Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Ben-Dror Yemini 

   Ben Dror Yemini (*1954) ist ein israelischer Publizist und Redakteur, ein ausgebildeter Rechtsanwalt, der sich selbst als einen „orientalischen Aktivisten“ und „linken Zionisten“ beschreibt. Sein jüngst auf Hebräisch erschienenes Buch „Die Lügenindustrie. Medien, Wissenschaft und der arabisch-israelische Konflikt“ (Ta-assijat ha-Schkarim, hebr. 2014, 415 Seiten) löste eine heftige und interessante Diskussion in Israel aus. Es ist anzunehmen, dass erst dann, wenn es ins Englische übersetzt sein wird, auch die weltweit verbreiteten Akteure in die Debatte einstimmen werden.

Hier bringen wir als Kostprobe die Übersetzung der Einleitung, S. 13-19.

 

Einleitung

Es war im Jahr 2002. Ich hatte in der ägyptischen Tageszeitung „Al Ahram“[1] einen Artikel eines Dr. Ilan Pappe von der Universität Haifa gelesen. Pappe erzählte den Lesern der verbreitesten Zeitung Ägyptens, dass „prominente Minister der Arbeitspartei in Israel der Regierung einen Transfer-Plan vorgelegt“ hätten und „Professoren und Medienvertreter unverhohlen diesen Transfer-Plan empfehlen“, und dass eine akademische Einrichtung einen Transfer formal und moralisch zur bevorzugten Option der Einrichtung erhoben haben“. Er fasste seine traurigen Feststellungen so zusammen „dass nur ganz wenige in Israel es wagen, sich gegen den Transfer zu stellen“.

 

In jenen Tagen, im Zeitalter der Naivität, habe ich gedacht, es handele sich um einen Irrtum. Es kann nicht sein, dass ein Mitglied einer israelischen akademischen Einrichtung einen solchen Artikel geschrieben hat. Zu jener Zeit hatte ich eine feste Kolumne in der Tageszeitung Maariv und war dort zuständiger Redakteur der Rubrik „Meinungen“. Wie andere Zeitungsredakteure der führenden israelischen Presse hätte ich einen Artikel, der einen Transfer befürwortet, nicht aufgenommen, wenn er mir denn vorgelegt worden wäre. Die Unterstützung des Gedankens des Transfers war und blieb außerhalb eines möglichen Diskurses in jeder Tageszeitung, in allen zentralen Medien und akademischen Zeitschriften. Wieso schrieb Ilan Pappe, dass „nur ganz wenige in Israel es wagen, sich gegen den Transfer zu stellen“?

 

Der Artikel von Ilan Pappe war ein Wendepunkt für mich. Dieser Artikel eines Vertreters einer akademischen Institution löste in mir traurige Reflexionen aus. Wie kann man in einem Aufsatz so viele haltlose „Tatsachen“ aufschreiben? Ich gehörte damals dem Lager der „Friedensbewegung“ an. Meine Meinungen haben sich seither nicht geändert. Aber ein Teil der Bewegung ist an einen anderen Ort abgewandert. Zu keinem Zeitpunkt dachte ich, dass man – um einen arabisch-israelischen Frieden zu erreichen – lügen muss. Heute, nach einer Reise in die Tiefen der „Lügenindustrie“, ist mir klar, dass der Frieden das Opfer der „Lügenindustrie“ geworden ist. Ilan Pappe und seinesgleichen sind Feinde des Friedens, Feinde der Palästinenser und zugleich Feinde der Israelis. 

