Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

PDF Drucken E-Mail

Peter von der Osten-Sacken

Hektische Geschichtsschreibung

Zum Umgang des Historikers Heinz Schilling mit dem Thema „Martin Luther und die Juden“

 

     Von der Osten-Sacken war von 1973 bis 1993 Professor für Neues Testament an der Kirchlichen Hochschule Berlin (West), deren Rektor er von 1980 bis 1982 war. Nach der Fusion der Kirchlichen Hochschule mit der theologischen Fakultät der Humboldt-Universität war er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2005 Professor für Neues Testament und Christlich-Jüdische Studien an der Humboldt-Universität.

Von 1974 bis 2007 leitete er das Institut Kirche und Judentum, welches bis 1994 an der Kirchlichen Hochschule angesiedelt war und anschließend an die Humboldt-Universität angegliedert wurde.

 


Der renommierte Berliner Historiker Heinz Schilling hat 2012 im C. H. Beck Verlag München einen umfangreichen Band „Martin Luther. Rebell in einer Zeit des Umbruchs“ veröffentlicht, der bereits 2013 in zweiter, durchgesehener Auflage erschienen ist. In einem längeren Kapitel „Eschatologische Bedrohung – Türken und Juden“ (S. 544–573), sodann im Rahmen der Schilderung von Luthers Aktivitäten in Eisleben in den beiden Wochen vor seinem Tod (S. 582–586) und schließlich noch einmal im Epilog seiner Arbeit (S. 630f.) hat er sich darin auch zum Verhältnis des Reformators zu den Juden geäußert. Die in dem thematischen längeren Kapitel auf sie bezogenen Ausführungen (S. 550–573) beginnen mit zwei Absätzen, in denen der Verfasser über seine historiografische Position Auskunft gibt, indem er sie von vermeintlichen Irrwegen in Wissenschaft und Praxis abgrenzt. Wenn im Folgenden beide Absätze ungekürzt wiedergegeben werden, dann um anders als Schilling zu verfahren und auch um denen eine authentische Kenntnis seiner Behauptungen zu ermöglichen, die nicht im Besitz des Bandes sind. Hier nun der Text (S. 550f.):

Dringlicher noch als bei seinem Urteil über die Türken ist bei Luthers Auseinandersetzungen mit den Juden in Erinnerung zu rufen, dass es uns nicht um die Wirkungsgeschichte des Reformators und seines Werkes geht, sondern um sein Denken und Handeln im historischen Kontext einer Welt im geistigen wie materiellen Umbruch. Das ist eine Historisierung, die nicht ohne Anstrengung und Irritation erfolgen kann. Dennoch ist sie nötig, will man sich nicht von vornherein den Blick auf den Menschen des 16. Jahrhunderts durch die Verbrechen des 20. Jahrhunderts verstellen lassen. Luther zum Vorläufer der nationalsozialistischen Judenverfolgung zu erklären, mag manchem, auch manchem protestantischen Pastor als Pflicht erscheinen, um die Schuld zu sühnen, die lutherische Bischöfe unter dem Nationalsozialismus auf sich luden. Im Zweiten Weltkrieg zog die alliierte Kriegspropaganda eine Traditionslinie ‚von Luther zu Hitler’ und unterstellte damit eine Kontinuität, die auch heute noch gelegentlich in wissenschaftlichen Darstellungen als Kapitelüberschrift erscheint.

