Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

PDF Drucken E-Mail

Kathy Ehrensperger

Paulus, sein Volk und die Rasseterminologie

Kritische Anfragen an den ‚Race‘-Diskurs in neuerer englischsprachiger Paulus-Forschung

 

Dr. Kathy Ehrensperger ist Reader an der University of Wales, Trinity Saint David, Großbritannien, an der School of Theology, Religious Studies and Islamic Studies.

 

Einleitung

In neueren Versuchen zur Klärung der Frage, was Paulus in seinen Briefen mit dem Terminus „in Christus“ gemeint haben könnte, sind auch Vorschläge unterbreitet worden, diesen als ethnischen oder „ethno-racial“ Begriff zu verstehen.  Einige dieser Publikationen sind von der Motivation geleitet, ausschliesslich theologische oder spirituelle Definitionen christlicher Identität zu vermeiden, da diese häufig im Gegensatz zu einer ‘fleischlich’ aufgefassten jüdischen Identität formuliert wurden, wodurch sie zum mindesten zu einer negativen Stereotypisierung des Judentums beigetragen, wenn nicht gar eine solche initiiert haben.[i] Ich erachte diese Motivation als wichtig und teile sie auch weitgehend, aber ich habe Anfragen an die Lösungsvorschläge, die diesbezüglich in jüngeren Publikationen unterbreitet worden sind. In dem hier vorgelegten Beitrag werde ich eine kritische Analyse des paulinischen genos- Diskurses, unter Einschluss von Aspekten der hermeneutischen Voraussetzungen, auf denen dieser basiert, unterbreiten. Ein spezieller Fokus wird auf der Übersetzung des griechischen Begriffs genos im Englischen durch das Äquivalent „race“ liegen, die in englischsprachigen Interpretationen des Neuen Testamentes und der Geschichte des frühen Christentums zunehmend an Bedeutung gewinnt.[ii]


Ich werde in diesem Beitrag erstens einen kurzen Überblick über die „race/racism“- Diskussion geben, die v.a. durch Benjamin Isaac’s Argument für die Existenz eines „Proto-Racism“ im seinem Buch The Invention of Racism in Antiquity ausgelöst wurde. In einem zweiten Schritt werden Fragen der Übersetzung von genos analysiert, mit einem spezifischen Augenmerk auf Diskussionen im Anschluss an Adolf von Harnack. Im dritten Teil unterbreite ich eine Analyse der sieben paulinischen Texte, in denen ein genos-Diskurs identifiziert werden kann (Röm 16.7; 11;21;Röm 9.3, Gal 1.14, Phil 3.5 and 2 Kor 11. 26). Ich werde mich dabei v.a. auf die Bedeutung dieses Diskurses für die paulinische Verwandtschafts- Terminologie konzentrieren, und zwar im Kontext des umfassenderen Diskurses über Beziehungsverhältnisse unterschiedlicher Gruppen in ihrer Diversität.