 

Rund zehn Jahre später fand im Zentrum von Boston eine mit Israel verbundene Veranstaltung statt. Am Eingang zum Gebäude standen zwei junge, nette Demonstrantinnen, die Transparente gegen den Völkermord, den Israel an den Palästinensern ausübe, hochhielten. Ich ging zu ihnen hin, und es entwickelte sich eine freundliche Unterhaltung. Wie viele Palästinenser wurden getötet, fragte ich die beiden. Sie schauten einander an. Millionen, versuchte eine ihr Glück. Millionen, habe ich nachgefragt – woher hast du diese Zahl? Sie nannten verschiedene Namen, und auch der „des israelischen Professors Ilan Pappe“ fiel, neben denen von weiteren Akademikern, die über „den Genozid, den Israel verübt“ geschrieben haben. Das Gespräch lief weiter. Beide waren überzeugt, dass Israel unaufhörlich Verbrechen gegen die Menschheit verübt. Es stellte sich heraus, dass beide Mitglied in „Jewish Voice for Peace – JVP“ sind. Sie hatten keinen Funken antisemitischer Motivation. Im Gegenteil. Sie waren politisch, gesellschaftlich und menschlich eher feinfühlig.

 

Ich überwand meinen Wunsch, mit ihnen zu diskutieren zugunsten des Versuchs, den Weg zu verstehen, der sie so weit gebracht hatte, derart erschreckende Meinungen zu übernehmen. Sie hatten sich politischen Aktivitäten angeschlossen, weil sie an die Menschenrechte glaubten und an das jüdische Konzept des „Tikkun Olam“.[2] Durch ihre Aktivität wurden sie – wie sie sagten – „den Schrecken, die Israel ausübt“ ausgesetzt. Dies fügte sich zu anderen Dingen hinzu, die in den verschiedenen Medien veröffentlicht wurden. Eine der beiden ist Enkelin einer Holocaust-Überlebenden. Ihre Eltern waren aktiv in der zionistischen Bewegung. Sie bat die Eltern um Antworten und Erklärungen für die schrecklichen Dinge, die Israel vollziehen würde, für die „ethnischen Säuberungen“ und den „Völkermord“, für den „Apartheid-Staat“. „Ich sagte zu meinen Eltern“, erzählte sie, „dass, wenn sie Israel wirklich lieben, dann kann es sich nicht um blinde Liebe handeln“. Ihre Eltern lieferten ihr jedoch keine akzeptablen Antworten. Mit der Zeit wurde sie immer aktiver. Bei der anderen war es der Dozent, der Abteilungsleiter selbst, der den Studierenden die „Kette israelischer Verbrechen“ im Unterricht vortrug. Auch sie sei immer aktiver geworden – und zwar aus Furcht um ihre jüdische Identität, die ihr der israelische Faschismus geraubt habe.

 

Ilan Pappe, der Israel mit Nazi-Deutschland vergleicht, ist auf diese jungen Frauen stolz. In den letzten Jahren hat er Israels Vorgehen gegen Hamas bewusst mit der Vokabel „Völkermord“ versehen. Ilan Pappe ist einer von vielen. Auch sein Artikel von 2002 war nur einer von vielen. Artikel dieser Art haben sich im letzten Jahrzehnt erheblich vermehrt und lösten bei mir Wut aus, gerade weil ich mich vollkommen und umfassend mit dem Friedenslager identifiziere. Es war nicht das erste Mal, dass ich derart groben Lügen begegnete. In jenen Jahren, als ich mehr Aktivist im Friedenslager war und weniger Journalist und Forscher, hörte ich viele schräg klingende Dinge. Ich schwieg. Ich wollte glauben, dass ein Konflikt, der Jahre andauert, auch Leid und Ungerechtigkeit auslöst und daher Menschen mit Narben hinterlässt. Doch das rechtfertigt nicht die Lügen. Ich wollte aber hoffen, dass es sich nur um eine vorübergehende Erscheinung handele.

