Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Klassiker der jüdischen Literatur - Gabrielle Oberhänsli-Widmer

 

   Dr. Gabrielle Oberhänsli-Widmer ist Professorin für Judaistik am Orientalischen Seminar der Universität Freiburg und Mitherausgeberin dieser Zeitschrift.

 

Samuel Josef Agnon:

Agunot (1908)

Agnon – Agunot. Ein augenfälliges Wortspiel, ein bitterernstes allerdings, denn tatsächlich wählte der Literaturnobelpreisträger das Pseudonym ‚Agnon‘ als offiziellen Nachnamen in Anknüpfung an seine Erzählung Agunot.

 

Eine ‚Aguna‘ ist eine verlassene jüdische Ehefrau. Sei es, dass der Ehemann aus ungeklärten Gründen verschollen ist, oder sei es, dass der Mann die Frau verstößt, ohne ihr einen Scheidungsbrief, den ‚Get‘, auszustellen. Dieser Zustand der ‚Aginut‘, in den eine verheiratete Frau geraten kann, ist von fataler halachischer Tragweite, wird doch der Verlassenen eine neue Heirat verwehrt und im Fall, dass sie Kinder bekäme, würden diese als ‚Mamserim‘ geächtet, eine Art Outlaws in der jüdischen Gemeinde, ‚Bastarde‘ wäre die hässliche Bezeichnung im Deutschen.

 

Wie kommt der als Samuel Josef Czaczkes (1888-1970) geborene Autor dazu, im Jahr 1924 den Namen Samuel Josef Agnon anzunehmen? ‚Agnon‘, eine Wortneuschöpfung, in der sich die Identität der nunmehr gereiften Persönlichkeit kristallisiert. Wie soll man das deuten?

 

Bereits 1908, kurz nach seiner Einwanderung ins damalige Palästina und erstmals unter dem Pseudonym Agnon, veröffentlicht der Zwanzigjährige die Erzählung Agunot, mithin ein Frühwerk, das jedoch wie der gekonnte Wurf eines alten Meisters wirkt. In der Tat birgt der Text in seinem Kern schon all die Substanz, die das spätere Oeuvre entfalten wird.

 

Agunot verspricht wohl eine Liebesgeschichte, wenn auch eine gescheiterte. Wie es die Titelfiguren, eben die Verlassenen und Verstoßenen, ankündigen, kommt dabei ein spezifisch jüdischer Aspekt von Mann-Frau-Beziehung zum Ausdruck. Einmal mehr porträtiert hier Liebesliteratur eine besondere Gesellschaft mit der ihr eigenen Geisteswelt, konkret: das traditionell geprägte Ostjudentum im Übergang zur säkularen Moderne des Landes Israel zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

 

Der erste – und bis anhin einzige – Literaturnobelpreisträger, der auf Hebräisch geschrieben hat, das wegweisende Frühwerk, dessen Tragweite, die Rätsel der Aginut und dazu noch ein besonders enges Verhältnis des Autors zu Deutschland – der Gründe sicher genug, Samuel Josef Agnon in der vorliegenden Rubrik anhand der Agunot vorzustellen.

 

Von Samuel Josef Czaczkes zu Schai Agnon

Samuel Josef Czaczkes wurde 1888 im galizischen Buczacz geboren, einer Stadt, die damals zu Österreich-Ungarn gehörte. Der Vater, ein rabbinisch gebildeter und wohlhabender Pelzhändler, war Anhänger des chassidischen Chortover Rebbe. Die Bildung fand im privaten Rahmen statt: jüdische Tradition mit Talmud-Tora ebenso wie Haskala-Schrifttum und europäische, namentlich deutsche Literatur. Erste schriftstellerische Gehversuche machte Samuel Josef schon als Kind mit jiddischer Lyrik, publizierte als Jugendlicher jiddische und hebräische Prosatexte, sodass er bei seiner Alija 1908 bereits als vielversprechender Jungautor galt. In Jaffo verdiente er seinen Unterhalt mit Veröffentlichungen und arbeitete als Hebräischlehrer und Sekretär. Von 1912-1924 lebte Samuel Josef Czaczkes in Berlin, Leipzig, Wiesbaden und Bad Homburg. Enge Freundschaften verbanden ihn mit bedeutenden Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Gesellschaft, jüdischen Gelehrten und zionistischen Vordenkern – Martin Buber, Salman Schocken, Gershom Scholem und andere mehr. 1920 heiratete er Esther Elsa Marx, die Tochter des Bankiers Georg Schimschon Marx aus Königsberg. 1924 kehrte der inzwischen arrivierte Schriftsteller – nunmehr unter dem Namen Samuel Josef Agnon – nach Jerusalem zurück und schuf in den folgenden Jahren ein umfangreiches Werk, namentlich Romane, Novellen und Kurzgeschichten, doch ebenso Anthologien von hebräischem Traditionsschrifttum wie beispielsweise die Midraschim zu den Hohen Feiertagen (Jamim Nora’im, 1938). Viele Bände erschienen erst posthum nach Agnons Tod 1970, meist von seiner Tochter Emunah Yaron publiziert, darunter Briefe, Korrespondenzen, Reden und Skizzen.[1] Inzwischen sind Agnons Bücher in 34 Sprachen übersetzt, seine Prosa wurde vielfach für Bühne und Leinwand dramatisiert. Der gesamte Nachlass befindet sich heute an der Hebräischen Universität. Die Krönung der zahlreichen Auszeichnungen und Ehrungen – darunter figurieren der Bialik- und gleich zweimal der Israel-Preis – war schließlich der Nobelpreis, den Agnon und die deutsch-jüdische Lyrikerin Nelly Sachs 1966 gemeinsam zugesprochen bekamen. Nach dem Akronym seiner Vornamen (Schmuel Josef) spricht man in Israel von Schai Agnon, bedeutet ‚Schai‘ doch auf Hebräisch ‚Geschenk‘ – und ein solches ist er zweifellos für die Weltliteratur und ihr Publikum.[2]

