Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Stefan Meißner

Palästinensische Befreiungstheologie auf Kosten Israels?[i]

 

      Dr. Stefan Meißner, Schulpfarrer, ist Vorsitzender des Arbeitskreises „Kirche und Judentum“ der Evangelischen Kirche der Pfalz. Er hat u.a. das Buch „Die Heimholung des Ketzers. Studien zur jüdischen Auseinandersetzung mit Paulus“ (Tübingen 1996) verfasst.

 

1. Der gekreuzigte Jesus - ein palästinensischer Märtyrer?

Entgegen einer langen antijudaistischen Traditionslinie innerhalb des Christentums, wonach Jesus mit seiner Mutterreligion gebrochen und etwas völlig Neues gebracht habe, bricht sich in den letzten Jahrzehnten die Erkenntnis Bahn, dass Jesus nicht nur als Jude geboren wurde, sondern dass er dies auch zeitlebens blieb. Vieles, was er nach dem Zeugnis der Evangelien tat oder sagte, zeigt seine Verwurzelung im Glauben und den Ritualen seiner Väter. Dies im Einzelnen nachzuweisen, sollte heute eigentlich überflüssig sein. Und doch gibt es Vertreter einer palästinensischen Befreiungstheologie, die Jesus auf Kosten seines Jude-Seins als einen der Ihren reklamieren. So betont der anglikanische Geistliche Nain S. Ateek ausdrücklich, Jesus sei ein Palästinenser gewesen und habe - wie er selbst - unter einer Besatzungsmacht gelebt.[ii]

Jesus als Palästinenser, das ist zunächst einmal in mehrerer Hinsicht ein Anachronismus: Als Jesus geboren wurde, regierte Herodes der Große über ein Territorium, das damals den Namen der ehemals persischen Provinz Judäa trug. Dieser Name blieb auch erhalten, als sein Königreich zerfiel und zur Römischen Provinz wurde. Erst mit der Niederschlagung des Bar-Kochba-Aufstandes durch Kaiser Hadrian (135 n.Chr.) wurde Jerusalem zu Aelia Capitolina umbenannt und die Provinz erhielt zur Strafe den Namen der einstigen Erzfeinde Israels: Palästina, Land der Philister. Man muss sich das historisch klar machen: Als dieser Landstrich in der südlichen Levante rund einhundert Jahre nach Jesu Tod erstmals offiziell als „Philisterland“ bezeichnet wurde, war das eine Kampfansage gegen das jüdische Volk und eine bewusste Provokation. „Palästina“ bürgerte sich, nicht zuletzt auch durch das Zutun christlicher Autoren, im weiteren Verlauf der Geschichte als geografische Bezeichnung ein. Ein palästinensisches Volk hingegen, das sich so bezeichnet hätte, oder das sich gar bewusst in eine Kontinuität mit den Philistern gestellt hätte, gab es bis in das 20. Jahrhunderts hinein nicht. Wer wie Ateek Jesus vom Juden zum Palästinenser umetikettiert, der tut dies nicht aufgrund historischer Evidenz, sondern der verfolgt damit ein klares politisches Interesse: Er eignet sich Jesus für die eigene palästinensische Sache an – auf Kosten des Jude-Seins Jesu.

Die antijüdische Stoßrichtung dieser Aneignung Jesu zeigt sich auch daran, dass Ateek eine Parallele zwischen der römischen Besatzungsmacht von damals und der heutigen israelischen Okkupation Palästinas herstellt. Ist schon dieser Vergleich historisch fragwürdig, so wird die Argumentation des anglikanischen Geistlichen völlig abwegig, wenn er die israelische Regierung mit dem Kindermörder Herodes identifiziert.[iii]   Zu behaupten, der Judenstaat betreibe täglich ein „Kreuzigungssystem“,[iv]   unterscheidet sich kaum mehr vom klassischen Vorwurf des Gottesmordes.

Dass diese antijüdische Rhetorik, die in bestimmten Gruppen der westlichen Kirchen auf ungeteilte Zustimmung stößt, nicht ohne Folgen für den christlich-jüdischen Dialog bleiben kann, soll die Reaktion eines amerikanischen Rabbiners veranschaulichen: Yehiel Poupko, ein angesehener Gelehrter der „Jewish Federationof Metropolitan Chicago“, sieht diese fragwürdige Gleichsetzung in einer Linie mit den schlimmsten Elementen christlicher Judenverachtung und bedauert: „Wir haben gerade in den letzten Jahrzehnten begonnen, neue Beziehungen mit dem Christentum zu genießen, die tief greifende Veränderungen in dessen Haltung uns gegenüber gebracht haben. Und jetzt, durch die Worte dieser Autoren, sind die Uhren wieder zurück gestellt worden.“ Rabbiner Poupko hat sehr einfühlsam die Psychologie erfasst, die hinter dieser Rhetorik steht: Das Opfer ist immer „frei von Sünde und schuldlos, ohne Fehler. Daher hat dieser sündlose Tod für den Christen erlösende Wirkung. Der Vorgang [der Kreuzigung] ist erlösend, [gerade] weil er ungerecht ist und derjenige, der kreuzigt, ist [...] dämonisch.“ Der jüdische Gelehrte schließt mit der nachvollziehbaren Einschätzung: „Dieses Paradigma wird dem israelisch-palästinensischen Konflikt nicht gerecht. Es zu beschwören, bedeutet die Juden zu verteufeln.“[v]  Diese Befreiungstheologie befreit in der Tat: Sie befreit von Selbstzweifeln und dem Verdacht einer möglichen Mitschuld an der ausweglosen Situation im Heiligen Land.

