Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Bücherschau: Barbara Schmitz 

 

Renz, Andreas, Die katholische Kirche und der interreligiöse Dialog. 50 Jahre „Nostra Aetate“ – Vorgeschichte, Kommentar, Rezeption, Stuttgart (Verlag W. Kohlhammer) 2014 (286 S., 34,90 €).

Das 50-jährige Jubiläum von „Nostra Aetate“ nimmt Andreas Renz zum Anlass, um die Entwicklung der katholischen Kirche im Gespräch mit den anderen Weltreligionen, besonders mit dem Judentum und Islam, im 20. Jh. nachzuzeichnen. Zuerst schildert Andreas Renz die vorkonziliare Vorgeschichte und Wegmarken zum Konzil, sodann die Entwicklung des Dokuments auf dem Konzil sowie die Rezeptions- und Wirkungsgeschichte von „Nostra Aetate“. Neue Herausforderung im Gespräch mit den einzelnen Religionen werden im letzten Kapitel thematisiert; für den Dialog mit dem Judentum benennt Renz die Frage der Judenmission, eine immer wieder angefragte Israelverwiesenheit der Kirche und der Theologie, das Konzept der Geschwisterlichkeit im Verhältnis von Judentum und Christentum (gegen das Konzept der Asymmetrie), die Interpretation des Alten Testaments mit Eigenwert, die neue post-Shoa-Generation, die Rolle der Kirche während der Shoa sowie die Forderung nach einem ‚Trialog’ von Judentum, Christentum und Islam. Der Band schließt mit einer „kleinen Tugendlehre des interreligiösen Dialogs“. 

 

Wengst, Klaus, Christsein mit Tora und Evangelium. Beiträge zum Umbau christlicher Theologie im Angesicht Israels, Stuttgart (Verlag W. Kohlhammer) 2014 (220 S., 34,90 €).

Klaus Wengst hat in diesem Band zwölf an verschiedenen Orten – einige davon in dieser Zeitschrift – publizierte Beiträge zusammengestellt; darunter wichtige, aktuelle Artikel wie z.B. die kritische Auseinandersetzung mit dem Kairos-Dokument (S. 186-198). 

Die einzelnen Beiträge stellt er unter drei Leitgedanken: Der erste ist protestenatisch-(auto)biographisch „Die eigene Geschichte annehmen – ich bin Christ und ich bin Deutscher“, der zweite ist hermeneutisch-biblisch „Christlich-theo-logische Grundaussagen in Rückbesinnungen auf die Bibel verstehen“ und der dritte blickt auf das Verhältnis zum Judentum und Israel „Solidarische Partnerschaft mit Israel/Judentum gestalten“. 

 

Poorthuis, Marcel J.H.M., Awinu – Das Vaterunser. Über die jüdischen Hintergründe des Vaterunsers (Israelitisch denken lernen Nr. 9), Uelzen (Erev-Rav, Verein für biblische und politische Bildung) 2013 (111 S., 14,00 €). 

Dieser kleine Band ist die Übersetzung der 1985 auf Niederländisch erschienenen Auslegung des Vaterunsers von Marcel Poorthuis. Im ersten Kapitel werden biblisch-jüdische Gebetsformen thematisiert, im zweiten exemplarische jüdische Gebete ausgelegt, im dritten dann sieben Themen aus dem Vaterunser vor jüdischem Hintergrund erläutert: Gott, unser Vater im Himmel; die Heiligung des Namens Gottes; die Königsherrschaft Gottes; der Wille Gottes; das Brot für heute; die Schuld gegenüber Gott und dem Nächsten, Erprobung und Läuterung. 

