Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Heft 2014-1: Editorial

Wir beginnen mit der Dokumentation zweier Vorträge, die anlässlich der Verabschiedung von Ekkehard Stegemann als Professor für Neues Testament an der Theologischen Fakultät der Universität Basel gehalten wurden (am 9.12.2013). Zunächst die Abschiedsvorlesung von Ekkehard Stegemann, die sich zu einem aktuellen, weltweiten Trend der Paulus-Interpretation verhält, nämlich der sog. „imperiumskritischen“ Lektüre der Paulusbriefe. Dabei geht es um eine Neubewertung des Verhältnisses des Apostels Paulus zum römischen Imperium, die zumal in den usa in Reaktion auf die Bush-Administration und deren Neigung zu militärischen Lösungen politischer Konflikte entstanden ist. Stegemann ordnet diese Paulus-Lektüre in frühere Interpretationen des (auch geistigen!) Widerstands gegen das römische Kaiserreich ein und favorisiert selbst die differenzierte Einschätzung der antiken - auch jüdischen - Diskurse im Verhältnis zum Imperium Romanum, die nach seiner Meinung zwischen „Anpassung und Widerstand“ oszillieren.

 

Daniel Schwartz, Professor an der Hebräischen Universität Jerusalem, hat in seinem Beitrag beim Symposion in Basel anlässlich der Emeritierung von E. Stegemann eine erhellende Deutung, Analyse und Einordnung rabbinischer Diskurse vorgetragen. Es gelingt ihm überzeugend, eine gewisse „Ordnung“ in die mannigfachen Argumentationen rabbinischer Rechtsdiskurse zu bringen, und zwar anhand der rechtsphilosophischen Kategorien des Nominalismus und Realismus. Zudem zeigt er, wie schon allein die Benennung der unterschiedlichen Diskursteilnehmer (als Rabbi, Rabban oder nur mit dem Eigennamen) der Lektüre der juristischen Diskurse schon äußerlich eine klare Hierarchie für die zu übernehmende Überzeugungskraft der Argumente vorgibt. Er kann auf der Basis verschiedener Beispiele auch bestätigen, dass zwischen Priestern und Rabbinen der Antike eine grundsätzliche Unterscheidung bezüglich ihrer Haltung zum jüdischem Recht erwartet werden kann, nämlich dass Priester (die sozusagen naturaliter diese Funktion innehatten) eher zum Realismus neigten und Rabbinen zum Nominalismus.

 

Der Beitrag von Eugene Korn ist nicht einfach deshalb bemerkenswert, weil sein Autor ein orthodoxer Rabbiner ist. Er belegt vielmehr eine selbstverständliche Offenheit für den Dialog. Es wird gelegentlich eine größere Nähe zwischen der jüdischen und der islamischen Religionstradition hervorgehoben. Demgegenüber bedenkt Rabbiner Korn kritische Herausforderungen, die das Judentum wie das Christentum in vergleichbarer Weise betreffen. Beide werden in der derzeitigen Weltlage zu Zielen von Bedrohungen und zwar durch eine religiöse Irrationalität, die sich als Extremismus, Intoleranz und Gewalt ausdrückt. Eine Antwort auf die Herausforderungen von Säkularismus und moralischer Schwäche sieht der Autor in einem Leben der Verantwortung und des Sinns.

 

Vor 80 Jahren (im Mai 1934) wurde auf der ersten Bekenntnissynode in Wuppertal-Barmen die sog. Barmer Theologische Erklärung beschlossen. Sie geht auf einen Entwurf von Karl Barth, Thomas Breit und Hans Asmussen zurück, ist allerdings vor allem durch den Schweizer reformierten Theologen Karl Barth (damals Professor in Bonn) geprägt. Der emeritierte Bochumer Professor für Neues Testament Klaus Wengst erinnert an diese historisch außerordentlich bedeutsame Erklärung und stellt einfühlsam wichtige Aspekte ihrer Entstehung dar. Zugleich macht er aber auch darauf aufmerksam, dass diese Erklärung ein markantes Defizit aufweist: Sie schweigt zur sog. „Judenfrage“ und vermeidet in ihrer Berufung auf „Jesus Christus“ als dem „einen Wort Gottes“ die notwendige Beziehung auf die jüdischen Wurzeln des christlichen Glaubens.

 

Erinnert der Artikel von Klaus Wengst an ein historisches Ereignis, so weist der Beitrag vonAlex Feuerherdt, dessen Blog Lizas Welt“ (www.lizaswelt.net) seit Februar 2006 „Ansichten zu Politik und Fußball“ thematisiert, dabei insbesondere auch auf den Israel-Palästina-Konflikt und dessen Deutungen achtet, voraus auf die Fußballweltmeisterschaft im Juni in Brasilien. Wir werden im nächsten Heft noch darauf zurückkommen, welche Bedeutung Juden für die Etablierung des Fußballs nicht zuletzt auch in Deutschland hatten bzw. welche Bedeutung Fußball für die Möglichkeiten jüdischer Selbstverwirklichung nicht zuletzt auch in Deutschland hatte. Diesmal geht es darum zu zeigen, und dies leistet der Artikel von Feuerherdt in ausgezeichneter Weise, dass in der Welt des Fußballs die kontinuierliche Benachteiligung, ja die „Sonderbehandlung“ der Fußballnation Israel gleichsam ein Spiegelbild der Anwendung doppelter Standards auf den Staat Israel in den weltweiten politischen Organisationen darstellt. Dass man sich gleichwohl davon in Israel nicht von seiner Leidenschaft für den Fußball hat abbringen lassen, ist ein tröstlicher Aspekt trotz aller von Feuerherdt dargestellten Ungerechtigkeiten.

 

In der Rubrik „Klassiker der jüdischen Literatur“ erinnert Gabrielle Oberhänsli-Widmer diesmal an den „Mann Moses und die monotheistische Religion“, das letzte Werk, welches Sigmund Freud wenige Monate vor seinem Tod im Londoner Exil veröffentlicht hat. Dies scheint zunächst keine naheliegende Wahl, da Freuds Zeitgenossen dessen Interpretation der Moses-Figur mit harscher Kritik und blankem Unverständnis begegneten. In den Rahmen einer allgemeinen jüdischen Moses-Rezeption aber fügt sich Freuds „Moses“ sehr viel weniger sperrig als anfänglich vielleicht vermutet.

 

Die gehaltvolle Bücherschau verdanken wir wieder Barbara Schmitz.


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