Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Daniel R. Schwartz

Rabbi, Rabban, Name Zur Rhetorik der Namensgebung in der Mischnah


    Daniel R. Schwartz ist Professor für jüdische Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem. Seine Forschungsinteressen gelten insbesondere auch der Bedeutung dieser Epoch für das sog. hellenistische Judentum und das entstehende Christentum.


Ich kenne Ekkehard Stegemann nun schon seit einigen Jahrzehnten und ich danke den Organisatoren dieses Studientages für die Einladung, etwas zur Feier von Ekkehards Lebenswerk beizutragen. Mit seiner Pensionierung eröffnet sich auch die vielversprechende Perspektive, dass er sich in der Wissenschaft noch weiter verdient machen und zur Förderung des gegenseitigen Respekts von Judentum und Christentum beitragen wird – hoffentlich bis zum Alter von 120 Jahren, wie man im Judentum sprichwörtlich sagt. Ein Studientag, der die Rolle von Rabbinnen, Lehrerinnen und Lehrern des Neuen Testamentes und des antiken Judentums zum Thema hat, passt hervorragend zur heutigen Feier. So hoffe ich, dass mein Beitrag Sie genauso interessiert, wie sein Inhalt auch mich fesselt, und dass mein Deutsch für Sie keine Belästigung darstellt, ja vielleicht sogar zu ihrer Unterhaltung beiträgt.

 


Ein babylonischer Gelehrter aus dem 10. Jahrhundert hat versucht, Ordnung in die verschiedenen Arten zu bringen, wie in talmudischer Literatur Gelehrte erwähnt werden. Einer häufig zitierten Regel dieses Gelehrten zufolge gilt: „Rabbi“ ist bedeutender als „Rav“, „Rabban“ ist bedeutender als „Rabbi“, und ein einfacher, normaler Name ohne jeglichen Titel ist bedeutender als„Rabban“. Verschiedene Titel lassen also unterschiedliche Stufen von Autorität erkennen: von der Verwendung eines Eigennamens mit vorangestelltem „Lehrer“, über ein vorangestelltes „Mein Lehrer“ respektive „Unser Lehrer“ bedeutet es die höchste Ehre, beim blossen Eigennamen genannt zu werden, und zwar ganz ohne Titel.

Der letzte Punkt ist, so scheint es, schlicht eine Folgerung aus dem Wissen der älteren Rabbinen, dass nämlich der eigentliche Ehrentitel „Rabbi“ eine Neuheit aus der Zeit nach der Zerstörung des Zweiten Tempels 70 n.u.Z. war. Wenn man die naheliegende Annahme einer traditionellen religiösen Gemeinschaft bedenkt, dass die frühesten Lehrer die maßgebendsten waren, wird verständlich,  dass jene Gelehrten, die nur mit ihrem Eigennamen erwähnt sind, wie zum Beispiel „Hillel“ und „Schammai,“ die höchsten Autoritäten waren.

Da rabbinische Texte rechtliche Texte sind, ist es offensichtlich, weshalb die Rabbinen Hinweise auf Gelehrte so formulierten, dass ihnen Autorität zukam. Des weiteren ist auch offensichtlich, dass Rechtsgelehrte, die mit religiöser Tradition zu tun haben, die unterschiedliche Meinungen einschliesst, auch darauf bedacht sein werden, verschiedene Stufen von Autoritäten zu differenzieren – wie es schon die eingangs erwähnte Regel anzeigt. Es ist vergleichbar mit der Situation unserer Anwälte, die Präzedenzfälle am Amtsgericht wie auch am Bundesgericht kennen und wissen müssen, welche Urteile einer Überprüfung durch ein Appellationsgericht Stand gehalten haben. Ähnlich verhält es sich in der akademischen Welt, in der wir sichergehen müssen, diese Schulmeinung oder jene Forschungsresultate rechtmäßig Herrn X, Dr. Y oder aber der Professorin Z zuzuschreiben. Manchmal bedeutet die unterschiedliche Terminologie jedoch lediglich, dass die genannte Person in der Zeit vor 70 gelebt hat. Wenn wir uns der verbreiteten Annahme bewusst sind, dass rabbinische Literatur an Geschichte nicht sehr interessiert ist, stellt sich die spannende Frage, warum dies so ist. Mein Vortrag widmet sich einem Text mit genau so einem Fall. Zuerst jedoch möchte ich in das Thema einführen, das der Text behandelt.

Jeder Versuch, Recht auszulegen, bewegt sich zwingend zwischen dem Pol des Nominalismus einerseits und dem des Realismus andererseits. Der Nominalismus konzentriert sich auf die Worte des maßgeblichen Textes – sei dies ein Gesetz, ein richterliches Urteil, ein Vertrag, oder irgend ein anderes Dokument. Der Realismus hingegen konzentriert sich auf die Realitäten, die in den Dokumenten genannt, beschrieben oder beurteilt werden. Die Spannung zwischen Nominalismus und Realismus ist nötig und unumstößlich, denn es wird immer Fälle geben, in denen wir wissen oder spüren, dass die Aussage des autoritativen Textes – sei es in Form einer Beschreibung oder einer Vorschrift – nicht ganz der Wirklichkeit entspricht. Gleich nenne ich Ihnen einige Beispiele, um aufzuzeigen, dass es in sochen Fällen immer Leute geben wird, die dazu neigen, den Text stärker zu gewichten. Sie tun dies entweder, weil sie meinen, der Text habe eine eigene Autorität, oder weil sie befürchten, dass Abweichungen vom Text Chaos auslösen könnte. Andere hingegen werden zur Realität neigen, genauso wie sie vermutlich nicht aus einer Flasche trinken würden, von der sie wissen, dass sie Arsen enthält, selbst wenn die Flasche ein offiziell Etikett mit der Aufschrift „Wasser“ trägt.