 

  1. Levinson, Bernard M., Der kreative Kanon. Innerbiblische Schriftauslegung und religionsgeschichtlicher Wandel im alten Israel. Mit einem Geleitw. von Hermann Spieckermann. Aus dem Engl. übers. von Felipe Blanco Wißmann, Tübingen (Mohr Siebeck) 2012 (239 S., 29,00 €).   
  2. Während die englische Ausgabe das Ziel hatte, deutsche Forschung einem englischsprachigen Publikum bekannter zu machen, ist der vorliegende Band nicht nur eine Übersetzung des englischen Originals, sondern ist zum Teil überarbeitet und neu konzipiert worden: Neben neuen Einsichten und Überarbeitungen einzelner Partien strebt dieser Band umgekehrt auch an, einem deutschen Publikum Trends und Entwicklungen im nordamerikanischen Raum aufzuzeigen. Die Bedeutung des Kanons für verschiedene akademische Disziplinen, der Beitrag der Bibelwissenschaft und der innerbiblischen Schriftauslegung für die vergleichenden Religionswissenschaften, Strategien und Techniken der Rechtsentwicklung (u.a. der generationsübergreifenden Strafe am Beispiel Klgl 5; Ex 18; Dtn 7 und Targum zum Dekalog) und ein forschungsgeschichtlicher Essay zur Schriftauslegung in der Hebräischen Bibel sind Themen dieses Bandes. 

  3.  
  4. Klapheck, Elisa, Margarete Susman und ihr jüdischer Beitrag zur politischen Philosophie, Berlin (Hentrich & Hentrich Verlag) 2014 (408 S., 35,00 €).
  5. Margarete Susman (1872-1966) gehört zu den großen, aber weitgehend in Vergessenheit geratenen jüdischen Gestalten des 20. Jh.s Als Lyrikerin, Philosophin, Künstlerin war Margarete Susman in vielen Bereichen aktiv. Ihr Anliegen war es, Judentum in Deutschland und die jüdische Stimme in die Um- und Mitgestaltung der deutschen Gesellschaft einzubringen.
  6. In der an der Universität Flensburg 2011 eingereichten Dissertation arbeitet Elisa Klapheck, liberale Rabbinerin in Frankfurt a.M., Leben und Werk Margarete Susmans auf. Dabei zeigt sie, dass es bei Susmans vielfältigem Engagement in den unterschiedlichen Feldern eine geistige Hauptlinie gab: das Judentum. Vor diesem Hintergrund arbeitet Elisa Klapheck die religiös-politische Dimension von Susmans Werk heraus – um nur zwei zu nennen: „Spinoza und das jüdische Weltgefühl“ (1913) und „Das Buch Hiobs und das Schicksal des jüdischen Volkes“ (1946), eine der ersten jüdischen Auseinandersetzungen mit der Shoa. „Die Schriften der jüdischen Philosophin Margatete Susman legen nahe, dass Religion durchaus entscheidende Fundamente der Freiheit legen und den demokratischen Rechtsstaat in einem tieferen Sinne stärken kann. Im Umfeld der Generation der Jüdischen Renaissance leistete Susman einen Beitrag, der im Rahmen der heutigen Frage nach dem Zusammenhang zwischen Religion und Politik eine neue Würdigung verdient“ (S. 365). 
  7. Konradt, Matthias / Schläpfer, Esther (Hg.), Anthropologie und Ethik im Frühjudentum und im Neuen Testament. Wechselseitige Wahrnehmungen (WUNT322), Tübingen (Mohr Siebeck) 2014 (587 S., 154,00 €).
  8. Der Band dokumentiert die Beiträge des Internationalen Symposiums in Verbindung mit dem Projekt Corpus Judaeo-Hellenisticum Novi Testamenti (CJHNT), das im Mai 2012 in Heidelberg stattgefunden hat.
  9. Die Tagung hat die Frage nach der Korrelation von Anthropologie und Ethik in den Mittelpunkt gestellt, ausgehend von der Überlegung, „dass ethische Orientierungen in weltanschauliche Grundüberzeugungen eingebettet und daher nur adäquat zu verstehen sind, wenn sie als integraler Bestandteil der jeweiligen Konstruktion der Wirklichkeit analysiert und interpretiert werden“ (S. v). Dieses Spannungsfeld wird in „Paarvorträgen“ beleuchtet: das imago-Dei-Motiv im hellenistischen Judentum und entstehenden Christentum, Gewalt als anthropologisches und ethisches Problem, Sünde und Tora, der Mensch und seine Sexualität, der Mensch und die Gefahren des Reichtums, Barmherzigkeit mit den Bedürftigen und Notleidenden, das Ende des Menschen: Tod – Auferstehung – Gericht. 
  10.  
  11. Obermayer, Bernd, Göttliche Gewalt im Buch Jesaja. Untersuchungen zur Semantik und literarischen Funktion eines theologisch herausfordernden Aspekts im Gottesbild (Bonner Biblische Beiträge 170), Göttingen (V&Runipress) 2014 (366 S., 49,99 €). 