Wer bisher meinte, es seien nur christliche Theologen, die in Palästina Jesus als einen der ihren reklamieren, rieb sich vermutlich erstaunt die Augen, als der palästinensische Religionsführer Mufti Muhammad Hussein 2009 im palästinensischen Fatah-Fernsehen verkündete: „Jesus wurde in diesem Land geboren, er machte seine ersten Schritte in diesem Land und verbreitete seine Lehre, den Islam, in diesem Land. Er und seine Mutter Maria waren Palästinenser par excellence![vi]  In diesem muslimischen Kontext wird Jesus als Märtyrer (shahid) gepriesen, dessen selbstlose Lebenshingabe anderen zum Vorbild dienen soll. Dass auch Muslime sich positiv auf Jesus beziehen, ist an sich nicht neu, wird ihm doch auch im Koran als Prophet großer Respekt gezollt. Einigermaßen kurios ist allerdings die Betonung der Passion, denn ein leidender Erlöser passt (zumindest nach sunnitischer Auffassung) nicht in die Vorstellungswelt des Islam. Nach dem Koran ist Jesus nicht am Kreuz gestorben, sondern (wie es in Sure 4:157 heißt) „es wurde ihnen [den Juden] nur der Anschein erweckt“.

Das Selbstopfer des Shahid kann erbracht werden, indem man geduldig das Leiden erträgt, das andere einem auferlegen. Es kann aber auch bedeuten, dass man als Selbstmordattentäter im Kampf gegen die Ungläubigen (jihad) sich und andere aktiv in den Tod reißt. Dass Jesus als Vorbild auch in diesem Sinne verstanden werden kann, wird zumindest von radikalen Muslimen billigend in Kauf genommen. So wird aus dem Friedensstifter, der die Menschen ermahnte, „auch die andere Backe hinzuhalten“, der Gotteskämpfer (mujahed), der um der gerechten Sache willen auch über Leichen geht. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Diese Sichtweise ist nicht die von Naim S. Ateek oder Mitri Raheb. Beide betonen unmissverständlich den Gewaltverzicht.

Weniger pazifistisch äußerte sich der griechisch-orthodoxe Erbischof Attallah Hanna, einer der Unterzeichner des Kairos-Dokuments.[vii]   Er wurde 2002 von Gulf News, einer Zeitung in den Vereinigten Arabischen Emiraten, mit folgenden Worten zitiert:

Wie Sie wissen, stimmen die politischen Parteien in Palästina überein in der Fortsetzung der Intifada, die unterschiedliche Ansätze des Kampfes umfasst. Einige Freiheitskämpfer nehmen das Martyrium auf sich oder Selbstmordattentate, während andere [Leute] andere Maßnahmen unterstützen. Aber alle diese Kämpfe dienen der fortgesetzten Intifada für die Freiheit. Deshalb unterstützen wir alle diese Fälle (…) Es ist das zionistische Regime Israels, das Genozid begeht in Palästina, indem es unschuldige Frauen und Kinder tötet. Das palästinensische Volk hat das Recht sich zu verteidigen gegen die israelische Barbarei und Gräueltaten. Wir sind Teil der Intifada, erwarten Sie also bitte nicht, dass wir Abstand halten und zuschauen. Wir sind Teil des Kampfes, ob es Martyrium bedeutet oder andere Mittel, wir sind Teil davon.[viii]

Atallah Hanna spielte die Äußerungen als Teil einer von Israel ausgehenden Diffamierungskampagne gegen seine Person herunter. Ganz so haltlos dürften die gegen ihn erhobenen Vorwürfe nicht gewesen sein. Immerhin traf er sich am Rande einer Konferenz für christlich-muslimischen Dialog im Libanon mit dem dortigen Hisbolla-Führer Sheikh Nasrallah. Für den griechisch-orthodoxen Patriarchen in Jerusalem war das Maß schließlich voll und Atallah Hanna musste seinen Posten als Sprecher seiner Kirche abgeben.

Spätestens der „Fall Hanna“ wirft die Frage auf, wie glaubwürdig sich die palästinensische Befreiungstheologie von einer Aneignung Jesu als Shahid distanziert. Kann es sein, dass man hier doch wenigstens partiell von der islamistischen „Kultur des Todes“ beeinflusst ist, von der man sich im Kairos-Papier distanziert hat?[ix]    Bleibt zu hoffen, dass die dort ausgesprochene „Hochachtung vor allen, die ihr Leben für unsere Nation hingegeben haben“, nicht als Verklärung von Selbstmordattentätern missverstanden wird.

 

 

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[i] Der Aufsatz stellt die leicht überarbeitete Fassung eines Vortrages vom 5. Juni 2012 dar, der für die Christlich - Jüdische Arbeitsgemeinschaft des Saarlandes e. V. und die Evangelische Akademie im Saarland gehalten worden.

[ii] Gerechtigkeit und Versöhnung. Eine palästinensische Stimme, Berlin 2010, S. 24.

„…modern day ‚Herods’ who are represented in the Israeli government.“; http://en.wikipedia.org/wiki/Naim_Ateek.

[iv] „The Israeli government crucifixion system is operating daily”, ebd.

[vii] Die Stunde der Wahrheit: Ein Wort des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe aus der Mitte des Leidens der Palästinenser und Palästinenserinnen (2009). Die deutsche Übersetzung des engl. Originals unter: http://www.kairospalestine.ps/sites/default/Documents/German.pdf.

[ix] A.a.O., 3-4-5.

 

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