Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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David Rosen

Die jüdisch-christliche Beziehung und der Nahe Osten

 

Es war ein Ausdruck von Vertrauen in der katholisch-jüdischen Beziehung, dass Rabbiner David Rosen (Jerusalem) von Papst Benedikt xvi. zu einer Ansprache vor der Sonderversammlung der Bischofssynode für den Nahen Osten im Oktober 2010 im Vatikan eingeladen wurde. Rabbiner Rosen – Berater des Oberrabbinats Israels und Direktor für interreligiöse Angelegenheiten des American Jewish Committee – war nicht der erste Rabbiner, der vor einer Bischofssynode referierte; vor ihm hatte Oberrabbiner Shear Yashuv Cohen (Haifa) bei der Bischofssynode über das „Wort Gottes im Leben und in der Sendung der Kirche“ im Oktober 2008 zur jüdischen Auslegung der heiligen Schrift aus Tora, Propheten und Schriften gesprochen. Rabbiner Rosen war mehrere Jahre Präsident des Internationalen Jüdischen Komitees für interreligiöse Konsultationen, des Dialogpartners der Vatikanischen Kommission für die religiösen Beziehungen zu den Juden. Auch in anderen Aufgaben hat er sich eine große Vertrautheit mit kirchlicher Mentalität und Sichtweise erworben. Aus dieser Vertrautheit heraus entwickelte er seinen Synodenbeitrag vom 13. Oktober 2010 unter dem Titel „Die jüdisch-christliche Beziehung und der Nahe Osten“. Wir geben mit Zustimmung des Autors diesen Beitrag in deutscher Übersetzung wider.

 

Das Verhältnis zwischen dem Christentum und dem jüdischen Volk heute ist ein gesegneter Wandel in unserer Zeit – wohl ohne historische Parallele. Bei seinen Worten in der Großen Synagoge hier in Rom vom letzten Januar bezog sich Papst Benedikt xvi. auf die Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzil als „einen festen Bezugspunkt, auf den sich Katholiken in ihrer Haltung und in den Beziehungen zum jüdischen Volk stets beziehen konnten, sie signalisierte eine neue, wichtige Etappe.“

 

Natürlich hat dieser markante Wandel in der Art und Weise, in der das jüdische Volk angesehen und dargestellt wird, noch mit dem Einfluss von Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden, der „Lehre der Verachtung“ gegenüber Juden und Judentum zu kämpfen, der offensichtlich nicht über Nacht und auch nicht in 45 Jahren überwunden werden kann. Dementsprechend ist die Auswirkung dieses Wandels in den katholisch-jüdischen Beziehungen von einem Kontext zum anderen sehr unterschiedlich. Die tiefstgreifende Verinnerlichung hat wohl in den Vereinigten Staaten von Amerika stattgefunden, wo Juden und Christen in einer offenen Gesellschaft nebeneinander als dynamische, selbstbewusste und zivilgesellschaftlich engagierte Minderheiten leben. Als ein Resultat ist dort die Beziehung zu einem einzigartigen Grad der vertieften Zusammenarbeit und des Austauschs zwischen den Gemeinschaften und ihren pädagogischen Institutionen vorangeschritten; und heute können sich die Vereinigten Staaten Dutzender akademischer Einrichtungen für katholisch-jüdische Studien und Beziehungen rühmen, während es in der übrigen Welt vielleicht drei solcher Institutionen gibt. In der Tat gibt es unter den jüdischen Gemeinden in den USA eine weit verbreitete Auffassung von der katholischen Kirche als einem echten Freund mit profunden Werten und gemeinsamen Interessen.

 

Es ist mein Privileg, der internationalen interreligiösen Vertretung des American Jewish Committee vorzustehen, welches die führende jüdische Organisation in diesem bemerkenswerten und historischen Wandel war und weiterhin ist.

 

Allerdings gibt es viele Länder, in denen die oben genannten sozialen und demographischen Faktoren nicht vorhanden sind. In den meisten Ländern, wo der Katholizismus die dominierende gesellschaftliche Kraft ist, sind die jüdischen Gemeinden klein, wenn überhaupt präsent, und die Beziehung zwischen der Kirche und dem Judentum erfährt oft wenig Beachtung. Ich gestehe, dass ich überrascht war, in einigen Ländern auf einen katholischen Klerus und manchmal sogar auf eine Hierarchie gestoßen zu sein, die erstaunlich wenig nicht nur über das Judentum wussten, sondern oft sogar über „Nostra Aetate“ selbst und die entsprechenden Lehren des Lehramtes über Juden und Judentum.

 

Während die jüdische Erfahrung in den USA, wie angegeben, viel dazu beigetragen hat, die negativen Wirkungen der tragischen Vergangenheit zu verringern, gibt es in der jüdischen Welt immer noch eine weit verbreitete Unkenntnis über das Christentum - insbesondere dort, wo es wenig oder gar keinen Kontakt mit modernen Christen gibt. In dem einzigen Gemeinwesen der Welt, wo Juden eine Mehrheit sind, im Staat Israel, wird dieses Problem noch durch den politischen und soziologischen Kontext verschärft. Im Nahen Osten neigen, wie in den meisten Teilen der Welt, Gemeinschaften dazu, in ihren eigenen sprachlichen, kulturellen und konfessionellen Einstellungen zu leben, und Israel ist keine Ausnahme.

 

Darüber hinaus sind christliche Araber in Israel eine Minderheit innerhalb einer Minderheit – annähernd 120.000 unter einer arabischen Bevölkerung von etwa eineinhalb Millionen, die überwiegend muslimisch ist und die etwa 20 Prozent der israelischen Bevölkerung als Ganzer ausmacht. Es stimmt, dass die christlichen arabischen Israelis eine besonders erfolgreiche religiöse Minderheit in vielerlei Hinsicht sind. Ihr sozio-ökonomischer Standard und ihr Bildungsstandard sind überdurchschnittlich gut; ihre Schulen erhalten die besten Noten in den jährlichen Immatrikulationsprüfungen; viele von ihnen waren politisch prominent, und sie konnten viel Nutzen aus dem demokratischen System ziehen, dessen integraler Teil sie sind. Jedoch spielt sich das tägliche Leben der überwiegenden Mehrheit der Araber und Juden in ihren eigenen jeweiligen Kontexten ab. Als ein Ergebnis treffen die meisten jüdischen Israelis keine zeitgenössischen Christen; und selbst, wenn sie ins Ausland reisen, neigen sie dazu, Nicht-Juden als solche zu treffen - nicht als moderne Christen. Dementsprechend haben die meisten der israelischen Gesellschaft bis vor kurzem nichts von den tiefgreifenden Veränderungen in den katholisch-jüdischen Beziehungen bemerkt. Jedoch hat diese Situation damit begonnen, sich in den letzten zehn Jahren aus verschiedenen Gründen signifikant zu verändern, aber zwei Gründe sind besonders hervorzuheben.

 

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