Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

PDF Drucken E-Mail

Ulrich Winkler 

Theologische Haltung gegenüber dem Staat Israel. Ein Beispiel einer Religionstheologie nach Auschwitz in einem postsäkularen Europa[i] 

  • Dr. Ulrich Winkler, Jahrgang 1961, studierte an der PhilosophischTheologischen Hochschule in Linz und an der KatholischTheologischen Fakultät der Universität Salzburg, wo er 1995 im Fach Dogmatik und Katechetik promoviert wurde und sich 2010 habilitierte. 1982/3 nahm er am „Theologischen Studienjahr“ an der Dormition Abbey in Jerusalem teil. Seit 2010 ist er Ao. Universitätsprofessor für Dogmatik und stellvertretender Leiter des „Zentrums Theologie, Interkulturell und Studium der Religionen“ in Salzburg.


  • 1. These: Religionstheologie ist keine abstrakte Spekulation. Vielmehr ist sie aus einer ganz bestimmten Not entstanden und hilft heute ebenfalls, ganz konkrete Probleme zu lösen. Zu Beginn galt es in Kontinentaleuropa nach Auschwitz, das Verhältnis zum Judentum neu zu bedenken; heute haben Religionstheologie und Israeltheologie ganz konkret zum Staat Israel eine christliche Haltung zu finden.

 

  • Die Theologie der Religionen wird oft mit dem Vorwurf konfrontiert, sie sei abstrakt, allgemein und viel zu theoretisch, sie beschäftige sich nicht mit den konkreten Problemen vor Ort und sei deshalb auch schon längst überflüssig geworden. Ich will hier vom Gegenteil überzeugen und zeigen, dass eine Theologie der Religionen höchste Relevanz besitzt für die Lösung sehr konkreter Probleme.
 


In der christlichen Theologie – und ich spreche hier für die katholische Theologie – ist der Staat Israel eine verschwiegene Größe. Man versucht sie zu vermeiden. Es ist allein schon umstritten, ob der gegenwärtige Staat Israel überhaupt ein Thema der Theologie sein kann. Eine christliche theologische Haltung zum Staat Israel zu finden,[ii] gehört in der Auseinandersetzung mit anderen Religionen und konkret mit dem Judentum zu den schwierigsten Aufgaben überhaupt. Mein Ansatz einer pluralistischen Religionstheologie[iii] kann dafür einen Beitrag liefern.


Die Anfänge der (pluralistischen) Religionstheologie reichen in den angelsächsischen Raum zurück. Ihre Vertreter reflektierten Erfahrungen von religiöser Plurali­tät, die durch Migration und Kulturaustausch als späte Folgen des Kolonialismus entstanden sind.[iv] In Kontinentaleuropa hingegen hat der Völkermord an den Juden im „Dritten Reich“ mit einer ganz anderen Dringlichkeit die Christenheit mit einer anderen Religion konfrontiert. Erst ex negativo, erst in der vernichteten Existenz, sind die Juden für die Christenheit in Europa und insbesondere in den deutschsprachigen Ländern zu einem Thema geworden. Erst „nach Auschwitz“ haben sich Theologie und Kirchen allmählich zu einer positiven Haltung gegenüber dem Judentum durchgerungen.[v]

 

  • Religionstheologie in Europa ist also einer dramatischen Ursprungssituation verpflichtet. Religionstheologie in Europa war nie abstrakt und allgemein, sondern ist höchst konkret als Israeltheologie entstanden. Israeltheologie und Religionstheologie müssen stets miteinander reflektiert werden.[vi]

 

Der heutige Staat Israel und seine bekannten politischen und humanitären Probleme stehen in einem direkten geschichtlichen Zusammenhang zum europäischen Völkermord an den Juden durch die Nazi-Diktatur. Eine europäische Religionstheologie und insbesondere eine deutschsprachige Israeltheologie können deshalb unmöglich ihre Probleme geflissentlich verschweigen.