 

So oder ähnlich präsentieren einschlägige Lexika Agnons biographische Eckdaten, welche die überreichliche Sekundärliteratur emsig vervielfältigt. Tatsächlich liest sich Agnons Leben im Rückblick wie eine Erfolgsstory, blank poliert wie eine Seder-Platte zu Pesach. Doch wäre alles so glatt gewesen, worüber hätte er dann schreiben können? Woher würde die Reibung für diese so singuläre und üppige Kreativität rühren? Betrachtet man Fotos von Agnon, bedenkt man die Zäsuren seines Lebens und hört in seine seltsame Sprache, stößt man indes auf unvermutetes Dunkel, das den Glanz eigentümlich kontrastiert.

 

Da sind zunächst die Bilder, darunter auch das Porträt auf dem 50-Schekel-Schein: ein eleganter Dichter der Diaspora, ein vergeistigter Denker, ein distinguierter jüdischer Herr in dunklem Anzug mit schwarzer Kippa, kurz: in keiner Weise das Ideal des kraftvollen Pioniers, der die wieder gefundene heimatliche Erde urbar macht. Dass der Autor schon wenige Jahre nach seiner Alija das Land Israel in Richtung Deutschland verlassen hat, mag damit zu tun haben. Im Gegensatz zum Geschäftsleben und der Landwirtschaft schien da das Schriftstellermetier offenbar von minderem Prestige. „... Frau Gottlieb sagte: Und was würdest du dann machen? Bücher schreiben? Alle lachten. Ein Kaufmann, ein Mann der Tat, setzt sich hin und schreibt Bücher ...“[3] lässt der Erzähler eine Figur aus der Erzählung In der Mitte ihres Lebens sagen, und der Protagonist Akavia Masal, ein Hebräischlehrer und Schriftsteller wie Agnon selber, fristet eine wenig glückliche Existenz als Solitär in einer beengenden Gesellschaft.

 

Auf die biographischen Zäsuren von 1908 und 1912 folgen in den zwanziger Jahren zwei weitere massive Einschnitte: 1924 verbrannte Agnons Wohnung und seine wertvolle Büchersammlung in Bad Homburg, und 1929 wurde sein Haus und seine Bibliothek in Jerusalem von einem arabischen Mob gebrandschatzt. Was dieser Verlust hebräischer Bücher – darunter auch die eigenen Manuskripte – und solche Aggression in Agnon auslösten, kann man nur vermuten, zudem in einer Epoche, die mit Bücherverbrennungen begann und in der Schoa endete. „... ich glaube nicht daran, daß der Heilige im Himmel das Wohl Seiner Geschöpfe im Sinn hat“[4] sagt Daniel Bach, die Gestalt des Advocatus Diaboli, in dem Roman Nur wie ein Gast zur Nacht. Das rüttelt Leser und Leserin jäh aus dem scheinbar frommen Duktus des Autors. Die Handlung von Agnons Fabeln einer vorgeblich integeren jüdischen Welt ist stets unvorhersehbar und endet nicht selten in Ausweglosigkeit.

 

Und schließlich dieses ‚Ivrit Agnonit‘, diese Agnon eigene und eigentümliche Sprache, eine vordergründig fromme Rede, die in beinahe jedem Satz Anspielungen an Bibel, Midrasch und Liturgie in sich birgt. Die vielbemühte Intertextualität allerdings trägt nur bedingt zur Klärung bei, da Agnons Duktus denkbar doppelbödig angelegt ist und intratextuell das klassische jüdische Schrifttum nicht selten unterläuft. Bei aller Traditionsbindung bleibt Agnons Sprache die eines skeptischen Außenseiters.

 

Niemand hat die Persönlichkeit von Samuel Josef Agnon eindringlicher charakterisiert als Amos Oz in seinem Roman Eine Geschichte von Liebe und Finsternis, in dem Oz seine Kindheit im Jerusalem der vierziger und fünfziger Jahre verdichtet. Oz beschreibt Agnon als einen Mann, der mehr als nur einen Schatten warf, als ein Wunderkind auf der Suche nach Liebe, als religiösen praktizierenden Juden, gottesfürchtig im wahrsten Sinne des Wortes, ja mehr noch: durchdrungen von einem Grauen Gottes.[5] Dem berühmten Agnon war Amos Oz – damals noch Amos Klausner – schon als Kind öfters begegnet, da sein nahezu ebenso berühmter Großonkel, der Historiker und Literaturkritiker Joseph Gedaliah Klausner (1874-1958), Agnon gegenüber wohnte:

 

Onkel Joseph hielt nicht viel von Agnon, für ihn hatte dessen Art zu schreiben etwas Langatmiges und Provinzielles und etwas ausgeklügelt Schnörkeliges, wie die trillernden Finessen jüdischer Kantoren.

