Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Hans Herman Henrix

 Gedenken an Ruth Weyl


 

Ruth Weyl (1924-2013) – Die jüdisch-christliche Beziehung war ihre Herzenssache


Die Dankbarkeit und Bewunderung überwiegen, und doch ist die Empfindung des Verlustes da. Zahllose Mitglieder des Internationalen Rats der Christen und Juden (ICCJ) und seiner 38 nationalen christlich-jüdischen Dialogvereinigungen sowie des Vereins der Freunde und Förderer des Martin-Buber-Hauses haben die Nachricht vom Tod des langjährigen ICCJ-Vorstandsmitglieds Ruth Weyl mit Trauer aufgenommen. Sie starb am 12. Mai 2013 im Alter von 89 Jahren, begleitet von ihren Töchtern und Enkelkindern, in London.

Ruth Weyl wurde 1924 als Tochter einer deutschen jüdischen Familie in Berlin geboren. Sie war die jüngste Tochter von Fritz und Hilde Grünfeld. Ihrer Familie lag sehr an der jüdischen Identität liberaler Prägung; ihr gehörte das international bekannte Berliner Kaufhaus Grünfeld an der Ecke Kurfürstendamm und Joachimstaler Straße. Ruth Weyl erzählte gerne von ihrem Vater, der die „deutsche Kultur“ sehr schätzte, im Ersten Weltkrieg in der kaiserlichen Armee diente und seine Kinder zum selbstständigen Denken anhielt. Die junge Berlinerin empfand eine starke Verbundenheit mit Rabbiner Leo Baeck und engagierte sich in dessen Synagogengemeinde. Sie flüchtete 1938 in das damalige Palästina; ihre Eltern und Geschwister – die Familie war enteignet worden – kamen wenige Wochen vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nach Palästina nach.

Dort heiratete Ruth 1944 einen Anwalt. Sie lebte in Jerusalem und zwar in unmittelbarer Nachbarschaft zu Martin Buber. Als junge Frau von 23 Jahren nahm sie 1947 an der berühmten Seelisberger Konferenz in der Schweiz teil, welche mit ihren „Zehn Punkten“ nicht nur Aussagen der Konzilserklärung „Nostra aetate“ von 1965 vorwegnahm, sondern auch ein wichtiges Kapitel der Vorgeschichte des ICCJ schrieb. 1958 zog sie mit ihrer Familie nach London. Sie hatte einen ausgesprochenen Familiensinn und war auf ihre Kinder, Enkel und Urenkel stolz. Sie meinte, dass sie es dem „wunderbaren Familienleben“ verdankte, dass sie konstruktiv mit den weniger erfreulichen Seiten des Lebens umzugehen wusste.

Nach dem Tod ihres Mannes 1974 wurde sie Assistentin und rechte Hand des Generalsekretärs des Internationalen Rats der Christen und Juden, Pfarrer William W. Simpson (1907-1987). Mit ihm arbeitete sie 13 Jahre zusammen. Das Wirken für die jüdisch-christliche Beziehung wurde ihr zur Herzenssache. Zu Hilfe kam ihr dabei, dass sie Englisch, Deutsch, Französisch und Hebräisch fließend beherrschte. Ich selbst lernte sie bei der ersten in Israel stattgefundenen ICCJ-Jahreskonferenz vom Juni 1976 in Jerusalem kennen. Als ich bei meiner Anmeldung zum Kongress „Israel – seine Realität und Bedeutung für das christlich-jüdische Verhältnis“ im Jerusalemer Holyland Hotel meinen Namen nannte, reagierte die Dame hinter dem Tisch der Tagungsrezeption : „Oh, ich hatte eigentlich einen älteren Herrn mit weißem Bart erwartet“. Es war Ruth Weyl. Auf meine Frage, was der Grund einer solchen „Erwartung“ sei, da ich doch noch nicht 35 Jahre alt sei, antwortete sie: „Ich habe eine Publikation von Ihnen gelesen und hatte den Eindruck, sie stamme von einem Autor mit reicher Erfahrung.“ Ruth Weyl gewann die Sympathien mit ihrer charmanten Direktheit und einem freundlichen Lächeln, mit ihrem Humor und ihrer Energie. Zu ihrer intellektuellen Präsenz wollte es nicht so recht passen, wenn sie sich betont eine Nicht-Wissenschaftlerin nannte. Mit ihrem organisatorischen Talent und ihrer großen kommunikativen Gabe gewährleistete sie den meist reibungslosen Ablauf der Jahreskonferenzen des ICCJ in sehr verschiedenen Ländern und unter höchst unterschiedlichen Arbeitsbedingungen. Rabbiner äußerten sich dankbar darüber, dass Ruth Weyl sie in zuvor fremde Welten eingeführt habe und sie durch sie so verschiedene Städte wie Florenz und Sydney, Hongkong und Rom oder Montevideo und Heppenheim kennengelernt hätten. Die weite Welt war für sie so etwas wie eine Heimat, in der sie sich auskannte.

Über die Jahre nahm Ruth Weyl verschiedene Aufgaben im ICCJ wahr und engagierte sich darüber hinaus im britischen Rat der Christen und Juden oder im „drei-Religionen-Forum“. Sie verbrachte etliche Zeit im Martin-Buber-Haus in Heppenheim, in der Zentrale des ICCJ. Ohne ihre mit Überzeugung eingesetzten Talente und ihre Tatkraft wäre der Internationale Rat der Christen und Juden vielleicht nicht jene international geschätzte Institution, die der ICCJ heute ist. Bis in ihre letzte Lebenszeit übte sie die Tätigkeit einer Fachberaterin für das Präsidium und den Vorstand des ICCJ aus und konnte ihre Präsenz und ein erstaunliches Gedächtnis bewahren. Noch wenige Monate vor ihrem Tod bedankte sie sich eigens für die Segenswünsche zum jüdischen Neujahrsfest und berichtete von ihrem mehrwöchigen Besuch bei der Tochter in Washington; sie kommentierte die gemeinsamen Exkursionen zu den Nationalparks, dass diese uralten Naturwunder die alltäglichen Sorgen und Mühen klein und unwichtig erscheinen ließen und zu neuem Denken und Umdenken anregten. Sie erhielt manche Ehrung und Auszeichnung; so verlieh Bundespräsident Horst Köhler 2008 ihr das Bundesverdienstkreuz für ihr Wirken zugunsten des christlich-jüdischen Verstehens und der deutsch-jüdischen Verständigung. Nicht wenige Menschen sind dankbar, sie zur Freundin gehabt zu haben; ihre ungewöhnliche Persönlichkeit bleibt in ihren Herzen und Gebeten.


Hans Hermann Henrix

 

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