Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

PDF Drucken E-Mail

Beata Mache

Wohlfahrt, Bildung und Vergnügen

Jüdische Bibliotheken in Deutschland


      Beata Mache hat Diplom-Psychologie, Germanistik und Erziehungswissenschaften studiert. Sie ist Lehrbeauftragte an der Universität Duisburg-Essen und Mitarbeiterin am Salomon-Ludwig-Steinheim-Institut. 

 


Dies lehrten die Weisen, ihr Andenken sei zum Segen, bereits über diejenigen, die unablässig Wohltätigkeit üben: das ist der, der Bücher kauft und anderen leiht.
Salomo ben Zamah Duran (16. Jh.)

Und an einem Freitag hatte er mich in dieses Bücherparadies eingeführt ...

Simon Dubnow

Als einen wichtigen „Faktor im geistlichen Leben der hiesigen jüdischen Gemeinde“ beschreibt 1910 – sein 20jähriges Jubiläum feiernd – der Verein für jüdische Geschichte und Literatur zu Königsberg seine Bibliothek. Dort könne nämlich „der Strenggläubige wie der freieren Anschauungen Huldigende sich zusammen finden“[i]. Diese Feststellung trifft auf viele jüdische Bibliotheken in großen und kleinen Gemeinden zu, die auf eine lange Tradition des Sammelns und Bereitstellens der Bücher zurückblicken: als religiöse Pflicht, als Bildungsaufgabe und zum Vergnügen.


Religiöse Pflicht

Die Pflicht, Tempelarchive und Bibliotheken aufzubauen, ist schon im 2. Jh. v. u. Z. in den Apokryphen fixiert. 2Makk 2,13-14 erinnert an Nehemia, der „die Bücher der Könige und der Propheten und die (Lieder) Davids sammelte, auch königliche Urkunden über Weihegaben“. 2Makk 2,15 enthält einen Imperativ: „Sollten euch einige davon fehlen, so lasst sie durch Boten holen!“

Das Büchersammeln und sie anderen verfügbar zu machen ist auch eine individuelle Pflicht, deshalb folgten viele dem Spruch Salomo Durans (15. Jh.): „Dein Haus sei ein Sammelplatz der Weisen […] in deinem Hause sei ein Raum mit vielen Büchern, jedem Wissbegierigen zugänglich“.[ii] Diejenigen, die aufgrund der beruflichen Tätigkeit keine Zeit für Tora-Studien hatten, erfüllten ihre Pflicht, indem sie Privatbibliotheken einrichteten und sie den Gelehrten und Lernenden öffneten.[iii] So übten sie Wohltätigkeit und gewannen Ansehen. Die Dankbarkeit der Nutzer war ihnen sicher. Über einen dieser Sammler schreibt Phöbus Philippson (1807-1870), an die Jugend seines Vaters[iv] erinnernd:

Feibelmann Wertheimer war ein Mann, wie deren jetzt wohl nur sehr vereinzelt, vielleicht gar nicht mehr in Israel gefunden werden. […] Seinen Reichthum verwendete er nicht auf Gegenstände des Luxus und des Glanzes, sondern nur zu einem behaglichen, geordneten Familienleben, zu Werken der Barmherzigkeit und zur Unterstützung armer jüdischer Gelehrter, und so war er beständig darauf bedacht, die Vorschriften der Mischnah zu erfüllen, die da gebietet: ‚Lass dein Haus ein Sammelplatz für Weise Männer sein, scheue die Staubwolke ihrer Füße nicht und trinke mit Durst ihre Lehren.‘[v]

Die Privatbibliotheken sicherten – wie alle auf Wohlwollen gründenden Einrichtungen – leider keine Kontinuität und Aktualität. Die Besitzer verarmten oder die Erben verkauften Teile der wertvollen Sammlungen, wodurch sie zerstreut wurden.[vi] Vererbte Bücher wurden anstatt gestiftet, oft verkauft.[vii]

Die bekanntesten und größten privaten Büchersammlungen im deutschsprachigen Raum besaßen vor der Emanzipation David Oppenheim, Rabbiner zu Nikolsburg (gest. 1736), und der Kaufmann H. Michael in Hamburg (gest. 1846). Im 19. Jahrhundert kamen bedeutende Sammlungen dazu. Bekannt waren die Privatbibliotheken von Moses Mendelssohn und Salman Gumpertz in Berlin oder die der Familie Friedländer in Königsberg.[viii]

