Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

PDF Drucken E-Mail

Manuel Goldmann

Umkehr und Erneuerung 2.0

Zur Differenzerfahrung in der christlich-jüdischen Begegnung[i]


     Pfr. Dr. Manuel Goldmann, geb. 1961, ist Absolvent des Programms „Studium in Israel“ (Jg. VII: 1984/85) und seit 2009 Direktor des Predigerseminars der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck in Hofgeismar.


1.  Die Bewegung der Umkehr und Erneuerung der (europäischen) Kirchen in ihrem Verhältnis zum Judentum, zu deren Früchten auch „Studium in Israel“ gehört, ist maßgeblich in Gang gekommen durch das tiefe Erschrecken einzelner Verantwortlicher in der Kirche angesichts der Shoah und der Rolle, die jahrhundertelanger christlicher Antijudaismus bei ihrer Vorbereitung gespielt hat.

2.  Der erste und grundlegende Impuls der Umkehr musste in diesem Kontext sein, für ein Ende der hergebrachten Diffamierung des Judentums und damit für eine tiefgreifende Korrektur seines Bildes in den Kirchen und darüber hinaus einzutreten.

3.  Indem der Bann jahrhundertealter Stereotype anfangsweise gebrochen wurde, kamen immer mehr lange verschüttete fundamentale Gemeinsamkeiten zwischen Christentum und Judentum ans Licht, die sensationelle neue Horizonte theologischen und ökumenischen Denkens eröffneten.

4.  Naheliegender Weise wurden diese Gemeinsamkeiten kirchlicherseits grundsätzlich in den Kategorien christlich-theologischer Tradition expliziert. Das Judentum kam auf diese Weise zunehmend unter positiv verändertem Vorzeichen, aber doch prinzipiell in der Perspektive und von den Voraussetzungen christlicher Theologie aus in den Blick (Bsp.: die „Bundesnomismus“-These von E.P. Sanders).

5.  Die Frage, ob jüdische Tradition etwas Eigenes zu sagen hat, das in christlichen Kategorien bisher möglicherweise nur unzureichend oder überhaupt nicht wahrnehmbar ist, wurde lange praktisch kaum gestellt, spielte jedenfalls keine wesentliche Rolle.

6.  In weiten Bereichen kirchlicher Praxis lief all dies darauf hinaus, dass das Judentum in einzelnen seiner Facetten in ein hier und da erweitertes und korrigiertes, aber in seinem Grundbestand unverändertes christliches Selbstverständnis integriert wurde. Dass die den Kirchen in ihrem Verhältnis zum Judentum aufgegebene „Umkehr und Erneuerung“ hiermit im Sinn der Pioniere dieser Bewegung bereits eingelöst wäre, ist mit guten Gründen zu bezweifeln.

7.  Die Problematik dieser Entwicklung zeigt sich in methodologischer, ethischer und hermeneutischer Hinsicht:

7.1 Je mehr der Aufweis wesentlicher Gemeinsamkeiten von Judentum und Christentum gelingt, desto eher muss die jüdische Perspektive als so weit in die christliche integrierbar erscheinen, dass eine grundlegende Beunruhigung von ihr jedenfalls nicht mehr ausgeht. Christlich-jüdische Begegnung erscheint dann, statt als fundamentale Herausforderung, immer stärker als ein letztlich nur ornamentales Projekt (das darum über kurz oder lang von anderen, dringenderen Themen verdrängt wird). Damit droht die jüdisch-christliche Erneuerungsarbeit in die Nische einer „Liebhaberei“ zu geraten, in der die Tragweite dessen, was bei der Begegnung der Kirche mit Israel auf dem Spiel steht, kaum mehr angemessen zur Geltung kommen kann.

Mit Blick auf eine gewisse Parallelentwicklung in der innerkirchlichen, lange Zeit vorrangig an Konvergenz und Konsens interessierten Ökumene fordert M. Weinrich pointiert: „Alle Konvergenzwahrnehmungen bedürfen der substantiellen Ergänzung durch möglichst präzise Differenz- und Fremdheitswahrnehmungen, um überhaupt die ökumenische Herausforderung angemessen beschreiben zu können.“[ii]

Wenn Sie diesen Beitrag vollständig lesen möchten, können Sie ihn für 2,99 € anfordern: Link



[i] Der vorliegende Beitrag ist die leicht überarbeitete Fassung von Gesprächsthesen für eine Arbeitsgruppe im Rahmen der Jahrestagung von „Studium in Israel“ vom 4.-6. Januar 2013 in Rothenburg ob der Tauber. Die Tagung stand unter dem Thema: „Shelabim:  Entwicklungen des christlich-jüdischen Gesprächs in den letzten 40 Jahren – Ein Symposion zu Ehren von Martin Stöhr“.

[ii] Michael Weinrich, Ökumene am Ende? Plädoyer für einen neuen Realismus, Neukirchen 1995, S.166.

 

Suche

Buchtipp