Häufig geht es hier um die unterschiedliche Gewichtung des Verfahrens gegenüber der Wirklichkeit. Die Regeln des Verfahrens sind drum da zu regeln, wie wir Wissen erlangen und wie wir reagieren sollen oder müssen. Doch was sollen wir tun, wenn sie uns davon abhalten, Wissen zu erlangen und wir uns dessen über einen anderen als einen verfahrensrechtlichen Weg bewusst werden? Oder was sollen wir tun, wenn das angemessene Verfahren ein Resultat ergibt, von dem wir wissen, dass es nicht stimmen kann? Also zum Beispiel: Studierende kennen sicher die Situation, dass sie sich große Mühen gegeben haben, eine tolle Seminararbeit zu schreiben und diese letztendlich aber kurz nach dem Termin einreichen. Solche Studierenden müssen beten, dass ihre Lehrer keine Nominalisten sind, die darauf pochen, dass die Regeln eingehalten werden und sie deshalb damit rechnen müssen, durch den Kurs zu fallen – gleich wie die Studierenden, die schlechte Arbeiten oder gar keine eingereicht haben. Realisten dagegen werden argumentieren, dass die Regeln dazu dienen, dass ein Bildungssystem anständig funktioniert. Und da es das Ziel eines Bildungssystems ist, den Studierenden gute Möglichkeiten zum Lernen zu bieten und die Studierenden Ihre Lernerfolge mitunter durch gute Hausarbeiten unter Beweis stellen sollen, darf eine Regel gebrochen werden, wenn sie verhindert, gute Arbeit dieser Art anzuerkennen. Oder ein Beispiel aus dem Strafrecht: Wenn das Gesetz von der Polizei eine Befugnis zur Durchsuchung eines Hauses erfordert und Polizisten bei bei einer unerlaubten Durchsuchung eine Mordwaffe finden, so muss nach nominalistischemVerständnis die Waffe ignoriert werden, selbst wenn dadurch ein Mörder freigesprochen wird; denn das Gesetz verbietet eine solche Durchsuchung. Realisten hingegen werden argumentieren, dass Regeln dazu da sind, Justiz überhaupt erst zu ermöglichen, und wenn wir wirklich wissen, was gerecht ist – in diesem Fall: wenn wir wissen, dass jemand ein Mörder ist – müssen wir entsprechend handeln, manchmal sogar gegen die Regeln.

In anderen Fällen steckt das Problem in der Lücke zwischen dem, was das Gesetz, das Recht, sagt, und dem, was der Gesetzgeber ausdrücken wollte oder hat ausdrücken wollen – was manchmal mit „Geist des Gesetzes“ bezeichnet wird. Dazu ein wahres Beispiel aus meiner Familiengeschichte: Irgendwann einmal sah die vom israelischen Parlament ratifizierte Tarifliste Zollgebühren auf die Einfuhr von Nähmaschinen vor, nicht aber auf Strickmaschinen, da diese in Israel damals noch nicht bekannt waren. Als mein Cousin eine Strickmaschine einführte, argumentierten Nominalisten, dass keine Steuer erhoben werden kann, weil die Gesetzgebung keine Steuer deklariert; Realisten hingegen meinten, Strickmaschinen seien vergleichbar mit Nähmaschinen. Deshalb sei es unfair, Nähmaschinen zu verzollen, nicht aber Strickmaschinen, und wir sollten – so argumentierten die Realisten – im Hinblick auf das Gesetz fair sein.

Wir sind uns vermutlich einig, dass in all diesen Fällen beide Meinungen weder grundlos noch lächerlich sind. In all diesen Fällen und auch in ähnlichen Fällen hat sowohl die nominalistische als auch die realistische Sichtweise guten Grund. Gleichwohl müssen Entscheidungen gefällt werden. Und die Erfahrung zeigt, dass die Einen zum einen Pol tendieren und die Anderen – eben zum anderen.

