Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Ekkehard W. Stegemann

Anpassung und Widerstand

Anmerkungen zu einer neuen imperiumskritischen Lektüre des Paulus[1]

 

  Dr. Ekkehard W. Stegemann ist Mitherausgeber dieser Zeitschrift. Der Artikel dokumentiert seine Abschieds-Vorlesung aus Anlass seiner Emeritierung als Professor für Neues Testament an der Theologischen Fakultät der Universität Basel am 9. Dezember 2013.

 

 

i. Christus gegen Caesar – eine neue imperiumskritische Lektüre

Die neue, vor allem im nordamerikanischen Diskurs begegnende imperiumskritische oder anti-imperiale Lektüre des Paulus verdankt sich einer Reihe von methodischen Konzepten, nicht zuletzt den kulturanthropologischen und den post-kolonialen Studien. Verbunden damit sind literarische und textsemiotische Hermeneutiken, vor allem die Suche nach subversiven Untertönen in Texten, „hidden transcripts“.[2] Entscheidend ist, dass eine breite Kontextualisierung paulinischer, aber auch anderer Texte mit römisch-imperialer Kultur im Gang ist. Dies wird man jedoch nicht ohne einen zeitgenössischen Sitz im Leben verstehen, welcher vor mehr als zwanzig Jahren durch eine starke, intellektuelle Strömung entstanden ist, die die us-Regierungen von Reagan und Bush Vater und Sohn kritisiert und als imperialistisch beurteilt hat. Alles Ding unter der Sonne hat eben seine Zeit – auch in der neutestamentlichen Wissenschaft. Freilich muss erwähnt werden, dass etwa schon Klaus Wengst einen ähnlichen Interpretationsansatz vor nahezu dreißig Jahren entwickelt hat.[3]

In gewisser Weise knüpfen diese neuen Untersuchungen allerdings an Adolf Deissmanns berühmtes Werk „Licht vom Osten“ an, in dem „ein polemischer Parallelismus zwischen Kaiserkult und Christuskult“[4] aufgewiesen bzw. als Möglichkeit der Lektüre neutestamentlicher Texte und ihrer Begrifflichkeit dargelegt wird. In altertumswissenschaftlicher Ahnenreihe stehen zudem etwa Harald Fuchs und seine im denkwürdigen Jahr 1933 in Basel gehaltene Antrittsrede an, deren Titel war: „Der geistige Widerstand gegen Rom in der antiken Welt” (publ. 1938).[5] Aber auch R. MacMullens „Enemies of the Roman Order” (1966)[6] ist zu nennen, in der neben Aufständischen, Briganten und Piraten auch Professoren der Philosophie behandelt werden. Zu erwähnen ist schließlich auch Arnaldo Momiglianos Artikel „Einige Vormerkungen über den ‘religiösen Widerstand’ gegen das Römische Reich” (1987).[7] Die neuere Forschung findet anti-imperiale Tendenzen bei Paulus etwa im Gebrauch wichtiger Stichworte, die zwar aus der biblischen Tradition stammen, aber zugleich mit römischen Ideen und Werten in Wechselwirkung stehen. Es wird dabei also mit einer Resonanzfähigkeit beim Modellleser der Texte gerechnet, die zum Beispiel das griechische Wort pistis bezogen auf Gott oder Christus nicht einfach als religiösen Ausdruck für das Glauben an und das Vertrauen auf Gott und Christus verstehen, sondern damit zugleich eine implizite oder subversive Anpassung an das römischen Konzept der fides, das heißt mit der Erwartung der Bundestreue oder Loyalität der Unterworfenen zu Rom und zum Caesar bei gleichzeitiger Gewährung einer entsprechenden toleranten Behandlung seitens des Kaisers bzw. der römischen Herrschaft verbindet. Die Vorstellung ist: Wer in Bundestreue, im Glauben, mit Gott und dem Gottessohn Jesus Christus verbunden ist, der kann schwerlich dasselbe dem Caesar, dem divi filius, dem Sohn des Vergöttlichten, also dem Gottessohn in Rom und seinen Vasallen in den Provinzen erweisen.[8] in jedem Fall wird mit dem Begriff ein Herrschaftsverhältnis gekennzeichnet.

Doch es gibt eine Achillesferse dieser imperiumskritischen Lektüre, nämlich die, dass schon von Jesus überliefert wurde, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist. Und Paulus mahnt ja gerade im Brief an Rom im 13. Kapitel zur Unterordnung unter die römischen Gewalten als göttlich zur Herrschaft Beauftragte. Verbindet sich also Anpassung mit Widerstand? Die Basler Dissertation des Waldensers Eric Noffke, die 2006 unter dem Titel „Christo contro Cesare“ erschien, hat umfassend untersucht, „wie die Juden und die Christen des 1. Jahrhunderts auf die Herausforderung des römischen Imperialismus reagierten”.[9] ich erwähne diese Arbeit, weil sie im Unterschied zu vielen anderen der letzten Zeit nicht einfach nur nach dem Widerstand gegen das Imperium fragt, sondern durchaus auch Strategien christlicher und jüdischer Anpassung oder Adaptierung an Rom und nicht zuletzt an die Romanisierung auch im Osten des Imperiums bespricht. Eben diese Wahrnehmung der Spannung zwischen Anpassung oder Assimilierung und Widerstand oder Distanzierung überwindet eine einseitige binäre Positionierung.

