Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Daniel Krochmalnik

Mila und Schoa

Erinnerung in der neuesten Beschneidungsdebatte *)

 

Prof. Dr. Dr. h.c. Daniel Krochmalnik ist Lehrstuhlinhaber für Jüdische Religionslehre, –pädagogik und –didaktik an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg.

 

Ich will keine „Zirkumfessionen“ schreiben,1 aber ich muss bekennen, dass ich diese Arbeit nicht sine ira et studio, sondern im Affekt, um nicht zu sagen, mit „Wut im Bauch“ verfasst habe. Es ist – von mir aus gesehen – gerade einmal eine Generation her, da haben Deutsche geschätzte eineinhalb Millionen jüdischer Kinder umgebracht. Mein Vater begleitete während der sogenannten „Ghettosperre“ in Lodz (5. – 12.9.1942) seine beiden kleinen Nichten zu einer Sammelstelle, wo sie wie Müllsäcke auf große Lastwagen geworfen und ins Todeslager Kulmhof abtransportiert wurden. Nun ereifern sich viele Deutsche über die jüdischen Eltern, die die Körper und die Rechte ihrer Kinder beschneiden. Eine Mehrheit von ihnen spricht sich nach einer Emnid-Umfrage für ein Beschneidungsverbot aus. „Auschwitzkeule! “ wird man dazwischenrufen, nur blinder Affekt vermag einen Zusammenhang zwischen dem deutschen Kindermord gestern und dem deutschen Kinderschutz heute herzustellen. Ist es nicht viel eher ein begrüßenswerter Gesinnungswandel, wenn eine Mehrheit der Deutschen mit den armen jüdischen Knaben fühlt und sie endlich vor den archaischen Bräuchen ihrer Eltern in Schutz nehmen will? Wir verdächtigen die Wohlgesinnten nicht pauschal des Antisemitismus, aber wer die Geschichte des Antisemitismus kennt, der erkennt in der Beschneidungsdebatte ein wiederkehrendes Muster.

 

Erstens nimmt die Judenfeindschaft bevorzugt die Symbole des Jüdischseins ins Visier, bevorzugt die Beschneidung, die seit der Zeit der alten Griechen und Römer immer wieder unter diversen Vorwänden verboten wurde.

 

Zweitens verbirgt sich in der Kritik einzelner jüdischer Sitten und Bräuche meistens ein allgemeineres Vorurteil, hier etwa das folgende: Die Juden sind grausam, sie schächten die Tiere, beschneiden die Kinder, gar nicht erst zu sprechen von den Palästinensern und Jesus, den sie auch beschnitten haben.

 

Drittens trifft diese Kritik früher oder später alle Juden, egal wie sie es persönlich mit der Religion halten. Als Mittel gegen die Amnesie in der hundertersten Beschneidungsdebatte blicken wir - von mir aus gesehen - eine Generation zurück.

 

Fälschungssicherer Ausweis

„Ich hatte mir für die Mittagspause ein kühles Plätzchen ausgesucht und löffelte meine Suppe. Neben mir hatten sich einige Polen niedergelassen (…): ‚Wie geht's denn immer so?' Aber noch ehe ich Gelegenheit fand, auf dieses unerwartete Interesse an mein Wohlbefinden zu antworten, sprangen die vier auf, packten mich und zerrten mich gewaltsam auf einen der Tische, die überall herumstanden. ‚Jetzt wollen wir's sehen', grinsten sie mich an. (…) ‚Wir wollen sehen, wie groß er ist' (…)für mich der Auftakt zum Ende. Meine Panik steigerte sich (…). Meine Situation erinnerte an einen Schmetterling, der lebendig auf ein Brett gespießt wird. (…) Sie (…) zogen und zerrten an meinen Hosen wie Besessene, und ich konnte den schwarzen Todesengel neben ihnen sehen (…). Schreiend und mich windend, fühlte ich, wie meine Hosen nachgaben und nach unten rutschten. (…) Aber als ihre Bemühungen gerade Erfolg hatten (…), kam mein Meister angesaust. (…) Nichts Geringeres als ein Wunder war geschehen! (…) Wäre der Meister nur eine Sekunde später aufgetaucht (…), mein Judentum wäre entdeckt gewesen, und sie hätten (…) mich wahrscheinlich totgeschlagen."2

 

Diese alptraumhafte Szene steht in den Erinnerungen von Lipman Sznaijder. In München kannte jeder den Inhaber des Fachgeschäfts Foto Schneider, oder vielmehr niemand kannte ihn wirklich, bis er 1991 seine Erinnerungen im Eigenverlag veröffentlichte. In diesem Buch erzählt er in einem pikaresken Tonfall, wie er sich während des Krieges in Polen als katholische Vollwaise durchgeschlagen hat, in ständiger Angst, als Jude identifiziert zu werden. Er landete nicht nur einmal auf dem „Beschneidungstisch“, auch seine polnischen Freunde wollten es genau wissen und zerrten ihn diesmal auf einen antiken Esstisch:Jetzt wollen wir mal sehen, ob du katholisch oder ein Jude bist “.3 Die meisten Geschichten drehen sich um die spannende Frage, ob es „Lipele “ noch einmal gelingen wird, sein „schreckliches Geheimnis 4 zu hüten: in der Dusche, im Bad, beim Arzt, bei der Musterung, in der Liebe, im Traum.5 Beschneidung, das war für ihn in dieser Zeit ein Synonym für „Todesurteil “.6 Dabei hat Sznaijder meist nur vor den lieben Polen Angst, aber auch die bösen Deutschen bedienten sich dieser „erkenntnisdienstlichen“ Methode.

 

Am 10. September 1943 rückte das Sonderkommando Alois Brunner in der italienischen Besatzungszone von Nizza und Umgebung ein, wo die Juden bis dahin Schutz genossen hatten. Ein Dokument der jüdischen Widerstandsbewegung schildert die beispiellosen Razzien:

 

Ohne Zeit zu verlieren, begannen die Deutschen (…) mit der Judenjagd. (…)Die Verfolgungen setzten in einer Form und in einem Ausmaß ein, die bislang unbekannt waren. Es wurden einige relativ neue Methoden angewendet:

a) Die Deutschen gingen grundsätzlich davon aus, dass die Beschneidung dem Faktum, Jude zu sein, gleichkomme. Damit wurden alle Papiere wertlos;

b) Kleinwagen mit ‚Physiognomikern' fuhren umher, die alle Leute mit jüdischem Aussehen verhafteten und sie im Fall des Irrtums wieder freiließen;

c) Ständige Razzien in Hotels und möblierten Zimmern usw.

 

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