2. These: Auschwitz ist das Ende der Moderne, dort ist der Fortschrittsglaube zerbrochen. Gleichzeitig wurde dieses Ende der Moderne der Nährboden für ein neues Projekt der Moderne: die Gründung des Nationalstaates Israel.

 

Mit Auschwitz ist das Projekt der Moderne zerbrochen.[vii] Gescheitert ist das Subjekt, das den Lauf der Geschichte selbst in die Hand nehmen wollte, um mehr Freiheit zu erreichen. Mit Auschwitz hat sich der Fortschrittsoptimismus in sein Gegenteil verkehrt, das technische Können des Menschen hat nicht zu mehr Humanität geführt, sondern in die millionenfache Vernichtung von Menschen. Mit Auschwitz hat die Menschheit wahrscheinlich den größten Rückschritt hinter alle zivilisatorischen Errungenschaften erlebt.


  • Die Katastrophe der Shoa und der Vernichtung des europäischen Judentums hat der Zionistischen Bewegung[viii] und der Gründung eines eigenen Staates[ix] Nachdruck verliehen. Während des ersten halben Jahrhunderts nach dem ersten Zionistischen Weltkongress in Basel (1897) war der Idee Theodor Herzls zur Gründung eines jüdischen Staates nur mäßiger Erfolg beschieden. Zwar hatten die Engländer in der sog. Balfour-Erklärung vom 2. November 1917 zugesichert, eine nationale Heimstätte für die Juden zu errichten. Aber der Untergang des Osmanischen Reiches und die französisch-englische Kolonialpolitik erforderten andere Prioritäten. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges änderte sich die Lage. Am 29. November 1947 fiel der Beschluss der UNO-Vollversammlung zur Teilung Palästinas und am 14. Mai 1948 wurde schließlich mit der Unabhängigkeitserklärung die Existenz des Staates Israel eine politische Realität.

 

Das Ende der Moderne nach Auschwitz wurde wiederum mit einem Projekt der Moderne, der Staatsgründung Israels, beantwortet. Die Idee des Nationalstaates aus dem Repertoire des 19. Jahrhunderts wurde trotz seiner Perversion im „Dritten Reich“ neuerlich mit einem Staat für ein Volk aufgegriffen. Das Schafott der Geschichte hat weder den Fortschrittsglauben der Moderne noch die Idee des Nationalstaates liquidiert.

 

Die Unabhängigkeitserklärung deklariert Israel als einen „jüdischen Staat im Lande Israel“, es entsteht ein „Staat des jüdischen Volkes“, das weltweit verstreut ist. Israel ist aber kein Staat für seine Bürger, zu der auch Nicht-Juden gehören, so die Kritik der postzionistischen israelischen Historiker.[x]  

 

3. These: Monomythen stehen im Verdacht der Gewalt, der auch das Projekt Israel betrifft.

Die Antwort der Aufklärung auf die Gewalt der Konfessionskriege in Europa war die Privatisierung der Religion. Die Antwort der Postmoderne auf den Monomythos der Religionen und der Aufklärung war das „Lob des Polytheismus“[xi], das in den Religionskritiken der „Neuen Atheismen“[xii] gegenwärtig wiederholt wird. Die großen Erzählungen sind in den Verdacht der Gewaltförmigkeit geraten. Als besonders anfällig werden die monotheistischen Religionen ausgemacht.[xiii] Deshalb müssen sie überwunden werden, so die alten und neuen Atheisten. Die Postmoderne hingegen setzt auf die Kompetenz des Individuums, die Sinnressourcen für das persönliche Leben aus den verschiedensten Traditionen selbst auszuwählen.

 

 

Wenn Sie diesen Beitrag vollständig lesen möchten, können Sie ihn für 2,99 € anfordern: Link



[i] Der Beitrag geht zurück auf einen Vortrag mit dem Titel „Theological attitudes towards the state of Israel. An example of theology of religions after Auschwitz in post secular Europe“ auf der Zweijahreskonferenz von ESITIS (European Society for Intercultural Theology and Interreligious Studies) an der Ilahiyat Fakultät der Marmara University in Istanbul am 27. April 2011. Der Text ist gedacht als herausfordernder Diskussionsbeitrag für ein breiteres Publikum und verbindet bewusst allgemeine Informationen mit einer pointierten These. Der prägnante rhetorische Stil ist beibehalten.