Eine diesem spannungsreichen Vorgang gerechter werdende Monographie zum Johannesevangelium stammt von dem in Texas lehrenden Neutestamentler Warren Carter: „John and Empire“ (2008).[10] Seine These ist, dass das Johannesevangelium nicht einfach „monolithisch“ eine Oppositionshaltung eingenommen hat. Es weist für ihn vielmehr eine Spannweite „von Praktiken und Einstellungen auf, die bezeichnet werden können mit den Begriffen ‚negotiation’, ‚interaction’ und ‚engagement’“:

Das Zusammentreffen des Evangeliums mit Rom ist sehr viel vielfältiger und komplexer, als es eine begrenzte und historisch binäre Konstruktion von ‚wir gegen sie’, von Opposition gegen Rom zulässt. [11]

„Negotiation”, also dass etwas ausgehandelt wird durch Anpassung oder Aneignung und Rückweisung oder Widerstand, dürfte eine gute Beschreibung einer facettenreichen historischen Wirklichkeit des römischen Imperiums sein, das trotz des klaren Herrschaftsanspruchs gerade als Weltreich durch Multi-Ethnizität, Multikulturalität und Multireligiosität geprägt war.

Deshalb ist hier auch zu erwähnen, dass viele der Autoren neutestamentlicher Texte und zumal ja Paulus selbst und sein Zielpublikum bereits auf ein bestimmtes Reservoir solcher Verhandlungen und Anpassungsleistungen bzw. Grenzziehungen in der multikulturellen römischen Welt zurückgreifen. Juden wie Paulus oder Philo stehen in einer langen Tradition strategischen Aushandelns ihrer Diasporaidentität, die auch wiederum sehr facettenreich und unterschiedlich ausfallen konnte. Sie sind schon bilingue im kulturellen Sinn. John Barclay spricht bei Diasporajuden geradezu von „Strategien“ kultureller Unterhandlungen.[12]  Kathy Ehrensperger hat diesem Phänomen im Blick auf Paulus kürzlich eine eindrucksvolle und erhellende Monographie gewidmet.[13]   Und eine sehr differenzierte Darstellung neuerer Interpretationsansätze zu „politische(n) Implikationen der paulinischen Botschaft im Kontext der römischen imperialen Wirklichkeit“ hat Christian Strecker vorgelegt. Er hat dabei den Begriff „Taktik“ als Schlüsselwort für die Deutung eingeführt.[14]    Ich komme darauf zurück.

 

 

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[1] Dieser Text ist eine redigierte Version meiner Basler Abschiedsvorlesung. Ich nehme dabei einige Vorarbeiten auf, die bereits veröffentlicht wurden in: Ekkehard W. Stegemann, Der Römerbrief: Brennpunkte der Rezeption. Aufsätze. Ausgewählt und herausgegeben von Christina Tuor und Peter Wick, Zürich 2012, bes. auf den Seiten 89-120. 221-242. 243-266.

[2] James C. Scott, Domination and the Arts of Resistance. Hidden Transcripts, New Haven 1990.

[3] Klaus Wengst, Pax Romana: Anspruch und Wirklichkeit. Erfahrungen und Wahrnehmungen des Friedens bei Jesus und im Urchristentum, München 1986.

[4] Adolf Deissmann, Licht vom Osten. Das Neue Testament und die neuentdeckten Texte der hellenistisch-römischen Welt, Tübingen 41923, 290.

[5] Harald Fuchs, Der geistige Widerstand gegen Rom (erw. Basler Antrittsrede, Juni 1933), Berlin 1938.

[6] Ramsey MacMullen, Enemies of the Roman Order. Treason, Unrest and Alienation in the Empire, Cambridge (Mass.) 1992.

[7] Arnaldo Momigliano, Einige Vormerkungen über den ‘religiösen Widerstand’ gegen das Römische Reich”, in: ders., Ausgewählte Schriften. Bd. 1: Die Alte Welt, hg. von Glenn W. Most, Stuttgart 1998, 289-312.

[8] Christian Strecker, Fides – Pistis – Glaube. Kontexte und Konturen einer Theologie der „Annahme“ bei Paulus, in: Michael Bachmann (Hg.), Lutherische und Neue Paulusperspektive. Beiträge zu einem Schlüsselproblem der exegetischen Diskussion (WUNT 182), Tübingen 2005, 223–250.

[9] Eric Noffke, Cristo contro Cesare: Come gli ebrei e i cristiani del I secolo risposero alla sfida dell’imperialismo romano (Piccola biblioteca teologica 71), Torino 2006.

[10] Warren Carter, John and Empire. Initial Explorations, London und New York 2008.

[11] Carter, 13.

[12] John M. G. Barclay, Negotiating Diaspora: Jewish Strategies in the Roman Empire, London und New York 2004.

[13] Kathy Ehrensperger, Paul at the Crossroads of Cultures. Theologizing in the Space-Between, London und New York 2013.

[14] Christian Strecker, Taktiken der Aneignung: Politische Implikationen der paulinischen Botschaft im Kontext der römischen imperialen Wirklichkeit, in: Neues Testament und politische Theorie: Interdisziplinäre Beiträge zur Zukunft des Politischen, hg. v. Eckart Reinmuth (ReligionsKulturen 9), Stuttgart 2011, 114–161.

 

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