Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Heft 2014-2: Editorial

In seinem persönlichen Wort des Gedenkens an den Gründer unserer Zeitschrift Rolf Rendtorff, der am 1. April 2014 im 89. Lebensjahr verstorben ist, skizziert Hans Hermann Henrix das theologische Profil des Verstorbenen.  Er würdigt es aus der Perspektive einer mehrjährigen Zusammenarbeit beim Projekt eines Bandes „Die Kirchen und das Judentum. Dokumente von 1945 bis 1985“ und hebt Rolfs „unaufgeregte ökumenische Grundhaltung“  hervor. Rolf ging es um die Wiedergewinnung der jüdischen Wurzeln; dabei wurde ihm der Befund von Krister Stendahl „Am Anfang lief etwas falsch“ zum Schlüsselwort für die eigene Beschäftigung mit dem christlichen Verhältnis zum Judentum. Rolf als Alttestamentler äußerte sich nur mit Zurückhaltung christologisch und wurde ganz wach, wo der christologische Weg in die Gefahr geriet, dem jüdischen Volk keinen Raum mehr zu lassen. Im nächsten Heft wird Frank Crüsemann die Lebensleistung Rendtorffs in der alttestamentlichen Wissenschaft würdigen.


Wir dokumentieren auch in diesem Heft zwei Vorträge, die auf dem Symposion zur Verabschiedung von Ekkehard Stegemann aus dem aktiven Dienst an der Universität Basel gehalten wurden.

Die jüdisch-kanadische Neutestamentlerin Adele Reinhartz (Universität Ottawa) stellt die Frage, welche Bedeutung es hat, dass Jesus im Johannesevangelium öfter „Rabbi“ genannt wird, nicht zuletzt von seinen Jüngern oder der jüdischen Menge. Da dieser Begriff, vielleicht sogar Titel, einen klaren jüdischen Kontext voraussetzt, fällt auf, dass das Evangelium vermeidet, ihn als „Juden“ (Ioudaios) zu bezeichnen, obwohl Jesus an jüdischen Bräuchen (Wallfahrtsfesten usw.) teilnimmt und das jüdische Wertesystem voraussetzt. Der Beitrag erklärt diesen eigentümlichen Befund mit der historischen Lage des johanneischen Publikums und dem Interesse des Evangelisten, den Rabbi Jesus in der Schrift  als den autoritativen Ausleger der göttlichen Offenbarung, ja, als den darzustellen, der sie selbst konstituiert.

 

Wolfgang Stegemann diskutiert die Frage, ob der Apostel Paulus eine rabbinische Ausbildung in Jerusalem erhalten hat.  Diese Frage wird schon seit langer Zeit in den wissenschaftlichen Diskursen kontrovers beantwortet. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Paulus in seinen Briefen eine solche Ausbildung nicht erwähnt und der einzige Text, der überhaupt als Hinweis auf eine rabbinische Ausbildung des Apostels gelesen werden kann (Apostelgeschichte 22,3), mehrdeutig ist. Stegemann vertritt hier die These, dass schon der Text der Apostelgeschichte selbst nicht von einer rabbinischen Ausbildung des Paulus spricht, sondern von seiner jüdischen/pharisäischen Erziehung oder Bildung.

 

Wie schon im ersten Heft dieses Jahres bringen wir auch in diesem einen Beitrag, der sich mit der Bedeutung des Fußballs für die Juden und vor allem auch mit dem jüdischen Beitrag zur Entwicklung des Fußballs in Deutschland beschäftigt. Am Beispiel des FC Bayern zeigt einer der profiliertesten deutschen Fußballautoren, Dietrich Schulze-Marmeling, dass der jüdische Beitrag – sowohl in sportlicher Hinsicht, also durch jüdische Fußballer und Trainer, als auch im Management des Vereins – von grundlegender Bedeutung für den Aufstieg des FC Bayern zu einem der führenden Vereine Deutschlands gewesen ist. Unter seinem jüdischen Präsidenten Kurt Landauer wird der FC Bayern 1932 Deutscher Meister. Es ist spannend zu lesen, wie sich in der schönsten Nebensache der Welt die fortschrittliche, demokratische Orientierung des deutschen Judentums manifestieren konnte, und bedrückend zugleich, dass diese Nische des gesellschaftlichen fair play gegenüber Juden ihr jähes Ende durch die Verbindung von Mittelmaß und Wahn fand, der zu allen Zeiten den Antisemitismus befördert. Diese unselige Verbindung hatte übrigens auch fußballerische Folgen.

 

Recht bald nach seiner Wahl am 13. März 2013 wurde die Erwartung geäußert, dass Papst Franziskus der Beziehung der katholischen Kirche zum Judentum eine eigene Priorität in seinem Pontifikat geben würde. Seine Bemühungen um diese Beziehung zeigen tatsächlich eine erstaunliche Dynamik. Er empfing nicht nur Israels Staatspräsidenten, sondern auch jüdische Delegationen und gedachte in Botschaften historischer Ereignisse, die für die jüdische Gemeinschaft ihre Tragweite haben. Und in seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“ sprach er von einer „reichen Komplementarität“ zwischen der Kirche und dem Judentum. So traf seine Ankündigung einer Pilgerreise ins Heilige Land vom 24. bis 26. Mai 2014 auf eine bereits implizit vorbereitete Öffentlichkeit. Hans Hermann Henrix kennzeichnet in seinem Beitrag den Israel-Besuch des Papstes als die „Reise eines Beters und Friedensmahners“ und deutet damit die doppelte – spirituelle und politische – Dimension des Besuchs an, die er ausführlich erläutert.

 

In der Rubrik „Klassiker der jüdischen Literatur“ stellt Gabrielle Oberhänsli-Widmer den Schriftsteller Samuel Josef Agnon (1888-1970) vor, den ersten – und bis anhin einzigen – Literaturnobelpreisträger, der auf Hebräisch geschrieben hat. Im Jahr 1908, kurz nach seiner Einwanderung ins damalige Palästina, veröffentlichte der Zwanzigjährige die Erzählung „Agunot“ (Verlassene Frauen), mithin ein Frühwerk, das jedoch wie der gekonnte Wurf eines gereiften Meisters wirkt und bereits all die Substanz birgt, die das spätere Oeuvre entfalten wird.

 

Der bekannte israelische Publizist Ben-Dror Yemini hat kürzlich ein Buch auf Hebräisch mit dem Titel „Die Lügenindustrie. Medien, Wissenschaft und der arabische Konflikt“ veröffentlicht. Yemini, der ein Anhänger der israelischen Friedensbewegung war, es eigentlich auch noch weiter ist, geht zu den organisierten und selbsternannten Friedensbewegungen auf Distanz. Er zeigt minutiös und an zahlreichen Beispielen auf, wie in Medien, aber auch in der Wissenschaft, in Israel wie auch international, die tatsächliche Wirklichkeit und die Dimension des palästinensisch-israelischen Konflikts seit Jahren verzerrt wahrgenommen wird und Berichte und Kommentare geradezu zu blanken Lügen greifen. Wir danken ihm, dass er uns erlaubt hat, die Einleitung des Buches auf Deutsch in Kirche und Israel zu publizieren. Es ist zu hoffen, dass eine vollständige Übersetzung des Buches bald erscheinen wird.


 

Die spannende Bücherschau verdanken wir wieder Barbara Schmitz.

 

Die Herausgeberinnen und Herausgeber

 

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