[ii] Vgl. grundlegende Publikationen: Buber, Martin, Israel und Palästina. Zur Geschichte einer Idee, Zürich [hebräisch 1944] 1950; Kickel, Walter, Das gelobte Land. Die religiöse Bedeutung des Staates Israel in jüdischer und christlicher Sicht. Mit einem Vorwort von Helmut Gollwitzer, München 1984; Merkley, Paul Charles, Christian Attitudes Towards the State of Israel (McGill-Queen's Studies in the History of Religion, Series Two), Montreal 2001; Korn, Eugene, The Jewish Connection to Israel, the Promised Land. A Brief Introduction for Christians, Woodstock 2008; Ansorge, Dirk (Hg.), Der Nahostkonflikt. Politische, religiöse und theologische Dimensionen (Beiträge zur Friedensethik 43), Stuttgart 2010. 

[iii] Nicht zuletzt, weil die pluralistische Religionstheologie zu einem Reizwort für Relativierung und Gleichgültigkeit geworden ist, vgl. meine Position der Potentialität: Winkler, Ulrich, Religionen als Eigenwelten – Das religionstheologische Problem der Unversöhnlichkeit, in: Hafner, Johann Evangelist/Valentin, Joachim (Hg.), Parallelwelten. Christliche Religion und die Vervielfachung von Wirklichkeit (ReligionsKulturen 6), Stuttgart 2009, 202-227, hier 223; Winkler, Ulrich, „… um selbst in aufrichtigem und geduldigem Dialog zu lernen, welche Reichtümer der großzügige Gott den Völkern verteilt hat“ (AG 11). Was ist komparative Theologie?, in: Glasbrenner, Eva-Maria/Hackbarth-Johnson, Christian (Hg.), Einheit der Wirklichkeiten. FS Michael von Brück, München 2009, 261-300, hier 282. 

[iv] Das bekannteste Beispiel ist John Hick, der durch die anfängliche politische Konfrontation im Stadtparlament von Birmingham zu seinen religionstheologischen Reflexionen gekommen ist. Ähnliche Initialerfahrungen lassen sich von zahlreichen anderen Pionieren der pluralistischen Religionstheologie erzählen.  

[v] Vgl. die Anfänge der evangelischen Kirche ab 1945 mit der „Stuttgarter Schulderklärung“, die die Juden noch gar nicht erwähnt hat: Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland, Erklärung gegenüber den Vertretern des Ökumenischen Rates der Kirchen vom 19. Oktober 1945, in: Rendtorff, Rolf/Henrix, Hans Hermann (Hg.), Die Kirchen und das Judentum 1. Dokumente von 1945-1985. Gemeinsame Veröffentlichung der Studienkommission Kirche und Judentum der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Arbeitsgruppe für Fragen des Judentums der Ökumene-Kommission der Deutschen Bischofskonferenz, Paderborn/München 1988, 528f. Freilich war die Shoa keineswegs eine Garantie für eine Umkehr, vgl. das erschreckende Beispiel: Bruderrat der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wort zur Judenfrage vom 8. April 1948, in: Rendtorff/Henrix, Die Kirchen und das Judentum 1, 540-554. – Auch für die katholischen Bischöfe Deutschlands kamen ausführlichere Erklärungen gegenüber den Juden nur langsam auf die Agenda: vgl. Rendtorff/Henrix, Die Kirchen und das Judentum 1, 231ff. 

