Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Hans Hermann Henrix

Die Reise eines Beters und Friedensmahners. Papst Franziskus im Heiligen Land

Der neue Papst weckt Zuversicht 

 

    Prof. Dr. phil. h.c. Hans Hermann Henrix, Honorarprofessor der Paris Lodron Universität Salzburg und langjähriger Direktor der Bischöflichen Akademie des Bistums Aachen, ist Mitherausgeber von „Kirche und Israel“ und Mitglied der Unterkommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum der Deutschen Bischofskonferenz und war von 2003 bis 2013 Konsultor der Vatikanischen Kommission für die religiösen Beziehungen zu den Juden.

 

Als nach der überraschenden Ankündigung von BenediktXVI. , zum 28. Februar 2013 auf das päpstliche Amt zu verzichten, der Erzbischof von Buenos Aires, Jorge Mario Kardinal Bergoglio, am 13. März 2013 zum neuen Papst gewählt worden war und dieser sich für den Namen Franziskus entschieden hatte, herrschte bei den am christlich-jüdischen Dialog beteiligten Theologinnen und Theologen für einen Moment eine Unsicherheit. Sie fragten sich, welchen Stellenwert die Beziehung der Kirche zum Judentum im neuen Pontifikat erhalten würde. Jedoch wurde bereits am Tag nach der Wahl bekannt, dass Franziskus als Erzbischof enge Beziehungen zur jüdischen Gemeinschaft Argentiniens hatte. Auch gelangte bald eine persönliche Grußadresse des Papstes noch vom Tag seiner Wahl an den Oberrabbiner der jüdischen Gemeinde Roms, Riccardo di Segni, an die Öffentlichkeit; in ihr teilte Franziskus seine feierliche Inauguration am 19. März mit und drückte seine Hoffnung aus, zum Fortschritt der seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil gewachsenen Beziehungen zwischen Juden und Katholiken beitragen zu können.[1] Nur wenige Wochen später – am 30. April 2013 – empfing Papst Franziskus den Staatspräsidenten Schimon Peres im Vatikan. Im Zusammenhang mit dieser Audienz gab es in der Öffentlichkeit Spekulationen um eine Israelreise des Papstes; als Anlass einer solchen Reise nannte man den 50. Jahrestag der Begegnung von Papst Paul VI . und dem Ökumenischen Patriarchen Athenagoras vom 6. Januar 1964.[2] All dies nährte die Zuversicht, dass im neuen Pontifikat die gute Wirkungsgeschichte der konziliaren Erklärung über die Haltung der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen „Nostra Aetate“ ihre Fortsetzung finden würde. Die Zuversicht enttäuschte Papst Franziskus nicht. Er empfing nicht nur Israels Staatspräsidenten, sondern auch jüdische Delegationen und gedachte in Botschaften historischer Ereignisse, die für die jüdische Gemeinschaft ihre Tragweite haben.[3] So bekundeten beim Treffen des Internationalen katholisch-jüdischen Verbindungskomitees, des offiziellen Dialogforums der katholischen Kirche und der jüdischen Gemeinschaft auf Weltebene, vom Oktober 2013 in Madrid die Mitglieder der jüdischen Delegation ihre Sympathie für Franziskus. Sie würdigten besonders die mehrfache Aussage des Papstes: „Aufgrund unserer gemeinsamen Wurzeln kann ein Christ nicht antisemitisch sein!“[4] Die Ankündigung einer Pilgerreise von Papst Franziskus ins Heilige Land für die Tage vom 24. bis 26. Mai 2014 traf auf eine bereits eingestimmte Öffentlichkeit. 

 

Die innerchristliche Ökumene als erstes Anliegen und weitere Zeichen der Verbundenheit

