Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Kirchengesetz zur Änderung des Grundartikels der Kirchenordnung der Evangelischen Kirche im Rheinland

Vom 11. Januar 1996

 

 

Die Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland hat mit der vorge­schriebenen Mehrheit das folgende Kirchengesetz beschlossen:


§ 1 

Die Kirchenordnung der Evangelischen Kirche im Rheinland vom 2. Mai 1952 in der Fassung der Bekanntmachung vom 20. Januar 1979 (KABl. S. 41), zuletzt geändert durch die Kirchengesetze zur Änderung von Artikel 23, 33, 67 und 91, Artikel 105 und 106 sowie Artikel 109 und 116 vom 12. Januar 1995 (KABl. S. 1–3), wird wie folgt geändert:

In Abschnitt I des Grundartikels wird folgender Absatz 8 angefügt:

"Sie bezeugt die Treue Gottes, der an der Erwählung seines Volkes Israel fest­hält. Mit Isarel hofft sie auf einen neuen Himmel und eine neue Erde."


§ 2

Dieses Kirchengesetz tritt am Tage nach der Veröffentlichung im Kirchlichen Amtsblatt in Kraft.

Bad Neuenahr, den 11. Januar 1996


Evangelische Kirche im Rheinland              
Die Kirchenleitung                         
gez. D. Dr.phil. h.c. Beier   gez. Dr. h.c. (H) Becker

Erläuterungen zur Änderung des Grundartikels

Nach drei anderen Landeskirchen (Reformierte Kirche, Hessen-Nassau und Pfalz) hat die Evangelische Kirche im Rheinland auf ihrer Tagung der Landes­synode im Januar 1996 den Grundartikel ihrer Kirchenordnung im Blick auf ein erneuertes Verhältnis der Kirche zu Israel ergänzt.

Ausgehend von der rheinischen Synodalerklärung 1980 ist ein Prozeß in Gang gesetzt worden, der mit der Ergänzung des Grundartikels der Kirchenordnung eine weitere Wegmarke erreicht hat. 1980 ging es um ein Schuldbekenntnis an­ge­sichts des Holocaust, die gemeinsame Bibel von Christen und Juden, um Jesus Chri­stus, der die Völker der Welt mit dem Volk Gottes verbindet, die bleibende Er­wählung Israels, die Absage an die Judenmission und um die Ge­meinsamkeit im Glauben an den Schöpfergott und in der Hoffnung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde.

Von Anfang an war um die Verbindlichkeit und den Stellenwert des Synodal­beschlusses gerungen worden. 1987 wurden zunächst einige Artikel der Kirchen­ordnung überarbeitet. Der Auftrag, das Gespräch mit Israel zu führen, wurde in die Liste der Aufträge für Gemeinden, Kirchenkreise und Landeskirche aufge­nommen und als weitere Konsequenz der Auftrag zur Judenmission gestrichen.

Von Anfang an hatte Professor Eberhard Bethge angemahnt, daß die Syno­dalerklärung darüber hinaus ihren Niederschlag auch im Grundartikel der Kir­chenordnung finden müsse. Erst 1992 wurde der Auftrag erteilt, rechtliche Vor­aussetzungen und geeignete Formulierungsvorschläge einer entsprechenden Er­gänzung zu prüfen.

Ein Jahr später beschloß die Landessynode eine Vorlage (Proponendum), die in allen Presbyterien und Kreissynoden zu beraten ist und eine Ergänzung des Grundartikels der Kirchenordnung zum Ziel hat. Darin heißt es: »Die Ergän­zung soll dem Synodalbeschluß von 1980 ›Zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden‹ in dem Grundartikel der Kirchenordnung Rechnung tragen … Ziel des Proponendums ist die Feststellung der Übereinstimmung in der Evangelischen Kirche im Rheinland über die Glaubensbedeutung des erneuerten Verhältnisses der Kirche zum Volk Israel …« In einem dreijährigen Prozeß wird der Formulierungsvorschlag diskutiert: »Sie (die Evangelische Kirche im Rhein­land) bezeugt die Treue Gottes, der an der Erwählung seines Volkes Israels festhält. Mit Israel hofft sie auf einen neuen Himmel und eine neue Erde.«

Die Formulierung stellt einen Kompromiß dar aus Vorlagen des Theologi­schen Ausschusses und des Ausschusses »Christen und Juden« einerseits und des Kirchenordnungsausschusses andererseits. Wollte der Kirchenordnungsausschuß sich darauf beschränken zu sagen, daß Kirche und Israel in der Wurzel verbun­den seien, so wollten die beiden anderen Ausschüsse neben der bleibenden Er­wählung Israels auch die Teilhabe der Kirche an der Erwählung Israels durch Jesus Christus festhalten. Kritiker sahen hierin eine Her­absetzung der Bedeutung Jesu Christi und der Kirche, wie sie traditionellem christlichem Selbst­ver­ständ­nis nicht gerecht werde. Darum hielt die Landessyn­ode einen entsprechenden For­mulierungsvorschlag für nicht konsensfähig.

1996 hat die Landessynode dann in zwei Lesungen diese Ergänzung des Grundartikels der Kirchenordnung beschlossen: in erster Lesung mit Mehrheit bei 7 Gegenstimmen und 3 Enthaltungen, in zweiter Lesung mit Mehrheit bei 4 Enthaltungen. Damit war der Selbstbindung und Verpflichtung der Landessyn­ode, den Grundartikel nur »mit großer Übereinstimmung« (im magnus consen­sus) zu ändern, Genüge geleistet. Eine Ergänzung des Grundartikels hatte es bislang nicht gegeben.

Der Grundartikel der rheinischen Kirchenordnung von 1952 beschreibt die Glaubensgrundlage, auf der das Leben der Evangelischen Kirche im Rheinland beruht, in vier Abschnitten. Die vorgeschlagene Ergänzung betrifft Abschnitt I, in dem die gemeinsamen Bekenntnisgrundlagen in der Rheinischen Kirche be­schrieben werden. Er beginnt mit einem Bekenntnis zu Jesus Christus und endet mit dem Bekenntnis zur »einen, heiligen, allgemeinen christlichen Kirche, der Versammlung der Gläubigen, in der das Wort Gottes lauter und rein verkündigt wird und die Sakramente recht verwaltet werden«. Hier schließt sich jetzt die Ergänzung an.

Der ergänzte Text bedeutet theologisch dreierlei: Indem die Treue Gottes, der sein Volk Israel bleibend erwählt hat, bekannt wird, gibt die Evangelische Kirche im Rheinland die traditionelle Lehre der Substitution auf, das heißt, die Vorstel­lung, daß das Volk Israel von Gott verworfen und durch die Kirche ersetzt sei.

Zweitens geht es um die Gemeinsamkeit von Christen und Juden im Blick auf die Eschatologie. Auch hier wird der Synodalbeschluß von 1980 zitiert: »Wir bekennen die gemeinsame Hoffnung eines neuen Himmels und einer neuen Erde und die Kraft dieser messianischen Hoffnung für das Zeugnis und das Handeln von Christen und Juden für Gerechtigkeit und Frieden in der Welt.«

Und drittens wird mit den Worten „mit Israel«, die die beiden Sätze mitein­ander verbinden, zum Ausdruck gebracht, daß die Kirche an der vorgegebenen Verheißungsgeschichte Israels teilhat, wie es der Synodalbeschluß von 1980 in seinen drei Glaubens- und Bekenntnissätzen beschrieben hat und wie es heute neu in Predigt und Unterricht zur Geltung zu bringen ist.

 

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