  12. Seit den Balkankriegen und den Ereignissen um 9/11 stellt sich die Frage nach göttlicher legitimierter Gewalt in verschärfter Form. Von der allgemeinen Wahrnehmung – von Stammtischen bis in die Feuilletons überregionaler Zeitungen – steht das Alte Testament im Besonderen im Ruf, Gewalt nicht nur zu legitimieren, sondern einen Gott zu schildern, der diese Gewalt geradezu maßlos ausübt. Wie sich allerdings Auslegerinnen und Ausleger zu diesen Texten positionieren, hängt stark von ihrem zeitgenössischen Kontext ab. So hat Hermann Gunkel im Ersten Weltkrieg (!) davon gesprochen, dass Israels Kriege wilder, blutiger und hasserfüllter gewesen seien als die der Gegenwart.
  13. Und dennoch – jenseits der Verortung und damit der Relativierung von Aussagen über Gewalttexte des Alten Testaments durch den Kontext, in dem sie gesprochen wurden, und jenseits des Versuchs einer Relativierung der Gewalttexte durch die zahlreichen anderen Texte des Alten Testaments, die eine andere Sprache sprechen – es bleibt: Im Alten Testament gibt es Texte, die von göttlicher Gewalt sprechen. 
  14. Bernd Obermayer geht in seiner 2013 an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Bonn eingereichten Dissertation diesen Texten im Jesajabuch nach. Ausgehend von der Frage welche Terminologie und welche Motive für gewalthaltige Gottesbilder im Jesajabuch eingesetzt werden, analysiert er in jeder Teilkomposition des Jesajabuchs die Semantik der Gewalt in ihrem jeweiligen literarischen Kontext und fragt nach der literarischen Funktion der mitunter drastischen Darstellungsweisen: „Von entscheidender Bedeutung ist dabei, dass das Jesajabuch an keiner Stelle das eigene Volk bzw. die eigene Gruppe in die Position eines göttlichen Gewaltwerkzeuges setzt. Der Hilferuf der Unterdrückten um Rettung aus exzessiver Kriegsgewalt, der in der Prophetenschrift unter Einsatz von teils schockierenden gewalthaltigen Gottesbildern erklingt, darf daher nur von Menschen affirmativ aufgegriffen werden, denen alle anderen Möglichkeiten aus der Hand geschlagen wurden, um sich aus ihrer bedrückenden Situation zu befreien, und allein JHWH um sein Eingreifen zur Wendung ihrer Not anzurufen vermögen. Der analytische Blick hat somit sowohl den atl Gewaltbildern, als auch der konkreten Situation zu gelten, in die hinein solche Texte rezipiert werden.“ (S. 335). 
  15.  
  16. Schulte, Christoph, Zimzum. Gott und Weltursprung, Berlin (Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag) 2014 (501 S., 35,00 €).

