Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Klassiker der jüdischen Literatur - Gabrielle Oberhänsli-Widmer

 

Gabrielle Oberhänsli-Widmer ist Professorin für Judaistik am Orientalischen Seminar der Universität Freiburg und Mitherausgeberin dieser Zeitschrift.


Amos Oz: Mein Michael (1968)

Der Leser hüte sich vor dem Autor! Argwohn sei angesagt vor dem Erzähler! Denn nicht selten führt die Schriftstellergilde ihr Publikum mit metasprachlichen Notizen genüßlich an der Nase herum: Locker in den Plot eingewickelte Schreibrezepte oder zwischen die Zeilen geträufelte Interpretationsempfehlungen weisen zuweilen gewollt in literarische Sackgassen.

Auf solche Art konfrontiert auch der israelische Autor Amos Oz die Leserin in seinem ersten großen Erfolgsroman Mein Michael mit dem Satz: „Damals glaubten die Gelehrten noch, der Autor selbst stehe in enger Beziehung zu seinem Buch.“[i] Im Kontext der Handlung hallt die Aussage als philologische Erkenntnis ersten Ranges durch die Vorlesungssäle der Hebräischen Universität und impliziert mithin, dass eine solch altmodische Position in der Literaturwissenschaft nun als endgültig überwunden gelten dürfe und sich demzufolge auch das vorliegende Buch frei jeglicher autobiographischer Restbestände präsentiere. Doch das ist insbesondere im Fall von Mein Michael weit gefehlt, und der ironische Gruß des listigen Autors gilt wohl Wissenschaft und Leserschaft gleichermaßen.

Tatsächlich ächtete die Literaturwissenschaft im Zuge von Strukturalismus und Semiotik eine gewisse zeitlang jede autobiographische Annäherung an fiktionale Texte, und sicherlich kann das voyeuristische Wühlen im Lebenslauf eines Schriftstellers die Textanalyse nach wie vor nicht ersetzen. Den ‚Ausgangsschmerz‘[ii] für das Schaffen eines Autors zu kennen, mag Leser und Leserin indes äußerst hilfreich sein, sich gegen gewiefte Erzähler zu wappnen und die passenden Schlüssel zur Lektüre zu finden.

Ein internationaler Bestseller und sein israelischer Autor

Amos Oz wurde 1939 als Amos Klausner in Jerusalem geboren. Er entstammt einem osteuropäischen intellektuellen Milieu. Bekannt ist der Name insbesondere aufgrund von Amos‘ Onkel, dem Historiker und Literaturwissenschaftler Joseph Gedaljah Klausner (1874-1958). Obwohl die Familie die jüdische Tradition wenig pflegte, besuchte Amoz eine religiöse Schule. Fünfzehnjährig, nach dem Tod seiner Mutter, verließ er Jerusalem, wurde Mitglied im Kibbuz Hulda und änderte seinen Namen von Klausner zu Oz (was hebräisch ‚Kraft‘ oder ‚Macht‘ heißt). Das Kibbuz ermöglichte ihm später ein Studium der Philosophie und Literatur an der Hebräischen Universität. 1986 übersiedelte er in die Wüstenstadt Arad, wo er neben seinem literarischen Schaffen auch Literatur an der Ben-Gurion-Universität in Beerscheva lehrt.[iii]

Das Werk umfasst inzwischen an die dreißig Bücher, vorwiegend fiktionale Literatur – genauer psychologisierende Beziehungsromane im sozio-kulturellen und politischen Spannungsfeld des modernen und zeitgenössischen Israel –,[iv] aber ebenso dokumentarische Aufnahmen,[v] literaturwissenschaftliche Studien,[vi]   Kinderliteratur,[vii]   Märchen[viii]    sowie hunderte politische Artikel, die das Engagement und den Einfluss des Autors über die Jahrzehnte dokumentieren: plakativ verkürzt ein ‚linker Zionist‘, 1978 Mitbegründer der Peace Now-Bewegung, Mitglied der Meretz-Partei und nach wie vor, so etwa auch bei den Wahlen vom Januar 2013, Verfechter einer Zweistaatenlösung.[ix]

In zahlreichen Gattungen bewandert, höchst produktiv, gedanklich und literarisch souverän zählt Amos Oz national und international zu den führenden zeitgenössischen Schriftstellern. Seine Bücher sind in 41 Sprachen übersetzt und kaum ein westliches Land, das ihn nicht mit einem Preis ausgezeichnet hat: der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (1992), der französische Prix Femina Etranger (1988), der Israel-Preis für Literatur (1998), der spanische Prinz von Asturien-Preis (2007) oder der italienische Primo Levi-Preis – die gesamte Liste mit Dutzenden von Ehrungen kann im Internet eingesehen werden.[x]   Als Krönung eines solchen Oeuvre fehlt einzig der Nobelpreis, den für hebräische Literatur bis anhin nur Samuel Josef Agnon im Jahr 1966 erhalten hatte.

