Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Georg Langenhorst
„Ich war angekommen“ – Literarische Wege ins Judentum im Werk von Anna Mitgutsch

 

     Georg Langenhorst ist Professor für Didaktik des Katholischen Religionsunterrichts/ Religionspädagogik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Augsburg. In vielen seiner Publikationen geht es darum, die theologischen Inhalte literarischer Texte für das interreligiöse Lernen (speziell auch im Religionsunterricht) fruchtbar zu machen.

 

In den Jahren seit Beginn des 21. Jahrhunderts tritt eine neue Generation deutsch-jüdischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller in die Öffentlichkeit, die einem eigenen Stil und neuen Themen Gehör verschaffen. Der Österreicherin Anna Mitgutsch kommt in dieser Generation ein besonderer Platz zu, der im folgenden Beitrag[i] entfaltet werden soll.
1. Die 'erste' und 'zweite' Generation’ deutsch-jüdischer Literaten nach der Shoah
Nach der Katastrophe der Shoah schien die Stimme der deutsch-jüdischen Literatur verstummt,[ii]   dem Massenmord der Nazis zum Opfer gefallen. „Nach menschlichem Ermessen“, schrieb Siegmund Kaznelson in der Einführung zu seiner „abschließenden Anthologie“ über das „Jüdische Schicksal in deutschen Gedichten“ im Jahr 1959, gehe „die deutschsprachige Dichtung jüdischen Inhalts mit unserer und vielleicht der nächsten Generation zu Ende“.[iii]
Erst seit Beginn der 1960er Jahre wuchs allmählich das Bewusstsein, dass es eben doch noch eine Generation jüdischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller nach der Shoah gab, die weiterhin auf Deutsch schrieb: Im Nachhinein wird man sie als die ‚erste Generation’ deutsch-jüdischer Literaten nach der Shoah bezeichnen: Nelly Sachs, Paul Celan, Erich Fried, Rose Ausländer, Hilde Domin, Elias Canetti, Stefan Heym, Wolfgang Hildesheimer oder Jurek Becker. Die meisten Werke dieser Schriftstellerinnen und Schriftsteller waren ganz darauf konzentriert, die Shoah zu versprachlichen, „dem Erlebten einen Ausdruck zu geben“[iv].   Ihnen ging es vor allem darum, den unfassbaren Genozid einerseits zu bezeugen, um ein Vergessen zu verhindern, andererseits mit der Erinnerung so umzugehen, dass ein Weiterleben möglich wurde.
Mit Beginn der 1990er Jahre etablierte sich dann eine neue – die ‚zweite’ – Generation deutschjüdischer Literatur,[v]  die sich von der ersten Generation deutlich abhebt. Viele dieser Schriftstellerinnen und Schriftsteller waren Remigranten, aufgrund eigener Entscheidung oder mit ihren Eltern in deutschsprachige Länder zurückgekehrt. Andere wuchsen hier auf, meist in nur schwach jüdischer Prägung, um sich dann später ihrer Herkunft bewusst zu werden und diesen Prozess literarisch zu schildern. Nicht so sehr der Blick zurück charakterisiert ihr Schreiben, sondern der Blick auf die Möglichkeiten und Schwierigkeiten eines Lebens als Jüdin oder Jude in Deutschland, Österreich oder der Schweiz. Das aber ändert Selbstverständnis, Ton und Stil: Mit „großer Geste“ treten sie als Juden in die Öffentlichkeit, und wenn ihre Elterngeneration „die Opferrolle“ vehement „ablehnte“, so lehnen sie nun „auch die Versöhnerrolle“[vi]   dezidiert ab.
In Form und Inhalt knüpfen diese Schriftstellerinnen und Schriftsteller literarisch weniger an den Werken ihrer deutschsprachigen Vorgängergeneration an, als vielmehr immer wieder an den erzählerischen Entwürfen amerikanisch-jüdischer Autoren wie Saul Bellow, Henry Roth, Bernard Malamud oder Philip Roth, in welchen der (mit-)erzählte Alltag jüdischen Lebens eine selbstverständliche Rolle spielt. Nur die wichtigsten Autorinnen und Autorin dieser nach wie vor literarisch produktiven 'zweiten' Generation können hier genannt werden: Mirjam Pressler (*1940), Katja Behrens (*1942), Robert Schindel (*1944), Rafael Seligmann (*1947), Barbara Honigmann (*1949), Esther Dischereit (*1952) oder Robert Menasse (*1954).
Die Werke dieser Autorinnen und Autoren zeichnen sich durch eine inhaltliche wie formale Vielgestaltigkeit aus. Keineswegs bilden sie so etwas wie eine eigene literarische ‚Schule’. Weder wird hier von einer „in sich geschlossenen oder homogenen Gruppe“ ausgegangen noch „die Vorherrschaft eines gewissen stilistischen Verfahrens behauptet“[vii],   wie Thomas Nolden schon 1995 klarstellt. Gleichwohl „wird ihre literarische Arbeit von Vektoren beeinflusst, die von verschiedenen Positionen ausgehen, aber auf gemeinsame Bezugspunkte ausgerichtet sind“.[viii]    Diese Bezugspunkte liegen vor allem in einer inhaltlichen Gemeinsamkeit: Im Werk dieser Autorinnen und Autoren mit „sehr unterschiedlichen Lebensläufen und Sozialisationen“[ix]    wird die literarische Auseinandersetzung mit dem in der Gegenwart gelebten Judentum zu einem zentralen Themenstrang ihres Schreibens.
2. Die ‚dritte Generation’ deutsch-jüdischer Literaten nach der Shoah
Ging es dieser 'zweiten Generation' zunächst – mit den Worten Barbara Honigmanns – um so etwas wie die „Wiedereroberung“ des „Judentums aus dem Nichts“,[x] so geht es seit der Jahrhundertwende um die Behauptung eines eigenen, auf Gegenwart und Zukunft bezogenen Profils. Ergänzend zur Erinnerungskultur braucht es heute eine neue Wahrnehmungskultur im Blick auf gegenwärtig gelebtes Judentum. Wo die ‚zweite Generation’ erst einmal die weithin verdrängte Shoah thematisieren, überhaupt auf die Weiterexistenz von Juden im deutschsprachige Raum aufmerksam machen, ein Leben hier angesichts der Option einer Existenz in Israel rechtfertigen musste, verschieben sich für eine 'dritte Generation' zwangsläufig die Schwerpunkte.
Von der Shoah weiß man selbst auch nur aus Dokumenten, Archiven und Museen sowie aus Filmen und dem Fernsehen. Viele wollen nicht auf dieses Thema, diese Erinnerungspflicht festgelegt werden. In großer Selbstverständlichkeit integrieren sie gegenwartsbezogene jüdische Lebens- und Glaubenswelten in ihr literarisches Schreiben. Deutlich wird so ein „Prozess der Sichtbarwerdung der in Deutschland lebenden, sich schriftstellerisch betätigenden Juden“,[xi] eine neue Präsenz von „Jüdischkeit“[xii]    in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Von der sich neu herausbildenden Tradition der damit in knappen Strichen charakterisierten ‚dritten Generation’ können erneut nur wenige herausragende Repräsentanten benannt werden: Maxim Biller (*1960), Doron Rabinovici (*1961), Vladimir Vertlib (*1966), Benjamin Stein (*1970) oder Lena Gorelik (*1981).

