Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Heft 2010-1: Editorial

 

Die I. Barmer These gilt wegen ihrer christologischen Ausschließlichkeit vielfach als regelrechtes Hindernis für den Dialog der Religionen. Der Aufsatz von Henning Theißen nimmt die von der rheinischen Landessynode 2009 verabschiedete Arbeitshilfe zum christlich-islamischen Dialog (vgl. KuI 24, 2009, Heft 1, 4-12) zum Ausgangspunkt für den Versuch, den interreligiösen Dialog auf der Grundlage des in Barmen I scheinbar nur en passant erwähnten Zeugnisgedankens zu entwerfen. Da jedes Zeugnis im Zwiespalt von Wahrheit und Lüge steht, billigt Theißen einem solchen Dialog auf beiden Seiten die Fähigkeit zur Religionskritik zu, ohne dass die Dialogpartner sich gegenseitig für ihre Glaubensauffassungen kritisieren müssen. Indem er die I. Barmer These und ihren Zeugnisbegriff in den Kontext des im selben Jahr eröffneten Treueeidprozesses gegen Karl Barth stellt, gewinnt Theißen Argumente dafür, dass solch ein dialogfähiger Zeugnisbegriff durchaus schon im zeitgenössischen Blickfeld Barths selbst gelegen haben kann.


Der bekannte Bochumer Theologe und Neutestamentler Klaus Wengst nimmt das Thema der Erinnerung an die Schoa im Kontext eines Gesprächs mit biblischer und jüdischer Erinnerungskultur auf. Er bezieht sich dabei auch auf die Tradition über den grausamen Feind  Israels, Amalek, und bespricht in sensibler und auch sehr persönlicher Weise, was es bedeuten könnte, wenn Christen und zumal christliche Deutsche heute sich als „Amaleks Kinder“ verstehen. Im Zusammenhang eindringlicher Reflexionen über die bleibende Bedeutung der Erinnerung und insbesondere der an die Schoa formuliert er: „Gott nach der Schoa unmöglich ohne Israel denken zu können, heißt für Christen und die Kirchen aber auch, solidarisch an die Seite Israels gestellt zu sein – und das schließt den Staat Israel ein. Ihm gegenüber sehe ich mich nicht in einer Position neutralen Abwägens, sondern in einer unbedingt verpflichtenden und ganz und gar parteilichen Solidarität –, solange jedenfalls mächtige Staaten der Region und von ihnen ausgehaltene und ausgerüstete militante Verbände die Existenz des Staates Israel mit dem Ziel seiner Vernichtung in Frage stellen.“


Carsten Jochum-Bortfeld widmet sich einem anscheinend engeren theologie- und exegesegeschichtlichen Gegenstand, nämlich der Auslegung des Johannesevangeliums durch Ferdinand Christian Baur (1792-1869). Der protestantische Urchristentums- und Dogmenhistoriker wurde das Haupt der „Tübinger Schule“ und ist nachhaltig wirksam geworden in der protestantischen Theologie bis in die Moderne hinein. Jochum-Bortfeld weist an diesem Stück Exegesegeschichte auf, wie die innovative Etablierung der historischen Wissenschaft in der Theologie – bei Baur beeinflusst durch Hegels Geschichtsphilosophie – eine unaufgeklärte destruktive Schattenseite hatte, nämlich die religionsgeschichtliche Herabsetzung des Judentums, die geradezu dämonisierende Züge annahm: „So schwer liegt die Macht der Finsterniß auf dem Judenthum“ (F. Chr. Baur).


