Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Adele Reinhartz

Rabbi Jesus im Johannesevangelium


      Adele Reinhartz ist Professor am Department of Classics and Religious Studies an der Universität von Ottawa (Kanada) und General Editor des Journal of Biblical Literature. Die Hauptbereiche ihrer Forschung sind Neues Testament, frühe jüdisch-christliche Beziehungen, Bibel und Film und feministische Bibelkritik. Sie ist Autorin zahlreicher Artikel und Bücher; dazu gehören Befriending the Beloved Disciple: A Jewish Reading of the Gospel of John (Continuum, 2001), Scripture on the Silver Screen (Westminster John Knox, 2003), Jesus of Hollywood (Oxford, 2007), Caiaphas the High Priest (University of South Carolina Press, 2011; Fortress 2012) und Bible and Cinema: An Introduction (Routledge, 2013). Adele Reinhartz wurde zum Mitglied der Royal Society of Canada (2005) und der American Academy of Jewish Research (2014) gewählt. Auf Deutsch erschien 2005: Freundschaft mit dem geliebten Jünger. Eine jüdische Lektüre des Johannesevangeliums (TVZ Zürich). Der vorliegende Artikel ist die schriftliche Fassung eines Vortrags, der aus Anlass der Emeritierung von Prof. Dr. Ekkehard W. Stegemann bei einem Symposion der Theologischen Fakultät der Universität Basel gehalten wurde.

 

 

Einleitung

Im November 2009 wurde Rabbi Shlomo Riskin, der Chefrabbiner der Stadt Efrat in Israel, heftig kritisiert. Denn er hatte sich in einem Interview, das anschließend auf YouTube geladen wurde, auf den „Rabbi Jesus“ bezogen.[i] Rabbi Riskin versuchte den Sturm zu stillen, indem er später die Stellungnahme zurückzog und sich wie folgt erklärte:

 

Meine Kommentare bezogen sich auf die historische Gestalt Jesu, den Menschen, der kein „Christ“ war, der Juden nicht hasste, sondern vielmehr selbst ein engagierter Jude war. Um diesen Punkt vor einem christlichen Publikum zu betonen, bezog ich mich auf ihn als „Rabbi“ Jesus, den jüdischen historischen Jesus, als den ihn so viele Historiker, auch etwa die Professoren Joseph Klausner und David Flusser, erwiesen haben. Aber lassen Sie mich klar sagen: Wenn ich mich poetisch auf Jesus als „Rabbi“ beziehe, so war er doch nicht ein Rabbiner im klassischen Sinne des Begriffs. Dieser wurde nur benutzt, um einem christlichen Publikum den jüdischen Jesus zu erklären; aber aus nachträglicher Sicht wurde der Begriff unangemessen verwendet.[ii]

Rabbiner Riskins Erläuterungen werfen eine interessante Frage auf: War Jesus im „klassischen“ Sinn ein Rabbi? Eine Antwort darauf hängt davon ab, welche Bedeutung der Begriff zur Zeit Jesu oder, wenn wir schon dabei sind, zur Zeit der Evangelisten hatte, welche ihn so bezeichnen.[iii] Doch ob nun der Begriff angemessen ist oder nicht, es gibt zweifellos christliche Wissenschaftler/innen, die ihn verwenden. Die wissenschaftliche und nicht so wissenschaftliche Literatur bietet eine intime Biographie des Rabbi Jesus an[iv], eine Gelegenheit, zu den Füssen des Rabbi Jesus zu sitzen[v], in seinen Fußstapfen zu wandeln[vi], von seiner Weisheit zu profitieren und sich an seinem Esprit zu erquicken.[vii]

 

Die Bereitwilligkeit von Wissenschaftler/innen, Jesus zum Rabbiner zu „ordinieren“, spiegelt eine gegenwärtige Tendenz christlich-jüdischer Wiederannäherung wider, die zum Teil in Relation steht zu der starken und relativ neuen Betonung des „Jüdischsein“ Jesu in der neutestamentlichen Wissenschaft.[viii] Aber wie auch immer man auf die Kennzeichnung Jesu als Rabbi reagiert, so kann doch nicht geleugnet werden, dass dies schon seit langer Zeit geschieht, da schon die Evangelien sich auf ihn als Rabbi beziehen. Bei Matthäus, Markus und Johannes gebrauchen die Jünger den Begriff „Rabbi“ für Jesus. Zudem gebrauchen alle Evangelien ab und zu den Begriff „Lehrer“ (didaskalos), der wohl dieselbe Bezeichnung reflektieren dürfte. Zudem stimmen – wie Bruce Chilton kürzlich in einem Vortag auf der Tagung der Society of Biblical Literature (Rabbi Jesus in the Gospel According to St. John) gezeigt hat – alle mit Jesus als Rabbi im Johannesevangelium verbundenen Aktivitäten mit solchen überein, die in der rabbinischen Literatur vom dritten Jahrhundert an mit Personen verbunden werden, die als Rabbinen bekannt sind.[ix]

 

Aus historischer Sicht könnte der Gebrauch des Begriffs „Rabbi“ für Jesus in den Evangelien einen wertvollen Anhaltspunkt liefern für den Gebrauch des Begriffs als Titel im ersten Jahrhundert (vor der Zerstörung des Tempels), was uns wiederum etwas darüber mitteilen könnte, wie sich das Judentum des Zweiten Tempels im Land Israel organisierte.[x] Der Begriff drückt deutlich einen Respekt aus und beinhaltet die Anerkennung der Autorität einer Person. Ob „Rabbi“ nun ein voll ausgebildeter Titel war oder nur eine Form der Anrede, in jedem Fall dürfte der Begriff als eine Linse dienen, durch welche die Beziehung zwischen Jesus und seinen Jüngern zu bedenken oder zu überdenken ist, vielleicht sogar bis in die Struktur und das Wertesystem der Jesusbewegung hinein, welche noch über Jesu Tod hinausreichten.