In den letzten Jahrzehnten wurde in der Wissenschaft oft die Frage diskutiert, ob es korrekt und hilfreich sei, zwischen Priestern und Rabbinen der Antike in Bezug auf ihre Haltung dem jüdischem Recht gegenüber eine grundsätzliche Unterscheidung dieser Art zu machen. Und zwar, ob Priester eher zum Realismus neigten und Rabbinen eher zum Nominalismus. Ist es tatsächlich so, dass antikes priesterliches Recht – erhalten in den Quellen als Gesetz der Sadduzäer und der Gemeinde vom Toten Meer – davon ausgeht, dass rechtliche Verpflichtungen und Verbote von Natur aus gegeben sind (wie die Gefahr von Arsen, die Qualität von studentischen Arbeiten und die Ähnlichkeit von Strickmaschinen und Nähmaschinen) und das Gesetz schlicht über ihr Vorkommen informiert? Und ist es so, dass rabbinisches Recht im Gegensatz dazu zur nominalistischen Position tendiert, derzufolge Dinge erst von jemandem formuliert werden, der/die die entsprechende Autorität innehat – wie Gott, oder Schriftgelehrte, die Gesetze erlassen, Richter, die diese auslegen, oder Einzelpersonen, die Verträge schreiben – und somit seine/ihre Worte mit einem rechtlichen Status und Autorität ausstattet? Neigten also in Fällen, in denen eine Lücke bestand zwischen den Rechtsformulierungen auf der einen Seite und der Realität auf der anderen Seite, Priester eher zu Realismus und Rabbinen zu Nominalismus?

Es gibt – a priori – gute Gründe dies zu erwarten, und zwar weil Priester selbst gewissermaßen aus der Natur hervorgehen, da sie von Geburt an solche sind. Ich beziehe mich auf die Tatsache, dass alle jüdischen Priester, kohanim, als Söhne Aarons gelten; allein durch die Tatsache, dass ihre Väter Priester waren, sind auch sie Priester. Kein Priester kann sich entscheiden, es nicht mehr zu sein, und niemand kann Priester werden, ebenso wie eine Katze nicht ein Hund werden kann, selbst wenn sie zu bellen lernt. Jüdische Priester sind „Naturprodukte“, Ergebnisse der Biologie und nicht einer Wahl. Rabbinen hingegen werden nicht geboren. Sie werden durch Entscheidungen zu solchen: durch ihre eigene Entscheidung, sich den entsprechenden Studien und deren Anwendung zu widmen; durch die Entscheidung ihrer Lehrer, ihnen Würde zuzuerkennen und sie „Rabbi“ zu nennen; und durch die Entscheidung ihrer Schüler und Gemeinden, sie als Autoritäten anzuerkennen. Dieser grundlegende Unterschied zwischen Priestern und Rabbinen legt nahe, dass wir von Priestern die Neigung erwarten, der Natur viel Autorität zuzuschreiben, da die Natur die Grundlage ihres Status‘ ist, während Rabbinen dem Fällen von Entscheiden mehr Autorität beimessen und demgemäss auch den Worten, die die Entscheidungen erkennen lassen.

Über diese a priori Überlegungen hinaus gibt es auch zahlreiche Beispiele, die diese unterschiedliche Charakterisierung der beiden Ansätze sehr gut illustrieren. Numeri 19,16 sagt beispielsweise, dass menschliche Knochen unrein sind, sagt aber nichts über tierische Knochen; in diesem Fall sind wir nicht überrascht, dass die Rabbinen befinden, Tierknochen seien nicht unrein (denn kein Text sagt, sie seien unrein), während die priesterliche Halacha der Sadduzäer und der Schriften vom Toten Meer Tierknochen für unrein halten. Die Rabbinen hielten an der nominalistischen Position fest, dass Knochen keinen rechtlichen Status in Bezug auf Reinheit und Unreinheit hatten, bis bestimmte Knochen, nämlich die menschlichen, als unrein erklärt wurden; anders als die Rabbinen nahmen die priesterlichen Ausleger an, dass die Unreinheit von Menschenknochen nicht von der Torah gewissermassen hergestellt wird, als sie diese für unrein erklärt, sondern dass die Torah diese nur hervorhebt; die Menschenknochen waren ihrer Natur nach un-rein, schon bevor die Torah es hervorgehoben hat. Dieselbe Unreinheit muss entsprechend für all vergleichbaren Realitäten – nämlich alle Knochen – gelten. Zu vergleichen ist, wenn Lev 18,13 sagt, es sei für einen Mann verboten, seine Tante zu heiraten, aber die Torah sich darüber ausschweigt, ob eine Frau ihren Onkel heiraten darf. Wir sind dann nicht überrascht, dass die Rabbinen Letzeres erlauben, während die priesterliche Halacha der Rollen vom Toten Meer es verbietet. Auch hier entspricht die rabbinische Position der nominalistischen Annahme, dass keine Verbindungen rechtlich beachtet werden, bis das Recht einige verbietet, einschließlich der Verbindung mit der Tante.

Die priesterliche Position hingegen besagt, dass das Gesetz der Torah Verbotenes aufzeigt und dass selbstverständlich dasselbe Verbot für alle Realitäten gilt, wo auch immer dieselbe Realität existiert, namentlich in Partnerschaften, die nur durch eine Generation und eine Abzweigung innerhalb der Familie voneinander getrennt sind. Solche priesterlichen Juristen würden deshalb auf jeden Fall auch Zölle auf Strickmaschinen erheben, selbst wenn das Gesetz lediglich Nähmaschinen erwähnt.

