Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Klassiker der jüdischen Literatur - Gabrielle Oberhänsli-Widmer

Scholem Alejchem, Stempenju (1888)

Gabrielle Oberhänsli-Widmer ist Professorin für Judaistik am Orientalischen Seminar der Universität Freiburg und Mitherausgeberin dieser Zeitschrift.

 

Stempenjudas ist ein Titelheld des jungen Schalom Alejchem und laut dessen eigenen Worten „mayn erschten jiddischen Roman“,[i] den er seinem geistigen Großvater Mendele Mojcher Sforim widmet. Doch da bekommt das Lesepublikum gleich eine doppelte Mogelpackung in die Hand gedrückt, die der Autor voller Liebenswürdigkeit und Schalk zwischen zwei Buchdeckel gepackt hat. Denn wohl handelt es sich bei Stempenju um ein frühes Werk des jiddischen Schriftstellers, doch nicht um seinen ersten Roman,[ii] und dann mimt die Figur des Stempenju, ein begnadeter Musikant, auch nur den sekundären Part, ist es doch „die jüdische Tochter Rochel die Schöne, die in diesem Roman die Hauptrolle spielt“.[iii]


Ein Frauen- oder weit vernichtender: ein Damenroman also – mag sich nun manch einer denken und angesichts der heutzutage allgegenwärtigen Genderthematik müde abwinken. Und tatsächlich fügt sich Stempenju in die Tradition der dramatischen Liebesromane des 19. Jahrhunderts. Der Plot ist durchaus vergleichbar mit Gustave Flauberts Madame Bovary (1857), Lew N. Tolstojs Anna Karenina (1873-1876) oder Theodor Fontanes Effie Briest (1894/1895). Dem skeptischen Leser ist indes entgegenzuhalten, dass es sich bei diesen Dramen auf gar keinen Fall um die salonfähige Kusine des Dreigroschenromans handelt. Vielmehr analysieren solche Texte sozusagen an Fallbeispielen Gesellschaft und Mentalität in den veränderten sozialen Strukturen des aufkommenden Bürgertums. Angefangen vom biblischen Hohenlied, den talmudischen Moralerzählungen, über die hochmittelalterliche hebräische Minnelyrik und bis hin zu den israelischen Bestsellern einer Zeruya Shalev fungiert die jüdische ebenso wie jede andere namhafte Liebesliteratur als Spiegel gesellschaftlicher Verhältnisse.


Im Kontext des Judentums kommen weitere bemerkenswerte Gesichtspunkte hinzu. So ist fürs erste zu erwähnen, dass den Frauen im jüdischen Traditionsschrifttum bis an die Schwelle zum 20. Jahrhundert weder als Akteuren und noch viel weniger als Autorinnen ein maßgebender Stellenwert zukommt. Überbordend ist inzwischen zwar die Flut der Publikationen zur Frau im Judentum, die Empathie der Verfasser groß, die der Primärquellen dagegen eher gequält – man denke nur an die talmudische Ordnung Naschim, zu Deutsch ‚Frauen‘, welche in Mischna und Gemara das rabbinische Familienrecht umreißt.[iv] Scholem Alejchem indes bildet da eine der ersten Ausnahmen, denn der Protagonistin Rochel gilt seine ganze Zuwendung, und ausgehend von ihren Herzensnöten denkt er sich ein in den erstickend engen Radius einer jüdischen Tochter seiner Zeit – doch halt (44):

Das Herz einer jüdischen Tochter ist ein Geheimnis, ein großes Geheimnis. Ein Kasten, ein verschlossener Kasten, und da darf wirklich kein Mann hineingucken, das wäre keine Art ...[v]


In einem solchen Rahmen scheint denn auch eine jüdische Romanze und folglich ein jüdischer Roman undenkbar, denn im osteuropäischen Schtetl war eine Heirat ein arrangiertes Geschäft, das Brautpaar kaum den Kinderschuhen entwachsen und jede Liebelei ein Tabu. So gesehen stellt Stempenju vielleicht doch eine Art erster jüdischer Roman dar, oder besser eine Sozialstudie, wunderbar unterhaltend als Liebesgeschichte verpackt. Mithin lohnt es sich durchaus, die Fußspuren der schönen Rochel aufzuspüren und ihre Entourage näher zu inspizieren.