Doch damit zurück zum Anfang der Karriere. Der Roman Mein Michael ist eines der ersten Werke des jungen Amos Oz, sein Durchbruch und nach wie vor ein Dauerbrenner – hebräisch liegt inzwischen die 42. Auflage vor.[xi]   26-jährig als Kibbuznik beginnt Amos Oz mit der Niederschrift und beendet sie nach zwei Jahren kurz vor dem Sechs-Tage-Krieg 1967. Ein schriftstellerisches Wagnis, denn der Autor wählt als Erzählform das ‚Ich’ einer Frau, schlüpft mithin ganz und gar in die Haut der weiblichen Protagonistin,[xii]   Hannah Gonen-Grynbaum, einer dreißigjährigen Israelin, 1930 in Jerusalem geboren, Mutter eines kleinen Sohnes namens Yair und Ehefrau des Geologen Michael Gonen. Mein Michael meint mithin die Stimme Hannahs. So ist der Roman ein ununterbrochener 300-seitiger Monolog, ein Rückblick auf zehn Jahre Ehe und auf das Jerusalem der fünfziger Jahre. Hier der Auftakt (5):

Ich schreibe dies nieder, weil Menschen, die ich geliebt habe, gestorben sind. Ich schreibe dies nieder, weil ich als junges Mädchen erfüllt war von der Kraft der Liebe und diese Kraft der Liebe nun stirbt. Ich will nicht sterben.

Ich bin 30 Jahre alt und eine verheiratete Frau. Mein Mann, der Geologe Dr. Michael Gonen, ist ein gutmütiger Mensch. Ich liebte ihn. Wir lernten uns vor zehn Jahren im Terra-Sancta-College kennen. Ich studierte damals im ersten Studienjahr an der Hebräischen Universität, als die Vorlesungen noch im Terra-Sancta-College stattfanden.

Und so lernten wir uns kennen ...

 

 

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[i] Amos Oz, Mein Michael, aus dem Englischen übersetzt von Gisela Podlech-Reisse, Frankfurt a.M. 1989 (Düsseldorf 1979; hebräische Originalausgabe 1968), 52. Die Zitate folgen dieser Ausgabe.

[ii] Matthias Politycki, Schräglage zur Welt – Was bringt den Schriftsteller zum Schreiben?, in: Neue Zürcher Zeitung 293, 15. Dezember 2012, 61-62.

[iii] Arnold J. Band, From Klausner to Oz and back, in: Mediating Modernity, 2008, 315-324.

[iv] Bekannte Titel sind: Amos Oz, Der perfekte Frieden. Roman, aus dem Hebräischen von Ruth Achlama, Frankfurt a.M. 1987 (hebräische Originalausgabe 1982); ders., Black Box. Roman, aus dem Hebräischen von Ruth Achlama, Frankfurt a.M. 1989 (hebräische Originalausgabe 1987); ders., Eine Frau erkennen. Roman, aus dem Hebräischen von Ruth Achlama, Frankfurt a.M. 1991 (hebräische Originalausgabe 1989); ders., Der dritte Zustand. Roman, aus dem Hebräischen von Ruth Achlama, Frankfurt a.M. 1992 (hebräische Originalausgabe 1991).

[v] Amos Oz, Im Lande Israel. Herbst 1982, aus dem Hebräischen von Raya Natenbruk, Frankfurt a.M. 1984 (hebräische Originalausgabe 1983).

[vi] Besonders zu erwähnen ist die Studie über den Literaturnobelpreisträger Samuel Josef Agnon: Amos Oz, Das Schweigen des Himmels. Über S. J. Agnon, aus dem Hebräischen von Ruth Achlama, Frankfurt a.M. 1998 (hebräische Originalausgabe 1993).

[vii] Amos Oz, Sumchi. Eine wahre Geschichte über Liebe und Abenteuer, aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler, Reinbek bei Hamburg 1997 (hebräische Originalausgabe 1978).

[viii] Amos Oz, Plötzlich tief im Wald. Ein Märchen, aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler, Frankfurt a.M. 2006 (hebräische Originalausgabe 2005).

[x] http://en.wikipedia.org/wiki/Amos­­_Oz (abgerufen am 17. Dezember 2012).

[xi] Amos Oz, Michael schelli – My Michael, Tel-Aviv 2008 (1968; hebr.).

[xii] Dass sich ein Autor nachgerade und meisterlich in seine Protagonistin eindenkt, ist spätestens seit Madame Bovary (1857) bekannt. Allerdings hat Gustave Flaubert dies mit einem allwissenden Erzähler realisiert, der in der dritten Person von Emma berichtet; vgl. dazu auch Masha Itzhaki, Tirza Mazal („A la fleur de l‘âge“) et Hannah Gonen („Mon Michael“) – deux variations hébraïques d’Emma Bovary?, in: Tsafon 43, 2002, 43-54. Im Rückblick von vierzig Jahren kommentiert Amos Oz seine besondere Erzählform mit der lakonischen Bemerkung: „Im Zuge von Mein Michael bekam ich viele Briefe von Leserinnen, die mich voller Überraschung fragten: ‚Wie konnten Sie das wissen?’ Und ebenso viele andere Briefe von Leserinnen, die mich rügten im Sinne von: ‚Sie haben ja keine Ahnung!’ Wer von beiden Recht hat, werde ich wohl meiner Lebzeit nie erfahren.“ (Amos Oz, Michael schelli, a.a.O., 5; aus dem Hebräischen von G. O.-W.).

 

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