In meinem heutigen Vortrag möchte ich auf zwei Fragen zu diesem Thema eingehen. Die erste Frage ist, ob Rabbinen in der Antike sich der eben aufge-zeigten grundsätzlichen Unterscheidung von Realismus und Nominalismus bewusst waren. Die antiken Quellen gehen nur auf dieses oder jenes rechtliche Detail ein; wir aber möchten gerne wissen, ob die Rabbinen seinerzeit verstanden haben, dass hinter all diesen Details ein allgemeingültiges Prinzip stand, das wir in der Neuzeit als ausführliche Debatte zwischen Realisten und Nominalisten kennen. Die zweite Frage baut auf der ersten auf: Nehmen wir einmal an, die erste Frage wird positiv beantwortet. Dann interessiert uns zusätzlich, ob die Rabbinen dachten, dies sei eine Debatte zwischen den einen – also ihnen selbst – die offensichtlich recht hatten, und den anderen – also den priesterlichen Gegnern – die offensichtlich falsch lagen, sei es auf Grund von Schlechtigkeit oder Dummheit. Oder realisierten die Rabbinen schlicht – wie ich zu Beginn schon angedeutet habe –, dass dies tatsächlich eine legitime und andauernde und zeitlose Debatte ist und dies auch so sein muss?

Ich beginne mit einem Text, der – wie es für einen Studientag angemessen ist – mit dem Judentum im ersten Jahrhundert zu tun hat. Der Text stellt die Meinungen von vier Autoritäten vor, wovon jede auf eine andere Art eingeführt wird: die eine mit Namen, die zweite mit der Gruppenzugehörigkeit, die dritte mit „Rabbi“ und die vierte mit „Rabban“.

Zuerst erläutere ich den Text und das Thema, um anschliessend auf die unterschiedlichen Arten von Referenz einzugehen, die bei den Autoritäten angezeigt sind. Anschließend diskutiere ich, was diese Referenzen in Bezug auf die zwei genannten Fragen im Hinblick auf die Rabbinen in der Antike zur Debatte zwischen Realismus und Nominalismus andeuten.

Die Mischnah beschreibt im Traktat mKettubot XIII,2 eine Debatte über die Verpflichtung eines Ehemannes, ein Darlehen zurückzuzahlen, das seine Frau erhalten hat, während er im Ausland weilte:

Wenn jemand nach einem fernen Lande gegangen ist und ein Fremder dessen Frau ernährte (und wenn der Ehemann dann zurückkommt und der andere ihn auffordert, ihm das Geld zurückzubezahlen), so sagt Hanan: dieser (der Nachbar) hat sein Geld verloren. Die Söhne der Hohenpriester aber stritten mit ihm und sagten: er schwört, wieviel Ausgaben er gegeben hat und erhält sie zurück (vom Ehemann). R. Dosa ben Harkinas sprach sich ebenso aus. R. Johanan ben Sakkai aber sagte: Hanan hat richtig entschieden, er (der Nachbar) hat sein Geld auf das Geweih eines Hirsches gelegt.

Der Text ist ein anschauliches Beispiel für den bekannten Disput zwischen dem, was Gerechtigkeit verlangt, und dem, was das Verfahren erlaubt. Nämlich: der Ehemann ging weg, seine Frau ließ er zu Hause ohne genügend finanzielle Mittel, um sich selber (und die Kinder) zu finanzieren; NN (ein netter Nachbar) sah die Situation und gab ihr Geld, ohne vom Ehemann darum gebeten zu werden und ohne das Geld explizit als Darlehen zu bezeichnen; der Ehemann kam zurück und weigerte sich, es dem Nachbarn zurück zu erstatten. Der Ehemann, so wie wir es verstehen, behauptet, dass das Geld als wohltätiges Geschenk und nicht als Darlehen verstanden werden soll – da es, um ein Darlehen zu sein, zur Zeit der Überreichung als solches hätte bezeichnet werden müssen und zwar mit der üblichen Handhabung (wie: einen Schuldschein auszufüllen oder eine bezeugte Erklärung, dass nn das Geld als Darlehen gibt). Wir werden informiert, dass „Die Söhne des Hohepriesters“ und R. Dosa b. Harkinas der Ansicht waren, es sei eine einziehbare Schuld und deshalb sei der Ehemann verpflichtet, ihm das Geld zurückzuzahlen, sobald NN unter Eid ausgeführt hatte, wieviel Geld er der Frau gegeben habe. Hanan und Rabban Johanan b. Sakkai aber meinten, dass es nicht als Darlehen einforderbar sei, da NN das Geld nicht als solches bezeichnet hatte. Plastisch vergleicht Rabban Johanan b. Sakkai NN mit einer unvorsichtigen Person, die ihre Brieftasche an ein Hirschgeweih hängte und der Hirsch davonläuft: niemand außer die Person selber trägt Schuld.  

Nach meiner Erfahrung sind sich fast alle einig, dass es gerecht (oder „richtig“ oder „fair“) ist, den Ehemann zu zwingen, das Geld NN zurückzuzahlen. NN hat ja schlicht getan, was der Ehemann hätte tun sollen: den Lebensunterhalt seiner Familie während seiner Abwesenheit zu gewährleisten. Fast alle sind sich einig, dass es unrecht ist (oder „falsch“ oder „unfair“), dass der Ehemann NN´s naïve Annahme ausnutzt, sein Nachbar werde ihm gegenüber fair sein und es deshalb versäumt hatte, einen Anwalt zu konsultieren, bevor er der Frau des Nachbarn behilflich war.