 

 

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[i] Vgl. ausführlich: Christoph Gellner/Georg Langenhorst, Blickwinkel öffnen. Interreligiöses Lernen mit literarischen Texten, Ostfildern 2013.

[ii] Vgl. Norbert Otto Eke /Hartmut Steinecke (Hrsg.), Shoah in der deutschsprachigen Literatur, Berlin 2006; Gerd Bayer/Rudolf Freiburg (Hrsg.), Literatur und Holocaust, Würzburg 2009.

[iii] Siegmund Kaznelson, Einführung, in: ders. (Hrsg.), Jüdisches Schicksal in deutschen Gedichten. Eine abschließende Anthologie, Berlin 1959, S. 14.

[iv] Diana Teschler, Schreiben im Land der Täter. Jüngste deutsch-jüdische Literatur bei Maxim Biller und Rafael Seligmann, Saarbrücken 2007, S. 28.

[v] Vgl. dazu: Thomas Nolden, Junge jüdische Literatur. Konzentrisches Schreiben in der Gegenwart, Würzburg 1995; Sander L. Gilman/Hartmut Steinecke (Hrsg.), Deutsch-jüdische Literatur der neunziger Jahre. Die Generation nach der Shoah, Berlin 2002.

[vi] So Hanni Mittelmann, Deutsch-jüdische Literatur im Nachkriegsdeutschland. Das Ende der Fremdbestimmung?, in: Mark H. Gelber/Jakob Hessing/Robert Jütte (Hrsg.), Integration und Ausgrenzung. Studien zur deutsch-jüdischen Literatur- und Kulturgeschichte von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, Tübingen 2009, S. 429–442, hier: S. 431/433.

[vii] Thomas Nolden, Junge jüdische Literatur, S. 12.

[viii] Ebd.

[ix] Hartmut Steinecke, Literatur als Gedächtnis der Shoah. Deutschsprachige jüdische Schriftstellerinnen und Schriftsteller der „zweiten Generation“, Paderborn u.a. 2005, S. 11.

[x] Barbara Honigmann, Damals, dann und danach, München/Wien 1999, S. 29.

[xi] Hanni Mittelmann, Deutsch-jüdische Literatur im Nachkriegsdeutschland, S. 429.

[xii] Vgl.: Andrea Heuser, Vom Anderen zum Gegenüber. 'Jüdischkeit' in der deutschen Gegenwartsliteratur, Köln 2011.

 

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