Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Klaus Wengst

Die unbequeme Grenzgängerin –

Lobrede zu Edna Brockes 70. Geburtstag

 


Am 31. August 2013 ist Edna Brocke 70 Jahre alt geworden. Wie sollte das kein Anlass sein, eine dankbare Lobrede auf sie auszubringen? Im Lauf der letzten anderthalb Jahrzehnte wurden ihr gewichtige Ehrungen zuteil, an die hier zunächst erinnert sei. Sie erhielt zwei Ehrenpromotionen, 1997 von der Augustana-Hochschule Neuendettelsau, 1998 von der Evang.-Theol. Fakultät der Ruhr-Universität Bochum. Zu ihrem 60. Geburtstag erschien eine stattliche Festschrift. 2001 wurde ihr die Hermann-Maas-Medaille und 2002 die Buber-Rosenzweig-Medaille überreicht. Das Land Nordrhein-Westfallen ehrte sie 2006 mit dem Verdienstorden. 2009 erhielt sie den Hans-Ehrenberg-Preis. Es ist bezeichnend, dass sich diese Ehrungen zu einem großen Teil auf das außerordentlich starke ehrenamtliche Engagement Edna Brockes über ihre berufliche Arbeit hinaus beziehen.

In Israel in ganz anderen Wissenschaftsgebieten ausgebildet (Politikwissenschaft und Anglistik), hat sie sie sich intensiv auf das Gebiet ihrer religiösen jüdischen Tradition eingelassen, deren großer Reichtum ihr aufging und von der sie meinte, dass man sie nicht „den Schwarzen“ überlassen dürfe. Dass sie sich dabei als Grenzgängerin zwischen Israel und Deutschland, zwischen Christen und Juden bewegen würde, ist in ihrer Biographie angelegt. Als „El Alamein-Kind“ 1943 in Jerusalem geboren, im Land und Staat Israel aufgewachsen und dort den Militärdienst abgeleistet, ist sie eine Zabarit. Doch hatte sie von Anfang an einen Bezug zum Deutschen durch die Sprache. Weil ihre Großmutter – der einzige Großelternteil, den sie erlebte – nach der Einwanderung nach Israel in schon vorgeschrittenem Alter nicht Ivrit zu lernen vermochte, wurde mit ihr Deutsch gesprochen. Um ihr Briefe schreiben zu können, brachte sich die Enkelin die lateinischen Buchstaben selbst bei und schrieb Deutsch auf rein phonetische Weise. Als die Familie 1951 nach Tel Aviv umzog, wurde die Großmutter in die größere Wohnung aufgenommen, wodurch die deutsche Sprache noch mehr Raum erhielt. Edna Brocke war mit einem Deutschen verheiratet. Mit ihm kam sie 1968 nach Deutschland und hat inzwischen – bei regelmäßigen und häufigen und seit der Pensionierung auch längeren Aufenthalten in Israel – den größeren Teil ihres Lebens in Deutschland verbracht, zunächst in Regensburg und dann am Niederrhein, in Moers und Krefeld. Sie besitzt auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Sie ist Jüdin und Israelin in Deutschland.

Was Edna Brocke als Grenzgängerin in besonderer Weise auszeichnet, ist ihr Widerspruch gegen die Tendenz, Grenzen zu verwischen, die bleiben müssen. Nicht zufällig erhielt ihre Festschrift als Titel das Zitat aus Psalm 104,9: „Eine Grenze hast Du gesetzt“. Das Betonen notwendiger Grenzen ist bei ihr jedoch kein negatives Unternehmen, das dazu diente, sich in einer vermeintlich sicheren Festung abzuschotten. Die Beachtung von Grenzen soll Begegnungen gerade nicht verhindern, sondern gehört zu den Voraussetzungen für ein wirkliches Gespräch.

