Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Jürgen Seim

„ … dein unumstößliches Zeugnis.“
Ein Element in Paul Celans Dichtung.


     Pfarrer i.R. Dr. Jürgen Seim war beteiligt an dem bahnbrechenden Beschluss der Evangelischen Kirche im Rheinland zur Erneuerung des

Verhältnisses von Christen und Juden (1980) und hat u.a. eine Biographie über Hans Joachim Iwand veröffentlicht.

 


„Den 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg.“ So beginnt Georg Büchner seine Lenz-Erzählung, so zitiert ihn Paul Celan in seiner Büchner-Preis-Rede (GW III   194), in der er dazu fragt: "Vielleicht darf man sagen, dass jedem Gedicht sein ‚20. Jänner‘ eingeschrieben bleibt“ (GW III 196)? Celans 20. Jänner war das Datum der Wannsee-Konferenz, der 20. Januar 1942, die sein Todesurteil beschloss und seinem Gedicht eingeschrieben blieb.

Diese Dichtung gilt als schwierig, also als schwer verständlich Sie scheint verschlossen und verschlüsselt und also schwer zugänglich. Sie fordert zur Übersetzung in die allgemein verständliche Sprache heraus und lässt doch ahnen, dass diese Übersetzung nicht gelingen wird. Hans-Georg Gadamer hat neben vielen anderen deutlich gemacht, dass die Sprache dieser Dichtung so wenig wie die der Musik oder der bildenden Kunst in die Sprache etwa der Erzählung, der Darstellung von Sachverhalten oder der Erörterung von Problemen übersetzt werden kann. Sie beansprucht eine eigene Aufmerksamkeit und besonderes Hören und lässt sich jedenfalls nicht so erklären, wie eine Gebrauchsanweisung die Bedienung eines Apparats erklärt. Diese Schwierigkeit teilt sie mit aller Dichtung, vielleicht hat sie sich in der Neuzeit noch gesteigert.

Um diese Schwierigkeit zu beheben, machen manche den Versuch, die Dunkelheit der Dichtung mit deren biografischer Verortung aufzuhellen. Aber kein Werk, weder ein Gedicht noch ein Streichquartett noch ein Stillleben ist geschaffen, um die Lebensgeschichte seines Urhebers zu bebildern, noch kann es aus ihr hergeleitet werden.

Gleichwohl ist das Werk nicht von seinem Urheber zu trennen. In der Büchner-Preis-Rede fährt Celan nach der Erwähnung des „20. Jänner“ im Gedicht fort: „Vielleicht ist das Neue an den Gedichten, die heute geschrieben werden, gerade dies: daß hier am deutlichsten versucht wird, solcher Daten eingedenk zu bleiben?“ Es folgt eine doppelte Einschränkung, erstens im Blick darauf, dass das keine Besonderheit für die Dichter ist, sondern auch für alle andern gilt. „Aber schreiben wir uns nicht alle von solchen Daten her? Und welche Daten schreiben wir uns zu?“ Und dann die zweite Einschränkung: „Aber das Gedicht spricht ja! Es bleibt seiner Daten eingedenk, aber es spricht. Gewiß, es spricht immer nur in seiner eigenen, allereigensten Sache“, nicht als Sprachrohr des Dichters (gw iii 196). Damit ist die Grenze des Werkes bezeichnet und seine Autonomie behauptet, doch genau auf der Grenze berührt sich sein Gedenken mit dem Leben des Urhebers.

Das schmerzhafte Datum bedeutete für Celan konkret, dass er als junger Mann, im Alter von 21 Jahren, wenn man nicht mehr ohne weiteres verdrängen kann, in einem Lager Sklavenarbeit für die Mörder leisten musste und zur gleichen Zeit seine Eltern tatsächlich ermordet wurden. Dass er mit dem Leben davon kam, war alles andere als selbstverständlich, und das Vertrauen in Menschen war aufs äußerste erschwert. Er fand dennoch zu Freundschaften, aber die ihm am nächsten kamen, waren ihrerseits ebenso gefährdet, wie Nelly Sachs oder Peter Szondi. Im Alter von 42 Jahren machte er die ersten Erfahrungen mit der Psychiatrie, doch vorerst hielt er der Krankheit stand. Er vermochte sich verständnisvoll und fürsorglich auf die befreundeten Kranken einzulassen, z.B. im Brief an Szondi:

Aber verlieren Sie nicht die Zuversicht, lieber Peter! Ich weiß aus Erfahrung, wieviel Widerstand und Arbeitskraft unsereins mitbekommen hat: erstaunlich viel! Sie werden oft und wieder und wieder aus dem Vollen schöpfen – ich bin dessen sicher. (21.11.1967)

Solch verständnisvoller Fürsorge entsprach die schroffe Ablehnung der Menschen, die ihm in komplizenhaftem Einverständnis mit den antisemitischen Tätern und Ideologen erschienen. Selbst die ihm Nächsten überforderte er, als er, spätestens im Alter von 40 Jahren den Plagiatsvorwürfen von Claire Goll und Kritiken seiner Gedichte u.a. von Günter Blöcker ausgesetzt war. Die Freundschafts- und Liebesbeziehung zu Ingeborg Bachmann, die für beide so wichtig war, dass sie jeweils ihre Partner, Giséle Lestrange und Max Frisch einzubeziehen bemüht waren (Giséle weiß, dass ich zu Dir fahren will, sie ist so tapfer“, 5.11.1957); „er (Frisch) weiß, was Du mir bedeutest“, 8.2.1959), zerbrach an Celans Forderung für eine öffentliche Parteinahme, die Bachmann in der geforderten Form nicht leisten konnte. „Widerstand und Arbeitskraft“, die „unsereins mitbekommen hat“, scheiterten zuletzt doch am Datum des 20. Jänner, und nicht nur Celan, auch Szondi, den er getröstet und gestärkt hatte, endete im Suizid.

Das mörderische Urerlebnis stellte für Celan alles, buchstäblich alles in Frage. Wahrscheinlich wäre er auch ohne dieses Widerfahrnis nicht Dichter geworden, aber jetzt war vor seine gesamte Dichtung dieses Vorzeichen gesetzt.

Die Welt war ihm in Frage gestellt. Die elementaren Worte für die Wirklichkeit: Meer, Sand und Wasser, Baum und Gras, Stern und Stein, Schnee, Eis und Kristall, Hand und Auge – musste er endlos wiederholen und ihren Wirklichkeitsgehalt in Metaphern-Konstellationen erproben. Er erweiterte in den Gedichten die Alltagssprache durch wissenschaftliche Fachsprachen, altertümliche Wortwendungen und botanische oder geologische Detailausdrücke; er vertiefte sie durch vielfältige Übersetzungen französischer, russischer, englischer, italienischer und hebräischer Poesie. Er trieb die Sprache an ihre äußersten Grenzen, oder er folgte ihr dahin.

In Frage gestellt war auch seine Selbstgewissheit. Er setzte seinen Familiennamen Antschell/Ancel neu zusammen und nannte sich Celan. Weil er sich selbst neu erfand, war er auch in der Begegnung mit andern Menschen stets auf der Suche nach dem Äußersten und konnte in der Liebe nie stehen bleiben; es trieb ihn immer weiter, und wenn er zu den beiden Frauen, zu Ingeborg Bachmann und zu Gisèle Lestrange, mit der er verheiratet war, zurückkehrte, war ihm doch kein Bleiben möglich. Wie die Liebe wurde ihm auch der Glaube an Gott zur Frage, er blieb jedoch bei der Frage und vermied ein affirmatives Nein, so dass er im Gedicht die Antwort der Freundin Nel1y Sachs übernehmen konnte:

Wir
wissen ja nicht,
was
gilt.  (
GW I 214f

Die radikale Infragestellung von allem erstreckte sich schließlich auch auf die Sprache, in der alle die Fragen ausgesprochen wurden:

Stehen, im Schatten 
des Wundmals in der Luft.
Für-niemand-und–nichts-stehen.
Unerkannt,
für dich
allein.
Mit allem, was darin Raum hat,
auch ohne
Sprache.       (
GW II 23)

Deswegen konnte er in der Büchner-Preis-Rede, gleichsam als poetologischen Spitzensatz, sagen: „… das Gedicht zeigt, das ist unverkennbar, eine starke Neigung zum Verstummen“. (GW II 197). Allerdings, auch von diesem Verstummen sprach er nicht affirmativ, sondern mit einer ambivalenten Hoffnungsangst auf etwas ganz anderes:

Ein Dröhnen: es ist
die Wahrheit selbst
unter die Menschen
getreten,
mitten ins
Metapherngestöber.   (
GW II 89)

Die dröhnend eintretende Wahrheit kann entweder gänzlich verstummen lassen oder ein neues Wort ermöglichen, es muss offen bleiben.