Obschon es Konsens sein dürfte, was fair wäre, besteht oft Uneinigkeit darüber, wie eine solche Situation vor Gericht gehandhabt werden soll. In jeder Gruppe, die den Fall hört, neigen einige zu den „Söhnen des Hohepriesters“ und R. Dosa und in Richtung des Rechts, während andere – und nicht nur die Anwälte unter ihnen – dem Verfahren treu bleiben, mit oder ohne Bedauern. Viele Vertreter der letzeren Gruppe äußern auch die Hoffnung, dass der Ehemann bezahlen werde, obwohl das Gesetz ihn nicht dazu zwingt. Und sie würden ihn als nicht nett, ja sogar als fies bezeichnen, wenn er sich weigerte. Aber sie sind nicht der Ansicht, dass das Gesetz eine unausgesprochene und lediglich naturgegebene Verpflichtung erzwingen sollte. Dies ist dann ein ähnliches Beispiel wie diejenigen, die ich eingangs erwähnt habe.

Diese Mischnah hat, mit anderen Worten, unser Problem als Einzelfall behandelt. Es ist typisch für die Mischnah, allgemeinere Fragen eher anhand von Beispielen abzuhandeln statt anhand von allgemeinen Formulierungen. Eine Frage jedoch, die aufkommen könnte, ist, weshalb die Mischnah vier Autoritäten zitiert, jeweils in zwei Paaren, um das Dilemma zu aufzuzeigen. In der Mischnah werden zwar häufig widersprüchliche Meinungen zitiert. Weshalb aber werden zwei Autoritäten pro Meinung erwähnt? Dies ist sehr selten und scheint der rechtlichen Diskussion nichts hinzuzufügen.

Meine Antwort auf diese Frage hat mit den erwähnten Namen zu tun. Lassen sie mich mit „R. Dosa b. Hyrcanus” beginnen. Zwei Dinge sind hier interessant: Erstens ist sein Patronym, Hyrcanus, weder Hebräisch noch charakteristisch jüdisch, sondern typisch hasmonäisch – die jüdische hohepriesterliche Dynastie des letzten vorchristlichen Jahrhunderts, die, Josephus und den Rabbinen zufolge, Sadduzäer wurden. Johannes Hyrcanus der erste war Hohepriester im letzten Drittel des zweiten Jahrhunderts v.u.Z. und Hyrcanus der zweite war Hohe-priester in den mittleren Jahrzehnten des ersten Jahrhunderts v.u.Z. – er war praktisch der letzte der hasmonäischen Hohepriester. Aber die Sadduzäer waren typischerweise eine Gruppierung, die mit der Hohepriesterschaft und nicht mit den Weisen verbunden wurde. Diese enge Verbindung zeigt sich beispielsweise in der Apostelgeschichte (4,1 und 5,17). Dies könnte bedeuten, dass hier die Übereinstimmung des Dosa ben Hyrcanus mit den „Söhnen des Hohepriesters” nicht nur zufällig ist.

Als zweites stellen wir fest, dass der Name „R. Dosa b. Hyrcanus” in der Mischnah sehr selten ist. In einem Werk, in dem manche Rabbinen hunderte von Malen erwähnt werden, erscheint Dosa nur selten. Dies erlaubt eine Art der Deutung, die nicht gelten kann für jene Personen, die häufig erwähnt werden und dementsprechend auch in vielen Kontexten und mit unterschiedlichen Meinungen auftauchen: Dosa erscheint genug häufig, um bemerkt zu werden, aber jedes Mal mit der selben Position, und er nimmt dementsprechend gewissermaßen die Rolle eines Aushängeschilds ein: Sein Name steht für ein Prinzip. Und zwar behauptet er in jedem Beispiel, dass das, was real ist, gemäß der Natur rechtlich bindend ist, selbst wenn es rechtlich bindenden Gesetzen widerspricht.

Demnach:

  1. a.      Wenn ein Gericht den Anfang eines lunaren Monats entgegen dem tatsächlichen Stand des Mondes ausruft, negiert Dosa lautstark und bildreich die Kraft der gerichtlichen Entscheidung, weil der Tag, der vom Gericht festgelegt wurde, nicht wirklich der Anfang des Monats war (mRosch Haschana II,8-9). Im Gegenzug dazu beharrt die Mehrzahl der Rabbinen auf der Verbindlichkeit des gerichtlichen Urteils, obwohl es von den astronomischen Faktoren abweicht; sie behaupten sogar, dass selbst wenn alle den Neumond gesehen haben, der neue Monat solange nicht begonnen habe, bis das zuständige Gericht zusammengekommen sei, um den neuen Monat auszurufen – genauso wie eine Seminararbeit, welche nach dem Termin eingereicht wurde, von einem nominalistischen Professor nicht benotet würde.

