Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Yvonne Domhardt

„…die schoen gehaltene und vernuenftig angeordnete Bibliothek“[i]

Anmerkungen zu Geschichte, Bestand, Bedeutung und aktueller Situation der Bibliothek der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich anlässlich ihres 75jährigen Bestehens 2014


   Yvonne Domhardt ist seit 1992 wissenschaftliche Leiterin der Bibliothek der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich. Sie studierte Judaistik, Romanistik und Anglistik in Freiburg/Brsg. und promovierte mit einer Arbeit zum jüdisch-spanischen Bibelkommentar ‚Me’am Lo’ez’. Derzeit ist sie Habilitandin und Lehrbeauftragte für Judaistik am Orientalischen Seminar in Freiburg/Brsg. Ihre Forschungsgebiete sind u.a. Jüdische Buch- und Lesewelten, Gender- und Frauenfragen im Judentum, Deutsch-jüdische Literatur seit 1945. Sie ist Mitglied im DeutschSchweizer PEN Zentrum sowie in der Redaktionskommission der Fachzeitschrift Judaica und Mitherausgeberin des Bulletins der Schweizerischen Gesellschaft für Judaistische Forschung.

 

 


Nur wenige Gehminuten vom Zürichsee entfernt befindet sich die größte jüdische Gemeinde der Schweiz, die Israelitische Cultusgemeinde Zürich (ICZ).[ii] Das Ende 1939 [!] eingeweihte Gemeindehaus beim Bahnhof Enge mit dem auffälligen blauen ICZ-Schriftzug an der Hauswand beherrscht den vorderen Teil der Lavaterstraße, der Eingang ist nach einer großangelegten Renovierung im Jahr 2010 repräsentativ, modern und einladend. Gleich gegenüber dem Eingang führt den Gast, die Besucherin der Weg in die wunderbare Welt der Bücher, in die Bibliothek der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich. Nicht immer verfügte die ICZ über eine Bibliothek. Im Jahr 1862 gegründet, leistete sich die Gemeinde erst ab 1939 eine eigene Bücherei, die bis heute für Gemeindemitglieder und Auswärtige offen steht.


1. Zum Auftakt

Auf der ersten Seite des 77. Jahresberichts der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich aus dem Jahr 1939 schreibt Präsident Saly Braunschweig in seiner Einführung: „Der Redner warf die bange Frage auf, ob wohl Europa der Frieden erhalten blieben werde. Am 1. September 1939 ist die Antwort erfolgt: Der Krieg mit allen seinen unabsehbaren Folgen brach aus.“ Trotz der Kriegswirren und der damit verbundenen großen Katastrophen wurde nur wenig später, im Dezember desselben Jahres, die Bibliothek der ICZ eingeweiht. Nachgerade wirkt dieser Akt, zu Beginn des Zweiten Weltkrieges eine jüdische Bibliothek einzuweihen, wo doch in ganz Europa jüdische Gemeinden, Synagogen und Bibliotheken gebrandschatzt wurden, als geradezu beherzt den grausamen Zeitläuften trotzend. Die Bibliothek fungierte während der Kriegsjahre – neben der von der ICZ eingerichteten Gemeindeküche – nicht nur als Hort der Bildung, sondern auch und ganz besonders als Anlaufstelle und beliebtes Refugium für Flüchtlinge, die im Lesesaal die Tagespresse konsultieren und sich ganz allgemein zu jüdischen Themen und jüdischer Literatur informieren konnten.[iii] Seit ihrer Gründung hielt die ICZ-Bibliothek – anders als so gut wie alle anderen jüdischen Bibliotheken insbesondere während des Zweiten Weltkrieges – ihren Betrieb bis heute ohne Unterbrechungen aufrecht.