 

Mit den Jahren stellte sich heraus, dass ich mich geirrt hatte. Die Lügen wurden zur Hauptsache. Vertreter der akademischen Welt wie Ilan Pappe wurden zu den geistigen Vätern der Lügenindustrie. Vermutlich gibt es kaum eine akademische Veranstaltung zum Thema Nahost, in der seine Bücher und Artikel nicht gelehrt werden – und genau dies weckt Verwunderung und Fragen. Haben Veröffentlichungen eines Menschen, in dessen Schriften keinerlei Bezug zwischen einem Großteil dessen, was er beschreibt, und der Wirklichkeit besteht, irgendeinen akademischen Wert? Die Antwort sollte klar sein. Aber vielen ist sie bisher noch nicht klar. Ilan Pappe setzt die Verbreitung seiner Lehre fort. Natürlich gibt es auch Wahrheitsbefunde in akademischen Veröffentlichungen von Menschen wie Ilan Pappe. Natürlich gibt es die. Aber sogar die Wahrheitsbefunde werden einer Manipulation und Verbiegung unterzogen, nur um die politische Verzerrung zu erreichen. Hebt dies den akademischen Wert auf?[3]

 

Es gibt eine weitere Sorte von Lügen, die tagtäglich in den Medien der Welt und Israels publiziert werden. Ein Journalist, der in der Welt meistgelesenen israelischen Zeitung, schrieb über einen „schwerwiegenden Brauch“, wonach die israelische Armee Palästinenser an einen Esel zu fesseln pflegt und sie so in einen besonders qualvollen Tod schickt.[4] Bereits am gleichen Tag veröffentlichte diese Zeitung einen Leitartikel, der nicht nur die Armee, sondern den ganzen Staat Israel verurteilte.[5] Dies erschien in der englischsprachigen Ausgabe, die für Menschen geeignet ist, die von Links nach Rechts lesen und denken.[6] Ab hier ist der Weg zur Veröffentlichung in tausenden medialen Adressen geebnet, so dass die Geschichte lawinenartig internationale Dimensionen erreichte. Es gab nur ein Problem: Diese Begebenheit hat es nie gegeben.

 

Journalisten und Zeitungen irren. Man darf irren. Man kann und muss korrigieren. Nur: Es gibt Zeitungen und Journalisten, die das Hetzen gegen Israel mit Hilfe von unaufhörlichen Veröffentlichungen von Lügen zur Norm gemacht haben.

 

So auch die mehrfachen Meldungen auf unzähligen Kanälen wonach „die israelischen Flugzeuge den Gazastreifen angegriffen haben“. Die Beschreibung trifft zu. Nur sind diese Angriffe in der Regel Reaktionen auf Raketenbeschuss durch Hamas oder Jihad Islami auf Zivilzentren in Israel. In der Regel wird der Raketen-Beschuss, der dem Luftangriff voranging, in den meisten Medien nicht genannt. Das Argument lautet: „Es gibt keine Verwundeten in Israel“ – deshalb taugt es nicht als Story. Hunderttausende Israelis mussten erneut und immer wieder das Sirenenheulen ertragen. Hunderttausende Israelis mussten Tag für Tag und gelegentlich mehrmals am Tag einen Luftschutzkeller suchen. Ihr Leben wurde unerträglich. Dennoch herrschte die Kritik an Israel vor. Der durchschnittliche Zeitungsleser kann auf Grund der einseitigen Meldungen weder den Hintergrund noch die Umstände verstehen.

 

Man kann noch hunderte weitere kleinere Lügen aufzählen. Manchmal haben sie einen sehr geringen Wahrheitsanteil, manchmal sind es blanke Lügen, die nichts mit den realen Ereignissen zu tun haben. Man darf und soll Israel kritisieren. Das ist legitim. Es rechtfertigt aber nicht die Lügen. Im arabisch-israelischen Konflikt sind die Lügen zum Zentrum geworden. Sie verdecken die wahren Bilder. Das Verfallen-Sein an das Lügen zwingt die Lügen-Produzenten dazu zu übertreiben, aufzublasen, falsche Szenarien zu erstellen, Geschehnisse zu inszenieren, die sich gut fotografieren lassen, alles nur, um die Legende zu pflegen, dass Israel  Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschheit verübt.