Noch in der zweiten Hälfte des 19. Jhs. benutzten Gelehrte Privatbibliotheken, so Heinrich Graetz, der für seine historischen Studien die Bibliothek des Privatgelehrten und Bibliophilen Raphael Kirchheim (1804-1889) in Frankfurt benutzte.[ix]

Privatbibliotheken wurden oft zum Grundstock großer öffentlicher Sammlungen. So geschah es in Frankfurt: 1861 vermachte Isaak Markus Jost der Stadtbibliothek seine Sammlung. Weitere Bestände wurden gestiftet oder gekauft, so dass diese Bibliothek zu der bedeutendsten Judaica- und Hebraica-Sammlung in Deutschland wuchs. Auch die Frankfurter Rothschild-Bibliothek fand 1926 ihren Platz in der Stadt- und Universitätsbibliothek, nachdem sie viele Jahrzehnte[x] dem Frankfurter Publikum offen stand und sie, neben mehr als 90.000 Bänden, mit ungefähr 140 Zeitungen und Zeitschriften versorgte, die in bequemen Lesesälen in einem einst dazu gebauten Haus zu lesen waren.

 

Wenn Sie diesen Beitrag vollständig lesen möchten, können Sie ihn für 2,99 € anfordern: Link



[i] Katalog der Bibliothek des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur zu Königsberg i. Pr. Königsberg i. Pr., 1910, S. 4.

[ii] Salomo Duran (Responsen IV, 21b). Zit. nach: I. Sonne, Art. Bibliotheken, in: Encyclopaedia Judaica. Bd. 4, Berlin 1929, Sp. 770.

[iii] Diese folgten der Empfehlung der Drucker von Cremona (1557): „Es gibt manchen, der durch seine Geschäfte dermaßen in Anspruch genommen ist, daß ihm für das Studium keine Zeit bleibt; diese geben jedoch Geld für Bücher aus, die sie in ihren Häusern den Lernbegierigen zur Verfügung stellen und ausleihen". Zit. nach Sonne, a.a.O., Sp. 771.

[iv] Moses Philippson war in seiner Jugend Hauslehrer bei der Familie Wertheimer in Bayreuth.

[v] Phöbus Philippson, Biographische Skizzen. Erstes und zweites Heft., Leipzig 1864, S. 39f.

[vi] Solches Verhalten verstößt gegen die Anweisung aus Sefer Chassidim: „Wenn du Bücher zu verkaufen hast und dein Bruder, der Bücher nicht ausleiht, sie erwerben will, verkaufe sie lieber einem Fremden, der die Bücher andern ausleiht.“ Zit. nach Sonne, a.a.O., Sp. 770.

[vii] Carsten L. Wilke, „Den Talmud und den Kant“. Rabbinerausbildung an der Schwelle zur Moderne, Hildesheim 2003, S. 139.

[viii] Jacob Toury, Der Eintritt der Juden ins deutsche Bürgertum, in: Das Judentum in der deutschen Umwelt. 1800–1850. Studien zur Frühgeschichte der Emanzipation, hrsg. von Hans Liebeschütz und Arnold Paucker. Tübingen 1977, S. 187.

[ix] Heinrich Graetz, Tagebuch und Briefe, hrsg. von Reuven Michael. Tübingen 1977, S. 232. Als junger Mann, Anfang der 1830er Jahre, benutzte Graetz in Wollstein eine Leihbibliothek. Dort las er auch Ritterromane, die er von „einem wahren Menschen und Menschenfreunde, dem Bibliothekar, gratis zu lesen bekam.“ M. Brann, Aus H. Graetzens Lehr- und Wanderjahren, in:  MGWJ 2 (1918), S. 242.

[x] 1887 übergab Hannah Louise von Rothschild die Sammlung ihres Vaters Mayer Carl von Rothschild der öffentlichen Nutzung. Dazu: Ulrike Schmidt, Jüdische Bibliotheken in Frankfurt am Main. Vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis 1938, in: Archiv für Geschichte des Buchwesens. Bd. 29. Berlin u. New York 1986. S. 239.

 

Suche

Buchtipp