  2. c.     Im Zusammenhang der Regel der Mischnah, dass etwas, was kleiner ist als eine Olive nicht unrein werden kann, erklärt Dosa Folgendes: Wenn mehrere Stücke verunreinigten Essens (Rosinen) denselben Namen („schem“) tragen, aber zu klein sind, um unrein zu sein, dann, selbst wenn ihre Masse zusammen genommen groß genug ist, um unrein zu sein, sind sie nicht unrein, da sie unterschiedliche Entitäten sind. Die Gelehrten wiederum entgegneten, dass eben gerade weil sie den selben Namen tragen (z.B. „Rosinen“), ihre Gesamtsumme von rechtlicher Bedeutung sei und sie darum unrein werden können (mEdujjot III,1-2 u. mObalot III,1).
  3. d.     Dosa sagte, dass assimon (wörtlich: „unmarkiertes – nicht geprägtes Metallstück) verwendet werden könne, um den zweiten Zehnten abzubezahlen, für den die Torah „Geld“ verlangt (Dt 14,25-26), da es tatsächlich den richtigen Wert habe. Die Tatsache, dass die Regierung seinen Wert noch nicht validiert habe durch eine Prägung, sei in seinen Augen belanglos. Die Gelehrten aber waren nicht seiner Meinung (mEdujjot III,2); sie behaupteten, dass nicht die Natur, sondern die Worte der Regierung maßgebend seien.

 

In allen diesen Fällen beharrt Dosa darauf, dass es die realen Fakten, und nicht die Namen der Dinge („Neumond“, „Rosch Haschana“, „Rosinen“, „Schekel“) sind, die rechtliches Gewicht haben. Jede und jeder, der mit der Mischnah vertraut ist, sollte erkennen, dass Meinungen, die „R. Dosa b. Hyrcanus“ zugeschrieben werden, wie ein Aushängeschild unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen und auf das ihnen zugrunde liegende Prinzip hinweisen. Als literarische Figur der Mischnah erscheint Dosa wie ein Stereotyp mit einer einseitigen Gesinnung. Ebenso sollte der Leser in unserem Beispiel des netten Nachbarn und des knausrigen Ehemannes glauben, dass es Dosa nicht stört, dass das Geld nicht als „Darlehen“ bezeichnet wurde, da das Geld ja doch ein Darlehen war, wie wir alle verstehen. Allgemeiner gesprochen sollten die Leser merken, dass es natürlich ist, dass der Ehemann den Nachbarn bezahlen soll – es kommt intuitiv (aus „unserem Herzen“, oder, wie es die hebräische Phrase nennt, aus „unserem Bauch“), aus unserem ungeübten Gefühl heraus, was fair ist. Das heißt: in diesem Fall tritt Dosa dafür ein, dass die Natur von rechtlicher Bedeutung ist, ebenso wie bei den Rosinen und beim Mond und dem Edelmetall. Dementsprechend verweist der Gebrauch des Namens von Dosa auf seine Meinung.

Überdies sagt die Mischnah dasselbe, indem sie erklärt, dass R. Dosa die Mei-nung der „Söhne des Hohepriesters“ teilt. Denn obwohl diese spezifische Formulierung nicht häufig vorkommt, passt sie sehr gut zu der Vielzahl an Quellen, die zeigen, dass auch die Priester die Meinung verteidigen, dass die Natur von rechtlicher Vebindlichkeit ist. Dies entspricht also dem, was wir erwarten können von juristischen Autoritäten, die sich selber mit der Geburt als naturgegeben bezeichnen, wie ich eingangs aufgezeigt habe. Es gibt noch mehr Beispiele für solche Ansichten von Priestern. An dieser Stelle möchte ich einfach noch Folgendes betonen: Ebenso wie der Sohn eines jüdischen Priesters selbst Priester ist – ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht –, so ist der Sohn eines Mannes, der fälschlicherweise für einen Priester gehalten wird, kein Priester – und genau so steht der Name Dosas in der Mischnah stellvertretend

- für die Meinung, dass eine natürliche Schuld eine Schuld ist und bleibt, selbst wenn sie nicht als solche wörtlich bezeichnet wurde;

- für die Meinung, dass wenn eine Rosine zu klein ist, um unrein zu sein, sie dies auch nicht werden kann, wenn eine zweite Rosine daneben liegt;

- und für die Meinung, dass eine Münze eine Münze ist, ob sie nun als sol-che geprägt ist oder nicht.

 

Bevor wir weitergehen, ist Folgendes anzumerken: wären die „Söhne der Hohepriester“ hier für sich alleine zitiert, würden wir ableiten, dass ihre Ansicht komplett zurückgewiesen wurde. Dies wäre die Folge einer gruppenspezifischen Benennung, genauso wie andernorts in der Mischnah „die Priester“ „den Gelehrten“ gegenüber gestellt werden und nicht extra erwähnt werden muss, dass „die Priester“ ganz einfach abgeurteilt sind. Zum Beispiel werden in mScheqalim i,4 „die Priester“ dafür kritisiert, eigennützige biblische Exegese zu betreiben, um Besteuerung zu vermeiden. Dieselbe Art von Verurteilung ist auch deutlich in mRosch Haschana i,7, wo „die Priester“ nicht nur mit bei kalen-darischen Entscheidungen mit den Gelehrten konkurrieren – was schlimm genug ist –, sondern obendrein auch den falschen Gesetzen folgen. In unserem Fall wird die Meinung „der Söhne der Hohepriester“ jedoch auch von einem „Rabbi“ – R. Dosa b. Hyrcanus – vertreten. Dies bedeutet, dass es nicht gänzlich verwerflich ist – ein Argument, auf das wir nochmals zurückkommen werden.