  17. „Zusammenziehung“, „Rückzug“, „Begrenzung“, „Selbstbeschränkung“, „Konzentration“ – Zimzum ist zu einem viel und weit gefassten Begriff geworden. Ursprünglich in der Kabbala entwickelt meinte er das Sich-Zurückziehen Gottes vor der Schöpfung zum Zweck der Weltschöpfung: Gott beschränkt sich selbst, um seiner Schöpfung Raum zu geben.
  18. Diese Lehre wird dem im 16. Jh. in Safed lebenden Kabbalisten Isaak Luria (1534-1572) zugeschrieben, den man ehrenhalber auch HaAri „den Löwen“ nennt. Seine Lehre war zu seinen Lebzeiten strikt begrenzt auf einen engen und von ihm selbst ausgewählten Schülerkreis, die nur mündlich an einen esoterischen Kreis von Schülern vermittelt wurde. Erst nach seinem Tod begannen zwei seiner Schüler, Chaijm Vital und Joseph ibn Tabul, durchaus auch in Konkurrenz, seine Lehren zu verschriftlichen und so die Voraussetzung für die Verbreitung der Lehre vom Zimzum zu schaffen.
  19. Christoph Schulte zeichnet in der Studie den Weg der Lehre von Zimzum, ausgehend von den Ursprünge im Heiligen Land (Isaak Luria, Chajim Vital, Joseph ibn Tabul, Israel Sarug) über die weite Verbreitung im europäischen Raum (Sabbatai Scheftel Horowitz, Menachem Asaria Fano, Joseph Salomo Delmedigo, Naftali ben Jacob Elchanan Bacharach, Abraham Cohen de Herrera, Isaac Aboab de Fonseca), der Rezeption im christlichen Raum, unter Sabbatianern und Anti-Sabbatianern, in den Anfänge des Chassidismus, im deutschen Idealismus und in der Romantik (Friedrich Heinrich Jacobi, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, Franz Joseph Molitor) bis zur Haskala und Wissenschaft des Judentums (Isaak Satanow, Salomon Maimon, Peter Beer, Adolphe Franck, Adolf Jellinek, Isaac Misses, Mordechai Teitelbaum). Das letzte Kapitel ist dem Zimzum im 20. Jahrhundert gewidmet, in dem Franz Rosenzweig, Gershom Scholem, Else Lasker-Schüler, Yehuda Ashlag, Hans Jonas, Isaac Bashevis Singer, Barnett Newman, Harold Bloom, Ulla Berkéwicz, Christoph Loos und Anselm Kiefer.
  20. Mit allgemeinen Überlegungen zum bewussten Sich-Zurücknehmen, um Platz für Neues und Anderes zu schaffen, endet diese sehr interessant und auch kurzweilig zu lesenden Studie. 
  21.  
  22. Feldmeier, Reinhard, Der Höchste. Studien zur hellenistischen Religionsgeschichte und zum biblischen Gottesglauben (Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament 330), Tübingen (Mohr Siebeck) 2014 (561 S., 159,00 €).

  23. 27 Aufsätze, davon drei unveröffentliche, sind in diesem Aufsatzband vereint. Unter drei Rubriken „Der Eine. Philosophie und Religion in der späteren Antike“, „Der Höchste. Biblische Theologie zwischen Abgrenzung und Überbietung“ und „Der Heilige. Die Unverfügbarkeit des nahegekommenen Gottes“ zeigen die einzelnen Aufsätze das Panorama des Nachdenkens über Gott, den Einen, Höchsten und Heiligen, in hellenistischer Religionsgeschichte und biblischen Gottesglauben auf. 
  24.  
  25. Osten-Sacken, Peter von der, Der Gott der Hoffnung. Gesammelte Aufsätze zur Theologie des Paulus (Studien zu Kirche und Israel. Neue Folge 3), Leipzig (Evangelische Verlagsanstalt) 2014 (660 S., 48,00 €).