 

Was für Journalisten zutrifft, gilt auch für Akademiker. Fehler und Ungenauigkeiten sind menschlich. Wenn eine wissenschaftliche Forschungsarbeit hunderte von Zitaten, Angaben und Fußnoten umfasst, können darin auch Fehler vorkommen. Solche Fehler wiegen jedoch in der Regel den Forschungswert der Veröffentlichung nicht auf. Die Schlüsselfrage ist, ob nach Aktualisierung und Korrektur die Gesamtthese in sich zusammenfällt. Das Problem liegt nicht in Mikro-Fehlern und nicht einmal in Mikro-Lügen; das Problem liegt in den großen, systematischen Fälschungen. Das Problem ist, dass der Konflikt im Nahen Osten ein viel ärgeres Phänomen schuf: Eine riesige Industrie von Mega-Lügen.

 

So behauptet zum Beispiel ein bekannter Professor, John J. Mearsheimer[7], wiederholt und immer wieder, dass das, „was dem palästinensischen Volk seit 1948 widerfuhr, eines der größten Verbrechen der modernen Geschichte“ ist.[8] Ein anderer Professor, Juan Cole[9], einer der herausragenden Wissenschaftler im Bereich Near-Eastern Studies, behauptet, dass Israels Vorgehen in Gaza zu dem schlimmsten des westlichen Kolonialismus zählt, außer Belgisch Kongo.[10]

 

Kein Zweifel besteht darüber, dass der arabisch-israelische Konflikt auch Unrecht schuf. Es gibt auch keinen Zweifel darüber, dass nicht alle palästinensischen Flüchtlinge geflohen sind. Es gab auch Fälle von Vertreibung. Unter Historikern wird diskutiert, ob es sich um zehn % oder um zig % handelte. Eine legitime Debatte. Das Problem liegt jedoch in der großen Mega-Lüge: die Zionistische Bewegung wird dort der Verübung eines Verbrechens gegen die Menschheit durch ethnische Säuberung geziehen. Ist Israel tatsächlich in Sünde geboren worden? Die Erfahrung von Entwurzelung und von Flucht, die bei den Palästinensern „Nakbah“ genannt wird, begründete und prägte den Konflikt. Sie brachte endlose Zahlen von Veröffentlichungen hervor. Doch stellt sich die Frage: Gibt es einen Unterschied zwischen den palästinensischen Flüchtlingen einerseits und den Millionen anderen Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten? Hat der Staat Israel irgendein „Verbrechen“ begangen, oder handelt es sich hier um einen Bevölkerungstausch, den es an vielen anderen Orten jener Jahre gab? Diese Frage wird im Nachfolgenden ausführlich behandelt werden.

 

Es scheint unwidersprochen, dass der palästinisch-israelische Konflikt zu den publizistisch am stärksten begleiteten Konflikten in der Welt zählt. Auch die Versuche. ihn zu lösen, sind es. So kam der US-Amerikanische Außenminister mehr als 10 Mal im Jahr 2013 nach Israel. In dieser Zeit wurden tausende Menschen in unterschiedlichen Konfliktzentren getötet. Im palästinensisch-israelischen Konflikt kamen im Jahr 2013 insgesamt 36 Palästinenser ums Leben. Zu viele, aber weit weniger als der tägliche Durchschnitt in anderen Konfliktherden.