Nachdem Christen nach dem Erschrecken über die christliche Schuld am Massenmord an den jüdischen Männern, Frauen und Kindern Europas durch Deutschland begannen, von der langen Zeit der Geringschätzung, Verachtung und Ächtung des Judentums Abstand zu nehmen und das Gespräch mit Juden aufzunehmen, stand am Anfang die Suche nach Gemeinsamkeiten. Edna Brocke konnte diese Suche aus der existentiellen Motivation heraus würdigen, dass das Entdecken von Gemeinsamkeiten Christen daran hindern könnte, jemals wieder eine Schoah einzuleiten, sich an ihr zu beteiligen oder sie zu dulden. Aber vor der allzu schnellen Betonung von Gemeinsamkeiten hat sie hartnäckig darauf bestanden: Der Bruch zwischen Judentum ist irreversibel. Damit sind bleibende Unterschiede und Grenzen markiert. Die gilt es wahrzunehmen.

Zu dieser Wahrnahme gehört nach Edna Brocke, dass das Anderssein des anderen angenommen und anerkannt und also das Unterscheidende bejaht wird. Nur so kann es – im Gegensatz zu den „Religionsgesprächen“ früherer Zeiten, in denen es der christlichen Seite allein darum ging, ihren eigenen Wahrheitsanspruch gegenüber der anderen Seite durchzusetzen – zu einer wirklichen Partnerschaft kommen, in der dem jeweils anderen Wahrheitsfähigkeit zugebilligt wird.

In diesem Zusammenhang der Markierung von Grenzen, deren Beachtung zugleich die Voraussetzung für ein echtes, ein partnerschaftliches Gespräch bildet, hat Edna Brocke die Klärung der Frage nach der christlichen Identität eingefordert und sie kritisch mit dem Punkt verbunden, an dem die Gemeinsamkeit zwischen Judentum und Christentum am stärksten ist oder zu sein scheint, dass nämlich der erste Teil der christlichen Bibel zuvor und zugleich jüdische Bibel war und ist. Edna Brocke hat immer wieder betont herausgestellt, dass die jüdische Bibel, der Tanach, nicht einfach identisch ist mit dem christlichen Alten Testament. Sie ist es nicht aufgrund der anderen Reihenfolge der einzelnen Schriften und Schriftgruppen – ganz abgesehen vom unterschiedlichen Umfang des Alten Testaments in den großen christlichen Konfessionsfamilien –, aufgrund des Sprachenbruchs vom Hebräischen zum Griechischen und Lateinischen und aufgrund des Zusammenbindens mit dem Neuen Testament.

Das Christentum hat seit seinem Beginn im 2. Jahrhundert seine Identität in Antithese zum Judentum bestimmt. Es hat das Alte Testament ganz und gar einseitig vom Neuen Testament her gelesen und sich so selbst als das „wahre Israel“ bestimmt und damit das tatsächliche Israel enterbt. Wenn aber „die Wahrheitsfähigkeit des anderen“ anerkannt ist, kann und darf die Bestimmung der eigenen Identität im Angesicht des weiter existierenden Judentums nicht mehr in dieser Weise erfolgen, was dann auch tiefgreifende Konsequenzen für einen notwendigen Umbau christlicher Theologie hat. Dazu ist in den letzten Jahrzehnten einiges angestoßen und unternommen worden. Das ist gewiss noch nicht genug und davon sind Theologie und Kirche auch noch nicht in ihrer Breite erfasst worden. Aber es ist zu hoffen, dass die gemachten Anfänge unumkehrbar sind. Im April 2014 findet an der Universität Graz  ein Forschungskolloquium unter dem Titel statt: „Der ‚jüdisch-christliche‘ Dialog verändert(e) die Theologie. Ein Paradigmenwechsel aus ExpertInnensicht“. Ob er schon „die Theologie“ verändert hat, muss vorerst dahingestellt bleiben. Dass er etwas verändert hat, lässt sich nicht gut bestreiten. Zu dieser Veränderung hat die unbequeme Grenzgängerin Edna Brocke kräftig beigetragen. Im Blick auf mich selbst kann ich mit Bestimmtheit sagen: Meine Theologie hat sich in den letzten drei Jahrzehnten kräftig verändert und daran kommt ihr der entscheidende Anteil zu. Sie hat mir vor Jahren einmal gesagt, wenn sie Zeit hätte, wolle sie ein Buch über die Unmöglichkeit eines theologischen Gesprächs zwischen Juden und Christen schreiben. Dass dieses Gespräch über den größten Teil der gemeinsamen Zeit von Christentum und Judentum von christlicher Seite aus unmöglich gemacht worden ist, leidet keinen Zweifel. Aber wenn Christinnen und Christen es lernen und verinnerlichen: Dass sie durch die auf Jesus bezogene Verkündigung zu dem in der Bibel der neutestamentlichen Autoren, der jüdischen Bibel, bezeugten Gott hinzugekommen sind, dass dieser Gott Israels Gott ist und bleibt und als solcher nur zusammen mit seinem Volk Israel, dem weiter existierenden Judentum, wahrgenommen werden kann, dass sie sich also als Christinnen und Christen gar nicht anders als im Angesicht Israels, in einem partnerschaftlichen Verhältnis zum Judentum, verstehen können – sollte dann nicht über die weiter bestehenden Unterschiede und Grenzen hinweg und gerade unter ihrer Beachtung doch ein theologisches Gespräch möglich sein? Aber Edna Brockes Skepsis könnte uns vor der Meinung bewahren, schon das Wesentliche erreicht zu haben und die Länge und Schwierigkeit des Weges zu unterschätzen, der noch vor uns liegt und von dem es noch keineswegs gesichert ist, dass er zum Ziel führt.