[vi] Als größtes Defizit dieser beiden hoch entwickelten Diskurse sehe ich ihre gegenseitige Isolation, durch die beide einen Schaden nehmen. Ich hingegen bin davon überzeugt, Religionstheologie muss einen bleibenden Bezug zu Israel bedenken, und Israeltheologie darf sich nicht als neuer Exklusivismus vom Verhältnis zu den anderen Religionen absondern. Vgl. Winkler, Ulrich, Wege der Religionstheologie. Von der Erwählung zur komparativen Theologie (Salzburger Theologische Studien 45 – interkulturell 10), Innsbruck/Wien 2012, Kapitel 2.1. und 3.2. Vgl. Winkler, Ulrich, Die unwiderrufene Erwählung Israels und das Wahre und Heilige anderer Religionen. Von der Israeltheologie und Religionstheologie zur Pluralismusfähigkeit der Religionen als interreligiöse Kriteriologie, in: Bernhardt, Reinhold/Schmidt-Leukel, Perry (Hg.), Kriterien interreligiöser Urteilsbildung (Beiträge zu einer Theologie der Religionen 1), Zürich 2005, 233-265. 

[vii] Vgl. anders Agamben, der infolge der westlichen und insbesondere modernen Verfasstheit von Identität – aufgespalten zwischen gesellschaftlichem Wesen und bloßem individuellen Leben – im Lager den ausgeschlossenen Ort der auf das nackte Leben reduzierten Eingeschlossenen der Moderne sieht. Agamben, Giorgio, Homo sacer. Die souveräne Macht und das nackte Leben, Frankfurt 2002. 

[viii] Vgl. Brenner, Michael, Geschichte des Zionismus, München 2002. 

[ix] Vgl. Sternhell, Zeev, The Founding Myths of Israel. Nationalism, Socialism, and the Making of the Jewish State. Translated by David Maisel, Princeton 1999; Kaufmann, Uri, Die moderne zionistische Bewegung und das „Land Israel“ (1897-1966), in: Ansorge, Dirk (Hg.), Der Nahostkonflikt. Politische, religiöse und theologische Dimensionen (Beiträge zur Friedensethik 43), Stuttgart 2010, 15-28.

[x] Vgl. Schäfer, Barbara, Historikerstreit in Israel. Die „neuen Historiker“ zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit, Frankfurt 2000; Flapan, Sjmcha, Die Geburt Israels. Mythos und Wirklichkeit, Neu-Isenburg 2005; Segev, Tom, Die ersten Israelis. Die Anfänge des jüdischen Staates, Berlin 2008; vgl. das jüngst sehr kontrovers diskutierte Buch: Sand, Shlomo, Die Erfindung des jüdischen Volkes. Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand, Frankfurt 2010.

[xi] Marquard, Odo, Lob des Polytheismus. Über Monomythie und Polymythie, in: ders., Abschied vom Prinzipiellen. Philosophische Studien, Stuttgart 1991, 91-116; vgl. Marquard, Odo, Entlastung vom Absoluten, in: Wetz, Franz Josef/Timm, Hermann (Hg.), Die Kunst des Überlebens. Nachdenken über Hans Blumenberg, Frankfurt 1999, 17-27. 

[xii] Vgl. Hoff, Gregor Maria, Die neuen Atheismen. Eine notwendige Provokation, Kevelaer 2009. 

[xiii] Vgl. Geerlings, Wilhelm, Foris inveniatur necessitas nascitur intus voluntas. Augustins Rechtfertigung des Zwangs, in: Klimek, Nicolaus (Hg.), Universalität und Toleranz. Der Anspruch des christlichen Glaubens. FS Georg Bernhard Langemeyer, Essen 1989, 41-48; Walter, Peter (Hg.), Das Gewaltpotential des Monotheismus und der dreieine Gott (QD 216), Freiburg/Basel/Wien 2005; Beck, Ulrich, Der eigene Gott. Von der Friedensfähigkeit und dem Gewaltpotential der Religionen (Verlag der Weltreligionen), Frankfurt 2008; Stobbe, Heinz-Günther, Religion, Gewalt und Krieg. Eine Einführung (Theologie und Frieden 40), Stuttgart 2010; Kitts, Margo/Juergensmeyer, Mark (Hg.), Princeton Readings in Religion and Violence, Princeton 2011. 

 

Suche

Buchtipp