 

Die Friedensbemühungen sind anzuerkennen. Doch geht es hier um mehr: Diese Bemühungen sind die Folge des Glaubens, des Gefühls, der Atmosphäre, dass der palästinensisch-israelische Konflikt die zentrale Quelle für Gewalt in der Welt sei. Dies behauptete ein Mann, der an der Spitze eines Instituts für Gewaltlosigkeit steht. Dies behauptete auch eine britische Spitzenpolitikerin. Dieser Irrtum wurde zu einem Axiom. Dieses Buch wird sich damit (und mit ähnlichen Irrtümern) befassen. Das Problem ist, dass sie Einfluss haben. Globale Umfragen, die die BBC veröffentlichte, zeigen, dass viel zu viele Menschen an diesen Unsinn glauben.[11]

 

Israel hatte und hat keinerlei Verbindung zu den blutigsten Kriegen, die weltweit seit seiner Gründung geführt wurden. Israel hatte keine Verbindung zum Korea-Krieg, zur blutigen, gewalttätigen Kulturrevolution in China, zum Völkermord in Ruanda, zu den killing fields Vietnams, Kambodschas, des Kongo, Tschetscheniens und vielen weiteren Regionen.

 

Die gegenwärtig schlimmen Konflikte geschehen in Syrien, im Irak, in einigen Staaten Afrikas wie Sudan, Somalia, Kongo und der Zentralafrikanischen Republik. Hunderte und Tausende sterben dort Monat für Monat. Zigtausende in jedem Jahr. Die Dokumentation dieser Konflikte in der Weltöffentlichkeit ist mager. Es gibt auch weit weniger Institute und Lehrstühle, die sich mit diesen Konflikten beschäftigen. Überraschenderweise gilt der arabisch-israelische Konflikt – dessen relativer Beitrag zu Gewalt und zur Flüchtlingsproblematik wirklich marginal ist – als „Gefahr für den Frieden der Welt“ und entsprechend beschäftigt man sich mit ihm.

 

Ein weiteres Argument lautet, dass der israelisch-palästinensische Konflikt die Streitigkeiten innerhalb der arabischen oder muslimischen Welt, ja sogar die Wut der muslimischen Gemeinschaften in der Welt ebenso wie den weltweiten Terror anheizt. Einen Vorwurf dieser Art hat sogar der frühere US-Amerikanische Präsident Bill Clinton geäußert.[12] Diese Behauptung muss sorgfältig geprüft werden. Die blutigsten Konflikte in der arabischen und muslimischen Welt im letzten Jahrzehnt – auch in Verbindung mit dem Terror – befinden sich im Irak, in Pakistan, Afghanistan, Somalia, Syrien und Nigeria. Keine dieser Quellen des Blutvergießens hat irgendeine Verbindung zu Israel. Aber sogar Bill Clinton, der sicherlich keinerlei Feindschaft gegen Israel verdächtig ist, tappte in diese Falle.

 

Eine andere Behauptung geht davon aus, dass das Anwachsen des extremen Islam und des globalen Jihad – die für die schrecklichen Anschläge in den USA verantwortlich sind – mit Israel verbunden seien. Tatsächlich? Die brutalsten gewalttätigen Ausbrüche des politischen, radikalen Islam fanden in Algerien statt; in Afghanistan in den 1990er Jahren, während des Bürgerkrieges dort, der infolge der Sowjetischen Invasion aufflammte und in der anschließenden Machtübernahme durch die Taliban endete; in Somalia, nach dem Erstarken von „Al Schabab“[13]; und im Sudan, nachdem Hasan Abdallah al Turabi[14], Anführer der „Muslimbruderschaft“, dort die Macht übernahm und ein Abschlachten in Darfour anzettelte. Auch Al Kaida entstand völlig unabhängig vom arabisch-israelischen Konflikt. Im letzten Jahrzehnt entstanden weitere Zentren von Konfrontation, darunter Syrien, Nigeria, Mali, Jemen, Tschetschenien und Dagestan. Alle diese Zentren haben keinerlei Verbindung zum arabisch-israelischen Konflikt. Die verschiedenen islamischen Strömungen wie die wahabitische, die Deobandi,[15] die salafistische entstanden, wuchsen und erstarkten, ohne irgend eine Verbindung zu Israel. Auch die Muslimbruderschaft, die stärkste Bewegung im sunnitischen Islam, erstarkte und verbreitete sich ohne Verbindung zu Israel. Die Gründe für die Entwicklung dieser Bewegungen und Organisationen hängen mit internen Entwicklungen in der muslimischen Welt zusammen. Israel hat nichts damit zu tun. Eine zentrale Rolle spielte das Kapital, das Saudi-Arabien in Lernzentren und Madrassot[16] in Afghanistan oder Pakistan investierte und später auch in anderen Ländern, wie auch in Lernzentren muslimischer Zentren im Westen.[17] So wurde Israel – wie auch in vielen anderen Zusammenhängen – zum Sündenbock. Es ist an allem schuld und ist mit allem verbunden. Gewiss, der arabisch-israelische Konflikt muss gelöst werden, so wie man jeden Konflikt lösen muss. Gleichwohl: Die Lösung dieses Konfliktes wird das Blutvergießen im Irak, in Syrien, Nigeria, Somalia nicht mindern und ebenso den Wut-Pegel des radikalen Islam gegen den Westen nicht mindern.