Wir wenden uns zuerst aber „Hanan“ zu, nachdem wir nun „R. Dosa b. Hyrcanus“ und „die Söhne der Hohepriester“ besprochen haben. Zu Beginn sollten wir uns vergegenwärtigen, dass Hanan nirgendwo sonst vorkommt, abgesehen vom vorhergehenden Abschnitt der Mischnah, in dem er uns als einer von zwei Richtern, „die in Jerusalem waren“, vorgestellt wird. Drei Punkte verorten Hanan aber klar in einer bestimmten Zeit und an einen bestimmten Ort, nämlich in Jerusalem in der Zeit vor 70. Erstens verortet ihn die Erwähnung, dass er „in Jerusalem“ gewesen sei, klar in die Zeit, bevor die Stadt zerstört wurde. Aus der Zeit nach 70 hören wir praktisch von keinen Gelehrten mehr, die in Jerusalem wirkten, und wir erwarten es auch nicht. Zweitens zeigt die Tatsache, dass Hanan ohne den Titel „Rabbi“ vorgestellt wird, ebenfalls, dass wir uns in der Zeit vor 70 befinden. Und drittens: die Tatsache, dass er die Angelegenheit mit „den Söhnen der Hohespriester“ diskutiert haben soll, bestätigt die selbe zeitliche Lokalisierung. Denn die Klasse der Hohepriester hat ihr Ansehen und ihre Bedeutung mit der Zerstörung des Tempels verloren.

Auf diesem Hintergrund können wir zurückkommen auf die Übereinkunft zwischen R. Dosa b. Hyrcanus und „den Söhnen der Hohepriester“ auf der einen Seite und Hanan und Rabban Johanan b. Sakkai, dem größten Rabbi des 1. Jahrhunderts, auf der anderen. Leser, die mit der Mischnah vertraut sind, werden diesen Text quasi automatisch in Verbindung bringen mit anderen Texten, die dieselbe Art von Konkurrenz zeigen. So lesen wir – um auf einfrüher genanntes Beispiel zurückzukommen – bei mRosch Haschana i,7, dass „die Priester“ eine Aussage von „Tobias, dem Arzt und seinem Sohn in Jerusalem“ annehmen, die Aussage eines Sklaven jedoch zurückweisen. „Die Gelehrten“ hingegen nehmen die Aussage von Tobias und seinem Sklaven an, lehnen jedoch diejenige seines Sohnes ab. Oder einanderesBeispiel: Der Anfang des Mischnah Traktats über Jom Kippur positioniert im Kontext des Tempelrituals „die Älteren des Gerichtes“ gegen-überden Älteren der Priesterschaft“ und lässt die ersteren den Verdacht äußern, dass die letzteren absichtlich das Recht brechen (mJoma i,3-5). Wer die Mischna über den netten Nachbarn und sein Darlehen liest, wird erkennen, dass Hanan gegenüber der Priesterschaft genau jene Rolle spielt, die „die Weisen“ oder „die Älteren des Gerichtes“ in den anderen Geschichten spielen.

Von all diesen Seiten her gesehen passt unsere Mischnah ganz gut in Standardtopoi rabbinischer Literatur: Dosa und die Priester verteten eine Meinung, die für sie typisch erscheint, und ihnen entgegengesetzt sind Leute, die als ihre typischen Gegner präsentiert werden; auch die Namen, die für sie verwendet werden (mit und ohne „Rabbi“), entsprechen den Epochen, in denen sie tätig waren (vor und nach der Zerstörung des Zweiten Tempels).

Lassen Sie uns nun aber zu unseren Ausgangsfragen zurückkehren: Haben die Rabbinen der Mischnah erkannt, dass die Realismus-Nominalismus-Thematik eine breite Thematik war, die viele Detailunterschiede generierte? Und haben sie es für eine legitime Debatte gehalten oder eher eine, die echte Glaubende gegen Häretiker stellte? – Nun können wir nämlich auf beide Fragen antworten.

Erstens: die Tatsache, dass die „Priester“ und „Dosa“ (mit seinem hoheprie-sterlichen Patronym) als Vorzeigemodell erscheinen für die Meinung, dass das Recht mit der Natur übereinstimmen muss, zeigt deutlich, dass die Rabbinen der Mischnah sich der allgemeinen Fragestellung, also der Frage von Realismus versus Nominalismus, bewusst waren. Hier möchte ich betonen, dass die Mischnah zuallererst ein Buch, und zwar ein Rechtsbuch ist, und kein Geschichtsbuch. Ob nun Dosa tatsächlich alle Meinungen vertrat, die die Mischnah ihm zuschreibt, über Themen so unterschiedlicher Art  wie Kalender und Unreinheit oder die Frage, ob ungemünzte Metallklumpen Geld sind oder nicht unabhängig davon können wir den einen Bericht im Lichte des anderen interpretieren. Tatsächlich verlangt eine adäquate Exegese von uns, genau dies zu tun. Ich bin mit anderen Worten der Ansicht, dass die Mischnah auf ihre eigene Art – die eher kasuistisch als deduktiv ist – unvoreingenommen Realismus als den Ansatz vorstellt, den die Priester im Umgang mit dem Gesetz verwenden. Und ich denke, dass in unserer Mischnah die Parallelisierung von Dosa und den Hohepriestern ebenso andeutet, dass sie ein grundlegendes Prinzip teilen. Andererseits hätte es keinen Grund gegeben, zwei Runden des Disputes widerzugeben, was ja so ungewöhnlich ist für die Mischnah.

