Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Frank Crüsemann

60 Jahre Kirche und Staat Israel

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  • Prof. Dr. Frank Crüsemann ist Alttestamentler und lehrte bis zu seiner Emeritierung an der Kirchlichen Hochschule Bethel. Der Autor benennt in aller Kürze gravierende Defizite bisheriger kirchlicher Stellungnahmen zur Existenz des Staates Israel seit dessen Gründung 1948 und markiert Problemfelder, die sich für die theologischen Diskurse angesichts der komplexen politischen Problemlage des Staates Israel auftun. Der Aufsatz hat an Aktualität nichts eingebüßt.

 

Kirchliche Stellungnahmen zum Staat Israel sind so alt wie dieser selbst. Der Staat wurde bekanntlich auf der Grundlage des un-Beschlusses vom November 1947 am 14. Mai 1948 gegründet. Kurz danach fand vom 22. August bis zum 4. September in Amsterdam die Vollversammlung des ökumenischen Rates der Kirchen statt, die erste überhaupt und vor allem die erste große kirchliche Konferenz nach dem 2. Weltkrieg. In einer Erklärung über »Das christliche Verhalten gegenüber den Juden«[i] heißt es: »Wir sehen, dass die Schaffung des Staates 'Israel' dem christlichen Ringen mit dem jüdischen Problem eine neue, politische Dimension verleiht und den Antisemitismus durch politische Befürchtungen und Feindseligkeiten zu komplizieren droht«. Der Antisemitismus wird politisch – war er es etwa vorher nicht? – und ein politisches Urteil über die Vorgänge und die damit »berührten 'Rechte'« will man sich nicht anmaßen. So bleibt nur zu sagen: »die Kirchen haben die strenge Pflicht, für eine Ordnung in Palästina (sic!) zu beten und zu arbeiten, die so gerecht ist, wie das inmitten unserer menschlichen Unordnung nur sein kann«.

 

Das ist ein seltsames Urteil — prophetisch und unsolidarisch zugleich. Prophetisch ist im Rückblick auf nahezu 60 Jahre die Erkenntnis, dass der Antisemitismus durch die Staatsgründung nicht verschwinden, sondern »komplizierter« wird, auch wenn naturgemäß die seitdem entwickelten Formen eines radikal-islamischen Antisemitismus noch nicht im Blick sein konnten. Hochproblematisch aber erscheint das Fehlen jeglichen Hinweises nicht nur auf den un-Beschluss und damit die Rechtsgrundlage des neuen Staates, sondern besonders auch darauf, wie aktuell der Hinweis auf die Fortdauer des Antisemitismus damals war, denn die Stellungnahme wurde ja mitten im Unabhängigkeitskrieg formuliert, zu einer Zeit also, als der junge Staat und mit ihm viele Menschen, die dem Holocaust entflohen waren oder ihn überlebt hatten, wiederum um ihre Leben kämpfen mussten. Sich einer konkreten Stellungnahme zu enthalten, war faktisch eine massive und einseitige Stellungnahme.

 

Und das obwohl der Text einsetzt mit einem Blick auf die so kurz zurückliegende Katastrophe des europäischen Judentums. Er nennt die 110.000 ermordeten holländischen Juden und spricht von den 6 Millionen von Deutschland ermordeten Juden, allesamt Menschen des biblischen Volkes, mit dem man »in einer Solidarität besonderer Art« verbunden sei. Der eigentliche Inhalt besteht dann in einer Zurückweisung des Antisemitismus, der – obwohl nicht ohne christliche Mitschuld entstanden und wirksam – »schlechterdings mit christlichem Bekenntnis und Leben unvereinbar« und »eine Sünde gegen Gott und Menschen« sei. Diese Sätze sind vorher und nachher eingebettet in eine nachdrückliche Erinnerung an den christlichen Auftrag zur Mission auch und gerade des jüdischen Volkes. Dem schließt sich die Stellungnahme zum »Staatwerden Israels« an.

 

Obwohl ein Umdenken in Bezug auf das Verhältnis von Christen und Juden so kurz nach der Katastrophe kaum begonnen hat, zeichnet sich in der Art der Verbindung von grundsätzlich-theologischen Einsichten mit eher kurzschlüssigen aktuell-politischen Voten ein typisches Muster ab, das die Folgezeit bis heute prägen soll. Sicher hat sich auf der einen Seite seitdem Vieles verändert. Die Kirchen haben seit dem Anfang der sechziger Jahre begonnen, eine neue Haltung gegenüber dem Judentum zu entwickeln, die seit dem 2. Vaticanum und in Deutschland seit der Rheinischen Synodalerklärung von 1980 eine kaum mehr absehbare Kette kirchenoffizieller Festlegungen hervorgebracht hat.[ii] Wenn dabei neben einer Formulierung der christlichen Schuld durchgängig die Anerkennung der bleibenden Erwählung Israels und des nicht gekündigten Bundes Gottes mit dem Volk Israel im Zentrum steht, ist das ein tiefer Bruch mit der christlichen Theologie, wie sie sich seit dem 2. nachchristlichen Jahrhundert entwickelt hat. Die Folgen dieses Neuansatzes für christliches Selbstverständnis, christliche Frömmigkeit und Theologie sind keineswegs zu Ende gedacht und nach wie vor heftig umstritten.

 

Dieser Prozess vollzog sich parallel zu der konfliktreichen und blutigen Geschichte des jungen Staates Israel und seiner Nachbarn. Die politischen Fragen waren und sind deshalb von den theologischen nicht zu trennen. Das zeigt jedes Gespräch über »Christen und Juden« von der Gemeindeebene bis zu Verhandlungen vor Synoden. »Was sagt die Kirche zum Staat Israel? Kann die Staatlichkeit Gottes Wille sein?« war eine der ersten Fragen aus dem Publikum, als auf dem Kirchentag 1961 das Thema Juden und Christen zum ersten Mal in Deutschland vor einem größeren kirchlichen Publikum verhandelt wurde. Diese unabweisbare Verknüpfung eines zentralen theologischen mit einem höchst aktuellen politischen Thema soll im Folgenden näher betrachtet werden.

 

 

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[i] Text nach R. Rendtorff/H. H. Henrix Hg., Die Kirchen und das Judentum. Dokumente von 1945-1985, Paderborn/München 1988, 325-329.

[ii] Texte bei Rendtorff/Henrix (Anm. 1) sowie H. H. Henrix/W. Kraus Hg., Die Kirchen und das Judentum. Dokumente von 1986-2000, Paderborn/Gütersloh 2001

 

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