 

Wenn das so wäre, könnten wir uns zum Beispiel fragen, ob diese Version dieselbe Weise der Kontinuität berücksichtigte, die wohl das rabbinische Judentum charakterisiert hat, nach der nämlich Jünger – also Schüler – selber Lehrer werden. Was die Beschreibung Jesu als Rabbi im Johannesevangelium angeht, so könnte man fragen, ob, und wenn ja, sich dann der Titel in der Organisation und Geschichte der johanneischen Gemeinde widerspiegelte oder andernfalls, wenn nein, sich der Gebrauch des Titels als ein Argument entweder für die Bedeutung des Johannesevangeliums im Hinblick auf die historische Jesusfrage oder dessen Kenntnis des Matthäus- und/oder Markusevangeliums sein könnte.

 

Dies sind alles interessante Fragen. Aber in meinem Vortrag möchte ich einen ganz und gar anderen Aspekt ins Zentrum stellen: den offenbaren Widerspruch zwischen der Bereitwilligkeit des Evangeliums, sich auf Jesus als Rabbi zu beziehen, und andererseits seiner Weigerung, sich auf ihn als einen Juden, Ioudaios, zu beziehen. Diese Differenz ist verwirrend, weil ungleich etwa den Begriffen „Lehrer“, „Herr“, „Meister“ oder vielen anderen, die im vierten Evangelium gebraucht werden, „Rabbi“ ein typisch jüdischer Begriff ist, der eine Person kennzeichnet, die eine respektierte Position einnimmt und womöglich eine führende Rolle innerhalb einer jüdischen Gruppe spielt. Also: Warum wird Jesus die Kennzeichnung als Ioudaios vorenthalten und er dennoch so prominent als Rabbi bezeichnet?

 

In der Betrachtung dieser Frage werde ich zunächst genauer die Kennzeichnung Jesu als Rabbi anschauen: Wer nennt ihn so? In welchen Kontexten? Zweitens will ich einen kurzen Blick darauf werfen, dass Jesus nicht als Ioudaios bezeichnet wird, und einige Vorschläge machen, welche Gründe es dafür geben könnte. Schließlich werde ich Vermutungen darüber anstellen, warum ein Nicht-Ioudaios wie Jesus gleichwohl Rabbi genannt werden kann. Ich werde die Auffassung vertreten, dass diese Trennung auf die Erfordernisse der johanneischen Gemeinde bzw. das implizite Publikum des Evangeliums hinweist, die es mit sich brachten, sich selbst von der jüdischen Gemeinschaft als solche zu distanzieren und zur gleichen Zeit doch einige zentrale Aspekte eines jüdischen Wertesystems, des liturgischen Kalenders und gemeindlicher Praxis beizubehalten.

 

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https://www.youtube.com/watch?v=kscCIQCyMdQ vom 3. Juni 2014.

ttp://hirhurim.blogspot.ca/2009/12/jewish-jesus-iii.html.

[iii] Siehe etwa: Andreas J. Köstenberger, Jesus as Rabbi in the Fourth Gospel, Bulletin for Biblical Research 8 (1998), 97-128.

[iv] Bruce Chilton, Rabbi Jesus. An Intimate Biography, New York 2000.

[v] Ann Spangler/Lois Tverberg, Sitting at the Feet of Rabbi Jesus. How the Jewishness of Jesus Can Transform Your Faith, Grand Rapids 2009.

[vi] Lois Tverberg/Ray Vander Laan/Ann Spangler, Walking in the Dust of Rabbi Jesus. How the Jewish Words of Jesus Can Change Your Life, Grand Rapids 2012. 

[vii] William E Phipps, The Wisdom & Wit of Rabbi Jesus, Louisville 1993.

[viii] Unter den zahlreichen Büchern zum Juden Jesus vgl. z.B. Géza Vermès, Jesus the Jew. A Historian’s Reading of the Gospels, Philadelphia 1981; E. P Sanders, Jesus and Judaism, Philadelphia 1985; Paula Fredriksen, Jesus of Nazareth, King of the Jews. A Jewish Life and the Emergence of Christianity, New York 1999; Amy-Jill Levine, The Misunderstood Jew. The Church and the Scandal of the Jewish Jesus, San Francisco 2006. Auch: John P. Meier, A Marginal Jew. Rethinking the Historical Jesus, New York 1991.

[ix] Bruce Chilton, The Gospel according to John’s Rabbi Jesus. Paper delivered at the Society of Biblical Literature Annual Meeting, Baltimore 2013.

[x] H. Lapin, Art. Rabbi, Anchor Bible Dictionary 5, 1992, 600-602

 

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