Dieser Punkt aber, dass die Mischnah hier über zwei Runden desselben Dis-putes berichtet, beantwortet implizi tauch unsere zweite Frage: Wurde der Disput als legitim angesehen? Wäre der Disput lediglich einer zwischen den Gelehrten und den Priestern, oder sogar zwischen Hanan und „den Söhnen der Hohepriester“, würde dies eindeutig implizieren, dass die Meinung der zweiteren schlicht nicht legitim gewesen wäre. Sie würde verurteilt als eine Meinung von verwerflichen und eigennützigen Leuten und Priestern, die keinen Respekt verdienen. Diese Einschätzung wird von unserer Mischnah zurückgewiesen und zwar auf zwei Weisen: Erstens wird die priesterliche Meinung auch einem Rabbi zugeschrieben. Dies bedeutet, dass diese Meinung nicht geringschätzt oder gar verachtet werden soll, selbst wenn sie in der Praxis nicht akzeptiert ist. Und zweitens geschieht es durch den Hinweis, dass der Disput zwei Runden lang dauerte. Insbesondere bemerkenswert ist, dass rabbinische Literatur die ganze Geschichte in zwei Epochen aufteilt, die sie „die Tage des Tempels“ und „die jetzige Zeit“ nennen. – ימי הבית והזמן הזה. Dadurch, dass die Mischnah nun je eine Runde unserer Debatte in den zwei Epochen erzählt, zeigt sie deutlich auf, dass diese eine andauernde, zeitlose Debatte ist. Der sehr unterschiedliche Gebrauch von „Rabban“ gegenüber „Rabbi“ versichert zwar, dass wir verstehen, dass es Johanan b. Sakkais Ansicht ist, die Ansicht „unseres Lehrers“, der man in der Praxis zu folgen hat, wie wir gesehen haben. Aber die Debatte ist legitim und zeitlos. Auch wenn die praktische Entscheidung für die nominalistische Position gefallen ist, behält auch die realistische Position ein Körnchen Wahrheit und beansprucht deshalb Gültigkeit. Deshalb kann sie in der Praxis auch nur schlecht übergangen werden – nämlich auf Grund des Bewusstseins, dass die Realität uns auffordert, eine Wahl zu treffen zwischen zwei Möglichkeiten, die beide ihre Vorzüge haben.

 

Ich fasse zusammen:

Dieser Paragraph der Mischnah wendet geschickt Namen und Titel an, um den Disput als einen bedeutenden kenntlich zu machen. Weder betrifft er ausschließlich die Rabbinen in Bezug auf Details innerhalb eines Systems, dem alle zustimmen; noch ist der Disput gänzlich außerhalb anzusiedeln, zwischen den Rabbinen auf der einen Seite und verwerflichen Außenseitern auf der anderen. Vielmehr verweist er auf eine legitime Debatte – eine Debatte, die einst ein Lager vom anderen abtrennte, und eine Debatte, die unter den Rabbinen immer noch lebendig war; und zwar auch dann, wenn sie von jemandem vertreten wird, der sich natürlicherweise am Rand des Lagers befindet. Die Debatte ist eine zeitlose, und auf ihre eigene Weise lädt uns die Mischnah ein, zu erkennen, dass die Frage nicht von Menschen lösbar ist. Und sie erinnert uns an den Preis, den wir bezahlen, wenn wir uns für die eine Seite entscheiden. Dosas Position ist, gemäß der Mischnah, legitim genug, um Dosa „Rabbi“ zu nennen, jedoch auch illegitim, und zwar insofern sie uns an jene Außenseiter erinnert, die Priester, die von den Rabbinen als häretisch, korrupt und/oder schlicht lächerlich betrachtet waren. Daher war es nötig, Dosa einerseits das Patronym Hyrcanus aufzubürden, und andererseits den Wortführer der gegnerischen Ansicht – die Ansicht, die die Mischnah eigentlich annimmt – nicht nur als Rabbi, sondern als Rabban, „unser Rabbi“, zu zitieren, um uns klar zu machen, dass er Dosa übertrumpft. So schafft es die Mischnah, ohne von ihrer üblichen Konzentration auf Details abzuweichen und ohne allgemeine Aussagen über das Rechtssystem und die Geschichte auszulassen, beide Seiten zu benennen und uns genügend Hinweise zu geben, die es uns erlauben – wenn wir dies denn wollen –, diese allgemeineren Strukturen zu rekonstruieren.

 

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