  26. Paulinische Theologie in ihren unterschiedlichen Aspekten zu erschließen und dies zugleich von ihrer konstitutiven apokalyptischen Prägung her zu tun, ist der gemeinsame Nenner der 28 in diesem Aufsatzband versammelten Beiträge. Die sich „zwanglos zu einem Ganzen“ verhaltenen Artikel über Paulus „bestimmen gleichermaßen seine Kreuzestheologie und von ihr her sein Verständnis der Bibel Israels als Verheißung und Gesetz, seine Deutung des neugeschaffenen Menschen als Teil der unerlösten Schöpfung und seine Deutung der Gegenwart und Zukunft von der Schöpfung, christlicher Gemeinde und jüdischem Volk“ (S. 5). 
  27.  
  28. Staudt, Darina, Der eine und einzige Gott. Monotheistische Formeln im Urchristentum und ihre Vorgeschichte bei Griechen und Juden (Novum Testamentum et Orbis Antiquus / Studien zur Umwelt des Neuen Testaments 80), Göttingen / Oakville, USA (Vandenhoeck & Ruprecht) 2012 (345 S., 74,99 €).

  29. Der eine und einzige Gott – dies ist das grundlegende Bekenntnis des Judentums bis in heutige Zeit, ebenso im Christentum und Islam. Eine Möglichkeit, diesen fundamentalen Gedanken auszudrücken, sind Formeln, sprachliche Kurzformeln. 
  30. Darina Staudt untersucht in ihrer 2009 an der Universität Heidelberg angenommene Dissertation drei herausragende Formeln: die Einzigkeitsformel (heis theos, „ein einziger Gott“), die Alleinanspruchsformel (monos theos, „Gott allein“) und die Verneinungsformel („es gibt keinen anderen außer…“) bzw. vergleichbare Wendungen. Für diese drei Formeln erhebt sie jeweils das statistische Vorkommen in acht verschiedenen Bereichen. Dass sie dabei neben den Formeln im Alten Testament, der frühjüdischen Literatur, bei Philo von Alexandrien, Flavius Josephus, im Neuen Testament und bei den Apostolischen Vätern die Frage nach den Formeln in der griechischen Tradition (Vorsokratiker, Platon, Aristoteles, Stoiker, römische Schriftsteller, Theokrasie) an den Beginn ihrer Untersuchung stellt, verleiht ihrer Arbeit eine interessante hermeneutische Perspektive. Das letzte Kapitel ist rezeptionsgeschichtlich orientiert und zieht die Frage nach der Einzigkeitsformeln bis zu den Forschungen von Eric Peterson aus.
  31. Mit der klaren Fragestellung können die Leserinnen und Leser in stringenter Durchführung den Weg der monotheistischen Formeln nachverfolgen; dabei gelingt es Darina Staudt die Flexibilität und Vielfalt der auf den ersten Blick starr und eindeutig erscheinenden Formeln aufzuzeigen. 
  32.  
  33. Lezzi, Eva, „Liebe ist meine Religion!“ Eros und Ehe zwischen Juden und Christen in der Literatur des 19. Jahrhunderts, Göttingen (Wallstein Verlag) 2013 (436 S., 29,90 €).
  34. „Liebe ist meine Religion!“ – so lautete die kämpferische Aussage von Aurelie, der Tochter aus jüdisch-orthodoxem Haus, die sich in einen adeligen Christen verliebt hat, gegenüber ihrem Vater in Sara Guggenheims Novelle „Aus der Gegenwart II“.
  35. In der als Habilitationsschrift an der Universität Potsdam eingereichten Studie beschäftigt sich die Germanistin Eva Lezzi mit literarischen Zeugnissen von Liebesbeziehungen zwischen Juden und Christen im 19. Jahrhundert. Dabei sind christliche wie jüdische, bekannte und weniger bekannte Autoren vertreten: Gotthold Ephraim Lessing, Achim von Arnim, Heinrich Heine, Friedrich Schlegel, Henriette Herz, Fanny Lewald, Wilhelm Raabe, Theodor Fontane, Fritz Mauthner, Siegmund Freud und Otto Weininger.
