Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Alfred Bodenheimer

Konfession und Konversion

Gedanken zum Jüdischsein

Gedenkvortrag für Aron Ronald Bodenheimer s.A. (1923-2011) , 26.2.2013


      Alfred Bodenheimer ist Ordinarius für Religionsgeschichte und Literatur des Judentums und Leiter des Zentrums für Jüdische Studien an der Universität Basel. Der Vortrag, den wir hier abdrucken, ist anlässlich einer Gedenkveranstaltung für Aron Ronald Bodenheimer (1923-2011), dem ehemaligen Chefarzt für Psychiatrie des Universitätskrankenhauses Tell HaSchomer bei Tel Aviv, vorgetragen worden. Aron R. Bodenheimer ist als Schriftsteller einem breiten Publikum bekannt geworden und hatte unter anderem auch als Gastprofessor für Jüdische Studien an der Theologischen Fakultät Basel gelehrt. 


Einen Gedenkvortrag zum zweiten Jahrestag zu halten, ist eine heikle Aufgabe. Zum ersten Jahrestag treffen sich Verwandte, Freunde, zugewandte Orte des Verstorbenen, halten in seinem Gedenken eine Weile inne – seine Gegenwart erfüllt sie noch einmal ganz, für eine wehmütige Stunde. Zum zweiten Jahrestag wird die Sache komplizierter. Es zeichnet sich ab, dass es nicht nur einmaliges Gedenken an eine Person war, zu der sich die ihr Nahen treffen, sondern dass hier eine Tradition begründet werden soll, fortdauernd auf unbestimmte Zeit, verbunden noch mit dem Namensgeber des Gedenkvortrags, aber doch schon hinausweisend in andere Zeiten, auf Zuhörende, denen der Name eines Tages nicht mehr durch Blick und Stimme gewärtig sein wird, sondern allenfalls noch in seinen Schriften und durch seinen Namen. Die Hand, die schreibt und der Name, der bleibt – Jad Vashem nennt dies der Prophet.

Die Vorlesung zum zweiten Jahrestag ist also die Herausforderung, bedächtig das Tor aufzustoßen und nicht aus, sondern mit den Gedanken meines Onkels Aron herauszutreten zu einer Betrachtung unserer Gegenwart. Ich möchte deshalb diese Vorlesung als eine Art Gespräch mit ihm über sein Nachdenken über das Judentum verstehen, dem er, unfair genug, nicht mehr respondieren kann. Doch gerade daraus, dass es auch weiter geht, aus ihm heraus, über ihn heraus, nicht auf ihn zurück, sondern auf die Kommenden vorwärtsgerichtet, daraus besteht der Charakter der Vorlesung am zweiten Jahrestag. Worin ich Aron meine ungeteilte Reverenz erweisen werde: Ich werde diesen Vortrag versuchen, seiner Methode des flottierenden Denkens folgen zu lassen, dessen Tiefe und Systematik aufgehoben wird in der Leichtigkeit und Direktheit des Ansprechens. Nein, seinen Stil werde ich natürlich nicht imitieren, das könnte nur peinlich werden, für mich, nicht für ihn. Aber ich will mich für einmal dem hingeben, was die hohe Kunst des Essays ist, die er pflegte: Dem Versuchen, ohne Erfolgszwang. Denn gegen Zwänge ist er, der Psychiater, sein Leben lang angetreten, gegen nichts so wie gegen sie. Das gibt mir ein Gefühl der Befreiung, und ich spreche frei nach (aber dann in der Steigerung der Freiheit auch gegen) Aron Ronald Bodenheimer.

Am 29. August 2012, um 12.01 israelischer Zeit schrieb ich aus Jerusalem an Arons Witwe Sylvia Bodenheimer eine e-Mail, in der ich ihr meine damals unmittelbar im Erscheinen begriffene Publikation mit dem Titel Haut ab! Die Juden in der Beschneidungsdebatte ankündigte. Ich fügte an: „Ich glaube, Roni s.A. hätte seine Freude daran gehabt. In der ganze Debatte habe ich oft an den Titel seines letzten Büchleins gedacht: Seid auf der Hut vor den Gewaltlosen!“

Hier zeigte es sich nämlich schon und besonders deutlich: Aron hatte Chiffren gefunden, gleichsam eine phänomenologische Nomenklatur von Erscheinungen, die über den okkasionellen Anlass hinauswiesen, auf den sie im konkreten Falle gemünzt waren. Natürlich hatte Aron dieses letzte kleine Buch, das auf einem Vortrag beruhte, den er hier 2003 anlässlich einer Tagung zu seinem 80. Geburtstag gehalten hat,[i] auf ganz anderes bezogen – aber je mehr ich mich, auch noch nach der Publikation von Haut ab! mit der Beschneidungsdebatte auseinandersetzte, desto klarer wurde mir, dass es gerade dies war, eine bis zur Ausstoßung und Verschmähung des anderen gediehene Gewaltlosigkeit, ja Gewaltallergie in Deutschland, Folge eines leicht nachzuvollziehenden Traumas gegenüber deutschen Gewaltpraktiken der Vergangenheit. Eine Gewaltallergie, die jüdische und muslimische Kinder retten wollte vor dem brutalen Zugriff ihrer Eltern – oder noch konkreter, wir ehren ja heute einen Psychoanalytiker: ihrer Väter.[ii]

Ich möchte hier vorläufig zur Beschneidungsfrage nichts Weiteres sagen. In anderem Zusammenhang werde ich später nochmals darauf zurückkommen.

Wozu ich hingegen hier etwas sagen möchte, ist der Titel dieses Vortrags: Konfession und Konversion. Was haben sie mit Aron zu tun?

Der Begriff der Konfession ist, soweit ich es überblicke, bei Aron nicht zentral, und gerade was das Judentum betraf, hätte er ihm eher ferngelegen. Doch liest man seine Einlassungen über das Judentum, so sind sie eben in einer nicht imitierbaren Weise immer confessiones. Analytische confessiones, kritische confessiones, ironische, humorvolle, zuweilen traurige und auch verzweifelte confessiones. Aber immer steht davor das große Wort „Wir“: Wir Juden. Der Reiz dieser Konfession war, dass es immer eine gebrochene, eine mehrschichtige, eine sich selbst in Zweifel ziehende war.

 

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[i] Aron Ronald Bodenheimer: Seid auf der Hut vor den Gewaltlosen. Zwei Reden, Zürich 2005.

[ii] Vgl. dazu auch Alfred Bodenheimer: In der Beschneidungsklemme. Trauma und Pluralität im Deutschland des 21. Jahrhundert, in: Internationale Katholdische Zeitschrift Communio, 41. Jg, September-Oktober 2012, 577-584.

 

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