Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Klaus Wengst

„Gottes Wort bleibt in Ewigkeit.“

Die Barmer Theologische Erklärung und die Bibel

 

     Klaus Wengst war von 1981 bis 2007 Professor für Evangelische Theologie (Neues Testament) an der Ruhr-Universität Bochum. Neben sozialgeschichtlichen Fragestellungen stehen das Verhältnis des Neuen Testaments zum Judentum und sein jüdischer Charakter im Zentrum seiner Forschungen.


1. Der Bezug auf die Bibel als Ermöglichungsgrund der Barmer Theologischen Erklärung

Schon die äußere Form, die die Barmer Theologische Erklärung nach ihrer Präambel erhalten hat, erweckt den Eindruck, dass der Bezug auf die Bibel für sie fundamental ist. Vor jeder der sechs Thesen mit Lehrsatz und Verwerfungssatz stehen ein oder zwei mit Stellenangaben kenntlich gemachte neutestamentliche Zitate. Und unter die gesamte Erklärung – graphisch hervorgehoben und durch die lateinische Fassung auch sprachlich betont – ist ohne Stellenangabe gesetzt: Verbum Dei manet in aeternum. Das in der Heiligen Schrift bezeugte Wort Gottes ist der sachliche Ausgangsort und der ständige Bezugspunkt jeder These; es ist der tragende Grund aller Thesen; als das, was bleibt, ist es auch das Ziel, auf das die Erklärung hinausläuft.

Die tatsächliche Entstehung der Thesen verlief gewiss in der genau umgekehrten Reihenfolge als dem sich jetzt in ihnen zeigenden Dreischritt von Bibelzitat, Lehrsatz und Verwerfungssatz. Am Anfang steht die Wahrnehmung dessen, was man für herausfordernd falsch hält, was man theologisch verantwortlich auf keinen Fall sagen darf und also verwerfen muss. Dagegen wird dann positiv formuliert, was gilt, und schließlich nach passenden biblischen Aussagen gesucht. Zu dem Treffen des Redaktionsausschusses, der eine Theologische Erklärung entwerfen sollte, am 15. und 16. Mai 1934 in Frankfurt am Main, hatte Barth vier am 13. Mai in Bonn geschriebene Thesen mitgebracht, die je einen Lehr- und Verwerfungssatz enthielten, jedoch keine einzige Bibelstelle.[1] Neutestamentliche Zitate vor fünf Thesen finden sich zuerst in Barths Entwurf, den er nach dem ersten Gesprächsgang am Vormittag des 15. Mai in der anschließenden Mittagspause formuliert hat, während die beiden anderen Mittagsschlaf hielten. Dass die ausdrücklichen biblischen Zitate erst zuletzt hinzugesetzt wurden, macht sie nicht zu einem bloßen Zierrat und ist kein Argument dagegen, dass der biblische Bezug sachliche Priorität hatte. Der Dreierausschuss von Frankfurt – Hans Asmussen, Karl Barth und Thomas Breit – hat dem durch dessen schon benannte Form klaren Ausdruck gegeben. Das lässt sich durch weitere Zeugnisse erhärten. Darüber hinaus will ich in diesem ersten Abschnitt zeigen, dass der Bezug auf die Bibel auch die Bedingung dafür war, dass die Synode die Theologische Erklärung annehmen konnte.

An zwei sehr bedeutsamen Arbeiten Barths aus dem Jahr 1933, dem Vortrag „Das erste Gebot als theologisches Axiom“[2] und der Schrift „Theologische Existenz heute!“[3] ließe sich zeigen, wie hier wesentliche Aussagen der Barmer Theologischen Erklärung, besonders der ersten beiden Thesen, vorgeprägt sind. Auch der Bezug auf die Schrift erscheint in ihnen als grundlegend. Dass bei dem Frankfurter Treffen das Hören auf das Wort der Schrift die drei dort versammelten Männer verband und dass genau das es war, was es ihnen ermöglichte, einen gemeinsamen bekennenden Text in der gegebenen Situation und zur Klärung in ihr zu formulieren, wird durch ein schönes Zeugnis von Thomas Breit klar herausgestellt. In der „Abendsitzung der Lutheraner“ am 29. Mai 1934 in Barmen, in der es starke Vorbehalte gegen eine Theologische Erklärung überhaupt und gegen den Frankfurter Entwurf im Besonderen gab, beschrieb er gegenüber diesem Dissens die Situation in Frankfurt nach der Mitschrift von Kloppenburg so: „In Frankfurt/Main haben wir consensus herstellen können, weil[4] innerste Gemeinschaft vor dem Wort der Schrift da war und wir dieses Wort (nämlich den Entwurf der Theologischen Erklärung) sagen konnten.“[5]

 

 

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[1] Vgl. die acht synoptisch abgedruckten Textfassungen bei Carsten Nicolaisen, Der Weg nach Barmen. Die Entstehungsgeschichte  der Theologischen Erklärung von 1934, Neukirchen-Vluyn 1985, S. 161–192.

[2] Karl Barth, Das erste Gebot als theologisches Axiom (1933), in: Karl Barth, Vorträge und kleinere Arbeiten 1930–1933, hg.v. Michael Beintker u.a., Zürich 2013, S. 209–241.

[3] Karl Barth, Theologische Existenz heute! (1933), in:  Karl Barth, Vorträge und kleinere Arbeiten 1930–1933, hg. v. Michael Beintker u.a., Zürich 2013, S.271–363.

[4] Im Text steht an dieser Stelle „viel“. Das ergibt im vorliegenden Satzzusammenhang keinen Sinn. Es dürfte eine Verschreibung aus „weil“ vorliegen.

[5] Diese „Besprechung lutherischer Synodaler“ ist dokumentiert bei Nicolaisen, Weg (s. Anm. 1), S. 104–107; das Zitat auf S. 105.

 

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