 

Man sollte nicht vergessen, dass im Gegensatz zu den Illusionen, die die Lügenindustrie allgemein pflegt und die post-koloniale Schule im Besonderen, der radikale Islam nicht gegen die westliche, koloniale oder zionistische Unterdrückung kämpft. Sein Kampf ist gegen die Existenz der freien Welt an sich gerichtet. Darüber hinaus: Der radikale Islam ist nicht mit der Liquidierung von Amerikanern, Briten, Franzosen oder Israelis befasst – er ist im Wesentlichen mit der Liquidierung von Moslems befasst. Sie sind die Opfer.[18]

 

Der erste Teil des vorliegenden Buches ist eine Forschungsarbeit. Darin werden die wichtigsten Behauptungen gegen Israel – ethnische Säuberung, Völkermord, Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschheit, Verletzung von Menschenrechten, Unterdrückung, Apartheid – geprüft werden. Zunächst werden wir die Frage einer „ethnischen Homogenisierung“ prüfen. Es wird sich herausstellen, dass trotz der negativen Konnotation in unseren Tagen, es sich um eine Norm handelt, die in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts führend war. Mehr noch: Dies war die Lösung, die britische Persönlichkeiten und arabische Anführer – die Transfer und Bevölkerungstausch befürworteten - bevorzugten. Es wird sich herausstellen, dass Israel nicht nur zu keiner Zeit einen Völkermord beging, sondern dass die Zahl der „Geschädigten“ im arabisch-israelischen Konflikt generell und im palästinensisch-israelischen im Besonderen zu den niedrigsten in der Geschichte nationaler gewalttätiger Konflikte gehört. Ferner wird sich auch herausstellen, dass die „Apartheid“, die Israel angeblich ausübt, niemals existiert hat. Es handelt sich im Wesentlichen um das Ergebnis der Propaganda von Erfindungen. Die israelische Herrschaft in der Westbank und in Gaza hat die Palästinenser zu einer Gruppe mit der höchsten Entwicklung geführt.

 

Der zweite Teil des Buches trägt einen stärker polemischen Charakter. Hier werden die globale Linke, die Wissenschaft, Professoren und Medien untersucht, die zur wichtigsten Quelle der verfälschten Information für die Lügenindustrie geworden sind. Wir werden auch das Thema „Nationalstaat“ und „jüdisch-demokratischer Staat“ behandeln.