Schalom Rabinovitz (1859-1916) alias Scholem Alejchem

Doch zunächst zum Autor, der als Verfasser von Tewje, der Milchmann – nicht zuletzt in der Fassung des Musicals Fiddler on the Roof beziehungsweise Anatewka – weit über sein jiddisches Publikum hinaus Weltruhm erlangt hat. In der Tat gilt Scholem Alejchem zusammen mit Mendele Mojcher Sforim (1835-1917) und Isaak Leib Peretz (1851-1915) als das leuchtende Dreigestirn, welches der jiddischen Literatur im späten 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen ganz eigenen Glanz zu geben wusste.[vi]


Geboren wurde Schalom Rabinovitz 1859 im ukrainischen Perejaslav. Nach einer traditionellen jüdischen Erziehung und dem Abschluss an einem russischen Gymnasium wandte sich Rabinowitsch früh publizistischen Tätigkeiten zu und wählte dafür das Pseudonym Scholem Alejchem, ein Deck- und Künstlername, der eine Vielfalt an Konnotationen in sich birgt und verbirgt. Denn vorerst ist das jiddische ‚Scholem Alejchem‘ der gewinnende Gruß eines Menschenfreundes: ‚Friede sei mit euch‘. Weiter verwendet der Autor sein Pseudonym als dramatis persona, sei es für die Figur des Erzählers in den Rahmenhandlungen, sei es für die des Zuhörers seiner monologisierenden Protagonisten. Der praktische Grund des amusing pen name soll indes Rabinovitz‘ Bemühen gewesen sein, seine Identität als Jiddisch schreibender Autor vor seiner Familie und namentlich vor seinem Vater zu verbergen, da in den Jahren seines frühen Schaffens nur mit dem Hebräischen, nicht aber mit dem Jiddischen Staat zu machen war. Doch ganz abgesehen davon ist Scholem Alejchem ganz einfach ein Segen für das jiddische Schrifttum im Besonderen wie für die Weltliteratur im Allgemeinen.


Das Jiddische, auch im ausgehenden 19. Jahrhundert von Intellektuellen und gehobeneren Schichten noch vorwiegend als Jargon und Dialekt der breiten Masse beäugt, verdankt seinen Aufstieg zur Literatursprache denn auch maßgeblich Scholem Alejchem, der mit dem von ihm gegründeten Jahrbuch Di jiddische Folksbibliotek ein literarisches Forum für die herausragenden jiddischen Autoren schuf. Darin erschienen auch zahlreiche von Scholem Alejchems eigenen Texten, unter anderem sein Roman Stempenju.

 

 

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[i] Scholem Alejchem, Stempenju. A jiddischer Roman, Buenos Aires 1952 (geschrieben 1888; jidd.), 258.

[ii] Scholem Alejchems erster Roman erschien 1884 vorerst unter dem Titel Natascha und wurde später als Tajbele bekannt.

[iii] Scholem Alejchem, Stempenju. Roman, mit 28 Lithographien von Anatoli Kaplan, aus dem Jiddischen übertragen und herausgegeben von Hubert Witt, Leipzig 1989, 5. Die Zitate in deutscher Übersetzung folgen dieser Ausgabe.

[iv] Von dem boomenden Forschungsgebiet hier nur wenige Titel in Auswahl mit weiterführender Literatur: Dorothy Sly, Philo‘s Perception of Women, Atlanta 2009; Tal Ilan, Integrating Women into Second Temple History, Tübingen 1999; Angela Standhartinger, Das Frauenbild im Judentum in hellenistischer Zeit: Ein Beitrag anhand von Joseph und Aseneth, Leiden 1995; Günter Mayer, Die jüdische Frau in der hellenistisch-römischen Antike, Stuttgart 1987; M. Menachem Brayer, The Jewish Woman in Rabbinic Literature: A Psychological Perspective, 2 volumes, Hoboken 1986; Rachel Biale, Women and Jewish Law: The Essential Texts, Their History & Their Relevance for Today, New York 1995 (1984); Leonard Swidler, Women in Judaism: The Status of Women in Formative Judaism, Metuchen 1976.

[v] Die ironische Bemerkung des Erzählers mag auf die berühmte Karikatur von Lemont anspielen, welche Gustave Flaubert als Chirurgen persifliert, in der emporgereckten Hand das Seziermesser mit Madame Bovarys Herz als Trophäe (erschienen in La Parodie im September 1869).

[vi] Ken Frieden, Classic Yiddisch Fiction, Abramovitsh, Sholem Aleichem, and Peretz, New York 1995. 

 

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