Edna Brocke hat sich über lange Zeiten hin an einer beeindruckenden Mehrzahl von Gesprächszusammenhängen beteiligt und ist trotz zunehmender Skepsis im Gespräch geblieben. Von 1972 bis 1991 war sie jüdische Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag. Mit ihr und Gerhard Bauer begann die Tradition der Dialogbibelarbeiten, die heute bei evangelischen Kirchentagen und Katholikentagen gar nicht mehr wegzudenken ist. Während des Golfkriegs 1991 machte Edna Brocke bittere Erfahrungen. Sie sah von denjenigen Christen, die sich ganz und gar der Parole „Nie wieder Krieg!“ verschrieben und die nicht wahrhaben wollten, dass diese Parole nicht gleichzeitig mit der anderen „Nie wieder Auschwitz!“ aufrecht zu erhalten war, die Solidarität mit dem in seiner Existenz nach wie vor gefährdeten Staat Israel in Frage gestellt. Es kam zu nicht lösbaren Spannungen im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft, der daraufhin geschlossen zurücktrat. Edna Brocke hatte sich in ihrem Grenzgängertum diesen Spannungen ausgesetzt und unter ihnen gelitten. Aber sie ist nicht aus dem Gespräch ausgestiegen und weist seitdem verstärkt daraufhin, dass in diesem Gespräch das Verhältnis zum Staat Israel ein Lackmustest ist, dass die mögliche Kritik an Regierungen Israels und ihren Maßnahmen niemals aus dem Blick verlieren darf, was Ursache und was Wirkung ist.

Die weiteren Organisationen im Bereich des christlich-jüdischen Gesprächs, an denen sich Edna Brocke beteiligt hat, seien hier nur aufgezählt: Der Arbeitsgruppe Christen und Juden beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken gehört sie von 1971 bis heute an. Im Ausschuss Juden und Christen der Evangelischen Kirche im Rheinland  waren Yehuda Aschkenasy und sie die jüdischen Stimmen, ohne die es nicht zu dem für die evangelischen Landeskirchen in Deutschland bahnbrechenden Synodalbeschluss der rheinischen Kirche von 1980 gekommen wäre. In analogen Zusammenhängen hat sie in der „Studienkommission Judentum und Kirche II“ der Evangelischen Kirche in Deutschland und beim Moderamen des Reformierten Bundes mitgearbeitet.