Rasse/Race und Rassimus/Racism in der Antike – Aspekte der gegenwärtigen Debatte

Falls es so etwas wie einen Proto-Rassismus (proto-racism) in der Antike gegeben haben sollte, wie Isaac in seinem Buch behauptet,[iii] müsste dies ein entsprechendes Konzept von Rasse voraussetzen, das wir dann wiederum in Bezug auf Ähnlichkeiten mit modernen Rasse-Konzepten untersucht werden müsste.[iv] Rassismus ist dem Rassen/race Diskurs der Moderne inhärent und untrennbar mit ihm verbunden. Es gibt, wie auch Isaac aufzeigt, kein Konzept von Rasse/race, das von der im 17. Jahrhundert beginnenden Entwicklung des Rassismus getrennt werden könnte.[v] Rasse/race ist ein theoretisches Konstrukt ‘that tends to mean whatever the racist wants it to mean.’[vi] Ich weise hier nur summarisch auf einige Schlüsselaspekte des modernen Verständnisses von Rassen/race hin: Es wurde behauptet, dass es so etwas wie unveränderbare menschliche Erbanlagen gibt, die sowohl physische als auch moralische und intellektuelle Eigenschaften hervorbringen, wobei die physischen Merkmale dominant sind und somit entscheidend für die Einordnung eines Menschen in die eine oder andere Rasse. Diese Rassen wären über weite geographische Strecken verbreitet, sind also nicht geographisch gebunden, sie sind auch nicht begrenzt durch die Grenzen von Nationalstaaten (die sich in einem ähnlichen Zeitraum wie rassistische Ideologien entwickelten). Sie wurden insbesondere definiert als Afrikaner/innen von südlich der Sahara, Ureinwohner/innen Nord-und Südamerikas, Ureinwohner/innen Australiens, Juden und Jüdinnen, Asiatinnen und Asiaten. Solch biologistischen Definitionen von Rasse haben sich im Hinblick auf Menschen als wissenschaftlich unhaltbar erwiesen. Isaac bemerkt denn auch zu dieser Definition: ’’’Race’, then does not exist”, aber er fügt umgehend hinzu: “it is extremely difficult to combat the acceptance of something that does not exist and yet is widely believed to exist”.[vii] Das Problem besteht demnach im Glauben an die Existenz unterschiedlicher menschlicher Rassen – ein Glaube, der im Zentrum jeglicher Form von Rassismus liegt. Folglich geht die Argumentation dahingehend, dass Rassen/races zwar biologisch betrachtet nicht existieren, dass sie hingegen soziologisch gesehen durchaus real existent sind, da sie für real existierend erachtet werden.[viii] An die Argumentation, Rasse/race sei ein soziologisch vertretbares Konzept, muss die Anfrage gestellt werden, in wessen Vorstellung dieses Konzept denn existiert. Wer sind die treibenden Akteure eines solchen „geglaubten“ Rassen/race-Diskurses, und was ist Sinn und Zweck dieses Diskurses? Muss ein soziologisches Konzept von Rasse/race unabhängig von dessen Verwendung durch Rassisten als existent erachtet werden, um Rassismus bekämpfen zu können? Ich kann hier keine Detailanalyse der Problematik, die meiner Meinung nach einer solchen Argumentation inhärent ist, vorlegen, sondern nur vermerken, dass dies doch eigentlich impliziert, sich einem Diskurs unterzuordnen, der von rassistischen Motiven initiiert wurde.

 

Wenn Sie diesen Beitrag vollständig lesen möchten, können Sie ihn für 2,99 € anfordern: Link



[i] Vgl. D.K. Buell, God’s Own People. Specters of Race, Ethnicity, and Gender in Early Christian Studies, in E. Schüssler Fiorenza, L. Nasrallah (Hg.), Prejudice and Christian Beginnings. Investigating Race, Gender, and Ethnicity in Early Christian Studies, Minneapolis 2009, 159-90. Ähnlich C. Johnson Hodge, If Sons, then Heirs. A Study of Kinship and Ethnicity in the Letters of Paul, Oxford 2007. Sie bemerkt: “The choice to privilege ‘belief’ as central to Christianity results in a downplaying of features viewed as bodily, including ethnicity” (248).

[ii] S. dazu D.K. Buell, Why This New Race. Ethnic Reasoning in Early Christiantiy. New York 2005; L.L. Sechrest, A Former Jew. Paul and the Dialects of Race, London/ New York 2009; E.D. Barreto, Ethnic Negotiations. The Function of Race and Ethnicity in Acts 16, Tübingen 2010; D.G. Horrell, ”Race”, “Nation”, “People”. Ethnic Identity-Construction in 1 Peter 2.9, NTS 58 (2012)123-43; L.L. Sechrest, A Former Jew. Paul and the Dialects of Race, London/New York 2009.

[iii] B. Isaac, The Invention of Racism in Classical Antiquity, Princeton 2004.

[iv] Isaac vermeidet es bewusst, eine Definition von „race“/Rasse unabhängig von einer Definition von Rassismus vorzulegen ( cf. Isaac, 2004,515).

[v] Vgl. auch H. Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. München 1995, 4. Auflage: 167-357.

[vi] Isaac 2004, 515 und 25-27.

[vii] Isaac 2004, 30.

[viii] Vgl. Buell 2005, 13-25; Sechrest 2009, 42-53: s. auch M.E. McCoskey, Race. Antiquity and its Legacy, New York 2012, 30-31.

 

Suche

Buchtipp