Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Matthias Küntzel

Kontaminiertes Terrain

Uralt-Ängste, Ressentiments und Projektionen im detschen Beschneidungsdikurs. Anmerkungen zu einer laufenden Diskussion.

 

Matthias Küntzel, geb. 1955, ist Politikwissenschaftler und Publizist. Seit 1992 ist er als Politiklehrer an einer Hamburger Gewerbeschule teilzeitbeschäftigt. 2011 ehrte die amerikanisch-jüdische Anti-Defamation League (ADL) sein Engagment gegen Antisemitismus mit dem Paul Ehrlich - Günther Schwerin Menschenrechtspreis. Sein jüngstes Buch erschien im Sommer 2012 im LIT-Verlag, Münster, unter dem Titel: "Deutschland, Iran und die Bombe. Eine Entgegnung - auch Günter Grass."

 

63 Jahre lang galt die Beschneidung von Säuglingen und Kindern als verfassungskonform. Sie entspreche, so hieß es, dem Kindeswohl. Im Mai 2012 interpretierten Kölner Richter das Grundgesetz neu: Die Beschneidung laufe dem Interesse des Kindes zuwider und sei mithin ein Verfassungsverstoß.

 

Diese Neubewertung setzte eine Welle des Abscheus, der Empörung, des Entsetzens über Säuglings- und Kinderbeschneidungen frei. Was jahrzehntelang niemanden interessierte, wurde über Nacht zum Hype: „Eine Religion, die eine regelmäßige Körperverletzung von Minderjährigen … im Programm hat, steht in einem Dauerkonflikt mit wesentlichen Zielen der Verfassung – und zwar umso tiefgreifender, je freiheitlicher und säkularer der Staat ist“, behauptete der Leitartikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, mit dem die Debatte begann.1

 

Politiker wurden aktiv. Während sich der Bundestag bislang um die Kinder muslimischer und jüdischer Eltern wenig scherte, wies ihm die Kinderbeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion nunmehr beim Kampf gegen die Beschneidung eine Art Vormundschaft zu: „Ihnen [den Kindern jüdischer und muslimischer Eltern] müssen wir klar zur Seite stehen und eine Stimme geben, wenn es um solche gesellschaftlichen Entwicklungen geht.“2

 

Diesem Anliegen schlossen sich mehr als 600 deutsche Ärzte und Juristen an.3 Sie verfassten einen Aufruf, der im Tremolo höchster Erregung die Säuglingsbeschneidung mit der Genitalverstümmelung von Mädchen gleichsetzt und als „(sexuelle) Gewalt gegenüber nicht einwilligungsfähigen Jungen … mit hohem Risiko für bleibende genitale Beschädigungen und seelische und sexuelle Beeinträchtigungen“ an den Pranger stellt.

 

 

Damit stempelten die Ärzte und Juristen mehr als 98 Prozent aller männlichen jüdischen Israelis als Missbrauchsopfer und als Mitglieder einer Risikogruppe mit psychischen und sexuellen Handicaps ab. Wo kommen diese Emotionen her – der Tumult über angebliche „Verstümmelungen“, die Empathie für die Opfer nicht-christlicher Eltern, die Wut gegen „Schnibbler“ und alle, die sie schützen?

 

Den richtungsweisenden Hinweis liefert eine Karikatur, die der Berlin-Kurier am 17. Juli 2012 veröffentlichte und die einen mit einer langen Kutte bekleideten „judennasigen“ Geistlichen zeigt. In der einen Hand hält er einen noch blutigen Dolch, in der anderen den Penis und Hodensack seines Gegenüber – eines mit der jüdischen Kippa bekleideten Jungen. „Oh – oh, heute ist nicht mein Tag“ ruft der blutbefleckte Beschneider, während der Judenjunge ihn tröstet: „Kopf hoch, es wird bald nicht mehr strafbar!“.4

 

Dieses Bild sagt wenig über das zu Betrachtende, viel aber über den Betrachter aus. Es belegt, dass sich die Beschneidungsdebatte auf einem Terrain entfaltet, auf dem jede Menge Uralt-Ängste, Ressentiments und Projektionen hausen. Es zeigt, wie das Urteil des Kölner Landgerichts über die Beschneidung eines Muslims gleichwohl Phantasien des Antisemitismus mobilisiert. Es steht in der Tradition antisemitischer Beschneidungskarikaturen, in denen eine riesengroße Schere das Bild dominiert – als angsteinflößendes Symbol der Kastration.5

 

Der Topos der Beschneidung habe seit Jahrhunderten „bei den Unbeschnit-tenen unzweifelhaft das Gefühl des Unheimlichen verstärkt, das die Juden ihnen bereiten“, erläuterte 1946 der Arzt und Analytiker Otto Fenichel. „Psychoanalytiker sind deshalb der Meinung, dass die Beschneidung, die fremd und in unbewussten Tiefen doch vertraut ist, in derselben Weise wirkt wie andere Bräuche, welche die Juden für eine Projektion von Zügen des Teufels geeignet erscheinen lassen.“6

 

Beschneidung und Ritualmordlüge 

Zu den berühmtesten Dokumenten mittelalterlicher Judenfeindschaft gehört ein Holzschnitt von 1493, der darstellt, wie ein auf einem Tisch stehendes Christenkind durch eine Gruppe von Juden gleichzeitig beschnitten und durch weitere Einstiche in den Körper gemordet wird.7 Es beweist, wie man den Ritus der Beschneidung, der nur jüdischen Säuglingen galt, auf Christenkinder übertrug und in der Projektion bis zum Gemetzel steigerte.

 

Die gedankliche Verbindung zwischen Beschneidungsphobie und (stets nur Juden angelasteten) Ritualmordphantasie hob auch Léon Poliakov, der Historiker des Antisemitismus, hervor. Er zitiert aus den Anschuldigungen, die anlässlich der vermeintlichen Ritualmordaffäre von Tyrnau (1494) erhoben wurden:

Erstens wird ihnen [den Juden] in der Überlieferung ihrer Vorfahren gesagt, dass das Blut eines Christen ein hervorragendes Mittel sei, um eine durch die Beschneidung hervorgerufene Wunde zu heilen. Zweitens sehen sie, dass das Blut die Zubereitung eines Gerichts ermöglicht, das die gegenseitige Liebe weckt. Drittens haben sie festgestellt, dass für an monatlichen Blutungen Leidenden, ob sie Mann oder Frau sind, das Blut eines Christen ein hervorragendes Heilmittel bildet.

 

 

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