Ein starkes persönliches Engagement hat sie als Lehrbeauftragte sowohl an der Universität Duisburg/Essen als vor allem auch an der Ruhr-Universität Bochum aufgebracht. An deren Evangelisch-Theologischer Fakultät hat sie von 1985 bis 2007 jedes zweite Semester einen Lehrauftrag wahrgenommen und so sehr direkt dafür gesorgt, dass für die Studierenden das Kennenlernen von Judentum nicht nur über Texte erfolgte, sondern in persönlicher Begegnung. Bezeichnend war, dass Edna Brocke diese Lehraufträge fast ausschließlich in Kooperation mit Vertretern der Fakultät wahrnahm. Das so wichtige dialogische Element war damit immer schon implementiert. Was sich im Seminar ereignete, ergab sich bei den meisten Lehraufträgen in der Arbeit an Texten der jüdischen Bibel, der rabbinischen Tradition und des Neuen Testaments im Gespräch von Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven. Gegenstand waren aber auch Texte von Hannah Arendt, die in Edna Brockes gegenwärtiger Arbeit verstärkt in den Focus gekommen ist.

Darüber hinaus hatte und hat sie eine rege Vortragstätigkeit, wozu auch zahlreiche Rundfunkbeiträge gehören. Und ganz besonders ist ihre Tätigkeit als Mitherausgeberin dieser Zeitschrift von Anfang an und als Autorin zu erwähnen. Dass „Kirche und Israel“ als noch relativ junge Zeitschrift sich einen festen Platz und Renommee unter den deutschsprachigen theologischen Zeitschriften erworben hat – und dass sie immer pünktlich erscheint –, ist nicht zuletzt ihr Verdienst.

Mit allem bisher Ausgeführten ist überhaupt noch nicht berührt, was sie von 1988 bis zu ihrer Pensionierung 2011 in der Leitung der Alten Synagoge Essen als einer kulturellen Einrichtung der Stadt Essen beruflich getan hat. Sie hat diesen Ort zu einem wichtigen kulturellen Faktor der gesamten Region gemacht. Der anfangs dominante Bezug auf die Vergangenheit wurde von ihr geöffnet auf die Gegenwart, verbunden mit vielfältigen Veranstaltungen, unter denen die „Donnerstags-Gespräche“ mit aktuellen politisch-kulturellen Themen besonders hervorgehoben seien. Ohne die notwendige Erinnerungsarbeit aufzugeben, wurde die Alte Synagoge umgestaltet in ein Haus, das jüdisches Leben in seiner Vielfalt dokumentiert und erlebbar macht. Mit der Änderung der inhaltlichen Konzeption ging eine aufwändige Umgestaltung des Raumes im Inneren einher. Sie ist ein wunderbar heller Raum mit warmer Farbgebung geworden. Wer eine Ahnung vom Gefüge großer städtischer Verwaltungen und den Kämpfen in ihnen in Zeiten knapper gewordenen Geldes hat, kann ermessen, wie viel Geschick und Durchsetzungskraft Edna Brocke aufwenden musste, damit diese Umgestaltung schließlich gelang.

Das lässt fragen, ob sie nicht auch ein Stück preußisches Erbe bekommen hat. Ihr Vater stammte aus Ostpreußen, ihre Mutter aus Berlin. Sie studierten in Deutschland bis sie keine Perspektive mehr für sich sahen, was sie sehr früh erkannten, sodass sie nach einer Vorbereitungszeit bereits im Januar 1935 im Land Israel einwanderten waren. Jedenfalls hat Edna Brocke gute preußische Tugenden: ein ausgeprägtes Arbeitsethos und volle Verlässlichkeit. Gegebene Zusagen und vereinbarte Termine werden pünktlich eingehalten. Und das ist verbunden mit persönlicher Wärme und großer Zugewandtheit, was nicht unbedingt preußisch, sondern einfach wohltuend menschlich ist. 

Ich setze an den Schluss, was Johannes Rau als Ministerpräsident in seinem Grußwort anlässlich ihrer Ehrenpromotion in Bochum zu ihr gesagt hat und was mutatis mutandis auch noch in der Zeit ihrer Pensionierung Geltung hat: „Ich sage einfach, es ist gut, dass es Sie gibt und dass es Sie hier bei uns gibt in Nordrhein-Westfalen, in der ALTEN SYNAGOGE in Essen. Ihre Stimme ist unverzichtbar. Sie ist geistesgegenwärtig. Sie ist offen. Sie ist gelegentlich kritisch, aber immer sensibel, immer scharfsinnig. Manchmal ist das eigenwillig, was Sie sagen, aber es regt immer zum Nachdenken an.“

 

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