  36. Damit wird ein Jahrhundert durch seine literarischen Zeugnisse beleuchtet, in dem nicht nur erst 1874 in Preußen und ein Jahr später im Deutschen Reich die Zivilehe eingeführt wurde und so Eheschließungen über Religionsgrenzen hinweg möglich wurden, sondern in dem zugleich auch eine Pluralisierung von Positionen im Judentum von der Neoorthodoxie bis zum Reformjudentum festzustellen ist.
  37. Interessanterweise ist den Texten nicht das Thema Nähe, Verbundenheit oder Erotik gemeinsam, sondern vielmehr das Aushandeln von Differenz. Und so enden die literarischen Liebesgeschichten auch meist traurig: Trennung, Auseinandergehen, Selbstmord und Mord. Spannend dabei ist zu beobachten, dass um die Mitte des 19. Jh.s dem Gelingen solcher Liebesbeziehungen und Ehen mehr Chancen eingeräumt wurden als gegen Ende des Jahrhunderts.
  38. Ehe- und Familienkonzepte, Liebessemantik und Sexualität – all das ändert sich im 19. Jh. insgesamt stark. Liebesbeziehungen zwischen Christen und Juden sind Teil dieses kulturellen Wandels und „tragen zugleich Alteritätskategorien in ihn hinein, die als Herausforderung und entlarvende Störung wirken“ (S. 400). 
  39.  
  40. Salzborn, Samuel, Antisemitismus. Geschichte, Theorie, Empirie (Interdisziplinäre Antisemitismusforschung 1), Baden-Baden (Nomos Verlagsgesellschaft) 2014 (211 S., 39,00 €).  
  41. In diesem Buch sind 15 äußerst instruktive Aufsätze von Samuel Salzborn, Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Universität Göttingen zusammengestellt. Zugleich ist dieser Band der erste einer neuen Reihe „Interdisziplinäre Antisemitismusforschung“, deren Notwendigkeit sich keineswegs nur aus der deutschen Geschichte ableitet, sondern die sich auch dem neu salonfähig gewordenen Antisemitismus in Deutschland verdankt: „In medialen Debatten wird die Feststellung, dass jemand sich antisemitisch äußert, mit dem Hinweis auf einen angeblichen Antisemitismusvorwurf verniedlicht zugleich wird allenthalben und von vielen Medien Antisemitismus faktisch hofiert, da er nicht als grundsätzlich im Widerspruch zu den verfassungsrechtlichen Grundwerten gekennzeichnet wird, sondern zu einer Meinung, die neben anderen tolerierbar sei, verkommt. Wer sich heute als Antisemit/in offen äußert, muss nicht nur keine strafrechtliche Sanktion befürchten, sondern auch keine politische oder mediale, - was mit dem öffentlichen Klima zu tun hat, das sich auch konstituiert aufgrund der empathischen Teilnahmslosigkeit vieler Deutscher gegenüber den menschen(rechts)-verachtenden Grausamkeiten, denen sich die Bürgerinnen und Bürger Israels durch den alltäglichen Terror von Hamas, Hisbollah und anderen undemokratischen und barbarischen Rackets ausgesetzt sehen“ (S. 5-6).
  42. Die Beiträge („Israelkritik oder Antisemitismus? Kriterien für eine Unterscheidung“ siehe KuI 28 [2013] 5-16) thematisieren die neuen antisemitischen Ausdruckformen, analysieren deren Kontexte und zeigen die dringende Notwendigkeit von wachsamer Aufmerksamkeit und entschiedenen Auftreten auf: „Entscheidend für den Kampf gegen Antisemitismus im Land der Täter ist aber nach wie vor die Haltung der Elite: Sie muss öffentlich klar Position beziehen und darf sich nicht gemein machen mit Antisemit(inn)en, ob sie in Blog-Einträgen anonym oder in auflagenstarken Tageszeitungen prominent hetzen – die Grenze muss klar sein, weil die Basis antisemitischer Artikulation letztlich ein autoritäres Weltbild ist, das sich auf eine pathische Projektion gründet und insofern aufklärungsresistent ist“ (S. 6).
 

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