2. Bedeutung und Bildungsauftrag der ICZ-Bibliothek zu Beginn des 21. Jahrhunderts

Als im deutschsprachigen Raum einzigartige Gemeinde- und Spezialbibliothek dieser Art und Ausrichtung versteht sich die ICZ-Bibliothek als öffentliche und hochmoderne Dienstleistungsplattform rund um das Themengebiet Judentum. Die Aktualität der ICZ-Bibliothek ist besonders seit der Einführung EDV-gestützter Module zu Beginn der Jahrtausendwende kontinuierlich gewachsen; sie wird vermehrt als Ort des Austausches und der Begegnung wahrgenommen und entsprechend sehr gut frequentiert. Seit der 2010 erfolgten Installation von Rechnern für das Lesepublikum (sog. OPACs) in den Räumen der Bibliothek sowie der Aufschaltung des Online-Bibliothekskataloges auf der ICZ-Homepage wird die Bibliothek sowohl von zahlreichen Mitgliedern der ICZ, als auch von der übrigen Öffentlichkeit noch stärker als zuvor als Multiplikatorin für Bildung und Kultur wahrgenommen. Erklärtes Ziel aller Bibliotheksverantwortlichen ist es, der Institution Bibliothek durch deren kontinuierlichen Ausbau als Zentrum für Bildung und Kultur noch mehr Gewicht zu verleihen und dabei der Schweizer jüdischen wie nichtjüdischen Öffentlichkeit weiterhin ein ansprechendes und differenziertes Angebot etwa in Form von aktuellen Medien, Lesungen und Vorträgen zu bieten. Die Bibliothek kann hier ihrer wichtigen Aufgabe, integrativ zu wirken, in hervorragender Weise gerecht werden. Die ICZ-Bibliothek genießt seit vielen Jahren einen ausgezeichneten Ruf als kompetente Partnerin schweizerischer und ausländischer Bibliotheken und verfügt über ein breites Dienstleistungsangebot, das von der modernen Medienausleihe bis zur Pflege anspruchsvoller Datenbanken reicht. Ihren vielfältigen Aufgaben wird die Bibliothek dank hochqualifiziertem Personal – alle drei Mitarbeiterinnen verfügen über akademische Abschlüsse, zwei zusätzlich über eine Ausbildung zur wissenschaftlichen Bibliothekarin – auf stets hohem Niveau gerecht.

Die Bibliothek, die sich auch und ganz besonders als öffentliche Bibliothek versteht, hat zudem sehr gute Kontakte zu verschiedenen befreundeten jüdischen bzw. dem Judentum nahestehenden Instituten wie etwa dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund (SIG)[iv], dem Zürcher Lehrhaus, dem Archiv für Zeitgeschichte (AfZ), der Eidgenössischen Technischen Hochschule eth, dem Forum Religionen, aber auch zu jüdischen Museen und ähnlichen Einrichtungen im In- und Ausland. Es bestand bis Ende 2011 außerdem ein reger Austausch mit dem AfZ im Rahmen eines gemeinsamen groß angelegten Digitalisierungsprojektes zur Schweizer jüdischen Presse.[v] Ferner ist die Bibliothek durch den Prüfungsbeisitz ihrer Leiterin eingebunden in die fachliche Aus- und Weiterbildung im Bibliotheks- und Informationswesen etwa im Rahmen des Masterstudienganges der Universität Zürich.

1996 wurde die Bibliothek aufgrund ihres breit gefächerten Angebotes an judaistischer Fachliteratur sowie ihrer akademischen Leitung als wissenschaftliche Bibliothek anerkannt. Neben dieser Funktion als wissenschaftliche Bibliothek ist die icz-Bibliothek ebenfalls eine Gemeindebibliothek mit öffentlichem Charakter: Nahezu die Hälfte der eingeschriebenen Nutzer/innen sind keine icz -Gemeindemitglieder. Seit 2009 ist die Bibliothek aufgrund ihrer besonderen historischen Bestände darüber hinaus Trägerin des Titels ‚Kulturgut von nationaler Bedeutung’.

 

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[i] Archiv ICZ-Bibliothek: Brief aus New York von Hannah Arendt (Jewish Cultural Reconstruction JCR) an ICZ-Oberrabbiner Zwi Taubes vom 26. Dezember 1949 über die ICZ-Bibliothek, die Arendt anlässlich ihrer diversen Zürichaufenthalte besucht hatte (Originaldurchschlag, maschinengeschrieben, vollständige Originalunterschrift von Hannah Arendt).

[ii] Neben der ICZ gibt es in Zürich noch weitere Gemeinden, die Israelitische Religionsgesellschaft Zürich (IRGZ), die Jüdische Liberale Gemeinde Or Chadasch (JLG), die Jüdische Gemeinde Agudass Achim sowie die Vereinigung Chabad Schweiz und einige kleinere Betgemeinschaften wie etwa das Minjan Wollishofen.

[iii] Yvonne Domhardt/Zsolt Keller/ Kerstin Paul, Bibliothek der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich, in: Zentralbibliothek Zürich, Urs Leu et al. (Hg.), Handbuch der historischen Buchbestände der Schweiz, Bd. 3, Zürich etc. 2011, 288. Vgl. auch den Internetauftritt der Bibliothek unter: http://www.icz.org.cms.worldsoft-cms.info/399/Bibliothek.html (Stand: 9. September 2013).

[iv] Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund, 1904 gegründet, ist der Dachverband der überwiegenden Mehrheit der jüdischen Gemeinden der Schweiz. Obschon wie die ICZ seit 2007 öffentlich-rechtlich anerkannt, ist die Jüdische Liberale Gemeinde nicht Mitglied des SIG, da sich die orthodoxen Gemeinden aus religiösen Gründen gegen die Aufnahme der JLG ausgesprochen hatten und dies bis heute tun.

[v] Vgl.: http://psj.afz.ethz.ch/index.php?&p=iw (Stand: 9. September 2013).

 

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