Die Beiträge von Wolfgang Stegemann und Heinz Tenhafen gehen einigen Aspekten eines aktuellen Diskurses nach, der insbesondere in der nordamerikanischen Bibel- und Religionswissenschaft geführt wird und in deren Zentrum die Frage der angemessenen kategorialen Einordnung des antiken Judentums steht. Es ist nach Meinung vieler Fachleute sinnvoller davon auszugehen, dass man sich in den antiken (!) Diskursen unter Juden und Judentum die Zugehörigkeit zu einer Ethnie mit einer ihr eigenen Kultur (wozu insbesondere auch jenes Phänomen gehörte, das wir Religion nennen) vorgestellt hat, die ihren Namen nach einer bestimmten geographischen Region (Judäa) bekam. Demgemäß wird empfohlen, diesen Aspekt auch in den entsprechenden Übersetzungen der relevanten Begriffe der antiken Texte (z.B. Ioudaioi) auch in den Übersetzungsäquivalenten auszudrücken, auf Deutsch: den Begriff „Judäer“ statt „Juden“ zu verwenden. Doch ist darüber inzwischen eine heftige Diskussion entbrannt, in der die einen darin einen un-historischen Bruch zwischen dem antiken und dem modernen Judentum sehen, während andere gerade die Diskontinuität zwischen dem antiken und dem modernen Judentum aus historisch-kritischer Sicht für unvermeidlich halten. H. Tenhafen stellt die Argumente eines Vertreters der letzteren These vor, nämlich einen Aufsatz des amerikanischen Neutestamentlers J. H. Elliott, der im Blick auf Jesus sogar die Behauptung aufstellt, dass er weder Christ noch Jude, ja nicht einmal Judäer genannt werden sollte. Vielmehr sei für Jesus und seine galiläische Nachfolgegemeinschaft die Bezeichnung „Israeliten“ angemessener. W. Stegemann benennt einige Argumente, die dazu geführt haben, das antike Judentum unter dem Aspekt einer Ethnie und nicht als Religion zu deuten. Er behandelt auch einige Konsequenzen, den der Wechsel von einem „Religionsmodell“ zu einem „Ethnizitätsmodell“ vom antiken Judentum mit sich bringt. Zum Beispiel im Blick auf Paulus oder hinsichtlich der verschiedenen Synthetisierungen des Judentums (wie Frühjudentum, normatives Judentum oder wie der von E.P. Sanders geprägte Begriff des „common Judaism“). Man geht wohl nicht fehl, wenn man damit rechnet, dass dieser Diskurs, der natürlich auch für den christlich-jüdischen Dialog von enormer Bedeutung ist, demnächst auch im deutschsprachigen Wissenschaftsraum intensiver geführt wird. Dies ist wohl umso mehr zu erwarten, als inzwischen das sowohl in Israel als auch in Frankreich und Großbritannien äußerst umstrittene Buch von Shlomo Sand auch in einer deutschen Übersetzung erschienen ist (Die Erfindung des jüdischen Volkes, 2010). Kirche und Israel wird auf dieses Buch und die Kontroverse, die es ausgelöst hat, im nächsten Heft eingehen.

Stegemann, Wolfgang

Heinz Tenhafen


Mit Gustav Meyrinks ‚Golem‘ (1915) führt Gabrielle Oberhänsli-Widmer in der Rubrik ‚Klassiker der jüdischen Literatur‘ diesmal nicht nur in das Ghetto von Prag, sondern ebenso an die Grenzen jüdischer Literatur. Denn wie kann es sein, dass ein nicht-jüdischer Autor einen genuin jüdischen Stoff zur Vollendung bringt?


In der Dokumentation bieten wir den Wortlaut und die theologische Begründung für eine Ergänzung der Kirchenverfassung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern hinsichtlich des Verhältnisses der Kirche zum Judentum. Das Verfassungsänderungsverfahren soll im nächsten Jahr abgeschlossen sein, so dass die ELKB dann als 14. Gliedkirche der EKD ihr erneuertes Verhältnis zum Judentum einen für ihr Kirchesein fundamentalen Rang einräumt.


Wolfgang Stegemann stellt eine wichtige Neuerscheinung zur Paulusforschung vor, nämlich Ivana Bendiks „Paulus in neuer Sicht? Eine kritische Einführung in die ‚New Perspective on Paul’“.


Der ehemalige geschäftsführende Herausgeber unserer Zeitschrift, Erich Zenger, ist am Ostersonntag verstorben. Erich Zenger war ein ben-adam, ein Kämpfer für Gerechtigkeit für das Judentum. Er lebte und schrieb für eine freundschaftliche, ja geschwisterliche Beziehung der Kirche(n) mit den Juden. Er setzte sich bis zuletzt für die Verteidigung und Fortführung des Aufbruchs in seiner katholischen Kirche ein, der mit dem Zweiten Vatikanum zuerst manifest geworden ist, und wandte sich gegen manchen reaktionären Trend in traditionalistischen Kreisen, den wir leider allenthalben gegenwärtig sehen. Seine Leidenschaft für das Erste Testament und seine Auslegung ist uns allen gegenwärtig. Mauern zu überspringen, hat er von ihr gelernt, um auf einen schönen Buchtitel von Erich Zenger anzuspielen. Er hat nie geschwankt, ist nie zurückgewichen, hat nie aus „Diplomatie“ seine Treue zum Aufbruch in seiner Kirche und zu einem radikal erneuerten Verhältnis zum Judentum zurückgestellt. Wir trauern um ihn. Bei aller Trauer sind wir dankbar für sein Leben und sein Werk. Dessen Vermächtnis wollen wir lebendig halten. Im Blick auf die intensive Unruhe, die sein Leben prägte, stimmen wir mit der Weisheit der katholischen Tradition überein: Requiescat in pace. Im Blick auf seine und unsere Sache sagen wir mit der jüdischen Tradition: sichronoh levrachah. Unsere neue Mitherausgeberin, Barbara Schmitz, hat für dieses Heft einen Nachruf geschrieben.

 

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