 

Herr Agnon wiederum pflegte seinen Groll, vergaß nichts und spießte Onkel Joseph schließlich auf eine Lanze seiner Ironie, in der lächerlichen Gestalt des Professor Bachlam in dem Roman Schira. Zum Glück starb Onkel Joseph vor Erscheinen dieses Romans, wodurch ihm Kummer erspart blieb. Herr Agnon hingegen erfreute sich eines langen Lebens, erhielt den Nobelpreis für Literatur und gelangte zu Weltruhm, mußte es aber – gewiß mit zähneknirschendem Mißmut – hinnehmen, daß eines Tages die kleine Straße der beiden, eine Sackgasse im Viertel Talpiot, in Klausner-Straße umbenannt wurde. Von da an bis zu seinem Tod war er also dazu verurteilt, der berühmte Schriftsteller Samuel Josef Agnon aus der Klausner-Straße zu sein.[6]

 

Mithin scheint selbst ein Nobelpreisträger vor menschlichen Mikrobosheiten nicht gefeit. Nur am Rande sei vermerkt, dass hier das Schicksal für einmal rehabilitierend eingegriffen hat, denn inzwischen finden sich in Israel nicht wenige Agnon-Straßen.

 

Amos Oz hat Agnon aber nicht nur in seinem fiktionalen Werk eine Hommage erwiesen, sondern ihm ebenso eine wissenschaftliche Studie gewidmet. Darin würdigt er den Nobelpreisträger als literarischen Lehrer sämtlicher zeitgenössischer israelischer Autoren.[7] Über ein solches Urteil, Agnon als unerreichbares Vorbild modernen hebräischen Literaturschaffens zu betrachten, herrscht in der zeitgenössischen Szene Einhelligkeit: Abraham B. Jehoschua etwa spricht seinerseits von Agnons ‚Goldfäden‘, aus denen die israelischen Autoren ihre Werke weiterspinnen.[8] Schai Agnon als ein Geschenk auch im Sinn einer nachhaltigen Inspirationsquelle für die hebräische Dichtung bis in unabsehbare Zukunft.

 

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[1] Ein paar grundlegende Studien in Auswahl: Arnold J. Band, Nostalgia and Nightmare. A Study of the Fiction of S. Y. Agnon, Berkeley 1968; Gershon Shaked, Shmuel Yosef Agnon. A Revolutionary Traditionalist, translated by Jeffrey M. Green, New York/ London 1989; Anne Golomb Hoffman, Between Exile and Return. S. Y. Agnon and the Drama of Writing, New York 1991. Leider nicht zugänglich waren mir Baruch Kurzweils 1963 auf Hebräisch publizierten Essays über Agnon.

[2] Shmuel Yosef Agnon, in: Encyclopaedia Judaica 1, Second Edition 2007, 465-469; Dan Laor, Shmuel Yosef Agnon, in: Zissi Stavi/ Yigal Schwartz (Eds.), The Heksherim Lexikon of Israeli Authors, Beer-Sheva 2014, 680-684 (hebr.). Von Dan Laor liegt auch eine umfangreiche Biographie vor: Dan Laor, Chaje Agnon. Biografia, Jerusalem 1998 (hebr.).

[3] Samuel Joseph Agnon, In der Mitte des Lebens, aus dem Hebräischen von Gerold Necker, Frankfurt  a. M. 1914 (hebräische Originalausgabe 1922), 40.

[4] S. J. Agnon, Nur wie ein Gast zur Nacht, Roman, aus dem Hebräischen von Karl Steinschneider, Frankfurt a. M. 1964 (hebräische Originalausgabe 1938-1939), 8.

[5] Amos Oz, Eine Geschichte von Liebe und Finsternis, aus dem Hebräischen von Ruth Achlama, Frankfurt  a. M. 2004 (hebräische Originalausgabe 2002), 113-126.

[6] Amos Oz, Eine Geschichte von Liebe und Finsternis, a.a.O., 64-65.

[7] Amos Oz, Das Schweigen des Himmels. Über Samuel J. Agnon, aus dem Hebräischen von Ruth Achlama, Frankfurt a. M. 1998 (hebräische Originalausgabe 1993).

[8] Gerade an Agnons Agunot etwa hat Devorah Baron (1887-1956) ihre während des Ersten Weltkriegs verfasste Erzählung Aguna geknüpft; vgl. dazu Marc S. Bernstein, Midrash and Marginality: The „Agunot“ of S. Y. Agnon and Devorah Baron, in: Hebrew Studies 42/1, 2001, 7-58.

 

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