 

Die Lügenindustrie hat eine der größten Irreführungen der letzten Jahrzehnte erzeugt. Ein Betrug von hysterischem wie historischem Ausmaß. Keine Propaganda-Fachleute und keine PR-Angestellten haben diese Täuschung geschaffen. Mitglieder akademischer Einrichtungen, Medienvertreter und Menschenrechts-Aktivisten schufen diesen Betrug. Viele von ihnen sind anständige und ehrliche Menschen. Ihre Absichten sind gute. Sie wollen eine bessere Welt. Dieser Wunsch nimmt aber nichts von der Schwere des riesigen Betrugs, sondern vergrößert nur die Schwierigkeit, sich damit auseinanderzusetzen. Die Lüge gewinnt. Der große Betrug hat den Staat Israel – globalen Umfragen zufolge – zu einem der Staaten gestempelt, die eine Gefahr für den Weltfrieden darstellen. Der große Betrug im Westen geht einher mit der Hetze und der Hasskampagne gegen Juden insgesamt und gegen den Staat Israel innerhalb der islamischen Welt im Besonderen. Auf diese Weise entstand eine erschreckende und gefährliche Koalition, die absolut nichts mit Menschenrechten oder mit Tikkun Olam gemeinsam hat.


Viele derer, die in der Vergangenheit eine legitime Kritik an Israel äußerten, haben rote Linien überschritten. Sie wurden Teil der Dämonisierungskampagne. Sie haben sich an der Schaffung des Monsters Namens Staat Israel beteiligt. Damit helfen sie den Palästinensern nicht. Sie fördern damit auch keine Friedenslösung. Damit legitimieren sie nur die extremsten erfundenen Behauptungen auf palästinensischer Seite und haben somit die Radikalen und Verweigerer unter ihnen – die keinerlei Interesse an einem Frieden haben – bestärkt. In den 1970er und 1980er Jahren lautete das führende Leitmotiv im Friedenslager: „Zwei Staaten für zwei Völker“. Im letzten Jahrzehnt ist das führende Leitmotiv „Boycott Israel“ geworden. Das Boykott-Lager macht systematisch, konsequent und Schritt für Schritt aus Israel ein Monster. Mit Monstern schließt man keinen Frieden. Auf diese Weise ist die Lügenindustrie zum größten Hindernis auf dem Weg zu einem Frieden geworden.

 

Dieses Buch ist mein bescheidener Beitrag für Tikkun Olam und zum Erreichen des Friedens. Wenn die Lügenindustrie getroffen sein wird, wenn Israel als ein normaler Staat gelten wird, mit Fehlern und Errungenschaften, wird die Chance, einen Frieden zu erlangen, sehr viel größer sein. Zu Gunsten von Muslimen, Juden, Palästinensern und Israelis. Amen. Inschallah.


Aus dem Hebräischen von Edna Brocke



[2] Der Begriff Tikkun Olam wird in der Mischnah verwendet: mip'nei tikkun ha-olam („um der Reparatur der Welt willen“ oder „um der Heilung der Welt willen“). Unterstrichen wird damit, dass jüdisches Handeln nicht einfach deshalb wichtig ist, weil es biblisch vorgegeben ist, sondern weil es hilft, gesellschaftliche Disharmonie zu vermeiden.  

[3] Prof. Benny Morris sammelte eine Liste von Lügen, die Pappe in seinen Schriften verbreitet. Siehe: Benny Morris, „The Liar as a Hero“, in: The New Republic, 17. März 2011

[4] Ein Artikel von Gideon Lewy, „Zieht man hier?“ (gorerim poh?), in: Haaretz, 20. Dezember 2005. http//haaretz.co.il/misc/1.1068807

[5] Leitartikel „Über die Gleichgültigkeit“, in: Haaretz, 21. Dezember 2005. http//haaretz.co.il/opinions/1.1068683

[6] Gideon Lewy, „Dusty Trail to Death“, 23. Dezember 2005: http//www.ounterpunch.org/2005/12/27/dusty-trail-to-death/; „On Apathy“, 23 Dezember, 2005; www.haaretz.com/print-edition/opinion/on-apathy-1.177373.