Es ist nur zu verständlich, wenn auch quellenkritische Wissenschaftler die historisch gebotene Unterscheidung zwischen religiös bedingtem Antijudaismus Alteuropas und dem rassistischen Antisemitismus der Moderne beiseite schieben und resümieren: Luther habe statt ‚Güte und Milde … Hass und Vernichtung der Menschenwürde gepredigt.‘ Das ist richtig und falsch zugleich – richtig, weil Luther in der Tat erbarmungslos gegen die Juden predigte und die Obrigkeit unerbittlich aufforderte, sie zu vertreiben; falsch, wenn man unter „Vernichtung der Menschenwürde“ die physische Ausrottung aus rassistischen Gründen versteht. Vor allem aber ist diese Formulierung irreführend, weil sie dem Reformator persönlich in einem historischen Kausalzusammenhang Entscheidungen zurechnet, die erst spätere Generationen trafen. Luthers furchtbare Hassreden gegen die Juden mündeten nicht direkt und zwangsläufig in den nationalsozialistischen Holocaust ein. Wer Luther zum Vorfahren Hitlers erklärt, lenkt von entscheidenden kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen ab, die zwischen Reformation und Nationalsozialismus liegen und für die andere als der Reformator die Verantwortung tragen.“[i]

Zum Zitat im zweiten Absatz notiert Schilling in Anmerkung 70 (auf Seite 676) als Quelle: „Osten-Sacken, Luther und die Juden, S. 292, 300, übernommen von der Judaistin Marianne Awerbuch“. Entgegen dieser Angabe findet sich auf S. 292 meiner 2002 erschienenen Monografie „Martin Luther und die Juden“[ii] weder das Zitat noch auch irgendein Satz, der auch nur entfernt als Beleg für die Behauptungen Schillings herhalten könnte. Zu dem Zitat auf S. 300 aber mag man fragen, warum sich der Autor nicht die Mühe gemacht hat, den Beitrag der Mediävistin Marianne Awerbuch mit dem originalen Zusammenhang des Zitats wenigstens auszuweisen. Der Aufsatz handelt schließlich thematisch über die von Schilling angesprochenen Probleme.[iii] Aber das mag vorerst lediglich am Rande notiert sein. Da der Beitrag Awerbuchs von Schilling offenkundig nicht zur Kenntnis genommen worden ist, werde ich mich im Folgenden zunächst seiner „Auslegung“ des für ihn ausschlaggebenden Zitats zuwenden, um dann die Frage aufzunehmen, wie sich meine Monografie insgesamt zu den von ihm anhand des Zitats vorgetragenen Behauptungen verhält. Zunächst mag jedoch auch in diesem Fall das ganze, von Schilling nur fragmentarisch präsentierte Zitat Awerbuchs[iv]   samt meiner Hinführung wiedergegeben werden (S. 300):

Freilich, selbst wenn man die zuvor in Erinnerung gerufene Rezeption Martin Luthers in der ns-Zeit als Missbrauch [!] seiner Schriften qualifiziert und sich an dem Lichtblick freut, den sein eigener Traktat von 1523 und im Umkreis seines Wirkens insbesondere Urbanus Rhegius bilden, so mindert dies nicht die Last des von Luther hinterlassenen Erbes. Die jüdische Historikerin Marianne Awerbuch hat es präzise mit den Worten umschrieben: ‚Güte und Liebe, wie sie einem Christenmenschen nach lutherischem Verständnis wohl anstehen sollten, suchen wir in diesen [sc. den antijüdischen] und auch in anderen seiner Schriften vergebens. Er hat Haß und Vernichtung der Menschenwürde gepredigt. Dies gilt es zur Kenntnis zu nehmen, mit dieser Tatsache muss man lernen zu leben.’

 

 

Wenn Sie diesen Beitrag vollständig lesen möchten, können Sie ihn für 2,99 € anfordern: Link



[i] Hervorhebung von mir.

[ii] Untertitel: Neu untersucht anhand von Anton Margarithas „Der gantz Jüdisch glaub“ (1530/31), erschienen im Kohlhammer Verlag Stuttgart.

[iii] M. Awerbuch, Humanismus – Reformation und Judentum, in: Jahrbuch für Berlin-Branden-burgische Kirchengeschichte 55 (1985), S. 9–35. Zum Kontext des Zitats bei Awerbuch s. unten, S. 60. 

[iv] A.a.O., S. 35.

 

Suche

Buchtipp