Die Reise ging in die drei Länder von Jordanien, Palästina und Israel. Die genannten Länder bilden die kritische, konfliktbeladene und durch kriegerische Erfahrungen belastete Region des Nahen Ostens. In ihr hat der Besuch eines Papstes auch dann politische Wirkung, wenn er ausdrücklich als Pilgerreise intendiert ist. Der Besuch von Franziskus spannte thematisch den Bogen über die Fragen und Aspekte der christlich-jüdischen Beziehung hinaus. Ja, er bestätigte die Spekulationen vom Frühjahr 2013 insofern, als das erste und zentrale Anliegen der Reise der innerchristlichen bzw. zwischenkirchlichen Ökumene galt. Franziskus knüpfte an die Begegnung von Papst Paul vi. und Patriarch Athenagoras an. Er und Patriarch Bartholomaios hielten zu deren 50. Jahrestag eine ökumenische Feier in der Jerusalemer Grabeskirche. In dieser Wortgottesfeier wurden Johannes 20, 1-9 in Griechisch und Italienisch und Matthäus 28,1-10 in Latein vorgelesen, und der Patriarch und der Papst hielten eine Ansprache und gaben sich den Friedenskuss. Ihrem gemeinsam in Italienisch gebeteten Vaterunser respondierten die am Gottesdienst Teilnehmenden mit dem Vaterunser in ihrer jeweiligen Muttersprache. In der Ansprache rief Franziskus der ökumenischen Betergemeinschaft zu, „nicht taub gegenüber dem mächtigen Aufruf zur Einheit (zu sein), der gerade von diesem Ort aus in den Worten dessen ertönt, der als Auferstandener uns alle ‚meine Brüder‘ nennt“.[5] Papst und Patriarch unterzeichneten eine Gemeinsame Erklärung.[6] Ihr gemeinsames Leitbild einer ökumenischen Verbundenheit der Kirchen ist eine „Einheit der Verbundenheit in der legitimen Vielfalt“. Beide betrachten sich als „Glieder ein und derselben christlichen Familie“ und verpflichteten sich, der Einheit der Kirchen zu dienen. Sie würdigten die Verdienste der Gemeinsamen Internationalen Kommission um den theologischen Dialog und anerkannten ihre Pflicht, „gemeinsam eine gerechte und menschliche Gesellschaft aufzubauen“ und für die Zukunft der Menschheit „das Geschenk der Schöpfung (zu) bewahren“. Schließlich luden sie alle Christen ein, „einen echten Dialog mit dem Judentum, dem Islam und anderen religiösen Traditionen zu fördern.“ Sie erinnerten an die Leiden der Kirchen und ihrer Gläubigen in Ägypten, Syrien und im Irak. Ihre Begegnung hatte über die Pflege der Beziehung zwischen Vatikan und Patriarchat hinaus ihre Bedeutung für die Christen der verschiedenen Kirchen, die im Nahen Osten aktuell Unterdrückung, Verfolgung und Verdrängung erleiden und im Konflikt bzw. Bürgerkrieg zwischen den muslimischen Gesellschaftsgruppen zerrieben werden.

Neben den Begegnungen der innerchristlichen Ökumene setzte Papst Franziskus auch sichtbare Zeichen der Verbundenheit mit den Muslimen. Er traf sich mit dem Großmufti von Jerusalem. In seiner Ansprache an ihn bezog er sich auf Abraham, der nicht nur „in diesem Land“ lebte, sondern von Juden, Christen und Muslimen als ein „Vater im Glauben und großes Vorbild“ verehrt wird.[7]

Der Papst spannte den Bogen über die christlich-jüdische Beziehung hinaus nicht nur mit den Begegnungen mit Patriarch Bartholomaios und dem Großmufti, sondern auch mit einer kaum vermeidbaren politischen Dimension. Er eröffnete seine Begegnungen auf jordanischem Boden mit einem Besuch beim Königspaar und kam mit den Behördenvertretern Jordaniens zusammen. Dabei rühmte er Jordaniens großherzige Aufnahme einer großen Zahl von Flüchtlingen besonders aus Syrien.[8] Bei einer sich anschließenden Begegnung mit Flüchtlingen und jungen Leuten mit Behinderung geißelte er den Hass und die Geldgier „in der Herstellung und im Verkauf der Waffen“ und wiederholte seine Anerkennung der großherzigen Aufnahme von Flüchtlingen durch Jordanien.[9] In Betlehem kam der Papst mit palästinensischen Vertretern des öffentlichen Lebens unter Leitung von Präsident Mahmud Abbas, den er einen Friedensfreund nannte, zusammen. Er wünschte dem palästinensischen wie israelischen Volk Mut und Festigkeit für einen „glücklichen Aufbruch zum Frieden“ und sprach vom „Staat Palästina“[10], wie er nach der Landung auf dem Ben-Gurion-Flugplatz in Tel Aviv gegenüber dem israelischen Staatspräsidenten Schimon Peres und Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu das Recht des Staates Israel auf Existenz, Sicherheit und Frieden bekräftigte und die Hoffnung äußerte, die Zwei-Staaten-Lösung möge Wirklichkeit werden.[11] Und es geschah in Betlehem und auf dem Ben-Gurion-Flughafen, dass Papst Franziskus den palästinensischen Präsidenten Abbas und Israels Präsidenten Peres zu einem gemeinsamen Friedensgebet in den Vatikan einlud.[12] Die vielleicht bildmächtigste Szene war der Halt an der Mauer bei Betlehem. Bei dieser von Präsident Abbas angeregten Station legte der Papst seine Hand auf die Mauer, lehnte seine Stirn an sie und verweilte still im Gebet; die von dieser Szene gemachten Bilder zeigten Franziskus umgeben von Parolen auf der Trennmauer wie „Der Papst muss über Gerechtigkeit sprechen“ oder „Free Palestine“.[13] Die Geste dort wiederholte er an einem Ort, den zu besuchen er von Ministerpräsident Netanjahu gebeten war.