[7] John J. Mearsheimer (*1947) ist ein amerikanischer Professor für politische Wissenschaft an der Universität von Chicago. Sein Schwerpunkt sind internationale Beziehungen. Im April 2010 hielt Mearsheimer die Hisham B. Sharabi Memorial Lecture am Palestine Center in Washington, DC, unter dem Titel „The Future of Palestine: Righteous Jews vs. the New Afrikaners.“ Anmerkung der Übersetzerin)

[8] Die Dinge wurden auf der Rückseite des Buches Brokers of Deceit von Raschid Kh’alidi. Mearsheimer hat den gleichen Gedanken auch bei anderen Gelegenheiten geäußert.

Rashid Ismail Khalidi (*1948) ist ein amerikanischer Historiker des Nahen Ostens und Edward Said Professor of Modern Arab Studies an der Columbia University. Er gibt das Journal of Palestine Studies heraus.

[9] John Ricardo I. „Juan“ Cole (*1952) ist ein amerikanischer Akademiker und Kommentator des modernen Mittleren Ostens und Süd-Asiens. Er ist Richard P. Mitchell Collegiate Professor für Geschichte an der Universität von Michigan. (Anm. d. Ü.)

[10] Dies wurde im Blog von Prof. Cole veröffentlicht: „Right-Zionists try to Silence Walt at the University of Montana“, Informed Comment, 17 September 2007: “Gaza it the worst outcome of Western colonialism anywhere in the world outside the Belgian Congo“: http//www.juancole.com.2007/09/right-zionists-try-to-silence-walt-at-.html

[11] Siehe z.B.: „BBC poll: Germany most popular country in the world“, BBC News, 23. Mai 2013; http//www.bbc.co.uk/news/world-europe-22624104

[12] Siehe: Jerusalem Post, 10.6.2010, „Bill Clinton: Mideast Peace Would Undercut Terror“. („It will take about half the impetus in the whole world – not just the region, the whole world – for terror ??? away“

[13] Al-Shabaab bedeutet auf Arabisch „Jugend“ oder Jugendliche“ und ist eine jihadistisch-militante Organisation als Teil von Al Kaida. 2013 zog sich die Gruppe aus den größeren Städten zurück, hat jedoch in vielen ländlichen Gebieten die Scharia eingeführt. Schätzung nach, zählt sie 4,000 bis 6,000 militante Mitglieder

[14] Hassan 'Abd Allah al-Turabi (*1932) ist ein religiöser islamistischer Politiker und Anführer im Sudan,der im Norden des Landes die Scharia einführte. Sein Beiname war „longtime hard-line ideological leader“. Er war der Vorsitzende der machtvollen National Islamic Front (NIF) im Sudan, gewann aber keinen Zuspruch bei Wahlen. 1979 wurde er Justizminister. In Juni 1989 gelangte er durch einen Staatsstreich an die Macht. 1996 wurde er in die nationale Versammlung gewählt,

Nachdem er ein Komplott zur Ermordung des ägyptischen Präidenten Hosni Mubarak plante, wurde Al-Turabi verhaftet. 2005 wurde er aus der Haft entlassen. (Anm.  d. Ü.)

[15] Mit Deobandi wird eine Erweckungsbewegung innerhalb des hanafi sunnitischen Islam bezeichnet. Diese Richtung besteht vor allem in Indien, Pakistan, Afghanistan und Bangladesh. Kürzlich breitete sie sich nach England und Südafrika aus. Der Name leitet sich von Deoband, Indien, ab wo sich die Darul Uloom Deoband Schule befindet. (Anm. d. Ü.)

[16] Maddrassa ist das arabische Wort für Schule – religiöse und nicht religiöse. (Anm. d. Ü.

[17] Anthony Glees; Chris Pope, When Students Turn to Terror: Terrorist and Extremist Activity on British Campuses. London, 2005; „Saudi Time Bomb? – Interview: Vali Naser“,

http//www.pbs.org/wgbh/pages/fronline/shows/saudi/interviews/nasr.html

[18] Siehe hier: Immanuel Ssiwan, Clash im Islam, (hebr.) Tel Aviv, 2005.

 

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