Die umfassende Fraglichkeit bestimmt das ganze Werk Celans. Zwar lässt sich beim Werk eine Entwicklung feststellen: von gereimten zu reimlosen Gedichten; von Lang- zu Kurzzeilern, vom geprägten Rhythmus zu Wortbrechungen, also zum Enjambement mitten in einem Wort; insgesamt zur Verknappung, sodass sich in den früheren Gedichtbänden oft längere Gedichte finden, die in den späteren immer weniger werden. Aber die Infragestellung von Welt und Selbstgewissheit, Liebe, Gott und Sprache durchzieht das Werk vom Anfang bis zum frühen Ende – bei einem Autor, der sein Leben im 50. Jahr beendet, lässt sich schwerlich von einem Spätwerk sprechen.

Den zuerst veröffentlichten Gedichtband: Der Sand aus den Urnen (1948) zog Celan bald zurück, weil er durch zu viele Druckfehler entstellt war. Er ist im Wesentlichen im zweiten Band enthalten: Mohn und Gedächtnis (1952/53). Es folgten die Bände: Von Schwelle zu Schwelle (1955), Sprachgitter (1959), Die Niemandsrose (1963), Atemwende (1967), Faden sonnen (1968), Lichtzwang (1970), Schneepart (1971). Parallel zu „Fadensonnen“ erschien ein Zyklus „Eingedunkelt“ (1968) mit Gedichten, die alle in der psychiatrischen Klinik entstanden waren, in einem Sonderband der Bibliothek Suhrkamp: „Aus aufgegebenen Werken“. „Lichtzwang“ erschien, von ihm selbst vollständig vorbereitet, erst nach Celans Tod; „Schneepart“ war auch von ihm selbst noch für eine Veröffentlichung zusammengestellt.

Der Gedichtband „Atemwende“ sagt schon im Titel, dass Celan sich an einem Wendepunkt angekommen fühlt. (Die im Folgenden angeführten biographischen und inhaltlichen Fakten verdanke ich zum großen Teil dem Kommentar von Barbara Wiedemann.) Die Gedichte „entstanden zwischen September 1963 und Mitte September 1965“ (Wiedemann 718), der Band erschien 1967. Celan schrieb seiner Frau Giséle: „Es ist wirklich das Dichteste, was ich bisher geschrieben habe, auch das Umfassendste“ (8.3.1967), und seinem zwölfjährigen Sohn Eric: „... dieses Buch bedeutet in vielerlei Hinsicht, darunter, vor allem im Hinblick auf seine Sprach, eine Wende“ (4.4.1967). Er hatte das Manuskript als Patient in der psychiatrischen Klinik fertig gestellt (nicht die Gedichte, sondern ihre Zusammenstellung, Gliederung und Korrektur), die beiden zitierten Briefe schrieb er zwischen der Übergabe an den Verlag und der Veröffentlichung. Fast alle Titel der Gedichtbände sind Zitate aus eigenen Gedichten, der Titel „Atemwende“ bezieht sich auf die Büchner-Preis-Rede „Der Meridian“. Dort überlegt er, wie Dichtung in „ein furchtbares Verstummen“ geraten kann, „es verschlägt ihm – und auch uns – den Atem und das Wort“ (GW III 195). An dieser Stelle, die noch die Kunst Georg Büchners reflektiert hat, fährt er fort:

Dichtung: das kann eine Atemwende bedeuten. Wer weiß, vielleicht legt die Dichtung den Weg – auch den Weg der Kunst – um einer solchen Atemwende willen zurück? (GW III 195)

 

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