Es war das Monument für die Opfer des Terrors am Herzlberg in Jerusalem. Die Station dort erscheint wie ein Ausgleich, Kommentar oder Gegenstück zum Halt an der Mauer bei Betlehem. Auch am Monument steht der Papst einen Moment schweigend da, berührt mit seiner Hand das Monument und neigt den Kopf zum Innehalten und Gebet. Der israelische Ministerpräsident machte den ehemaligen Erzbischof von Buenos Aires auf jene Inschrift des Monuments aufmerksam, welche die Opfer von zwei Attentaten in Buenos Aires ehrten. Am 17. März 1992 tötete ein Anschlag der Hisbollah auf die israelische Botschaft 29 Menschen.[14] Und am 18. Juli 1994 galt ein Anschlag mit 85 Todesopfern dem jüdischen Zentrum amia in Buenos Aires. Franziskus hatte als Weihbischof von Buenos Aires nach dem amia-Anschlag seine Solidarität mit der jüdischen Gemeinde gezeigt. Als Erzbischof zeichnete er 2005 als Erster eine öffentliche Petition, welche die Aufklärung der Hintergründe des amia-Bombenattentats forderte.[15] So wurde der Papst in Jerusalem von einer traumatischen Erfahrung seiner bischöflichen Zeit in Buenos Aires eingeholt, und es mag ihn fast wehrlos getroffen haben, als der israelische Ministerpräsident ihm am Monument erklärte, „dass der Bau des Zauns viele weitere Opfer des bis heute andauernden palästinensischen Terrorismus verhindert hat“.[16] Erschüttert stellte Franziskus am Monument für die Opfer des Terrors fest: „Terror ist absolut böse. Er kommt aus dem Bösen und bewirkt das Böse. Nie wieder. Nie wieder.“[17] 

 

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Franziskus, Schreiben an Dr. Riccardo Di Segni, Oberrabbiner von Rom, vom 13. März 2013: http://www.ccjr.us/dialogika-resources/documents-and-statements/roman-catholic/francis/1206-f2013march13.

So ein KNA-Bericht vom 29. April 2013 unter der Überschrift „Spekulationen um Papstreise nach Israel – Peres bei Franziskus“: http://www.domradio.de/themen/papst-franziskus/2013-04-29/spekulationen-um-papstreise-nach-israel.

[3] Vgl. dazu die Dokumente auf der Homepage der Katholisch-theologischen Fakultät der Universität Bonn mit ihrem Dokumentationsteil „Die Kirchen und das Judentum. Dokumente von 2000 bis heute“: http://www.nostra-aetate.uni-bonn.de/kirchliche-dokumente/online-publikation-die-kirchen-und-das-judentum/i.-katholische-verlautbarungen-1/i.-katholische-verlautbarungen.

[5] Franziskus, Ansprache bei der Ökumenischen Feier zum 50. Jahrestag der Begegnung von Papst Paul VI. und Patriarch Athenagoras in der Jerusalemer Grabeskirche am 25. Mai, in: L’Osservatore Romano. Wochenausgabe in deutscher Sprache, 44. Jahrgang – Nummer 22 – 30. Mai 2014, Seite 7 (im Folgenden: OR).

[6] Gemeinsame Erklärung von Papst Franziskus und dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomäus, in: OR, Seite 16.

[7] Franziskus, Ansprache im Sitz des Großen Rats aus der Esplanade der Moscheen (Jerusalem) am Montag, 26. Mai, in: OR, Seite 9. 

[8] Franziskus, Ansprache bei der Begegnung mit den Repräsentanten des öffentlichen Lebens im Königreich Jordanien in Amman am 24. Mai, in: OR, Seite 4. 

[9] Vgl. seine Ansprache bei der Begegnung in der lateinischen Kirche „Bethanien jenseits des Jordan“ am 24. Mai, in: OR, Seite 5.

[10] Franziskus, Ansprache bei der Begegnung mit palästinensischen Vertretern des öffentlichen Lebens in Betlehem am 25. Mai, in: OR, Seite 5.

[11] Franziskus, Ansprache bei der Willkommenszeremonie auf dem Internationalen Flughafen „Ben Gurion“ in Tel Aviv am 25. Mai, in: OR, Seite 6f.

[12] Text der Einladung in: OR, Seite 6.

[13] Vgl. den Bericht: Michael Borgstede, Franziskus betet an der Sperre, die Israel von den Palästinensergebieten trennt – 26. Mai 2014:

http://www.welt.de/print/die_welt/politik/article128406646/Franziskus-betet-an-der-Sperre-die-Israel-von-den-Palaestinensergebieten-trennt.html.

[15] Knut Henkel, Mann des Dialogs. Die jüdische Gemeinde in Buenos Aires lobt den neuen Papst – 21. März 2013: http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/15523.

Zitiert nach Michael Borgstede, „Ich kam, um für den Frieden auf der Welt zu beten“: http://www.welt.de/politik/ausland/article128438851/Ich-kam-um-fuer-den-Frieden-auf-der-Welt-zu-beten.html.

 

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