimmt das Interpretations-Konzept des „hermeneutical Jew“ von J. Cohen. Es benennt den Vorgang der christlichen Konstruktion der Juden, d.h., dass man sich ein Bild von ihnen gemacht hat, ohne Rücksicht auf reale Juden und Jüdinnen, auf ihre unterschiedlichen Ansichten und Lebensweisen. Der christlich konstruierte „hermeneutische Jude“, so zeigt Gregerman, ist gegen­wär­tig der jüdische Staat, Israel, für dessen reale Situation sich die analysierten State­ments presbyterianischer Kirchen offenkundig nicht interessieren.

 

Gabrielle Oberhänsli-Widmer behandelt diesmal in der Sparte Klassiker der jüdischen Literatur die berühmte Parabel „Vor dem Gesetz“ von Franz Kafka. Am Beispiel dieses Gleichnisses, das Kafka selbst schon in sein Roman-Fragment „Der Pro­zess“ integriert hatte, widmet sich die Judaistik-Professorin der „Frage nach möglichen biblischen Bezügen oder Entsprechungen zur jüdischen Denkwelt“ Kafkas. Sie setzt dabei die vielerlei Darstellungen des jüdischen Hintergrunds Kafkas voraus, doch geht es ihr – wie schon Gershom Scholem – vor allem da­rum, ob und in welchem Ausmaß Kafkas Werk das jüdische Traditionsschrift­tum reflektiert, angefangen von der Hebräischen Bibel bis zur rabbinischen Lite­ratur. Der Aufsatz vermittelt gerade durch den Vergleich mit der jüdischen Tra­ditionsliteratur immer wieder auch die Differenz der Texte Kafkas, die Inbegriff und Ausdruck einer Welterfahrung sind, die wir inzwischen kafkaesk nennen.

 

Hans Hermann Henrix gibt einen (teilweise kritischen) Überblick über ein Buch von Hanna Rucks zu einem besonderen, ja heiklen Thema: Messianische Juden. Ge­schichte und Theologie der Bewegung in Israel, das 2014 im Neukirchener Verlag er­schienen ist. Die Autorin bemüht sich um eine Definition dieser Glaubens­gruppe, rekonstruiert u.a. ausführlich die „Theologiegeschichte der Messiani­schen Juden in Israel“, aus der eine erstaunliche Vielfalt und Unterschiedlichkeit resultiert. Sie beschäftigt sich auch mit den divergenten theologischen Konzep­ten und religiösen Ritualen und den Problemen der Akzeptanz bzw. Abgrenzung von diesen Gruppen auf jüdischer wie auf christlicher Seite.

 

Die Bücherschau verdanken wir wieder Barbara Schmitz.

 

Die Herausgeberinnen und Herausgeber

 

Suche

Buchtipp