Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Klassiker der jüdischen Literatur - Gabrielle Oberhänsli-Widmer

Gabrielle Oberhänsli-Widmer ist Professorin für Judaistik am Orientalischen Seminar der Universität Freiburg und Mitherausgeberin dieser Zeitschrift.

 

Schlomo ha-Levi Alkabez: Lecha Dodi
Auf, mein Geliebter, der Braut entgegen (um 1540)

 

Welches sind die schönsten Wege? Zu den schönsten Wegen zählen zweifellos die hin zum Geliebten, zur Braut, zur spirituellen Begegnung, zur religiösen Begehung. All das birgt allein schon der Refrain von Schlomo ha-Levis berühmtem Schabbat-Hymnus: „Auf, mein Geliebter, der Braut entgegen, Schabbat wollen wir willkommen heißen – Lecha Dodi liqrat Kalla, pene Schabbat neqabbela“.

Diese Worte, welche den Auftakt des Schabbat ansagen, kommen erst Jahrhunderte, nachdem das jüdische Gebetbuch im 9. und 10. Jahrhundert zu seiner Form gewachsen ist, in den Siddur – ein später Nachzügler, doch geradezu ein Topstar religöser Poesie. Zu mehreren Hundert Vertonungen haben Schlomo ha-Levis Zeilen Kantoren und Komponisten inspiriert, Sefarden, Aschkenasen und Vertreter weiterer Gebetsriten gleichermaßen.

Die außerordentliche Geschichte dieses Liedes wollen die folgenden Überlegungen aufrollen, sein Erfolgsrezept entschlüsseln und vielmehr noch, seinen geheimnisumwitterten Geliebten aufspüren. Schließlich hat das Lecha Dodi über die Generationen so manchen Sänger und Beter becirct und bekanntlich selbst Heinrich Heine den Kopf verdreht. Doch hier zunächst der Wortlaut:[i]

 

Auf, mein Geliebter, der Braut entgegen,
Schabbat wollen wir willkommen heißen.


[1] Hüte und denke an das eine Wort,

das uns der einzige Gott verkündet.
Der Herr ist eins und sein Name einzig,
zur Erinnerung, zu Pracht und zu Preis.

Auf, mein Geliebter, der Braut entgegen,
Schabbat wollen wir willkommen heißen.

[2]        Schabbat wollen wir entgegeneilen,

denn sie[ii] ist die Quelle jeden Segens,
von Anfang an und von Urzeit geweiht,
der Schöpfung Ende, im Plan der Beginn.

Auf, mein Geliebter, der Braut entgegen,
Schabbat wollen wir willkommen heißen.

[3] Heiligtum des Königs, königliche Stadt,

steh auf, und tritt aus den Trümmern heraus.
Lang genug weiltest du im Tränental,
doch er wird dir nun sein Mitleid schenken.

Auf, mein Geliebter, der Braut entgegen,
Schabbat wollen wir willkommen heißen.

[4]        Schüttle von dir den Staub, erhebe dich,

zieh deine prächtigsten Kleider an, mein Volk,

an der Seite des Sohnes Isais aus Bethlehem,

schmieg dich an meine Seele, der sie erlöst.

Auf, mein Geliebter, der Braut entgegen,
Schabbat wollen wir willkommen heißen.

[5]        Wach auf aus deinem Schlaf, wach auf, wach auf,

denn dein Licht erstrahlt, steh auf und leuchte,

erwache, erwache, stimm ein Lied an.

Die Ehre des Herrn ward dir offenbar.

Auf, mein Geliebter, der Braut entgegen,
Schabbat wollen wir willkommen heißen.

[6]        Du musst dich nicht schämen, erröte nicht.

Was sinkst du hin, und was schluchzest du denn?

Bei dir bergen sich meines Volkes Geringste.

Die Stadt ersteht auf ihrem Trümmerberg.

Auf, mein Geliebter, der Braut entgegen,
Schabbat wollen wir willkommen heißen.

[7]        Die dich geplündert werden zur Beute,

und die dich einst verschlungen verschwinden.

An dir wird sich nun dein Gott erfreuen,

des Bräutigams Freude gleich an der Braut.

Auf, mein Geliebter, der Braut entgegen,
Schabbat wollen wir willkommen heißen.

[8]        Zur Rechten und zur Linken brich dir Bahn,

und dem Herrn sage Lob und Ehre an,

an der Seite des Ben Parzi, dem Mann,

wir wollen uns freuen und fröhlich sein.

Auf, mein Geliebter, der Braut entgegen,
Schabbat wollen wir willkommen heißen.

[9]        Tritt ein in Frieden, Krone des Gatten,

voll von Freude, von Musik und Gesang,
inmitten des auserwählten Volkes Treuen,
komm, o Braut, komm, o Braut, tritt ein, tritt ein.

Auf, mein Geliebter, der Braut entgegen,
Schabbat wollen wir willkommen heißen.
 


Ein Hochzeitslied könnte diese erste Lektüre suggerieren, eine Liebeserklärung, verzaubert mit mystischen Motiven, oder ein religiöser Festgesang mit Liebestopoi überzuckert. Doch der Eindruck täuscht, oder besser: Die Täuschung ist intendiert, weil die zehnmalige Wiederholung des freudigen Refrains „Auf, mein Geliebter ...“ die dunklen Zeilen übertönt. Mehr als die Hälfte der Strophen sprechen von Zerstörung und Erniedrigung, und daraus ist der Text geboren, der Destruktion abgetrotzt. Zwei Generationen nach der Vertreibung der Juden aus der iberischen Halbinsel Ende des 15. Jahrhunderts.



[i] Möglichst nahe am Originaltext und korrespondierend zur vorliegenden Auslegung wird an dieser Stelle eine eigene Übersetzung eingefügt, da die traditionellen Übertragungen ins Deutsche aus dem vorletzten Jahrhundert datieren oder noch weiter zurückliegen. Im Gegensatz zum hebräischen Original unterliegen die Übersetzungen – unter ihnen Jiddisch, Ladino und viele weitere Sprachen – weit mehr einem Veralten von Vokabular und Duktus, oder weichen in ihrem Bemühen um religiöse Unterweisung mit Zusätzen und eingefügten Klammern vom Wortlaut ab. Als Illustration dazu hier einerseits der Refrain in der Version von Johann Gottfried Herder (1744-1803): „Auf, o Freund, der Geliebten entgegen! Salome tritt heran; freundlich empfangen wir sie.“ (Zitiert nach: Johann Gottfried Herder, 2. Lied, in: Herders Werke, herausgegeben von Heinrich Meyer, Erster Teil, Stuttgart 1893, 236). Und andererseits der Anfang in der Fassung von Seligmann Baer Bamberger (1807-1878), dem die konservativen und orthodoxen deutschen Siddurim bis heute folgen: „Auf, mein Freund, der Braut entgegen, Königin Sabbat wollen wir empfangen! / ‚Hüte und gedenke (des Sabbats)‘ in einem Worte ließ (am Sinai) der einzige Gott uns vernehmen, einzig ist der Ewige und sein Name einzig, zur Ehre und Herrlichkeit und zum Ruhm.“ (Zitiert nach: Sidur Sefat Emet, mit deutscher Übersetzung von Rabbiner Dr. S. Bamberger, Basel 1982, 84). 

[ii] Das Nomen ‚Schabbat‘ ist im Hebräischen feminin.

 

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